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Schneewittchen – Der deutscheste Seufzer

Kürzlich las ich von irgendeiner Bundesbeauftragten für höheren Blödsinn, deren Lebenswerk es ist, für einen möglichst rauchfreien Bildschirm zu kämpfen. Da musste ich an Schneewittchen denken.

Zum ersten Mal sah ich Schneewittchen im Supermarkt. Errötend folgte ich ihren Spuren. Sie war schön. Nicht sexy. Schön wie eine Muse, schön wie ein Mädchen, das am Strand mit einem weißen Herrenhemd bekleidet tschechische Bücher und Asterix liest. Sie schlenderte die Gänge entlang, bedächtig und doch nachlässig, fühlte hier an einer Melone, strich dort flüchtig über die Äpfel, schnupperte an einem Pfirsich, stand vor erschreckend gesunden Lebensmitteln. Kaufte dann aber nur eine Flasche Mineralwasser.

Sie gab der Kassiererin die Münzen und verschwand aus meinem Leben.
Ach, Schneewittchen.

Einige Wochen später stand ich allein an der Tanzfläche in einem Club und rauchte. Dann sah ich Schneewittchen wieder. Schneewittchen tanzte.

Plötzlich schwebte sie über die Tanzfläche hinweg auf mich zu und bat mich um Feuer. Ich gab es ihr wortlos. Sie zündete ihre Zigarette an, verharrte noch einen Moment, sie sah aus, als hätte sie leichtes Fieber. Sie murmelte ein Dankeschön und entschwebte.

Ich tat, was man tut, wenn die Dinge unwirklich werden. Ich betrank mich.

An der Bar traf ich wieder auf Schneewittchen. Wie das Gespräch anfing, weiß ich nicht mehr. Sie war Bulgarin, hatte einen Namen. Alle bulgarischen Nachnamen enden auf – ov. Das ist alles, was ich über Bulgarien weiß. Vermutlich war die Konversation schleppend bis nicht vorhanden, ich weiß nicht einmal mehr, ob sie überhaupt deutsch sprach. Ich war zufrieden damit, neben ihr zu stehen.

Als die Lichter angingen, gingen wir nach Hause. Eine kleine, hässliche Freundin hatte sie dabei, wie jede schöne Frau. Als wir schon im Auto saßen, fiel ihr ein, dass sie noch Pizza essen wollte. Sie aß also. Kaum zu glauben. Die kleine, hässliche Freundin blieb im Auto sitzen, wir kauften Pizza und als wir aus dem Laden herauskamen, küsste Schneewittchen mich. Ich balancierte die Pizza hinter ihrem Kopf, in meinem Kopf war nur die Pizza, die Pizza durfte nicht zu Boden fallen. Die Küsse steigerten sich, ich öffnete ihre Hose, balancierte die Pizza, bewegte einen Finger in ihr Höschen. Ich nahm die Taxifahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite durchaus noch wahr, ich bemerkte die Menschen, die an uns vorübergingen, mein Kopf war völlig klar und doch das gerade nicht. Die Pizza. Schneewittchens Haar, das in meinem Gesicht kitzelte, ihre Lippen, die Pizza.

Wir gingen auf ein geheimes Signal hin wieder zum Auto, die kleine, hässliche Freundin war angemessen schlecht gelaunt, ich zündete eine Zigarette an und gab sie Schneewittchen und auf der Fahrt hielten wir Händchen, als ob nicht alles schon kompliziert genug gewesen wäre, denn es gab eine Frau in meinem Leben, die gab es laut und vernehmlich, laut und vernehmlich auch in meinem Kopf, aber die Frau war weit weg, genau wie mein Leben und mein Kopf.

Wir kamen an, gingen hoch in ihre Wohnung, die kleine, hässliche Freundin legte sich schlafen und uns blieb nur das Badezimmer. Es war kein Funken von Begehren in mir, ich wollte nur Schneewittchen nackt sehen. Sie zog ihr weißes Hemd aus, ich zog ihre Hose runter.

Ihr dunkles Haar, ihr Ballerinenmund, ihre zerbrechlichen Schultern, leuchtend weiß. Ich war ein Lore-Roman, ich war die sieben Zwerge.

Danach ging ich. Ich hatte ihre Nummer nicht, ich wusste ihren Namen nicht, aber mir fiel noch vor dem Schlafengehen ein, woher ich die kleine, hässliche Freundin kannte. Sie war die Freundin des besten Freundes der besten Freundin meiner Freundin. Zu kompliziert? Vereinfacht: Meine Freundin würde es auf jeden Fall erfahren. Ich war schon mit geschickter eingefädelten Fremdgängen hochgegangen.

Die nächsten Tage wartete ich darauf, dass die Bombe explodieren würde. Und dachte an Schneewittchen.

Es geschah nichts.

Und ein drittes Mal sah ich Schneewittchen. Ich stand in einem anderen Club und rauchte. Ein junger Mann stubste mich an: „Falls es dir entgangen ist, die Frau da schaut die ganze Zeit zu dir.“ Schneewittchen tanzte. Ich brummelte etwas für mich selbst Unhörbares. „Ach, Schneewittchen“, dachte ich.

48 Kommentare

  1. 01
    Peter H aus B

    Was ein Mist. Selten einen so schlechten Text gelesen. Schade um die Zeit.

  2. 02
    Sono

    Schöner Text. Mir gefällt er. Irgendwie romantisch und doch irgendwie auch nachvollziehbar.

  3. 03
    Manuel

    Für mich zu pseudophilosophisch. Aus dem Abschnitt, wo dir eingefallen ist, wer die kleine hässliche Freundin ist, hätte man mehr machen können.

  4. 04
    nils

    Da ich Balance mag, und der erste Kommentar diese gefährdet. Ich fand Ihn schön, auch wenn ich zugebe Ihn wohl nicht in seiner Gänze verstanden zu haben.

  5. 05
    V'kar

    Ich meld mich nicht oft, und nicht gern, aber ich fand den Text klasse.
    Was heisst schon verstehen? Der Text hat mich berührt, ich fand ihn schön und interessant.
    Danke, Malte!

  6. 06

    Toller Text … aber ich krieg da keine gescheite Interpretation rein. Wenn’s denn möglich sein sollte.

    Und warum Schneewittchen???

    Ist mir zu schwubbelig … zu verwirrend, irgendwie seltsam.

    Sorry, aber ich glaub der Text ist scheinbar nichts für’s breite Publikum.

  7. 07
    effzehn

    Schön. Ein Experiment?

  8. 08
    clara

    irgendwann sollen doch die geschichten von judith hermann verfilmt werden (oder sind es schon – oder lief der film schon im kino – ich weiß es nicht). aber ich könnte mir sehr schwer vorstellen, dass dies ohne zigaretten und alkohol umgesetzt werden kann.

  9. 09

    Der Logik nach müsste sie noch einen Schwanz haben – wie in „The Crying Game“.

  10. 10
    clara

    jaah, kinostart 22. November (nicht 9. August – sorry) „Nichts als Gespenster“ und ein schönes Schneewittchen spielt auch mit. :-)

  11. 11

    da steckt viel wahrheit drin. zumal die wahrnehmung unter alkohol wirklich eine andere ist. entscheidend ist doch aber, was danach passiert, also nüchtern… oder nicht?

    es wird eine weile dauern, bis ich ohne alkohol und zigaretten gescheit und lange ausgehen kann. muss ich wohl lernen. will ich aber garnicht.

  12. 12
    Sono

    Ohne Alk und Zigaretten lange ausgehen?
    Geht wunderbar. Praktizier ich so seit Jahren. Liegt aber auch daran, dass ich da meistens mit dem Auto unterwegs bin.

  13. 13

    ein superschöner text über die verschwurbeligkeit von assoziationen. diese schneewittchens sind tole begegnungen. nur die unterzeile verstehe ich nicht. aber das muss ich vielleicht auch gar nicht…

  14. 14
    glitterbug

    mmmh…melancholisch, aber irgendwie auch ein hauch serendipity…

  15. 15
  16. 16
    Paul

    Schneewittchen natürlich

  17. 17
    fehldruck

    Ich finde den Text grossartig. Ein perfekter Happen für den Mittag, um sich den Rest der Pause den Kopf über die Schneewitchens dieser Welt zu zerbrechen. Dankeschön Malte!

  18. 18

    Die Bätzing gibt eh immer undifferenzierte Scheiße von sich, das weiß jeder der ihr Gefasel zum Konsum THC-haltiger Produkte kennt.

  19. 19

    „Schön wie eine Muse, schön wie ein Mädchen, das am Strand mit einem weißen Herrenhemd bekleidet tschechische Bücher und Asterix liest.“

    Es ist erschreckend wie präzise und zerstörerisch einach du Menschen und Träume beschreiben kannst. DER TEXT IST GRANDIOS. wie immer.

  20. 20
    heidrun

    es gibt dramaturgisch geschicktere zigaretten. z.b. bei wong-kar wai. da muss man einfach die ganze zeit rauchen, während man die filme guckt.
    womit ich ja sagen muss, dass die bätzing nicht ganz unrecht hat. ich rauche ja selbst und tu das gerne, aber man sollte doch so selbstehrlich sein, zuzugeben, was das doch größtenteils für ne peer-group-coolness-kacke ist. mir braucht wirklich keiner zu erzählen, dass er zigaretten rein aus genuss & völlig unbeeinflusst etc. raucht.

  21. 21

    Das schöne an Deinen Texten: sie polarisieren.

    Dieser gefällt mir gut. Ich mag „Geschwurbel“.

  22. 22

    Der Text ist doch gut, aber ich glaub ich kann sowas noch nicht so gut bewerten….

  23. 23
    Thochi

    Schön gemein.

  24. 24

    Ein echter malte. Aber das wusste ich schön nach der Überschrift…

    Gut oder Schlecht? Stil hat er auf jeden Fall, der Text. Unverkennbaren Stil.

  25. 25
    Harm

    In dem vorliegenden Text werden aussereheliche, sexuelle Erfahrungen verherrlicht. In vielen Kulturen ist das aber schlimmer als rauchen.

    @heidrun: korrekt.

  26. 26

    Rauchen schadet der Gesundheit, auch der eurer Mitmenschen!

  27. 27
    David

    Malte, ist das dein Bewerbungstext für neon?

  28. 28
    Ach

    Zuviel MC Winkel gelesen?

  29. 29

    Neuraum: Dachte ich auch gerade. Bulgarierinnen, die mit -ov enden, sind meist Kerle. Vielleicht schaue ich aber auch zuviel Kugelstoßen und zu wenig Tennis.

    Maltefan: Lass uns einen Club gründen.

  30. 30

    Immer noch besser als ein Text von Aggro Berlin über Neger. Ach Malte!

  31. 31

    beim ersten blick dachte ich: hach, der malte. sieht aus wie ich und fällt auf die gleichen schneewittchenfotos rein.
    beim zweiten blick dachte ich: malte, du hattest keinen zweiten blick, oder?
    und beim dritten blick fiel mir auf, dass sie ihr blog „brief“ nennt und die einzelnen einträge „weblogs“. ach malte, träume sind schäume.

  32. 32
    Malte

    @ jo und neuraum
    seht ihr, ich beziehe mein wissen über bulgarien aus der aufstellung der bulgarischen fußball-nationalmannschaft. das muss ja ins auge gehen.
    @ björn

    Lesen Sie hier die alle Weblogs aus 2007.

    aber auch bei ihr bin ich mir nicht sicher, ob sie deutsch spricht:)

  33. 33

    Ich bin mir aber sicher, dass sie die Bundes-Drogenbeauftragte ist, was sie m.E. auch damit verdeutlich, dass man bei ihr „alle Weblogs aus 2007“ lesen kann.

  34. 34
    sternchen

    Lustige Ansammlung von Männerklischees. Augenrollend gelesen. Tschechische Bücher. Herrenhemden. Hässliche Freundin. Klar. Badezimmer. Jemine. Sehr erheiternd…

  35. 35

    Am Anfang sehr schön, später eher durchschnittlich. Das was man auch sonst in den Möchtegern-avantgarde-surrealisme-blogs lesen kann.

    „Aus dem Abschnitt, wo dir eingefallen ist, wer die kleine hässliche Freundin ist, hätte man mehr machen können.“
    –> Das fand ich noch am besten, weil es einen schön ironischen Beigeschmack hatte. Nur das „zu kompliziert?“ hättest du dir sparen können, dass war zu übertrieben.

  36. 36
    BEN

    @David: Bitte, bitte nicht. Genau davor hab ich bei der Neon immer Angst, dass die in so einen Richtung geht.

  37. 37
    David

    Neon ist doch schon jetzt Rosamunde Pilcher. Großteils. Noch etwas Nina Ruge und zeigefingerhebend Sabine Christiansen.

  38. 38
    Maltefan

    @jo (29):
    Ich hab’s nicht so mit Vereinen. Ich schwärme lieber im Stillen. Aber falls mal jemand ein Malte-Wallpaper macht, schmeiss ich dafür Brad Pitt vom Desktop.

  39. 39
    Peter H aus B

    „Schön wie eine Muse, schön wie ein Mädchen, das am Strand mit einem weißen Herrenhemd bekleidet tschechische Bücher und Asterix liest.“

    Schon wieder F.J.Wagner…

  40. 40
    Karin Minkmann

    @Peter H aus B immer diese Nörgler.
    Der text ist skurril, so what, berührt hat er trotzdem gesagt: Nix.

  41. 41
    clara

    lebt wagner eigentlich noch?

  42. 42

    Das kommt wahrscheinlich vom Basilikum rauchen.

  43. 43
    heidrun

    spreeblickchen

  44. 44
    remei

    Das ist ja wohl die beste „Schatz, es war nicht so, wie du denkst.“-Entschuldigung, die ich je gesehen habe.

  45. 45

    eindrücke, gefühle, stimmungen solange er dabei bleibt ist er der könig.

    leicht, bizarr und flüchtig und ein klein bißchen häßlich und dreckig.

    wunderbar, da capo.

  46. 46
    Trustiva

    Schneewittchen war pur und rein.

    Du hast mit ihr deine Freundin betrogen – und damit einen Bastard aus ihr gemacht.

  47. 47

    Also das ist der sprachlich beste Blogeintrag den ich bisher gelesen hab… einfach genial

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