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Interview mit Alban Nikolai Herbst

Alban Nikolai Herbst kann unter die Avantgarde der bloggenden Literaten gerechnet werden: Seit 2004 führt er sein Blog Die Dschungel. Anderswelt. Anders als beispielsweise Goetz in seinem Abfall für alle spielt er bewußt mit der Kommentarfunktion und schreibt, wie er sagt, daraus einen Roman, aber eben: in einer neuen Form. Parallel dazu reflektiert er die Entwicklung Der Dschungel in poetologischen Betrachtungen: Interview nach dem Klick.

Spreeblick: Herr Herbst, Sie bloggen jetzt seit Juni 2004. Wie kam’s? Was interessierte und interessiert Sie am Bloggen?

Alban Nikolai Herbst: Es war gar nicht das Bloggen als solches, das mich interessiert hatte, sondern es ging darum, eine literarische Präsenz aufzubauen, die unabhängig von den gedruckten Büchern einerseits ständig zugegen ist – was mit meiner heiklen Position im Literaturbertrieb zusammenhängt. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß ich nicht zu den sonderlich beliebten Gegenwartsdichtern gehöre, sondern durchaus mal sehr streitbare und strittige Positionen vertrete, bei denen ich bislang darauf angewiesen war, daß man sie auch druckte, bzw. öffentlich diskutierte. Dazu müssen sie vorhanden sein. Es war etwas gegens Verschweigen zu unternehmen. Das bedeutete: Es war eine Präsenzmacht zu entwickeln. Das ist unterdessen erreicht. Wenn ich heute einen Klarnamen nenne, kann man davon ausgehen, daß meine Bemerkung nach sagen wir einer Woche unter den ersten zehn, wenigstens aber zwanzig Google-Meldungen auftaucht und so dann auch monatelang stehenbleibt. Die Dschungel sind – neben ihrer literar-ästhetischen Funktion und der mich seit jeher interessierenden Frage, wie künstlerischen Produktion und ein ihr parallel laufender Alltag zusammenhängen – durchaus auch ein Kampforgan.

Aus der literar-ästhetischen Funktion hat sich dann schnell der „eigenständige“ Zweig einer literarischen Blog-Ästhetik entwickelt, da mir selbstverständlich sehr schnell auffiel, mit welchen Zeit-Problemen man es in einem Blog zu tun bekommt. Mich hat dann interessiert, ob und wie sich daraus eine eigenständige Kunstform entwickeln läßt. Mich interessiert es dagegen kaum, lediglich das Surrogat einer Anthologie zu bedienen, bzw. im Netz rein das zu veröffentlichen, was sich auch irgendwo und -wie anders veröffentlichen ließe. Ich spreche deswegen auch ungern von „Thread“, weil das Eigenständigkeiten unterstellt, die in Den Dschungeln so gar nicht gegeben sind.

Spreeblick: Gleichzeitig begleiten Sie Ihr Schreiben im Dschungel mit theoretischen Betrachtungen: Besonders hat mich interessiert, dass Sie von der ehrlichen, offensichtlichen Unreinheit des literarischen Bloggens schreiben, das für ein „fortgesetztes, fließendes Denken“ steht. Das bedeutet im Umkehrschluss die Unabschließbarkeit des eigenen Schreibens im Blog. Oder, anders gesagt: It’s a never ending story.

Alban Nikolai Herbst: Das ist richtig. Das Literarische Weblog – ich nenne es ja immer gern einen „Roman“ – ist ein permanenter Roman-in-progress, den Sie sich wie einen Baum vorstellen können, aus dessen Stamm immer wieder neue Äste und Zweige hervorgehen, die Sie ablösen, austreiben lassen und anderswo wieder einpflanzen können, als wären es ganz eigene Geschöpfe. Die es dann auch werden.

Diese Prozesse neuer und wiederneuer Ableger hat auch schon meine Romane und Erzählungen, die in Buchform erschienen sind und ja auch weiterhin so erscheinen, charakterisiert. Sie entstehen innerhalb einer blogartigen Netzpräsenz nur ungleich schneller und auch massierter. Ich habe ja selbst schon Kommentatoren Der Dschungel zu Romanfiguren gemacht; umgekehrt ist es vorgekommen, daß sich Leser unter dem Pseudonym meiner Romanfiguren bei mir in Die Dschungel kommentierend mit eingeschrieben haben. Inwieweit der Prozeß wirklich unabschließbar ist, weiß ich nicht. Persönlich kann durchaus einmal der Tag kommen, an dem ich sagen werde: Jetzt reicht es. Es kann aber auch sein, daß ich so weitermachen werde und daß, vielleicht, wenn ich sterbe, einer der anderen Fiktionäre meinen Namen hernehmen und unter ihm weiterschreiben wird, als wäre gar nichts geschehen.

Spreeblick: Inwiefern verändert die Interaktion mit den Lesern den Prozeß des Schreibens?

Alban Nikolai Herbst: „Inwiefern“ ist sehr schwer zu sagen und auch ganz unterschiedlich. Es gibt Interaktionen, die meinem Eindruck nach überhaupt keinen Einfluß haben, andere wiederum wirken oft erst Wochen, machmal Monate später, und dann gibt es solche, die einen ganze Passagen um- und manchmal auch wegwerfen lassen, bisweilen spontan. Nun ist das für mich prinzipiell nicht neu, weil ich schon immer auch unfertige Texte zur Diskussion gestellt habe – in Lesungen zum Beispiel. Als der WOLPERTINGER entstand, da lebte ich noch in Frankfurt/Main, traf sich ein Jahr lang wöchentlich eine Gruppe von Zuhörern – mal waren es zwanzig, mal nur fünf -, die der Entstehung des Romanes quasi direkt beiwohnten; ich las dann immer vor, was während der vergangenen Woche entstanden war. Dann wurde diskutiert. Es waren Leute dabei, die heute sehr prominent sind, es waren „einfach“ Leser dabei, es waren bisweilen auch schon Kritiker dabei, etwa Jochen Hieber von der FAZ. Ich habe das aber auch auf öffentlichen Lesungen oft so gehalten und halte es heute noch gelegentlich so. Das Literarische Blog anonymisiert das Verfahren, weitet es dabei allerdings aus. Das entspricht dann sehr viel mehr den tatsächlichen Bedingungen, unter denen Literatur sonst rezipiert wird. Sie werden mitbekommen haben, daß ich sehr oft gerade erst entstandene Gedichte einstelle und diskutieren lasse und daß ich den Änderungsprozeß dann mitveröffentliche. So kann man sehen, wo und wie ich streiche und/oder ersetze usw. Zum Beispiel hier. Meist gibt es auch einen Zusammenhang mit meinem parallel immer mitgeführten Arbeitsjournal (ich unterscheide relativ streng zwischen Hauptseite, Arbeitsjournal und dem von verschiedenen anderen Beiträgern geführten Tagebuch). Ganz ebenso gab es auch Diskussionen unter meinen Übersetzern zu Übersetzungsprobleme, die Texte von mir ihnen bereiteten, und man schlug nun das und jenes vor, verwarf es usw. All das in einem öffentlichen Prozeß, und bisweilen zwischen Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland hin und her.

Spreeblick: Die direkte Ansprache des Lesers und auch die Interaktion mit ihm scheint mir ein wesentliches Moment Der Dschungel zu sein, allerdings nicht nur auf literarischer Ebene, sondern mindestens noch in zwei weiteren Bereichen: Einerseits ökonomisch, also dass der Leser bei der Finanzierung der Arbeit hilft, beispielsweise durch Spenden. Funktioniert das denn?

Alban Nikolai Herbst: Nur in sehr kleinem Rahmen. Da aber kontinuierlich. Es ist auch schon mal eine Whiskyflasche bei mir angekommen. Wobei die eigentlichen Finanzierungsüberlegungen viel mehr auf meiner Homepage Herbst & Deters Fiktionäre angestellt und versucht worden waren, die unter anderem als Reservoir von Texten im pdf-Format dient – neben der Darstellung meiner literarischen Position, der Bibliografie usw. Die Homepage dient dem Sekundären, Vertrieb usw., das Literarische Weblog der entstandenen und entstehenden Ästhetik. Insgesamt ist aber die Entlohnung von Netzarbeit ein großes Problem. Es gibt Ansätze bei der VG Wort; sie sind aber für einen Einmannbetrieb wie den meinen völlig unumsetzbar, wenn man nicht einen Großteil seiner Zeit mit rein programmierenden Formalien zubringen will.

Spreeblick: Mindestens genauso wichtig scheint mir der hier vorgetragene Gedanke, dass die Dschungel ein einerseits fiktionales Beziehungsgeflecht sind, das heißt: dass Positionen oder Geschichten erfunden sein können, sogar der Autor selbst ersetzt werden kann (sofern sein Name bestehen bleibt): das aber für die Beziehung überhaupt nicht wichtig ist, mithin nicht den wahrhaftigen Kern der Beziehung trifft. Können Sie das nochmal erläutern?

Alban Nikolai Herbst: Hierzu weiß ich nicht genau, was Sie mit „Beziehung“ meinen. Beziehung zu den Lesern, zu den anderen Schreibern… reale und/oder fiktive Beziehungen? Tatsächlich sind, abgesehen von realen Freundschaften, die sich aus Den Dschungeln entwickelt haben, die Beziehungen in Den Dschungeln literarische, d.h. sie unterliegen künstlerischen Bewegungen, und es wird nicht unterschieden zwischen einer Figur und einer Realperson. Es gibt ja einige Beiträger, die unter verschiedenen Namen auftreten, zum Teil auch mit sich selbst, wenn man so will, diskutieren – also mit ihren Abspaltungen. Insgesamt ist das ein Tanz der Identitäten – etwas, das ich schon früh für Netz-Kommunikation insgesamt festgestellt habe: Hier sprechen die Ideal-Ichs… oder, in einem Literarischen Weblog, mögliche Ichs, die ganz bewußt n i c h t ideal gefaßt sind, sondern Einzelaspekte, Einzelobsessionen usw. repräsentieren.

Spreeblick: Andersrum gefragt: Kann es denn im Rahmen Der Dschungel überhaupt „reale Beziehungen“ geben?

Alban Nikolai Herbst: „Im Rahmen Der Dschungel“ nicht, bzw. wäre hier zu klären, was denn reale Beziehungen seien. Wenn es darum geht, ob man sie empfindet, dann sind sie in Den Dschungeln – wie in jedem anderen Blog – durchaus möglich; das unterscheidet ein Literarisches Weblog weder von einem Plauderblog noch von seiner vergehenden Grundform, dem Chat. W a s es unterscheidet, ist der Umstand, daß diese Verhältnisse Teil der Darstellung selbst sind und selber zu künstlerischem Material werden, mit dem „man“ schon spielt, während es sich noch schafft.

Spreeblick: Gilt das nicht für jedes Blog, gleichgültig, ob nun literarisch oder anderweitig orientiert? Die Darstellung ist ja zunächst einmal rein technisch, als Kommentar oder ähnliches.

Alban Nikolai Herbst: Der Unterschied besteht darin, daß ein Literarisches Weblog, so, wie ich es verstehe, genau diesen Umstand zu seinem Material macht. Das technische Moment tritt allerdings zurück gegenüber dem fiktionalen. Und auf dieser, der fiktionalen, Ebene, wird gehandelt. Übrigens betrifft das selbstverständlich insgesamt unseren Umgang mit Welt, der ja alles andere als „realistisch“, sondern immer schon intentional gefärbt ist. Das geht auch gar nicht anders. Nur nimmt ein Literarisches Weblog – wie Literatur insgesamt – diesen Umstand in den Blick und formt ihn.

Spreeblick: Was bedeutet das Internet für den Literaturbetrieb und welche Hoffnungen oder Befürchtungen haben Sie für die Zukunft?

Alban Nikolai Herbst: Für den Literaturbetrieb a l s Betrieb wird es über kurz oder lang die Distribution der Bücher übernehmen. Der Buchhandel wird, abgesehen von zweidrei Ketten und von sehr spezialisierten Händlern, etwa Antiquaren, schließlich aussterben, aber sich auch dort, wo er noch weiterexistiert, ohne einen Netz-Vertrieb nicht mehr halten können. Das ist das eine, die äußerliche Seite.

Interessanter ist die innere. Wir stehen hier an einem Scheideweg. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir den sinnlichen Eindruck, ein Buch zu lesen, über Geräte herstellen können, die sehr leicht sind und die man vielleicht so trägt, wie heute schon Bluetooth-Empfänger für das Mobiltelefon. Sie werden einem den Eindruck vermitteln können, daß man Seiten umschlägt; man wird wahrscheinlich ein Buch auch riechen können, ohne daß es de facto da ist. Ich denke, das ist allenfalls noch eine Frage von zwanzig/dreißig Jahren… wobei es da schon nicht mehr klar ist, ob diese materiale Fetischseite eines Buches überhaupt noch empfunden werden muß. Da wird schon eine ganz andere Generation lesen, für die so etwas möglicherweise gar nicht mehr wichtig ist. Letztlich geht es ja um Texte, also gedichteten Inhalt, und der braucht in der Tat keinen Körper.

Meine Befürchtungen gehen in diesem Zusammenhang in Richtung auf einen Verlust sprachlicher Differenzierung. Es gehen derzeit ganze grammatische Zusammenhänge verloren, zu denen übrigens auch sprachliche Ausnahmen gehören; die Sprache wird nach und nach auf einen rein pragmatischen Funktionalismus hin umgeschrieben, dessen Wurzel allein noch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten ist. Sie werden bemerkt haben, daß ich demgegenüber – und ohnedies ganz bewußt im Umfeld der „Netzsprachen“ – den elaborierten Code pflege – alle möglichen Ebenen sprachlichen Ausdrucks, der sich auch ganz bewußt nicht vor langen Sentenzen und Sätzen scheut. Meine Zugriffszahlen haben mir bislang noch recht gegeben, es so und eben nicht auf eine Weise zu halten, die man normalerweise im Netz vorfindet.

Spreeblick: Bleibt die Frage, wie sich Literatur im Netz finanzieren kann. Bisher kann sie das ja nicht. Sie selbst haben in Den Dschungeln schon einmal die Überlegung eines Abonnements aufgenommen, also ungefähr wie die Schröder&Kalender-Rundbriefe, nur online. Sehen Sie weitere Wege?

Alban Nikolai Herbst: Das „nur online“ bezeichnet das Problem: Das Internet ist für die meisten Leser ein Laden, in dem es Brillanten neben Schlacke umsonst gibt; an sich ist das so auch sehr richtig, weil es die Warengesellschaft unterläuft, d.h. fundamental nicht-ideologisch ist. Abonnements und dergleichen stehen dagegen; man sieht das schon leicht daran, daß Nutzer entweder, wie in den Tauschbörsen, kriminalisiert werden, und zwar nicht dann, wenn Einzelinteressen der Grundstruktur des Netzes entgegenstehen, sondern wenn es Interessen machtvoller Lobbies sind, wie z.B. der Pop-Musikkonzern und der Filmbranche, die ohnedies bereits Milliarden um Milliarden umsetzt. Andererseits bleibt das Faktum, daß jemand, der im Netz künstlerisch tätig ist, dies unter großem Zeitaufwand tut. Ich arbeite an und in Den Dschungeln nicht selten bis zu sechssieben Stunden täglich, manchmal mögen es nur vier sein. Dafür gibt es kein Entgelt. Ich wäre dennoch gegen eine Abonnements-Lösung, schon, weil jedes Paßwort seinen Entschlüssler findet – was ich wiederum als emanzipierend verstehe. Sofern nicht mit massiver polizeilicher Gewalt oder gar staatlichen Zugangsverweigerungen gedroht ist, kann sich der Warencharakter – Produkte der Erfahrung und ihrer Verarbeitung – nicht endgültig im Netz etablieren. Dennoch geht es um die reine Existenz von Netzautoren und Netzentwicklern. Da wäre – wie das seinerzeit bei den Verkäufen elektronischer Unterhaltungsgeräte gemacht worden ist, aber auch beim Bibliotheksgroschen und der Fotokopierabgabe – eine automatisierte Form zu finden. An so etwas hat die VG Wort ja gesessen, nur daß das Ergebnis gerade für schnellebige Formate völlig unrealisierbar ist: nämlich jeden Beitrag mit einem Zähler zu versehen, der zur VG Wort führt und dort ausgewertet werden kann. Zudem bekommt die VG Wort meines Wissens durchaus keine den Kopierabgaben vergleichbaren Beträge bei Computerkäufen. So etwas wäre viel besser über die Provider zu lösen, sagen wir t-online. Schaltet man dort einen neuen Kunden für DSL o.ä. frei, ginge ein bestimmter Prozentsatz immer an VG Wort und meinethalben an die GEMA. So wäre auch das Tauschproblem, jedenfalls innerhalb Deutschlands und vielleicht auch bald Europas, schneller und besser gelöst als vermittels kriminalisierender Maßnahmen. Dann wäre allerdings immer noch ein praktikabler programmierter Modus vonnöten, über welchen sich Netzautoren bei den Verwertungsgesellschaften akkreditieren könnten. Bereits an der Praktikabilität scheitert es derzeit noch. Die neuen Bestimmungen und Verfahren sind für Unternehmen wie Spiegel online gut praktikabel, weil sich der dahinterstehende Konzern Programmierer leisten kann, die die Erfordernisse umsetzen. Für die meisten Autoren, zumal für Dichter, ist ja schon das bestehende Steuersystem undurchschaubar, das einen zum Unternehmer macht und so auch behandelt. Nichts ist einem Künstler aber auch und gerade psychisch ferner.

Anzudenken wären auch Bezüge, die ein Künstler und auch Netz-Künstler d i r e k t als Abgaben aus Steuergeldern bezöge, wie das meines Wissens einige Jahre in Dänemark gemacht worden ist und vielleicht immer noch gemacht wird – Abgaben nach Art eines Stipendiums. Hier ist überhaupt weiterzudenken. Aber das Netz ist noch nicht so weit, die Werte-Akzeptanz ist noch nicht so stark, daß überhaupt bereits Preise und Stipendien für Netz-Kunst vergeben werden, ohne daß es eigene Nischen-Preise sind. Das wird sich ändern, glaube ich, aber erst in ein paar Jahren, bis eine neue Generation, für die das Netz sehr wohl Kunstraum ist, die ältere abgelöst hat, die sich nach wie vor mit der Bewertung von Netz-Kunstwerken schwertut. Es ließe sich auch an einen Verwertungs-Zusammenschluß von Netz-Literatur-PLattformen denken, wie www.litblogs.net das für die ästhetische Seite versucht. Also eine eine dritte Instanz n e b e n VG Wort und Gema, die sich rein um die Verwertungsseite der Netzkunst kümmerte und anteilig aus den Erträgen bezahlt würde.

Der dritte Weg ist der mäzenatische. Auch ihn habe ich, mit wechselndem Erfolg, versucht: Stammleser überweisen von sich aus und je nach Vermögen Beträge an die Autoren ihrer Plattformen.

Spreeblick: Querfinanzierung durch meinethalben Werbung stellt für Sie keine Alternative dar.

Alban Nikolai Herbst: Nein, nicht für Die Dschungel. Das liegt daran, daß das ästhetische Erscheinungsbild der Site wichtig ist, eine Art Geschlossenheit bei Stimmenvielheit. Ich würde mich vielleicht auf einen Sponsor einlassen, der dann sein Signet bekäme, einen, höchstens zwei, das wäre es dann aber auch. Und solche Sponsoren müßten in einem ästhetischen Verhältnis zu Der Dschungel stehen. Zum Beispiel könnte das ein Verlag sein. Tatsächlich hat es auch Vorgespräche dafür gegeben, Die Dschungel in ein großes Haus einzubetten. So etwas scheitert aber stets daran, daß ich mir nicht in meine Themen hineinreden lasse. Da dazu etwa auch, das läuft ja immer mit nebenher, eine Debatte über BDSM gehört, und weil insgesamt Tabu-Themen eine große Rolle in Der Dschungel spielen, haben sich solche Gespräche aber immer stets schnell im Vorfeld erledigt. Ich reklamiere hier bekanntlich eine völlige Freiheit der publizierten Rede.

Wiederum wäre die Möglichkeit von Popups nur dann sinnvoll, wenn sie aggressiv wären, wie das gelegentlich ja vorkommt. Sie bringen dem Werbeträger sonst auch nichts oder nur wenig. Das aber würde er wieder die Site ästhetisch zerschlagen. So gesehen, stecke ich hier in einem Dilemma, in dem ich bereits 1985 mit meinen DSCHUNGELBLÄTTERN steckte, die eine ähnliche gestalterische Problematik hatten und ganz bewußt ohne jede Werbung im Heft waren. Tatsächlich habe ich 2004 das 1989 eingestellt, bis dahin monatlich erscheinende Periodikum im Netz wieder aufgenommen. Publizistisch wirkt ästhetische Kontinuität.

Spreeblick: Sie haben einst, 2006 muss das gewesen sein, eine Romanfigur bei Ebay versteigert. War die Aktion ein Erfolg?

Alban Nikolai Herbst: Na ja, ein ambivalenter. Ich hatte ja gesagt: Alles, was unter 1000 Euro bleibt, werde nur Nebenfigur werden, alles darüber Hauptfigur. Da hatte ich dann, als das lief, plötzlich einen riesigen Bammel, d a ß es eine Hauptfigur würde – einfach, weil von dem Roman ja schon gut die Hälfte vorlag. Es blieb dann unter 1000 Euro. Der Witz ist jetzt, daß sich der „Käufer“ unterdessen zurückgezogen hat. Es ist der österreichische Dichter E.A.Richter. Er zog sich zurück, wohl weil ihm alles dann nicht schnell genug ging. Wenn man an einem 1000seiter arbeitet, b r a u c h t das aber Zeit, viel Zeit. Nach etwa einem Jahr für ihn wohl so verstandenen Nicht-Vorankommens zog sich Richter ins Schweigen zurück und beantwortet auch schon seit langem keine Mail mehr. Desungeachtet ist er unterdessen Romanfigur g e w o r d e n, die auch mit Klarnamen benannt ist, und zwar, das ist jetzt der g u t e Witz daran, eine der Hauptfiguren. Der etwas schlechtere Witz ist, daß ich den „Erlös“ der Versteigerung nie gesehen habe. Ich bin aber auch nie darum eingekommen.

Diese Verwendung von realen Personen in meinen literarischen Werken hat eine gewisse Tradition. Etwa ist ein Leser, der bei mir oft unter dem Anonym Brem kommentiert hatte, als weitere Hauptperson in den Roman eingegangen. Er hatte mir Bilder von sich geschickt, wir hatten einige Korrespondenz. Irgendwann lösen sich solche Figuren dann aber nachdrücklich von ihren „Urbildern“, wie das in juristischen Auseinandersetzungen genannt wird. Sie werden ganz eigenständige Personen mit eigenständiger Präsenz und psychischer Dynamik.

Spreeblick: Was meinen Sie, wann wird „Argo“ denn vorliegen?

Alban Nikolai Herbst: Momentan noch sieht es nach Herbst 2009 aus. Das wird allerdings eine Finanzierungsfrage sein, da es Axel Dielmann ist, der sich wieder an das Projekt wagen will. Für Kleinverlage, das wissen Sie selber, spätestens seit Ihrem Interview mit dem „Verbrecher“-Verleger Sundermeier, sind solche Ungetüme nur unter den Bedingungen der Selbstausbeutung stemmbar. Dielmann hat 1993 schon den WOLPERTINGER-Roman herausgebracht, der vorher durch 35 oder 36 Verlage gewandert war; die Großen hatten alle abgewunken. Das Ding wurde dann ein Erfolg und ist ja bis heute, 15 Jahre später, noch lieferbar, übers Taschenbuch bei dtv und als Hardcover. Es scheint so, als wollte sich das damalige Geschehen nunmehr mit dem ANDERSWELT-Projekt wiederholen. Diejenigen, die finanziell die Möglichkeit hätten, solch einen Roman herauszubringen, scheuen das Risiko, und die kleinen Verlage nehmen es an. Allerdings gewittern hinter der Situation auch die ästhetischen Positionen. Über Ablehnungsgründe bei Kiepenheuer habe ich ja publiziert. Das s t e h t nur für eine Allgemeintendenz, von der ich meine, daß sie die (Prosa)Literatur-als-Dichtung letztlich mit umbringen wird. Auch, an wen der letzte Döblinpreis ging, zeigt die Richtung aus Lobbywesen und politisch korrektem Mainstream, und zwar über die Köpfe und Herzen der Juroren hinweg, die es tatsächlich besser wissen müßten. Aber das gehört ins Hauptbuch der kapitalistischen Demokratie und ist eine Folge der internalisierten Sozialisation.

Spreeblick: Herr Herbst, vielen Dank für das Gespräch.

6 Kommentare

  1. 01

    Sehr interessant und lesenswert, vor allem weil die bislang desöfteren in Interviews erlebte Selbstdarstellung des Herbst sich diesmal wohltuend in Grenzen hält.

    Seine Befürchtungen bezüglich des Verlustes des Wunschs nach einem haptischen Bucherlebnis teile ich auch. Ob es irgendwann glaubwürdig simulierbar sein wird wage ich zu bezweifeln.

  2. 02
    Daniel

    Der haptische Fetisch mag nicht simulierbar, aber wohl obsolet werden. Ich für meinen Teil schätze eBooks wegen ihrer Handlichkeit und besseren Lesbarkeit schon jetzt.

    Grüße, Daniel

  3. 03
    PiPi

    Es ist jedem selbst überlassen welche individuellen Schlüsse man daraus zieht.

    Sind wir nicht alle ein bisschen komisch,
    wenn der Begriff ‚Surogat‘ etwas anderes bedeuten kann,
    als eigentlich Bezweckt?

    Mir ist ‚Sugo‘ weitaus lieber.

  4. 04
    Herr Kurz

    Jammer, Jammer, Jammer, wenn man sich das anhört möchte
    man wieder an das Gute glauben.
    Warum sollte man ausgerechnet den drucken, wo es so viele
    gibt die auch nicht schreiben können

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