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Gesten von Gestern

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Spreeblick, Deutschlands italienischstes Weblog, sorgt sich um Gesten. Einem unserer Autoren, ich glaube, es war ich, war während einer tagelangen U-Bahn-Recherche aufgefallen, dass die Geste, bei der man sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf das Handgelenk der linken tippt, um das Gegenüber dazu aufzufordern, die Uhrzeit mitzuteilen (es gibt auch noch die Nebenbedeutung: „Los, die Zeit drängt“) im Aussterben begriffen ist.

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René, der einen gestischen Darwinismus vertritt, brachte die These auf, jede Geste werde dereinst durch den emporgereckten Mittelfinger ersetzt werden, umgangssprachlich Stinkefinger genannt. Frédéric bemerkte, dass man kein Kreuz mehr unter das Brot macht, wenn man es aufschneidet, dass überhaupt alle religiösen Gesten weggefallen seien, woraufhin Tanja ergänzte: Außer beim Fußball. Der Fußball erweist sich überhaupt als Hot Spot des gestischen Genpools. Die „Schiri!-der-hat-mich-ganz-fies-gefoult- wärst-du-nun-so-freundlich-dem-wenigstens-die-gelbe-Karte-zu-zeigen“-Geste, bei der man mit flehendem Blick die Hand zu einer losen Faust ballt und den Daumen ein Stück weit hochschiebt.

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Die „Super,-Männer“-Geste, bei der man sich in die Hände klatscht und die Faust schüttelt.

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Die „Du-Sackgesicht-das-hast-du-genau-so-verdient-aber-jetzt-tue-ich-mal-so-als-täte-es-mir-leid“-Geste, bei der man liebevoll den Kopf des eben zu Boden Getretenen tätschelt. Das alles gestische Kleinode, die früher den Alltag belebten, heute aber im Straßenkampf Seltenheitswert besitzen.
Tanja fügte noch hinzu, dass man in Büchern von Erich Kästner noch die Faust geschüttelt habe, wo heute der Renésche Mittelfinger gereckt wird, man sich zu Kästners Zeiten zur Begrüßung noch an den Hut getippt habe, eine Geste, die sich trotz der Basketballkappenisierung der deutschen Köpfe nicht habe halten können.

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Aachener Autofahrer begrüßten sich früher im Um-und Ausland noch mit dem Klenkes, dem gespreizten kleinen Finger. Auch lange nicht mehr gesehen, zuletzt im Sommerurlaub 1984.
Aber schon damals war nicht deutlich, ob es sich wirklich um den kleinen Finger handelte.

35 Kommentare

  1. 01

    Hübsch finde ich auch immer wieder das Runterschieben des unteren Augenlides. Nicht mehr wirklich in Gebrauch, aber dank Monty Python unvergessen.

  2. 02

    Die Gesten gehn heut nur anders, z.B. so ^^
    Diese Geste hab ich lange nicht verstanden, bis sie mir jemand life demonstriert hat. Jetzt kann ich sie zwar immer noch nicht erklären, aber ich versteh sie.

  3. 03

    7.klasse französischunterricht lernte ich eine geste namens „mon oeil“, bei der man sich komisch mit dem zeigefinger im auge rumpopelt. frédéric weiss da vllt. mehr zu?

  4. 04
    Malte

    holzauge sei wachsam

  5. 05
    Frédéric

    holzauge sei wachsam

    :) Fast. War das die Geste, wenn der Zeigefinger die Hautlefzen unterhalb des Auges runterzieht, damit man den mittelmäßig durchbluteten Augapfel von seiner schönsten Seite sehen kann? Das macht man, wenn einer irgendwas erzählt, was man nicht glaubt. Heißt so viel wie „von wegen“, würd ich mal sagen.

    Gibts die Geste nur in Frankreich, oder kennt man die woanders auch noch?

  6. 06
    andreja

    Die „mit dem Finger aufs Handgelenk tippen“-Geste stirbt doch aber gar nicht – was ich übrigens besonders merkwürdig finde, wo doch alle immer aufs Handy schauen, wenn sie die Uhrzeit erfahren wollen.

    Was aber mit dem angedeuteten Telefonhörer (kleiner Finger und Daumen werden ausgestreckt, die restlichen sind eingeklappt) den man sich dann aus Demonstrationszwecken ans Ohr hielt, um zu sagen „Wir telefonieren“ oder „Ruf mich an“, passiert, also DAS frag ich mich. Nochmal gesehen irgendwer?

  7. 07
    Christov

    Bei uns kennt man diese „ja-ja-was-du-nicht-sagst“-Geste auch. (i.e. in der Schweiz). Freilich könnte es aber sein, dass sie seinerzeit im Gefolge Napoleons miteingewandert ist?
    Sehr schön finde ich auch das Hin-und-her-Wedeln mit dem Daumen nebst lockerer Faust direkt vor der Nase, um jemanden der Trunkenheit zu zeihen.

  8. 08
    Maltefan

    @Frederic
    Die gibt’s glaub ich überall. Ich kenn sie aus D. In USA war sie zumindest mal bekannt: http://images.kino.de/flbilder/max07/mw07/mw19/m0719149/w150.jpg

    Ich hab die immer mit „Verarschen kann ich mich selber“ übersetzt …

  9. 09
    Frédéric

    @ Maltefan: dit is ja lustig, die neuere Version von „mon oeil“ heißt nämlich „mon cul“. Bloß aufs Auge zeigt man nicht mehr, wär auch blöd, irgendwie.

  10. 10
    PiPi

    Was auch immer die ‚Handzeichen‘ in verschiedenen Kulturen bedeuten mögen.
    Den ganz kleinen Menschen scheint es nicht schwer zu fallen
    sich durch die Hände mitzuteilen. http://www.baby-handzeichen.de

  11. 11
    Maltefan

    Frederic:
    [x] send pix

  12. 12
    Marvin

    Den Klenkes hab ich so im Alltagsleben auch noch nie beobachtet, auf Auswärtsfahrten der Aachener Alemannia ist er aber immer noch ein recht beliebter Gruß auf der Autobahn.
    Eric Meijer hatte ihm ja seinerzeit zu einem neuen Aufschwung verholfen.

  13. 13

    mir hört ja eh niemand zu „¦

  14. 14

    …typische psychopathenhände. wie bei honka. diese fingernägel! und das rauchgelb! wahnsinn…

  15. 15
    stcu

    Zur Uhrzeit-Geste:
    Wie andreja bin auch ich der Meinung, dass diese Geste noch sehr lebendig ist. Auch ich benutze sie. Merkwürdig ist nur, dass auch ich auf das linke Handgelenk deute, obwohl ich selbst die Uhr rechts trage.

  16. 16

    Nett, dazu habe ich mir auch schon des öfteren Gedanken gemacht.

    Bin zum Beispiel einer der wenigen Baseballkappenträger, die auch durchaus mal den Deckel lupfen oder, wie beschrieben, die Hand zum Hute führen. Intensität der Geste nimmt bei mir allerdings mit der Wichtigkeit/Sympathie der Leute ab.

    Sehr nett und in meinem alltäglichen Gebrauch noch vorhanden: eine leichte Verbeugung.

  17. 17
    andreja

    Ich mach ja manchmal einen Knicks. Und wenn ich männliche Zeitgenossen gerne mag, dann nenn ich sie auch noch „junger Mann“. Das wird ja heutzutage alles dermaßen unterschätzt – püha!

  18. 18

    Kommentarselbstbauset:

    1x Geste
    1x Unsterblichkeit
    1x Kundera

    außerdem: diverse Artikel, Verben und Satzzeichen

  19. 19
    andreja

    Lieber Marcel, es geht aber auch anders:

    2* Nörgeln und eine Prise Klugsch***** obendrauf.

    *Giggle*

  20. 20

    @andreja (6): na klar – die geste benutze ich. zum beispiel, wenn der kommunikationspartner einen nicht hören, wohl aber sehen kann. bei abfahrt des zuges zum beispiel…

    gerne benutze ich auch folgende geste:

    die linke hand greift auf das rechte handgelenk während die rechte hand ausgestreckt sich nach oben bewegt.

    dürfte auch aus frankreich kommen und soviel bedeuten wie: ich (wir) haue(n) ab.

  21. 21

    #19 Das war nicht negativ von mir gemeint (falls das so rüberkam). Ich hatte nur keine Lust, meinen Kommentar auszuformulieren. :)

  22. 22
    PiPi

    Danke für die Argumentationshilfe

    „Das war nicht negativ von mir gemeint (falls das so rüberkam).
    Ich hatte nur keine Lust, meinen Kommentar auszuformulieren. :)“

    ;)

    Nichts böses denkend

  23. 23
    Paul

    Was ist eine Basketballkappe? :)

  24. 24
    Harm

    @Paul: eine Kappe für den Basketball, natürlich. Zu Trainigszwecken im Basketball-Sport dem Basketball aufgezogen, verhindert dieser durch seinen angebrachten „Schirm“ das Durchrutschen im Korb, zählt also keine Punkte.
    Nicht zu verwechseln mit „basecap“, einer Mütze, die man im Winter zum lachen im Keller aufsetzt.

  25. 25
    colouredsheep

    Während eines lehrreichen Erasmus-Semesters haben wir festgestellt, dass das Zeichen für „mmmm, das war lecker“ bei fast allen Nationalitäten das kreisförmige Bauchstreichen ist (oder zumindest von den meisten verstanden wird, wenn nicht sogar selbst genutzt), nur die Italiener bohren sich drehend den ausgestreckten rechten Zeigefinger in die rechte Wange. Sieht erstmal witzig aus, wenn man es nicht kennt.

  26. 26

    dass die griechen „nä“ sagen und dabei den kopf schütteln wenn sie „ja“ meinen hat mich auch mehr als einmal in brenzlige situationen gebracht ;-)

  27. 27

    relativ selten ist hier ja auch „tongue in cheek“ – das ausbeulen der (eigenen) Backe durch die Zunge, um deutlich zu machen, das man etwas nicht so ernst/ironisch gemeint hat. Praktiziert das irgendwer hier?

  28. 28
    Florian

    die Professorin für angewandte Sprachwissenschafte (Sprach- und Kulturkontakt) meiner Uni hat in einer Studie 55 Bedeutungen der „Roll-Geste“ festgestellt.
    also beide Hände vor dem Bauch eine lawinenartige Vorwärtsrolle machen lassen….

    spannend… die Volkswagen Stiftung sponserts ;)

  29. 29

    Wer zu viel Zeit hat kann ja mal eine Zusammenfassung und historische Analyse dieser ewig langen Liste von Gesten machen.

  30. 30

    Was hast Du denn mit Deinem Handballen angestellt? Verbrannt? Aufgerissen? oder einfach nur ein roter cooler Fleck?^^

  31. 31

    Die neueste (na gut, ist nicht mehr ganz neu) Geste, die ich häufig auf Bahnsteigen sehe, wenn einer dem davonfahrenden hinterherwinkt, geht so:

    Man formt die rechte Hand zum Halbrund und klappt den Daumen dieser Hand eingeknickt in die Mitte. Dann beginnt man, diesem Daumen rasant un abgehackt herumzuzucken.

    Na wer kann sich das vorstellen? Wer hats erraten? Ist so was ähnliches wie „Schreib mal wieder…“

  32. 32
    MakeAMillYen

    Wette, das sind Renes Haende?

    Und: Basketballkappen? Tststs.

  33. 33
    heidrun

    @Mart: kenn ich in D nur für „blowjob“ :) ist aber eigentlich sehr hübsch, den ausdruck „tongue in cheek“ find ich sehr nett.
    in den usa lachen sie einen aus, wenn man sich mit der hand vorm gesicht rumwedelt, von wegen „du bist ja bescheuert“. ist aber auch hier aus der mode gekommen, ich habs mir gerade aus rätselhaften gründen wieder angewöhnt.

  34. 34
    henker

    hm ich persönlich kann nur sagen, dass hier im rheinland handgesten jeglicher art nicht ausgezeichnet sind, ja der klenkes is als fußballfan noch bekannt, also meines erachtens sind sämtliche fingerzeige noch gang und gebe

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