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Ballkünstler, Wortkünstler

Als mir zu Weihnachten meine hochverehrte Herzensdame halb aus Schalk, halb aus Unwissenheit die erste der Beckenbauerschen Biographien vermacht hatte („Einer wie ich“), die den kryptisch-verspielten Geist schon im Titel trägt, und ich beschloss, sie zu lesen und mich aufs höchste daran zu delektieren, da erwartete ich, angesichts der in den Interviews nicht zu überhörenden Feindschaft Beckenbauers mit der deutschen Sprache im allgemeinen keine literaturnobelpreisverdächtigen Momente – und doch.
Auf Seite 79 von 318 steht ein Satz, der mich auf Grund seiner höchsten Virtuosität und der sprachlichen Finesse maßlos beeindruckte, ich zitiere:

Horst hatte seine Zelte in Italien abgebrochen und war neuerdings bei Tasmania Berlin noch einmal Bundesligaspieler geworden, obschon er bereits dreiunddreißig Jahre alt war.

Obschon, murmelte ich versonnen in meinem Ohrensessel. Welch schönes Wort, welch gewagter Aufbau. Obschon schrieb er in seinem Bedürnis, den Widerspruch zwischen Horsts Alter und der Bundesliga zumindest vorläufig auszusöhnen, der sich erst später mit dem Abstieg Tasmanias dialektisch auflöste. Ein Coup, kann ich sagen. Seither bin ich voll des Lobes für Beckenbauer und zähle ihn unter die begabten der Nachkriegsliteraten, obgleich ich sagen muss, obzwar hätte mir besser gefallen.

Eine zweite, einführende Erklärung, die viel von Beckenbauers Selbstbild zu offenbaren weiß, möchte ich nicht unterschlagen und zitiere sie, um sie nicht allzusehr zu verfälschen, unkommentiert. Möge die Kraft der Beckenbauerschen Prosa ersichtlich werden angesichts dieser Zeilen, und sein Selbstverständnis gleichermaßen (S. 15):

Nachdem ich gegessen hatte, lag ich noch eine Weile wach. Gebetet habe ich eigentlich selten, Vater und Mutter hatten das auch nie gefordert. Dafür pflegte ich von klein auf, seit ich denken kann, vor dem Einschlafen mit mir selbst zu sprechen.

Keine Kommentare

  1. 01

    Was der Kaiser dann wohl zu sich sagt?
    Na ja gut ähm… eigentlich will ich das auch gar nicht wissen.

    Schöner Artikel. Danke!

  2. 02

    … ich sammle dergleichen wörter, und ihr schreibt bitte auch fürderhin so schöne geschichten auf!

  3. 03

    Ehrlich gesagt, das ist mir ein bisschen peinlich, dafür gelobt zu werden, weil im Endeffekt gebührt der ganze Dank nur Beckenbauer: Solche Vorlagen kann man nur verwandeln.

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