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Der Rand des Lächelns

Es ist kein neues Phänomen, aber zuletzt ist es mir verstärkt bewusst geworden: Leser regen sich darüber auf, dass andere Leute hochgenommen werden. Das ist ein netter Zug, zeigt es doch etwas Un-Raabiges an unseren Lesern, das ich sehr schätze. Aber ich denke natürlich auch: Seid ihr denn jetzt völlig mit dem falschen Hirn aufgestanden?

Ob es um Sekten geht, schläfrige Säuglinge oder andere Sekten – stets steht der Humor im Verdacht, der kleine Bruder des Vernichtungswunsches zu sein, der Großonkel der Ausmerzung.
Lachen hat nicht den besten Ruf. Es gibt das parlamentarische Lachen, das entweder dazu verwendet wird, den politischen Gegner bloßzustellen oder den eigenen Mann dazu anzufeuern, den politischen Gegner bloßzustellen.
Es gibt das sexuelle Lachen, wenn der Gemächt-Härtegrad des Möchtegern-Ei-Befruchters vom Weibchen verspottet wird, das Pausenbrot-Auslachen, das Dicke-Leiche/Dünne-Sargträger-Lachen, das Özgür-hat-den-Film-nicht-verstanden-Lachen.

Ha!
Das Özgür-hat-den-Film-nicht-verstanden-Lachen ist ja mal wieder bodenlos. Klar sagt er Özgür und klar wird dieser Özgür ausgelacht, weil er etwas nicht versteht. Aber gerade die Gutmenschen von der Spree neigen ja bekanntermaßen zu einem besonders ekligen Alltagsrassismus, weil sie ja die Guten sind und deshalb alles sagen dürfen.

Nun ist aber Özgür ein real existierender Zahnarztsohn und (mittlerweile) Zahnarzt, der akzentfrei Deutsch sprach und denkfrei durch das Leben kam. Wenn wir zusammen einen Film sahen, der über das Niveau der Teletubbies hinausreichte, fing er nach fünf Minuten an zu fragen: „Wer ist das jetzt?“, „Was will der?“, „Wer ist denn die geile Braune?“, „Gruppe?“ (wenn ein Lied lief, sagte er immer „Gruppe“, das hieß, man sollte raten, welche Gruppe das Lied hergestellt hatte oder es ihm sagen oder ihm war einfach danach „Gruppe“ zu sagen.

Nach 10 Minuten bekam er dann irgendetwas über sein löchriges Hirn gesagt und dann ertönte das Özgür-hat-den-Film-nicht-verstanden-Lachen. Am lautesten lachte Özgür.

Ha!
Umso ekliger dieses Beispiel. Vor Scham hat er gelacht, vor Scham, er wollte Teil der Gruppe sein und hat sich deshalb selber ausgelacht, obwohl er doch am liebsten geweint hätte.

Geht es auch einmal eine Nummer kleiner?
Ich habe mein Freud-Studium abgebrochen, nachdem ich im Spezielle-Fälle-der-Traumdeutung-Kapitel vor Lachen gestorben bin, aber ich würde behaupten, dass es Schlimmeres gibt als soziales Verächtlichmachen oder Spott.

Ha!
Schlimmer geht immer, aber du gibst ja selber zu, dass es schlimm sein kann.

Kein Schulkind gibt gern dämliche Antworten/ist ein StreuselkuchenClearasil-Verschwender/findet Asien auf der Weltkarte nicht (das dicke Mädchen, dem dieses Kunststück gelang, hat aber auch nur um einen Buchstaben den Nachnamen Nackenbruch verpasst, war also auf Probleme ähnlich gut vorbereitet wie der Boy named Sue).
Aber soll man deshalb so tun, als wären solche Aspekte des Schulalltags nicht komisch?
Komisch auf die primitivste Art, ok, aber was wäre die Welt ohne Fäkalhumor, Ausgrenzung durch Lachen und Pickelwitze? Was wäre gewonnen, wäre man mit ernster Miene nach Hause gegangen, wenn Konrad Mangelmann mal wieder in die einzig verfügbare Schlammpfütze gefallen ist, wäre Stefan Mutzenbachers Sexualleben glücklicher geworden, wenn er nicht darauf aufmerksam gemacht worden wäre, dass er sich ein Schleifchen in die Vorhaut machen kann?

Gerade im letzten Fall könnte man sagen: Na klar. Er wäre sich eines eventuellen Makels gar nicht bewusst gewesen und hätte sich mit prächtiger Erektion seinen Sexualpartnern nähern können, statt schamvoll die wirklich unfassbare Vorhaut im Dunklen zu verbergen.
Das ist wohl so. In einer Welt, in der niemand den anderen vorverurteilt, in der niemand denkt „Boah, sieht der aber mal kacke aus“, in der sich niemand zum Zweck der Selbstvergewisserung von anderen abgrenzt, da gäbe es manches Lachen nicht.

Das wäre schön.

Spreeblick könnte sich dann in ein biologisches Eiscafé verwandeln oder in eine Firma für Röntgengeräte oder wir würden ernste Artikel schreiben und Videos zeigen, um gemeinsam zu weinen.

Ein Traum.

Aber Menschen sind nun einmal eklige Drecksäcke, voller unsubtiler Affekte, die einen sich am Boden wälzenden 17jährigen, der Popsänger werden will (nein, nicht Bill von Tokio Hotel, dieser Typ aus Deutschland sucht den Superstar) komischer finden als das Spätwerk von Wim Wenders.

Menschen sind unsicher und deshalb lachen sie, Menschen sind grausam und deshalb lachen sie und Menschen sind verdammt intelligent/doof/heiter/böse/hinterfotzig/vordergründig/oberflächlich/unterbelichtet und deshalb lachen sie.

Der Subtext des Lachens in den oben genannten Beispielen ist nicht Hass, sondern ein „Boah, siehst du aus“, ein „Machst du da aber was Blödes“, ein „Und das nennst du Musik?“.

Nichts, was man nicht auch zu sich selber sagen könnte.

Lacht doch auch mal.

15 Kommentare

  1. 01

    Mit der Humor-Vorliebe ist es wie mit der politischen Grundhaltung: Jeder meint, die einzig richtige zu haben und kann die anderer nicht im geringsten nachvollziehen.

  2. 02

    ich komme dem gerne nach und lache ein wenig hämisch vor mich hin!

    oh, die kollegen schauen schon boese…

  3. 03
    CHR

    Will nur mal kurz festhalten, wo ich die Grenze ziehe: Die beiden letztgenannten Fälle empfand ich persönlich als harmlos. Ein schlaftaumelndes Baby – kann man lustig finden. Auch die glücksbeseelten Zellenhaufen im Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt können einen schmunzeln lassen. Beide haben gemeinsam, dass die Vorgänge – mir fehlen die passenden Worte – unschuldig sind. Sie ziehen ihren Humor aus der Situation und der Einstellung des Betrachters. Sie fallen unter das Risiko, das jeder eingeht, wenn man sich anderen Menschen bewusst oder unbewusst aussetzt.

    Das erste Video der Mütter der „Fundamentalist Church of Latter Day Saints“ hatte für mich einen gewaltigen Rattenschwanz. Hier sitzen Frauen, denen man bei aller verschrobenen Weltsicht erst einmal unterstellen muss, dass sie tatsächlich nicht verstehen, wieso ihre Lebensweise ihre Kinder bedrohen. Insofern kann man zunächst einmal annehmen, dass sie sich ernsthaft sorgten. Vielleicht waren sie auch nicht mit den Mechanismen der Medien vertraut. Oder sie wussten nicht abzuschätzen, wie fremd sie auf Andere wirken können. Ihre letzte Sorge dürfte jdenfalls gewesen sein, dass sie modisch nicht ins Bild passen.

    Und wo schlägt man drauf? Auf die Blusen, die Optik und ihr Verhalten. Bei allem Humorverständnis, aber da kommt bei mir nur ein Lachen auf: Das Malte-Welding-hat-einfach-nicht-kapiert-dass-er-oberflächliche-Witze-macht-Lachen.

    In diesem Sinne. HA! Gerne auch: HAHA!

  4. 04
    westernworld

    besonders schön wird das dann bei leuten die im rahmen von popkulturellen gutfinderitualen ihre vermeintliche liebe zum dem was sie vom britischen humor verstanden haben lauthals bekräftigen.

    spießertum ist kein frage des konkteten geschmacks, sondern die unfähigkeit sich etwas außerhalb des eigenen verblödungszusammenhangs vorzustellen, sie ist somit nicht auf ein bestimmtes milieu beschränkt.

  5. 05
    JST

    lieber malte, dein langer text macht die verlinkung eines kindervideos trotzdem nicht besser.

    klar ist das video für sich genommen lustig – im familären context. wenn darauf aber einer von johnnys söhnen zu sehen gewesen wäre, das video hätte wahrscheinlich auf deinem blog nicht stattgefunden. oder gibt es auf spreeblick und befreundeten seiten bilder von johnnys kindern? vielleicht hab ich ja die artikel nicht gelesen.

    klar geht humor zu lasten von minderheiten etc., grenzen gibt es aber irgendwie trotzdem und bei kindern sehe ich die ganz klar. dein blog lädt zu kommentaren ein, also habe ich meinen unmut geäußert. deshalb gehe ich aber nicht zum lachen in den keller.

    rocknroll – JST

  6. 06

    Schlimmer finde ich die innere Selbstzensur, welche einem Menschen nicht erlaubt, über das eine oder andere Wesen zu lachen – immer aus höchst ehrenwerten Gründen. Natürlich. Man merkt dabei nicht, dass die Einhaltung bestimmter Grenzen, die angeblich nicht überschritten werden dürfen, das andere Wesen ebenso zum bloßen Objekt degradiert – nur eben nicht zum Objekt des Witzes, sondern zum unmündigen, schutzbedürftigen Opfer.

    Nichtlachen kann auch sehr herablassend sein.

  7. 07

    Das ist ja auch eine Art Selbstschutz: Den Kritikern mangelnden Humor attestieren und damit die Verletzung des Persönlichkeitrechtes (Recht am eigenen Bild) des Säuglings schönschreiben.

    Demnächst werde ich Malte auch auf Followerpartys beim Kiffen filmen und Johnnys Kinder auf dem Spielplatz und die Bilder hinterher ins Netz stellen. Findet bestimmt irgendwer ganz lustig. Andere werden sicherlich schäumen vor Wut und diese kann ich dann auf diesen Artikel hier verweisen …

  8. 08

    Naja, also – schöner langer Text – er umfasst ganze zwei Humorvarianten als allumfassendes Entweder-Oder.

    Über andere zu lachen ist eine Sache, es zur Profilierung zu benutzen eine andere.

    Meiner Meinung nach gibt es Humorvarianten die an Situationen oder Interaktionen gebunden sind (und bleiben sollten) und nicht einfach so im Internet ausgelebt werden dürfen.
    Wenn die Fröhlichkeit der einen die Demütigen der anderen ist (vor deren Nase vielleicht noch), kann man auch nicht wie Johnny (Kommentar #1) sagen: Ist halt Humor, geh einfach weg wenn du anders denkst.

  9. 09
    Maltefan

    Malte, ich bitte Dich. Wir sind hier in Deutschland. Hier darf man andere Nationalitäten für ihren schwarzen und geschmacklosen Humor bewundern, aber lachen darf man über solche Witze nur wenn sie ein Ausländer macht.

  10. 10

    Schadenfreude ist eklig. Über absurde Lebenssituationen kann man aber gut lachen und am besten, wenn man aus Erfahrung weiß, dass man schnell selbst in einer solchen sein kann. Ich hab mich noch nie daran erfreut, dass es jemandem schlecht (er)geht, aber oft über die Absurdität des Lebens.

  11. 11

    @amazeman: Spannend, wie du meinen Kommentar #1 interpretierst. Denn ich habe keineswegs etwas von „Geh weg“ geschrieben. Und: Ich habe Maltes Artikel kommentiert. Also ihn.

  12. 12
    Till E. Spiegel

    …lachen wir doch zur Abwechslung einfach mal über uns selbst – Wir Spaßvögel…

  13. 13

    >Was wäre gewonnen, wäre man mit ernster Miene nach Hause gegangen, wenn Konrad Mangelmann mal wieder in die einzig verfügbare Schlammpfütze gefallen ist, wäre Stefan Mutzenbachers Sexualleben glücklicher geworden, wenn er nicht darauf aufmerksam gemacht worden wäre, dass er sich ein Schleifchen in die Vorhaut machen kann?

    Sorry, Malte, aber.

    Es wäre ganz einfach Stefan Mutzenbachers Würde gewonnen. Solche Fragen stelle ich mir allerdings nicht mehr, seitdem ein Kumpel mit dem Finger auf ein dickes Mädchen in der Tanke zeigte und lauthals rumposaunte „žBoa, guck mal die!“ Und ich ihr danach in die Augen gesehen habe.

    Aber ich kenne ja auch Menschen, die andere Menschen als „B-Ware“ bezeichnen. Wie Du sagst: „žAber Menschen sind nun einmal eklige Drecksäcke“. Yep. Stimmt. Man muss aber nicht alles damit entschuldigen.

  14. 14
    MakeAMillYen

    Krass, die Blusen.

  15. 15
    maniacator

    „Aber Menschen sind nun einmal eklige Drecksäcke“

    Wem der Schuh passt, der ziehe ihn sich an.

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