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My private World-Cup (Vorrunde)

Ihr habt es so gewollt. Ich wollte das ja eigentlich vermeiden: aber was will man machen, wenn sich die Hälfte des Clubs Xavier Naidoo wünscht, dann legt der DJ das eben auf. Verhackstückte Assoziationen zur WM – here we go.

Eröffnungsspiel
Zum ersten Mal in meinem Leben spuckte ich meinem Vordermann beim Torjubel das Bier in den Nacken, so überraschend fiel das 1:0. Der Typ war zwei Meter groß und 1,80 breit, und wär er Costaricaner gewesen, hätte ich mir den Rest der WM wahrscheinlich vom Krankenhausbett ansehen dürfen. Stattdessen isser mir um den Hals gefallen und hat mir Bier ausgegeben. Viel Bier. An die letzte viertel Stunde beispielsweise habe ich nur noch vage Erinnerungen.

Neukölln
Ein Spaziergang durch Neukölln erinnerte damals an Erdkunde, 5. Klasse: Flaggenkunde. Türkische neben deutscher Flagge, libanesische neben deutscher Flagge, saudi-arabische neben deutscher Flagge, polnische neben deutscher Flagge, tunesische neben deutscher Flagge, ukrainische neben deutscher Flagge, ivorische neben deutscher Flagge, deutsche neben Hertha-BSC-Flagge und so weiter und so weiter. Nur die englische Flagge am Haus gegenüber, die hing immer ganz allein da. Nicht integrationswillig, diese Engländer. Pfui.

Frankreich (Vorrunde)
Ich habe gelitten. Höllenqualen. Ach. Was die gezeigt haben, hatte mit Fußball ungefähr so viel zu tun wie Kakteen mit Hortensien. Während des Spieles gegen die Schweiz habe ich aus Ärger und Langeweile mein Pastisglas aufgegessen.

„Unverkrampfter Patriotismus“ I. Teil
[Ich mache mich jetzt unbeliebt. Sehr. Ich weiß.] Was hat sich Deutschland selbst gefeiert dieser Tage. Endlich durfte man mal stolz sein auf Deutschland. Auf die deutsche Nationalmannschaft. Und da kam dann der ganze übrige Schmu (deutsches Bier, deutsche Landschaft, deutsche Frauen, deutscher Wein) gleich auch noch zu seinem Recht auf Bewunderung. Leute, die ich bis dahin für halbwegs zurechnungsfähig gehalten hatte, malten sich plötzlich die deutsche Flagge auf den Arsch. Oder tätowierten sich die Nationalhymne auf die Brust. Es ist ja schön, dass Deutschland so locker war und alles ganz easy und alle sich gefreut haben: Aber muss das gleich in Fahnenschwenken ausarten?

Tschechien-Ghana
My private Vorrundenspiel. Hab ich in einer afrikanischen Bar gesehen. Aus Ghana war zwar keine Sau da, aber aus Gambia, Kamerun, Elfenbeinküste, Mauretanien, Nigeria und Kenia. Die Leute tanzten auf den Tischen, und irgendwo im Eck saßen ein paar Rastafaris und rauchten Sonnenblumenkerne. Fußball, der wie Futsal für Große aussieht. Beinah hätte ich mir die ghanaische Flagge auf die Wange gemalt, aber bei meiner Feinmotorik ist da nix zu machen.

WM-Locations – Empfehlungen
Kreuzberg, Kreuzberg, Kreuzberg, Kreuzberg, Kreuzberg. Zu den Spielen mit afrikanischer Beteiligung gerne auch mal Neukölln. Geh nie nach Mitte. Wenn Du Touristen sehen willst, dann geh in den Zoo. Nicht auf die Bannmeile WM-Meile.
Ich hasse Massen. Ich geh selten ins Stadion, aus dem gleichen Grund, warum ich selten in die Uni gehe: Ich ertrage das nicht, so viele Menschen, die alle irgendwie das gleiche fühlen. Dieser Brüderlichkeitshabitus. Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir sind ein Publikum. Kein Platz, und wenn man pissen gehen will, spielt die ganze Welt Catenaccio. Bier zu teuer. Scheiß Fahnengeschwenke. Überdurchschnittlich viele Vollpfosten. Irgendwer sollte den halbwegs Zivilisierten auch mal erklären, dass Euphorie kein Grund ist, Feingefühl und soziales Verhalten auf stand by zu schalten.

Raymond Domenech
My private (setze das Gegenteil von Lichtgestalt). Hat sich innerhalb einer Woche in die Top Ten meiner WM-Unbeliebtheitsskala katapultiert. Kurz vor Beckmann, aber immer noch hinter Beckenbauer.

Still to come:
My private World-Cup: Spieler
My private World-Cup: Finalrunde

Keine Kommentare

  1. 01

    Was soll den der Uni-Vergleich?!

    Brüderlichkeitshabitus? Quark. Zusammengehörigkeitsgefühl? Habe ich noch nich mal in einem Fünf-Leute-Seminar erlebt. Kein Platz? Kommt hin, wenn man den falschen Studiengang wählt. Bier zu teuer? Muss man sich schon selbst in die Vorlesung mitnehmen. Scheiß Fahnengeschwenke? Da sei der ASTA vor. Überdurchschnittlich viele Vollpfosten? Das passt allerdings perfekt auf die Uni :-).

  2. 02

    Da sind so viele Sachen passiert, an die ich mich heute schon nicht mehr erinnern kann. Wenn mich der kicker nicht jeden Montag und Donnerstag daran erinnern würde, ich wüsste gar nicht, wer amtierender Weltmeister ist. Aber darauf kam es bei dieser WM irgendwie auch nicht wirklich an.

  3. 03
    Samuel

    Stimmt. Um das Finale hat sch doch auch schon keine Sau mehrgekümmert (zumindest nicht hier), oder fandet ihr nicht auch?

  4. 04

    Deine beliebtesten WM-Locations möchte ich noch um Kreuzberg, Kreuzberg und Kreuzberg ergänzen.

  5. 05
    Samuel

    Und die Tankstelle Penderack. Die hier garantiert niemand kennt, zumindest nicht, wenn man in Berlin wohnt.

  6. 06

    Wie der große Kaiser es gesagt hat:
    Wenn wir die WM selber gewonnen hätten wären wir nicht so sympathisch für andere Länder erschienen.

    My private WM-Loaction: Hamburg Fischhalle

    Und ich liebe Massen, allerdings nur im Fanblock des amtierenden Meisters…

    Und auch sonst finde ich deinen Beitrag genauso hin- und herhüpfend wie meinen Kommentar!

  7. 07

    Hans, wer braucht denn die Sympathien?

  8. 08

    Ich finds gut, dass wir nun sympathischer erscheinen.

    Wieviel Spaß man dadurch mit fremden Ländern haben kann, habe ich letzte Woche noch in meinem Spanien Urlaub erfahren können…
    Wobei das wohl eher am Alkohol, als an der verlorenen WM lag.

    Ok stimmt. Sympathien braucht keiner, wenn er stattdessen Weltmeister sein kann.

  9. 09
  10. 10

    @ Maggi: Der Univergleich zeigt meinen Eltern (die nicht mitlesen), dass ich sie belüge. Als Reminiszenz an mein Studium ist er darüberhinaus über die Maßen sinnlos. Muss so.
    @ kreuzberger: Da setz ich allerdings noch n 36 dahinter. Und noch n 36. Und noch eins.

  11. 11

    @fred: Und ich geb Dir noch ein dreifaches 61: 61, 61, 61.

  12. 12

    auch schön war die Münchner Leopoldstraße nach gewonnen Deutschlandspielen. Zweimal da gewesen, weil man Gästen ja keine Wünsche abschlägt, aber wirklich Spaß hatten wir nie. Dafür zu sechst mit TV-Gerät, grünem Teppich und Pils auf einem Bürgersteig in Neuhausen. (Danke an dieser Stelle an den netten Inder und sein Klo.)
    Mein persönliches WM-Highlight: vorm Elfmeterschießen gegen Argentinien in einem unglaublich umkämpften Kickerduell gegen meinen Arbeitskollegen (Franzose) gewonnen. Allerdings dadurch auch die Kahnsche Zettelaction verpasst.

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