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Sialkot

Sialkot ist eine mittlere Kleinstadt in Pakistan mit ungefähr 300.000 Einwohnern. Die Leute dort verdienen ihr Geld vor allem mit zwei Gewerben: Der Produktion von chirurgischen Instrumenten und von Fußbällen. Weil Kinderarbeit dort zum Alltag gehört, war Sialkot Mitte der Neunziger auch groß in den Medien, als alle schrieen: Kinderhände produzieren unseren Fußball, wie unmenschlich. Seither hat sich einiges verändert: Ob es nun besser geworden ist, darf bezweifelt werden. Aber hört selbst:

Die Fußballproduktion in Sialkot begann Mitte der 70er zu boomen, als örtliche Firmen den Auftrag erhielten, den damaligen WM-Ball „Tango“ herzustellen. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten englische Kolonialsoldaten von der ansässigen Bevölkerung Sportartikel produzieren lassen; inzwischen werden in Sialkot schätzungsweise 75 % aller Fußbälle hergestellt.

Da die Arbeiter mit dem Lohn keine Familien ernähren konnten, begannen zunächst auch die Frauen, an der Produktion mitzuwirken, und später auch Kinder. Da sich in Pakistan Männer und Frauen nicht gemeinsam in öffentlichen Räumen, auch nicht in Arbeitsräumen, aufhalten dürfen, wurden die Bälle dezentral in Heimarbeit produziert.

Im Februar 1997 beschlossen, nachdem die Medien die Debatte um Kinderarbeit angestossen hatten, die Unicef, die Internationale Arbeitsorganisation, die FIFA und die Handelskammer Sialkot im Atlanta-Abkommen die Ausrottung der Kinderarbeit bis Ende 1998. Betroffene Unternehmen waren damals unter anderem Lotto, Mitre, Puma, Derbystar, Reebock und Adidas. Ein Jahr später produzieren nach wie vor (je nach Schätzung) zwischen 7.000 und 50.000 Kinder Bälle in Sialkot.

Das System hat System. Da die Eltern mit dem üblichen Tageslohn (damals 1,40 Mark) ihre Kinder nicht ernähren können, nehmen sie Kredite auf von umherziehenden Sklavenhändlern. Dafür nehmen die Sklavenhändler die Kinder mit, mit dem Versprechen, ihnen ein Auskommen zu verschaffen. Die Wucherzinsen und die niedrigen Löhne verhindern eine Rückzahlung des Kredites, und die Kinder leben in dauerhafter Schuldknechtschaft. Wenn ich Kinder sage, ist das noch euphemistisch: Die Kids sind zwischen fünf und dreizehn Jahren alt. Knapp der Muttermilch entwachsen.

Inzwischen ist die ganze Diskussion um Sialkot ein wenig eingeschlafen. Das liegt unter anderem daran, dass viele Konzerne zwar wohl auf die Einhaltung der Richtlinien gegen Kinderarbeit pochen (wenn auch häufig mit angeschlossenen Augen), aber die Löhne nicht erhöht haben für die erwachsenen Familienmitglieder. Im Gegenteil, die Löhne sind sogar gesenkt worden. Mit der Konsequenz, dass die Kinder jetzt nicht mehr Fußbälle zusammennähen, sondern Skalpelle herstellen, die später Deislers Kniee bearbeiten werden. Unter anderem.

Jetzt, da das Thema aus den Medien verschwunden ist, kann sich Adidas rühmen, „dass offizielle adidas Fußbälle nicht von minderjährigen Arbeitern genäht worden sind“ und dass ihre „‚Standards of Engagement‘ (…) Kinderarbeit bei der Fertigung unserer Produkte“ verbieten. Tolle Sache, das. Adidas for Friedensnobelpreis.

Alternativen gibt es übrigens auch. Diese hier zum Beispiel: Gepa.

Mehr Infos hier: Klick. Oder aber hier: Klick.

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