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Was wollen wir eigentlich von den Beckmännern?

Immer nur meckern, das macht Spaß und hält den Hass die Motivation auf Weltmeisterniveau.
Aber weil gerade alles so gut läuft, heute mal etwas Konstruktives zu unseren Kommentatoren.
Ich habe kürzlich bei der Übertragung des WM-Finales von 1982 darauf geachtet, was Rudi Michel anders gemacht hat.
Das Auffälligste: Er hat nicht gestört.
Seine Sprechstimme war gleichmäßig und kam aus dem Bauch, sie brummte sonor und beruhigend vor sich hin.
Sein Stil verhielt sich zu Beckmann wie Jazz zu DJ Ötzi.
Außerdem hat er nach dreißig Minuten das bisherige Spielgeschehen in einem schlichten Satz zusammengefasst, der treffender nicht hätte sein können. Er hat demnach das Spiel durchschaut. Also, notieren:
Kenntnis kann nicht schaden.

Nur Menschen, die bei der Erwähnung von Rubbellosen verschämt kichern oder im Beckham-Trikot schlafen, konnten aus dem 6:0 Argentiniens gegen Serbien-Montenegro ableiten, dass es sich bei den Siegern um eine Spitzenmannschaft handelt. Diese Menschen werden umgangssprachlich Kinder genannt.
Oder Fußballkommentatoren.
Schon Sartre wusste, dass das Problem beim Fußball der Gegner ist. Wenn der nicht die Hölle darstellt, was aber nunmal die verdammte Pflicht des Anderen ist, sondern einem den Himmel bereitet, zaubert auch Rhenania Richterich.
Neben der fachlichen Kompetenz sollte ein Hauch von Menschenliebe die Betrachtung des Spiels durchziehen.
Es war bemerkenswert, dass Rudi Michel, als die Niederlage besiegelt war, nicht über die deutsche Mannschaft hergefallen ist, es war nicht plötzlich alles schlecht, was vorher gut war.
Zweite Notiz:
Der Kommentator sollte weltoffen sein und ein freundliches Wesen haben, nicht jemand, dem man zutraut, dass er seiner Katze die Schnurrhaare rausreißt.
Wenn es niemand sieht.
Aber wie es so ist mit Jazz, es ist eine angenehme Musik, aber man wird schwerlich als unter 50jähriger begeisterter Fan werden (eine in der Tendenz etwas bildungsferne Bekannte von mir nannte Jazz einmal Restaurantmusik).
Rudi Michel, das war ein bisschen viel Stating the Obvious.
Breitner Pause Hansi Müller Pause Breitner.
Da hörte man noch das Radio durch, es war nötig, dass sich da etwas getan hat.
Der Anteil Fußball zu Klatsch und Tratsch hat sich allerdings zu Ungunsten des eigentlichen Sujets entwickelt. Besonders erschreckend ist, was für Geisteswelten sich da auftun.
Wenn Angela Merkel gerügt wird, dass ihr Mann sie nicht begleitet hat, klingt das so schmierig altväterlich, dass man die Hand des Kommentators auf seinem Schenkel zu spüren glaubt.
Ob Beckmanns Farbenlehre oder die nicht endenwollenden Wiederholungen der Behauptung, dass Brasilianer Tag und Nacht lachen, weil sie ja einen so dermaßen riesigen Clown gefrühstückt haben, das ist eine so klebrige Mischung aus positivem Rassismus und Idiotie, dass man sich vorstellen kann, wie sehr die Herren Menschen Peter Hartz um seine Gespielin beneiden.
Wieder was zu notieren:
Da unten spielen Männer, deren Beruf es ist, Tore zu schießen und zu verhindern, je nachdem. Wo sie geboren sind, spielt keine Rolle.
Fußballspieler dazuzusetzen, wie es früher die ARD getan hat und jetzt RTL, war und ist nicht der richtige Weg. Auch Kühe sagen selten Interessantes zur Agrarpolitik der EU. Von der jetzigen Spielergeneration könnten zwar Einige geeignet sein.
Metzelder, Mertesacker und Lehmann fürchten die Sprache nicht. Allerdings ist der ebenfalls nicht unintelligente Oliver Bierhoff ein grausam schlechter Kommentator. Der Drang, niemandem weh tun zu wollen, ist groß im Profifußballer. Man könnte ja noch einen Werbespot zusammen drehen müssen.
4. Notiz:
Vom Biber nichts Erhellendes über Pelzmoden erfahren wollen.
Auch wenn sich hier alle darüber mokiert haben; ich fand das, was Peter Sloterdijk zum Spiel zu sagen hatte, origineller als alles, was ich von Franz Beckenbauer zum Thema gehört habe.
Einer mit Sachkenntnis und einer mit darüber hinausreichendem Horizont oder gar Humor, das wäre die Zauberformel.
Also Klopp und Sloterdijk, Professor Strauß mit Christian Ulmen.
Einen Versuch wäre es wert.
Schlechter kann es nicht werden.

10 Kommentare

  1. 01
    Kai

    Hach…
    Sehr schön – und leider so wahr…

  2. 02

    Wohl wahr. Ironischerweise von der Öffentlichkeit unbemerkt spielt sich hier das eigentliche Drama der deutschen Fußballszene ab (und nicht in Ballacks Wade). Rühmliche Ausnahme ist der oben erwähnte Klopp, der fußballerische Sachverhalte nicht nur massenkompatibel erklären kann, sondern dies auch noch sympathisch und telegen rüberbringt. Mehr davon!

  3. 03

    Klopp, okay. Aber kommentiert hat der auch noch nicht.

    Und ich glaube nicht, dass die WM-Medienschelte dieser Tage so untergeht. Ich habe einige Beckmann-Verrisse gelesen und gehört, und das nicht nur in Blogs. Nur ändern wird das nix mehr, nicht mehr bei der WM zumindest. Aber was sich beispielsweise Steffen Simon bei GER-POL zurückgenommen hat, war schon erstaunlich. Leider hat er beim falschen Spiel versucht, einen auf Rudi Michel zu machen.

    Ich denke, generell fehlt es beim Fußball-Fernsehen an Leuten, die so dermaßen in der Materie stecken, dass sie bestimmte Fehler gar nicht mehr machen können. Fußball-Maniacs, bei denen man mehr vor leicht peinlichen Hansch’en Begeisterungsstürmen als vor Beckmannscher Ölschmierigkeit Angst haben müsste.

    Aber, hey, es sind die Öffentlich-Rechtlichen, über die wir hier reden. Reif und Effenberg kosten extra, mittlerweile.

  4. 04

    Sauber erkannt und formuliert, Malte. Danke.

    @Sebastian
    Hör mir auf mit Öffentlich-Rechtlichen Bashing. Wenn ich sehe und höre, was bei den Übertragungen auf RTL abgeht, bin ich manchmal sogar geneigt Beckmann zuzuhören. Schlimm genug.

  5. 05

    Logisch, dass Kommentatoren-Bashing en vogue ist und dass früher nicht alles besser war. Man wäre ja schon dankbar, wenn die Kommentatoren einem erzählen würde, was das Fernsehbild gerade nicht zeigt (Außen läuft Schweinsteiger in Position), die schwedischen Innenverteidiger sind bis fast zur Mittellinie aufgerückt etc.
    Das würde mir eine Vorstellung vom Spiel vermitteln, wie ich sie sonst nur im Stadion erlebe…
    (Vermutlich bekommt man dann zu hören, das würde den Zuschauer – der per definitionem dümmer ist als der Kommentator) verwirren.

    Trotzdem: Schöner konstruktiver Beitrag, Malte!

    Eine ganz andere Sache: Rhenania Richterich! Da werden Erinnerungen wach. An Waldläufe auf den Vetschauer Berg, bittere nasskalte Trainingseinheiten auf Asche, Spitzenspiele gegen den SV Breinig. Hach!

  6. 06

    @StefanK
    Ja, schlimm genug. Aber wie schon bei Malte gings mir nicht ums Verreißen, sondern eher darum: wie besser? Und ich meine auch nur den reinen Kommentar, das ganze Drumherum ist ein anderes Thema und bei RTL sicherlich gar grausig.

    Aber überall: kaum Sportkommentatoren. Sondern Menschen, die Sport kommentieren.

  7. 07

    Nachtrag: Konstruktive Kritik hin, destruktive Kritik her – wenn ich als Fernsehzuschauer und fußballinteressierter Laie einem professionellen Kommentator seinen Job erklären muss, sollte er es lassen.

    Rudi Michel – Jazz? Hm, vielleicht Cool Jazz. Aber möglicherweise eher eine Bach-Kantate (ruhig und auf den Punkt komponiert)?

  8. 08

    Nachtrag zum Nachtrag (Bitte ablegen in der Rubrik “Erst denken, dann schreiben”. Danke.):
    @Platzwart: Genau das ist das Problem: Es muss menscheln und persönlich sein in der Kommentatorenwelt der Beckmänner und Konsorten.
    Problem 1: Kompetenz gehört dann offensichtlich nicht zum Programm. Problem 2: Mich interessiert die Persönlichkeit von Beckmann nicht die Bohne.
    Problem 3: Das sieht er anders.

  9. 09
    Jander

    Fernseher stumm geschaltet und Radio an. Das ist ein Kommentar und kein Kaffeekränzchen. Keine Sprüche über “den Mann von Frau Merkel” (Prof. Sauer übrigens). Keine nervige “Podolski findet nicht statt”, “Zidane wartet auf sein WM-Tor” blablabla. Ich könnte kotzen. Johannes Brechmittel Kerner und Beckmann gehören abgesetzt. Ich möchte auch nicht wisen, was die für ein Spiel verdienen

  10. 10

    beim nächsten spiel der deutschen einfach den ton ausmachen “…und im radio, fritz”. dort hört man dann dem tommy wosch beim kommentieren zu – und lacht. ,)
    wer es nicht empfängt, streamt! http://www.fritz.de

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