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Mein Zahn

Am Mittwoch fing es an. Ein dumpfer Schmerz breitete sich von meinem unteren rechten Backenzahn her aus. Mein Problemzahn. Ich umgarnte ihn mit Zahnseide, gab ihm eine Extraportion Zahnpasta. Er dumpfte unbeeindruckt weiter vor sich hin. Neville Chamberlain der Zahnpolitik, der ich bin, wartete ich ab, in der Hoffnung, die Gemütsverstimmung meines Zahns würde sich schon legen.

Ich träumte von dicken Männerdaumen, die ohne Unterlass auf meine hinteren Zahnreihen drückten und wachte zu früh davon auf. Die Männerdaumen waren weg, das Gefühl blieb. Es musste also ein Experte zu Rate gezogen werden. Da der Donnerstag ein Feiertag war, fiel die Wahl nicht schwer, denn nur ein Arzt hatte Notdienst. Bei Zahnärzten lege ich auf zwei Eigenschaften wert: Sie sollen einen Doktortitel haben und eine Frau sein. Zwar ist mir bewusst, dass in keinem Fach der Doktortitel leichter zu erwerben ist als in der Medizin, aber diese Mühe sollte jemand, der sich mir mit Folterinstrumenten nähert, schon auf sich genommen haben. Und Frauen unterstelle ich größere Sensibilität und stärkere Selbstzweifel. Außerdem riechen sie besser.

Der Notzahnarzt nun war ein Dipl. Stom. und eindeutig männlich, was sich am intensivsten in dem Verzicht auf Deodorant manifestierte. In regelmäßigen Abständen die Uhrzeit prüfend, bohrte er munter drauf los, ließ mitten im Bohrvorgang von dem Zahn ab und sagte: „Der ist tot.“

Man hätte dafür auch erst eine Vitalitätsprüfung mit einem geeisten Wattebausch machen können, aber man kann nun nicht von jedem Arzt erwarten, dass er in der Wikipedia liest.

Ich müsse mich einer Wurzelbehandlung unterziehen. Ob man damit jetzt gleich anfangen könne? „Nee, nee, Notdienst“.

Eine Iboprofen verscheuchte die Männerdaumen aus meinen Träumen und ließ mich ich die Nacht überstehen.

Der Freitag war kein Feiertag. Aber Brückentag. Zumindest für alle anvisierten weiblichen Zahnärzte mit Doktortitel. Ich musste also wieder zu einem Mann, dieser aber hatte sich gewaschen. Er hatte sympathisch ungepflegte Zähne, lachte angemessen über das dilletantische Vorgehen seines Kollegen und machte meinen Eisteegenuss als Schuldigen aus.

Der Arzt fing nun an, mit hochgezogenen Augenbrauen spitze Nadeln in meinen Zahn zu stoßen. Das ist der unbestreitbare Vorteil von toten Zähnen. Man kann Nadeln in sie stoßen und es tut nicht weh. Meine Schmerzen kamen daher, dass sich Bakterien unter dem Leichnam versammelt hatten und dabei waren, sich neuen Lebensraum zu schaffen.

Immer wenn der Arzt eine Nadel wieder aus dem Zahn hervor zog, roch er konzentriert daran. Das nahm mich sofort für ihn ein. Ich schätze es, wenn Ärzte alle ihre Sinne nutzen. Wir machten einen Termin für die zweite Sitzung aus.

Zwei Stunden später stand ich wieder in der Praxis, da der Schmerz nicht nachgelassen hatte. Der Arzt schaute mich an, sagte: „Ah, ein Bumerang“ und verschrieb mit ein Antiobiotikum, Clindamycin.

Hier nun beginnt das eigentliche Problem. Ich konnte es natürlich nicht lassen und studierte den Beipackzettel. Meine Lieblingsnebenwirkung ist das Lyell-Syndrom.

Zuerst kommt es zu kleinen, sich rasch vergrößernden Rötungen der Haut. Diese Rötungen fließen mit der Zeit mehr und mehr zusammen. Zuletzt ist die gesamte Haut tief rot verfärbt. Es bilden sich Blasen, die sich von der Haut immer mehr ablösen. Schließlich kommt es zur Ablösung der gesamten Oberhaut in großen Fetzen. Diese Fetzen liegen der Haut wie ein „žnasses Tuch“ an. Auch die Schleimhäute sind betroffen. Es kommt zu ausgedehnten Entzündungen im Genitalbereich in der Analregion. Die Lider des Auges sind ebenfalls beteiligt. Es entstehen wunde offene Stellen, die nässen und bluten. Häufig kommt es auch zu inneren Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Die Betroffenen haben hohes Fieber.

Ja. Ich weiß. Nur einer von zehntausend Anwendern bekommt das. Fast mit Sicherheit aber würde ich die nächsten Wochen mit Durchfall auf der Toilette verbringen. Also Schmerzen ertragen und vielleicht einen Durchbruch der Bakterien in den Kiefer erleben? Oder mich häuslich auf dem Klo einrichten und beobachten, ob meine Haut beginnt, sich abzulösen?

Ich kann solche Entscheidungen nicht treffen.

17 Kommentare

  1. 01
    ick

    tu es, tu es! und erzähl uns dann davon…

  2. 02

    Und wenn Du groß bist, dann bekommst Du eine Late-Night-Show, in der Du Deine Hypochondrie ausleben darfst und dann wirst Du das Gesicht und der Kasper für eine Werbekampagne eines deutschen Arzneimittelherstellers und dann gehen Deine Quoten in den Keller und dann musst Du Dir von Oliver Pocher diktieren lassen, wie der Relaunch Deiner Show aussehen wird.
    Ich würde mir das nochmal überlegen, mit dieser Angst vor Nebenwirkungen!
    Früher ging mensch zum Zahnbrecher (meistens der Schmied im Dorf). Raus mit dem alten Scheiß und gut ist.
    Ach so, gute Besserung!

  3. 03

    …und mach Fotos!!!

  4. 04

    Medizin muß bitter sein! Trotzdem gute Besserung.

  5. 05

    also ich würde es drauf ankommen lassen und das klo als letzten hort der ruhe vorziehen (w-lan in der wohnung vorausgesetzt). aber vielleicht bist du auch eh schon gegen das antibiotikum immun, lieber malte „the bumerang“ welding? :)

  6. 06

    Ich gebe Dir mal die Adresse meiner Zahnärztin.
    Ca. 100 Jahre alt, rumänisch – ungarischer Akzent, einfühlsam wie ein Rummelplatzboxer und sie riecht immer ganz toll nach einer Mischung aus alter Frau, Zahnarztpraxis und Mottenkugeln.
    Aber ein Doktortitel.

  7. 07

    ach malte – ich bin für chemie einnehmen und schauen was passiert. und bei twitter ein update alle 15 minuten – wäre toll – mit bild!

    hättest du gefragt, hätte ich dir vorher einen guten zahnarzt nennen können. aber man wird ja nicht gefragt.

    … das muss wohl daran liegen, dass wir uns nicht wirklich kennen. vermute ich.

  8. 08
    sunny

    angeblich sollen diplomierte zahnärzte die besseren handwerker sein. aber diese theorie stammt von jemandem, dessen zähne…

  9. 09

    Antibiotikum hilft in solchen Fällen überhaupt gar nichts. Wurzelfüllungen lasse ich übrigens nur bei einem Endontologen machen. Das kostet zwar und dauert länger, aber dafür hilft es auch.

  10. 10

    When I was younger, just a bad little kid,
    My mama noticed funny things I did,
    Like shootin‘ puppies with a B B gun
    I’d poison guppies, and when I was done
    I’d find a pussycat and bash in its head
    That’s when my mama said

    What did she say?

    She said, „My boy, I think someday
    You’ll find a way
    To make your natural tendencies pay
    You’ll be a dentist
    You have a talent for causin‘ things pain
    Son, be a dentist
    People will pay you to be inhumane
    Your temperament’s wrong for the priesthood
    And teaching would suit you still less
    Son, be a dentist
    You’ll be a success

  11. 11

    Zahnärzte mit sympathisch ungepflegten Zähnen sind genauso zu empfehlen wie Friseure mit einem schrecklichen Haarschnitt – diese sind ja offensichtlich von ihren sehr viel inkompetenteren Kollegen behandelt worden.

  12. 12

    Malte, solche Zettel liest man doch erst komplett durch, wenn man an den Nebenwirkungen gestorben ist!

    Trotzdem: jute Besserung!

  13. 13

    Ha. Nein, kein Mitleid, obwohl,doch, wenn ich ehrlich bin,ja. Gleiches Phänomen am Freitag,beißende, kreischende,drückende, sich am Boden windende Schmerzen.
    Und sie war eine Frau und ihre ersten Worte waren:“Oben oder unten?“.
    Sogar mit Dr. und nett war se auch die Tante:)
    Ich fühle mit.
    Gute Besserung!

  14. 14

    Ah das selbe hat ich auch erst im Januar. Pünktlich zum Geburtstag. Beim Notdienst sagte man mir „Da ist die Füllung raus gegangen, ich sehe ein kantiges Loch. Ich mache da einen Verschluss drüber.“ Am nächsten Tag stand ich Punkt 8:30 bei meinem normalen Zahnarzt. Natürlich mit synapthischen ungepflegten Zähnen ;) Der schüttelte mit dem kopf und meinte das durch die Entzündung sich gase bildeten und die dann nochmal für ordentlich Druck gesorgt haben.

  15. 15

    Es kann passieren was will,
    es gab immer jemanden
    der es kommen sah.

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