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Der Frings, die Nummer 6

“Der Frings, der taugt doch nix”, hat mein Onkel vor der WM oft gesagt. Mein Onkel versteht viel vom Fußball, wie er früher im Pott gespielt wurde. Wenn ich wissen will, wer 1971 als dritter Torwart bei Rot-Weiss (mit Doppel-s) Essen auf der Bank saß, frage ich ihn. Mit ihm habe ich mein erstes Fußballspiel besucht: Schwarz-Weiß (mit ß) Essen, Uhlenkrug-Stadion, auf dem Platz ein junger unbekannter Jens Lehmann. Heute spielt Crazy Jens in einer ganz anderen, nämlich der Champions-Liga, globalisierten Konzeptfußball. Den versteht mein Onkel aber nicht mehr so doll, und deswegen sagt der auch solche Sachen über den Frings.

Torsten FringsTorsten Frings trägt in der Nationalelf die 8. Da geht’s schon los! Natürlich entsprechen die Nummern des nationalen Patchworks oft nicht den Positionsnummern der altvorderen Fußballgeometrie. (Ballack etwa trägt die 13 auf dem Hemd, aber die 10 im Herzen.) Und so spielt Frings die Nummer 6, den holding midfielder, wie die Mutterländer gerne sagen, den defensiven Mittelfeldspieler. Die vielleicht wichtigste Position des modernen Fußballs.

Damals, als es noch Spielmacher und Ausputzer gab, war der Ausputzer der Blutgrätscher vor der Abwehr, der biedere Wasserträger des strahlenden Spielmachers. Ende der 60er hatte ein junger Kaiser Franz keine Lust mehr, entweder als Ausputzer oder als Mittelläufer starr herumzuwarten und kombinierte beide mit einer Prise Innenverteidiger zum Libero. Heute muss die Nummer 6 die klassischen Aufgaben eines Ausputzers, eines Spielmachers und eines Liberos beherrschen, und das möglichst effizient. Hochspezialisiert und trotzdem Allround-Talent, brachial wie Katsche Schwarzenbeck und dennoch elegant wie Beckenbauer, schnörkelloser Ballwegdrescher und gleichzeitig intelligenter Passgeber, dazu möglichst knallharte Schussgewalt. Kein Wunder also, dass auf dieser Position nur wenige Fußballer Weltruhm erlangen. Und wenn doch, stehen sie im Glamour-Schatten des vor ihnen spielenden attacking oder des centre midfielder mit der Nummer 10.

Zwar ergibt erst die Symbiose der beiden den Spielmacher, doch das Ausputzer-Image haftet der Nummer 6 noch immer an. Het totale voetbal war nur möglich mit der 10 Johan Cruijff und der 6 Arie Haan. Eine der besten Mittelfeld-Symbiosen überhaupt war die des AC Milan mit Ruud Gullit und Frank Rijkaard. Chelseas Spiel wird (noch) von WM-Versager Frank Lampard und Claude Makélélé bestimmt. Immer ist der eine ein bisschen berühmter, ein bisschen reicher, ein bisschen werbeverträglicher als der andere.

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Ballack (10) plus Frings (6) = Sweet Sixteen

Wenn Torsten Frings gut drauf ist, spielt er – von Jahrhunderttoren abgesehen – unauffällig. Das ist auch gut so. Auffallen sollen andere. Ballack zum Beispiel. Beide müssen sich blind aufeinander verlassen, und wenn sie das nicht tun, spielt man selbst gegen Japan nur 2:2. Fällt die Nummer 6 doch mal auf, dann oft negativ. Durch gigantische Defensivlöcher, die in der Presse als “Abwehrproblem” bezeichnet werden. Durch nicht vorhandenes Offensivspiel und Quergekicke. Durch Notbremsen der Innenverteidiger, die keine Wahl mehr haben, weil die 6 versagt hat. Torsten Frings war lange Zeit nicht so gut drauf.

Jetzt aber sind Ballack und Frings zu Zwillingen zusammengewachsen. Frings spielt in der Nationalmannschaft auf seiner Lieblingsposition, bleibt als Libero vor den Innenverteidigern zurück, wenn die Außenverteidiger flügelstürmen, als gäbe es kein Morgen, sichert den dickköpfigen (gut so!) Ballack nach hinten ab, wenn der unbedingt sein Tor schießen will, holt sich die Bälle, eröffnet das Spiel, zuppelt adrett am Haarbändchen als wäre er Italiener und schießt schon mal aus der vierten Reihe Tore.

Spielmacher Ballackfrings beherrscht blitzschnelles Rasenschach, stellt ein starres 4-4-2 im Vorbeischweben auf ein als Zahlenkolonne absurd, auf dem Platz aber torgefährlich aussehendes 4-1-2-1-2 um, fächert je nach Bedarf eine Raute auf oder zieht sich auf eine zweite Viererkette zurück und behält noch ein bisschen das eigene Tor im Blick, falls man gegen Polen mit sieben Stürmern anrennt.

Auf der Insel der Überheblichkeit sang man vor der WM gerne “Klinsmann has only got one Ballack”. Ja, das stimmt beinahe. Denn während die Insel mit Gerrard, Lampard, Cole und Beckham vier isolierte Ballacks im Mittelfeld aufbietet, spielt Deutschland mit nur einem einzigen kreativen Kollekivballack: Schweinsteiger-Schneider-Ballackfrings. Und der Körperteil, der Torsten Frings heißt, ist inzwischen verdammt gut drauf.

“Fakt ist einfach, dass wir stärker sind.”
“Wir können 90 Minuten marschieren, und wenn es sein muss, auch 120.”
Aussagen vor dem Spiel gegen Argentinien von Torsten Frings.
Der Nummer 6.

20 Kommentare

  1. 01

    Wow. Irgendwie schön…!

  2. 02
    Nick

    Ganz, ganz großer Beitrag!

  3. 03

    ich zitiere jesus christus:
    VI
    Torsten Frings soll laufen wie ein VW – Käfer. Er soll überall sein.
    hält man sich an den herrn, geht alles glatt :)

  4. 04
    Tomas

    Ich glaub ich hab grad mehr über Fussball gelernt als in den vergangenen 2 Wochen (ich muss zugeben, einer dieser Grossereignisopportunisten zu sein). Vielen Dank dafür!

  5. 05
    eze

    Mo, gescheiter Kerl (wie kommt es eigentlich, dass einer wie du nicht das Niveau der Kölner Scheißpresse heben darf?), etwas radikaler hätte es mir noch besser gefallen:
    Ballack und “Totti”* Frings unterscheiden sich nur durch Medienkompabilität, nicht dadurch wie wichtig sie für’s Spiel sind. Stellt euch vor Netzer hätte ausgesehen wie Wimmer und umgekehrt.
    Bist du denn jetzt für schwarzweiß oder rotweiß?
    * die Lukas Dinger auf WDR1 sind teils bombig!
    Oh, ich hör gerade Rio Reisers ” es ist vorbei, bye, bye Junimond” wenn das mal gut geht morgen.

  6. 06
    Leurs

    “Heute spielt Crazy Jens in einer ganz anderen, nämlich der Champions-Liga” -> muss natürlich heißen: Mad Jens.

  7. 07

    interessant und vor allem lehrreich.
    sehr schöner beitrag.

  8. 08
  9. 09

    @eze: die Kölner Scheißpresse kann sich meinen Sachverstand nicht leisten. :)
    @Leurs: mein englischer Maulwurf sagt, Arsenal-Fans sagen sowohl “Crazy Jens” als auch “Mad Jens”, je nachdem.

  10. 10
    eze

    Mo: verstecktes Foul. Wer mag für die (Scheißpresse) schon knechten. Dann lieber Hartz 0.5

  11. 11

    Wunderbarer Beitrag, mal wieder!

    Hinzufügen darf ich, dass ich in meiner jugendlichen Fussball-Karriere auch immer die 6 getragen und gespielt habe. Die Position hatte bei uns einen fantastischen Namen. Ich erinnere mich noch genau an die Worte meines Trainers in der Kabine: “Stefan, wie gehabt, du machst den Staubsauger!”
    Ich finde, diese Bezeichnung für den Sechser ist treffender als jede andere.

  12. 12
    micha

    >>Staubsauger

  13. 13
    mnemosyne

    staubsauger???

    eh. egal. kinder, ihr seid in der nzz verlinkt (leider im artikel nicht erwähnt): http://www.nzz.ch/2006/06/30/em/articleE95MB.html

    schick. :)

  14. 14

    Staubsauger, jawoll. Allerdings einer, der auch auf Umkehrschub schalten kann.

    Und die NZZ kann keine Links! Skandal. :)

  15. 15
  16. 16

    Hm, da muss ich dann doch widersprechen/ergänzen und darauf hinweisen, dass die 6er-Position (zumindest aber nicht nur meiner Ansicht nach) die Schlüsselposition im modernen Fußball ist.
    Aber vielleicht ist Weltruhm und Anerkennung durch mich auch nicht ganz dasselbe.

  17. 17

    Wieso widersprechen? Habe ich nicht neun Absätze lang genau das gesagt, dass die 6 die Schlüsselposition im modernen Fußball ist?

  18. 18
  19. 19
    Der Joe

    Sehr treffend.

    Ich heul grad, weil mein Frings (ich als Bundesligamanagerprofispieler) gerade einen Wadenbeinbruch auskuriert und mir sehr fehlt. So wie er mir wie im richtigen Leben heute sehr fehlen wird.

  20. 20
    frings+hildi-fan

    TORSTEN FRINGS du bist der GEILSTE!!!!!!!!!

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