20

Hochverschuldet und unmündig

russland.jpg

Foto: peresedov

Der Papst hat seine langjährige Freundin zugunsten eines namhaften Dirigenten verlassen, Prinz Williams 80. Geburtstag wird unter lautem Trompeten in der ARD gefeiert und Helmut Kohl möchte gern den Literaturnobelpreis. Mit Schlagsahne.

Ein Avatar ist durch eine amerikanischen Hochschule Amok gelaufen. Eine adipöse Nonne sagt bei Beckmann: „Kondome zum Schutz – meinetwegen. Aber nicht für Sexspielereien.“ Huch. Jetzt bin ich aus dem Konzept geraten. Das hat sie nämlich wirklich so gesagt und adipös war sie auch.

Das Mediengeschehen zu reflektieren ist dieser Tage nicht ganz einfach. Was will man persiflieren, wenn die Zeitungen selber ihre Satiren schreiben?

Amokläufer tötet viele Menschen

(SpOn heute Mittag)

Jesus auferstanden

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am Ostersonntag als Titelschlagzeile)

Aus und vorbei
Prinz William und seine langjährige Freundin Kate Middleton haben sich getrennt

(Die SZ in ihrem Panorama)

Im Videotext von Pro7 werde ich gebeten, meine Meinung zu der Frage, ob die Königin von England das junge Glück zerstört hat, kund zu tun. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich war bis heute morgen in der glücklichen Lage, überhaupt nicht zu wissen, dass Kate Middleton lebt. Aus und vorbei auch diese leere Stelle in meinem gemarterten Gehirn.

Ich könnte natürlich den Fernseher gar nicht mehr anmachen und auf Zeitungen verzichten.

Aber bloggen und nur Blogs lesen, das ist – frei nach den Beginnern („Wer HipHop macht, aber nur HipHop hört“ aus „Fäule“) – Inzest. Wenigstens sorgfältiger auswählen könnte ich. Was lese ich auch das Panorama? Lese ich doch lieber nur den seriösen Teil meiner Leibzeitung.

Auch an seinem 80. Geburtstag merkt man – Papst Benedikt XVI. scheint Freude zu haben am Kreuz seines Amtes

russische_polizei.jpg
Foto: Veronica Khokhlova

Direkt darunter jedoch steht eine echte Meldung von einem echten Journalisten. Es geht um den brutalen Polizeieinsatz gegen die Opposition in Russland.

In Russland zeigt sich gerade, wozu Blogs imstande sind. Tatsächlich können sie sich nicht nur gegenseitig kontrollieren, sondern auch an den gesteuerten Medien vorbei Informationen verbreiten.

Unsere Presse ist nicht staatlich kontrolliert. Und doch scheint sie die Selbstkontrolle verloren zu haben. Vielleicht ist das eine Aufgabe, der sich westliche Blogs jenseits der Nabelschau widmen können.

Wir haben keine Korrespondenten, wir können ich kann kein russisch.

Aber wir können die großartigen Tageszeitungen daran erinnern, dass es jenseits von Geburtstagen von Führern sterbender Religionen, die toten Göttern huldigen, und Trennungen von jungen Menschen blauen Blutes auch noch etwas gibt, wofür sie ihre gut ausgebildeten und weit gereisten Korrespondenten nutzen können:

Zur Aufklärung. Das war das, was uns aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit führen sollte.

Raus. Nicht rein.

Hier eine kurze Liste von russischen Blogs zum Thema, für Ergänzungen ist in den Kommentaren viel Platz :

http://chicherin.blogspot.com/ (auf englisch)

http://peresedov.livejournal.com (auf russisch)

http://www.vkhokhl.blogspot.com/ (auf englisch)

Links gefunden bei scraps of moscow

20 Kommentare

  1. 01

    Öl regiert leider weiterhin. Da kratzt es niemanden in der Politik.

  2. 02
    nrq

    Furchtbar auch die „Berichterstattung“ von SP-ON zum Amoklauf in den USA. Da wird munter von zwei Amokläufern spekuliert und Worte von Polizeibeamten so lange herumgedreht und durchgemangelt, bis es sich so anhört, als wäre die Polizei dort höchstselbst Amok gelaufen. Zumindest hat sie den Herrn Amokläufer angefeuert, oder wenigstens nicht verhindert, das andere Leute ihn anfeuern. Also, zumindest ist die Polizei so spät gekommen, das sie den Amoklauf nicht verhindern konnte… argh!

  3. 03

    Rein in die Unmündigkeit. Nicht raus. Denn dort ist das gemeine Volk doch ganz gut aufgehoben… Nachher mucken die noch auf!

  4. 04

    Nun, die Gewalt ist durch nichts zu entschuldigen, das ist klar. Aber zu den Hintergründen der oppositionellen Demonstranten kann man sich mal folgende Links durchlesen, die nicht die Gewalt erklären, aber das Anliegen der Opposition ausdifferenziert:

    http://www.jungewelt.de/2007/04-16/029.php

    …doch ist es Beresowskis böser Geist, der das von Garry Kasparow geführte »andere Rußland« beseelt. Es ist der Geist der ersten Welle der liberalen Konterrevolu­tion, die während der Jelzin-Ära das Land verwüstete und der nun eine zweite folgen soll. In der bewährten Mixtur aus Elitenputsch und »bunter Revolution«. Erneut drängt die Oligarchie auf die Übernahme der direkten politischen Macht. Sie stützt sich auf frustrierte Zwischenschichten, die zum Teil echten demokratischen Bedürfnissen folgen oder sich im kapitalistischen Verteilungskampf benachteiligt fühlen. Ihnen tritt die Staatsmacht mit aller Härte entgegen. Sollte Putin die Demokratie wollen, dann eine Demokratie ohne Opposition. Die linke Opposition ist bereits weitgehend paralysiert. Ihrer aber bedürfte es, um ein wirklich »anderes Rußland« aufzubauen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Abramowitsch_Beresowski

    Im gleichen Jahr überlebte er in seinem Auto einen Bombenanschlag. Im darauffolgenden Jahr wurden im Zusammenhang mit der Ermordung des ORTV-Direktors Listjew Ermittlungen gegen ihn angestellt.

    Im Wahlkampf 1996 unterstützte Boris Beresowski mit seinem Sender ORT und finanziellen Beiträgen maßgeblich die Wiederwahl von Boris Jelzin zum Präsidenten Russlands (Unser Haus Russland). Er initiierte zu diesem Zweck die sogenannte „žSieben-Bankiers-Bande“ („žSemibankirovschtschina“), einen Zusammenschluss reicher Oligarchen, die in der Folge mit Geld und „žadministrativen Maßnahmen“ den bei 0.6% der Umfragewerte liegenden Jelzin im zweiten Wahlgang noch einmal ins Präsidentenamt bekamen. Im Anschluss daran wurde Beresowski Vizepräsident des Nationalen Sicherheitsrates. In dieser Eigenschaft war er insbesondere für das Zusammenstellen von „žKompromat“ (kompromitierendes Material) als Druckmittel gegen seine Gegner zuständig.

    http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID6618230_NAV_REF1,00.html

    Nach dem Wechsel von Jelzin zu Putin, den Beresowski zunächst unterstützt haben soll, verschlechterten sich die Beziehungen der ersten Generation der Oligarchen zum Kreml rapide. Nahezu alle leben inzwischen im Exil oder im Gefängnis. Beresowski siedelte kurz nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2001 nach London über.

    Aber in der Tat, all das liest man nicht in den Massenblättermediensendeanstalten. Also übernehmen wir das. Hat noch jemand Hintergründe?

  5. 05
    westernworld

    hab ich den gag nicht verstanden oder ist es nicht eigentlich der friedensnobelpreis den el birne anstrebt?
    mit winston churchill will er seinen schmonzes ja wohl nicht ernshaft vergleichen.

    zu mr.thompson fällt mir nur noch the GLC ein.

    http://www.youtube.com/watch?v=xv-2XYOtgCg&eurl=http%3A%2F%2Fwww%2Eyouknowsit%2Eco%2Euk%2Flowtech%2Fvideos%2Ehtm

    btw der b-blogger ist einfach klasse.
    ist das für dich ok wenn ich das auf ein t-shirt packe, copyright by malte natürlich.

  6. 06
    studi

    Kasparow war gestern Titel auf dem WSJ Europe und die FAZ widmet sich in ihrem Seite 3 Artikel ausführlich dem Thema..
    Wer Informationen WILL, bekommt sie auch.

    Dass Papst Geburtstag und Jubiläum ein großes Thema ist, finde ich nicht schlimm. Ist halt für ein dt., gläubigen Katholik eine große Sache.

  7. 07
    Ze Kohl

    Ich muss ja zugeben das ich vom Amoklauf in VA zuallererst auf http://www.4chan.org gehört habe, mit entsprechender Verballhornung, Unmenschlichem Zynismus und Photoshop monturen.

    Leider waren meine Versuche dazu Gestern Abend (ca 22 Uhr) noch genaueres in den Deutschen Medien zu hören nicht von Erfolg gekrönt.

    Aufs Fernsehen kann ich nicht zurückgreifen und mitten in der Nacht scheint bei Sp-On keiner mehr zu arbeiten ;-)

  8. 08
    robert

    ²Ze Kohl
    also die Tagesschau bietet mittlerweile im Internet Streams von allen Sendungen. ist ja nicht der schlechteste Einstieg in ein Thema. Und um 22 Uhr auf die gesicherten Informationen von 20:00 zurückzugreifen ist wahrscheinlich auch besser als immer hektisch Ticker zu aktualisieren. Zuviel Echtzeit dient nicht immer der Wahrheit.

    Und je mehr man die „etablierten Medien“ mit weiteren Informationen an Orten wie hier „unter Druck setzt“, desto mehr reagieren die auch auf die Möglichkeiten. Hoffe ich mal.

  9. 09

    In einer Zeit, in der selbst die Tagesschau mehr darüber berichtet, wer nun die Tagesthemen moderiert als über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, in einer solchen Zeit wundert mich nichts mehr.

    Heute morgen habe ich gelesen, daß irgendeine Promituse von Ihren Freundinnen mit Eiswürfeln beworfen wurde und jetzt ne Beule hat – offensichtlich gibt es Menschen, die so etwas interessiert. Und ich dachte immer, daß sind nur diejenigen, die Nachrichten auf RTL2 gucken.

  10. 10

    Alternativ zu Blogs gibt’s ja auch noch Bücher (die Dinger, wo man zum Blättern die Finger nehmen muss), und immer wieder lesenswert: Die Reportagen der ermordeten Politowskaja, einmal für die Zeit und dann für greenpeace: http://www.greenpeace-magazin.de/magazin/reportage.php?repid=1970. (Da klappt irgendwas mit dem Linksetzen nicht).
    Hin und wieder lohnt sich auch der Blick zu Reporter ohne Grenzen.

  11. 11

    Interessant finde ich, dass die Oppositionsbewegung „Anderes Russland“ nicht nur den Medienliebling Kasparow, sondern auch Neofaschisten ins Boot holt:
    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/116/das_andere_russland

    Selten liest man aber auch, wie Putin konkret die Demokratie aushebelt: Mit massiven Eingriffen in das Wahlgesetz. Begründung: Für eine bessere Übersicht des Wahlzettels.
    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0117/politik/0211/

    Ich glaube, Russland ist insgesamt politisch völlig am Ende.

  12. 12

    Wie Katastrophenjournalismus funktioniert, beschreibt die New York Times heute recht eindrucksvoll am Beispiel des Amoklaufs:

    „Stay out of harm“™s way,“ the CNN anchor Don Lemon said, addressing students at Virginia Tech. „But send us your pictures and video.“

  13. 13

    Malte, Deine an die Blogs gerichteten Worte waren ganz schön meta-bloggerisch selbstreferenziell. ;-) Beim Kohl´schen Nobelpreis finde ich interessant, dass Merkel den am 13.4.07 noch unterstützte, und heute tut sie das nicht mehr. Siehe -> hier.

    Spannende Frage: Wer bestimmt Relevanz? Woraus speist sich Aufklärung – und dazu vielleicht noch ein kleiner Abfunken von Fortschrittswillen? Ich meine, und fühle mich doch unsicher bei dieser Meinung:

    Medien folgen Verwertungzwängen.

    Das erkärt so manchen Müll in den Medien, welche richtig gut daran täten, sich stärker der eigenen Ansprüche und Ambitionen zu erinnern. Denn ohne diese Ambitionen bzw. allein mit der bloßen Devise „Geld verdienen und Augen zu“:

    Das klappt nicht.

  14. 14

    Spreeblick darf man auch in China lesen, laut folgender Website.

  15. 15

    Aufgehört weiter zu lesen beschloss ich gestern abend, als ich im SPON Artikel zum letzten Amoklauf das hier las:
    „Ein Augenzeuge sagte dem US-Fernsehsender CNN, die Studenten hätten sich in ihren Zimmern eingeschlossen und fieberhaft im Internet nach Nachrichten gesucht, was auf ihrem Campus vor sich geht.“

  16. 16

    René: Ja, darüber, wie sich die „žAnderes Rußland“ zusammensetzt und warum da so viele unterschiedliche Gruppen drin sind, wüßte ich auch gern mehr. Auch darüber, welche Gruppierungen es noch gibt. Das ist alles ein bißchen verwirrend — oder vielleicht hätten wir westlichen Wenigwisser es einfach gern eindeutiger.

    Insofern danke für die Quellen, auch für die Politkowskaja-Reportagen, maloxP. Die Junge Welt, die mit Kampfvokabeln wie „žKonterrevolution“ agiert, kann ich da allerdings nicht so ganz ernstnehmen.

    Putins Polizeistaat wird (wie Du schreibst) nicht dadurch besser, daß er schmierige Gegner wie Beresowski hat — und da regt mich die sanfte Haltung der Westeuropäer ggü. Putin schon auf, die sich dicke tun, wenn sie sich (zu recht) gegen Haider oder Berlusconi verbünden.

  17. 17

    Auch noch recht interessant: Krusenstern/крузенштерн, die vor den Parlamentswahlen nach und nach die wichtigen Parteien und Organisationen vorstellen.

  18. 18
    westernworld

    @stralau#16

    from the horses mouth :
    http://www.theotherrussia.ru/eng/

    der wikipediaeintrag ist auch ganz informativ:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Anderes_Russland

    am ende dieses artikels einige kurzprofile russischer oppositionspolitiker:
    http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=9151811

    hoffe es ist was für dich dabei.

  19. 19
  20. 20

    Ein sehr schöner Artikel, Malte.

Diesen Artikel kommentieren