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Sex and the City – We Children from Bahnhof Shoe

Sex and the City ist der modernste Film, den ich je gesehen habe.
Er löst sich so vollständig von den Erwartungen, die man an das Genre Liebeskomödie stellt, er entwirft so radikal die Utopie einer Gesellschaft ohne Menschen, wie es noch kein Film zuvor gewagt hat.

In „Schöne neue Welt“ wird ein Ausflug ins „Fühlkino“ beschrieben. Der Film, der dort gezeigt wird, hat sich gänzlich entfernt von unserer Vorstellung von Story, er ist nur noch Mittel zu dem Zweck, die Sensationen des Fühlkinos zur Entfaltung zu bringen. Man hat Sex auf dem Bärenfell, damit die Zuschauer (oder- fühler) den sanften Pelz spüren können, Hubschrauber donnern, um die Vibrationen erleben zu lassen.

Genauso funktioniert Sex and the City. Handlung ist nicht einmal mehr Vorwand, um Produkte zu zeigen – sowenig wie eine Modenschau einen Grund braucht, um Kleider zu zeigen.

Der Teufel trägt Prada war eine Aschenputtelgeschichte, Pretty Woman war eine Aschenputtelgeschichte. Sex and the City ist eine Taschenbüttel-Geschichte.

Hauptfigur Carrie sagt zu ihrer schwarzen Perle (die so ist, wie Afroamerikaner zur Zeit in amerikanischen Filmen und Serien sind: laut, patent, ghettoklug, so als hätten sie sich gerade eine Banane aus dem Arsch gezogen, die ihnen vom Dreh des letzten Snoop-Dogg-Pornos noch im Arsch gesteckt hat und könnten doch schon wieder beschwerdefrei laufen) in einem der vier bis fünf großen Gefühlsimitatsmomente des Films: „Du hast mir den Spaß am Leben wiedergegeben.“ Die Perle antwortet: „Und du hast mir eine Louis-Vuitton geschenkt.“ Und sie sagt das nicht etwa in dem Sinne von: „Na toll. Und du Schlampe hast mir eine hässliche Tasche mit pinkem Boden geschenkt.“ Sondern im Sinne von: „Dann sind wir ja quitt. Denn was ist schon ein Leben, wenn man es ohne Louis-Vuitton-Tasche durchschreiten muss?“

Herr sind die Dinge

Die ersten 45 Minuten spielen im Nirwana einer Kaufsüchtigen. Auf die Entwicklung einer Geschichte wird vollständig verzichtet, stattdessen erfüllt sich wie in einer Mischung aus „Der Preis ist heiß“ und „Wer wird Millionär?“ jeder Konsumtraum. Die Riesenwohnung, das Vivienne-Westwood-Kleid, der begehbare Schuhschrank, mehr Kleider, mehr Schuhe, mehr Platz für die Kleider und Schuhe. Die Stadt findet nicht statt und Sex ist das, was den Lebensstil vervollkommnet.

Dann entscheidet sich Mr. Big, Carrie nicht heiraten zu wollen und nach zwei Stunden und 15 Minuten entscheidet er sich, sie doch zu wollen, aber nach seinen Bedingungen. Miranda wird von ihrem Mann betrogen und verlässt ihn, Samantha mag ihren schmalnasigen Modelfreund nicht mehr begatten und Charlotte wird schwanger, weil sie ein süßes Adoptivkind hat. Das „Weil“ kann ich schreiben, weil wir uns in der Kausalitätenwelt der Frauenmagazine befinden. Haare ändert man, weil man verlassen wurde, fett wird man, weil man unglücklich ist (was übrigens der einzige Moment des Film ist, in dem sich Entsetzen in den maskenhaft geschminkten Gesichtern der Darstellerinnen zeigt: Samantha hat eine Speckrolle), schwanger wird man, weil man adoptiert hat, Sonnenbrillen trägt man, weil man leidet, mit Sushi belegt man sich, weil man ficken will.

Von der Serie Sex and the City heißt es, die Hauptfiguren wären so, wie Homosexuelle sich Frauen vorstellen. Das trifft für den Film nicht zu. Das Drehbuch muss von jemandem geschrieben worden sein, der das letzte Mal einen Menschen sah, als er einen Blick auf die blutverschmierte Vagina seiner Mutter geworfen hat, bevor die kräftigen Hebammenarme ihn einem freilebenden Rudel Schuhe zur Aufzucht gaben.

Diese ließen ihn an hohen schuhischen Feiertagen (Geburt des großen Schusters, Manolos Himmelfahrt, Tag der absatzlosen Empfänge) Kondom-Spots im Fernsehen sehen, woher er sein Gespür für Gefühlsechtheit bekam.

Eva Herman – Der Film

Gefühle finden in Sex and the City nur als Behauptung statt. Wird man bei der Hochzeit stehengelassen, wirft man traurige Gucci-Sonnenbrillenblicke, bis man merkt, dass man selbst schuld ist. Fickt der Mann eine andere, schaut man wütend, bis man denkt, dass man es ja sowieso selber schuld ist. Möchte man dringend mal wieder Sex haben, schaut man zerknirscht einem Nachbar-Penis von Davidoff hinterher, bis man merkt – äh Entschuldigung, dieser Teil der Geschichte wird einfach nicht weiter erzählt.

Ein sich über zwei Stunden anbahnender Konflikt zwischen Miranda und Carrie eskaliert in dem aus dem Off gesprochenen Satz, dass Carrie drei Tage nicht ans Telefon geht. Weniger ernst kann man den Literaten-Lehrsatz, dass man zeigen, nicht erzählen solle, nicht nehmen.

Männer sind die mit den breiten Schultern und dem wissenden Blick. Frauen sind hysterische Wracks, die kaum geradeaus gehen können und ohne Mann aussehen wie Madonna ohne Photoshop. Sex and the City ist so voremanzipatorisch wie ein Film in den 50ern schon nicht mehr hätte sein dürfen.
Sex and the City ist der altmodischste Film, den ich je gesehen habe.

37 Kommentare

  1. 01
    heike

    wir kidner from bahnhof zoo? mein lieber scholli… ;)

  2. 02
  3. 03

    Danke! Endlich mal jemand der die Wahrheit spricht.

  4. 04
    Alberto Green

    Zum Filmstart wurde eine Frau interviewt, warum sie die Serie so toll finden würde. – „Weil die Frauen so modern sind. Wie Kerle!“ Sex and the City ist der altmodischste Film, den ich mir ums Verrecken nicht ansehen werde.

  5. 05

    Lieber Malte, Sie scheinen einen anderen Film gesehen zu haben. Ich mochte den Streifen sehr.

    „¦ Nach dem ein Asteroid die Hälfte Manhattans dem Erdboden gleich macht, bricht in New York allgemeines Chaos aus. Um zu überleben, schließt sich Carry (Sarah Jessica Parker) einer puertoricanischen Gang an und arbeitet sich langsam nach oben. Zunächst ahnt sie nicht, dass die konkurrierende Bande „White Panthers“ von Mr. Big (Chris Noth) angeführt wird. Samantha (Kim Cattrall) wird von einem aus dem Zoo entlaufenen Affen gebissen und wird zum Wirt eines tödlichen Virus. Die von ihr angesteckten Mitbürger werden in kürzester Zeit von innen zerfressen und mutieren zu Monstern. Charlotte (Kristin Davis) wird lebendig in einem Sonnenstudio begraben und hat kaum noch Hoffnung. Doch Miranda (Cynthia Nixon) erfährt von der misslicher Lage ihrer Freundin und startet eine Rettungsaktion. Unglücklicherweise verliebt sich Miranda bald in die eigene Assistentin und vergisst Charlotte. Während sich Carry und Mr. Big nach einer Straßenschlacht näher kommen und Miranda von ihrer Assistentin gefangen genommen und zum Sklavenmarkt in die Bronx gebracht wird, tickt für Charlotte die Uhr“¦

  6. 06

    Lieber Malte, sei mir nich böse, aber: das war doch vorher schon klar?!?
    Das weiß doch jeder, der mal eine Minute mitgucken musste?!?

    Warum guckst Du Dir so eine Sche*ße an?

    [Also wenn es für diese Rezension war: Du hast echt den Härtesten. Job.:)]

  7. 07

    @Neuraum:

    hehehe

    @MC Winkel:

    nope, die serie ist vergleichsweise rasant. dort passiert in 5 minuten, was hier auf 135 ausgewalzt wurde

  8. 08

    Serie gut, Film Blut.

  9. 09
    der nik

    Madonna ohne Photoshop… ^^
    Sehr schöner Vergleich!

  10. 10
    westernworld

    „¦ und alles mit schuhischer ruhe ertragen.

  11. 11

    Und das alles ohne Ewoks und Ninjas? Pfff… bleib mir weg!

  12. 12

    Ich finde das so nicht ganz richtig. Am Ende feiert der Film doch die Vergänglichkeit der Jugend und das ist doch für so einen Film neu, zumindest relativ zu den letzten zehn Jahren. Wie das in den 50ern wahr, weiß ich nicht. Dass gleichzeitig zu Samanthas 50. Geburtstag (!) eine neue Frauenclique gezeigt wird, die gerade in die Stadt gekommen ist, das ist doch famos. Auf keinen Fall ist es jedenfalls die ewige Wiederkehr des Immergleichen (fünf Euro ins Phrasenschwein). Die ewige Wiederkehr des Immergleichen wäre es, wenn die alten Mädchen einfach weitermachen würden wie immer, als gäbe es weder Zeit noch Raum. Ich glaube, ich wurde beim Gucken aber auch stark davon beeinflusst, dass es eben der Schlusspunkt einer Serie ist, die eine lange Zeit lief. Das verleiht dem Film eine zusätzliche zeitliche Dimension.

  13. 13

    Kleine Anmerkung: Die Behauptung zu Sex and the City lautet nicht, die Serie würde Frauen so zeigen wie Schwule sich Frauen vorstellen, sondern das sind Frauen die sich benehmen wie Schwule Männer – und entstammt den Simpsons. Richtig ist, dass das ganze Gedöns hauptsächlich von Schwuppen konzipiert und geschrieben wurde.

  14. 14

    Die einzig sinnvolle Verwendung für diesen Streifen ist die Sissi-mässige Verarbeitung zu Gründen des Verzehrs von alkoholischen Getränken. Pro neuem outfit einmal trinken. Und bei Schnapszahlen… ihr wisst schon

  15. 15

    Herrliche „Rezi“… hab mich köstlich amüsiert.

  16. 16

    Malte, malte

    „¦ und das so früh. Mit ’nem Café Latte vor dem Rechner. Das ist wirklich viel verlangte Konditionierung. Früh am Morgen.

  17. 17

    schön, das sich hier augenscheinlich nur männer so drüber nur aufregen. ich dachte immer, das wäre ein film, den sich nur frauen anschauen?
    auch wenn ich dir zustimme, das der film nicht wirklich die feministischen ideale unterstützt, so muss ich doch (oder gerade deshalb) sagen: diese rezension und alle kommentare wurden von machos geschrieben. was frauen gefällt, wird zerpflückt und für albern erklärt. und die hälfte hier gröhlt, wenn ein gorilla durch den urwald rennt, und ein matchbox auto sich in einen killerroboter verwandelt. letztendlich geht es hier doch auch „nur“ um unterhaltung.
    also: bitte mehr solche scharfen rezensionen, aber dann etwas weniger bananen aus dem arsch.

  18. 18
    Patrick

    Der Text hat mich so gelangweilt, als hätte ich mir den Film tatsächlich angesehen. Malte, kann es sein, dass du dich vom Ärger dir diesen Film über 2 Stunden anzutun, beim Schreiben nicht genug abgeregt hattest? Zu viele Worte verschwendet. Ausgehend von der hohen Qualität deiner sonstigen Texte hätten 20 Zeilen locker gereicht.

  19. 19

    wußt ich schon.

  20. 20

    @Patrick:
    Aha, und Du studierst Lehramt oder?

  21. 21

    Als Serie fand ich Stöckelschuhe in der Innenstadt pfiffig, es gab ne Menge witziger Episoden. Aber eben – Episoden. Dabei hätte man es bestöckeln sollen.

  22. 22

    Hehe, voll auf die Fresse. Gut so!

    Aber eins fiel mir noch ein. Show don’t tell.. Also ich bitte dich. Nach Regeln schreiben? Wo leben wir denn? Abgesehen davon sind das zwei separate Schreibstile, die beide Anerkennung finden, von denen die eine sicher für einen bestimmten Zweck besser geeignet ist, als die jeweils andere.

  23. 23
    Patrick

    @creezy

    Nein, ich wollte nur ein Feedback an Malte geben (ohne zu wissen ob es ihn überhaupt interessiert).

    Normalerweise erreichen seine Texte ein sehr hohe Güte, vor Web 2.0 hätte man dazu nicht Blogeintrag sondern Essay gesagt. Ich lese ihn immer sehr gerne.

    Meiner bescheidenen Meinung nach hat er aber diesmal zu lange auf einem Thema herumgehackt und zu viele Bilder bemüht. Einige davon werden auch schon seit Jahren von zu vielen mittelmäßigen „Comedians“ missbraucht. Auch sein Wortwitz mag (bei mir) nicht wie gewohnt zünden, zB. „Taschenbüttel-Geschichte“.

    Wollt ich Malte einfach wissen lassen, Lesermeinung sozusagen. Bist du anderer Meinung, dann sag das ihm, nicht mir.

  24. 24

    @Patrick:

    mist, gerade taschenbüttel fand ich schön. ist von mir aus überhaupt kein problem.
    nicht auf diesen text hier bezogen, eher generell: qualität beim schreiben variiert, vielleicht nicht mehr, wenn man das seit jahrzehnten macht, aber in meinem stadium auf jeden fall.
    was aber auch variiert: die stimmung des lesers. ich habe mich schon schlappgelacht über texte von axel hacke, den ich meistens völlig unwitzig finde, einfach nur, weil ich so gut gelaunt war.
    textqualität ist nur bedingt objektiv messbar und auch wenn ich bemüht bin, aus kritik zu lernen, kann ich nicht versprechen, dass dir der nächste besser gefallen wird.

  25. 25
    Steffen

    Versteh die Kritik nich?

    Schöner Beitrag aus meiner Sicht!

  26. 26
    Stefan

    Muss mich Steffen anschließen, is bei weitem das Beste, was ich bislang zu der ganzen Sex and the City – Geschichte gelesen hab’…

    Zugegeben, so wirklich viel war das auch nich ;-)

    (P.S. sind Smileys hier eigentlich verpönt? hab ’ne weile nicht mehr reingeschaut)

  27. 27
    Patrick

    @ Malte

    Habe jetzt irgendwie das Gefühl, mich wieder einschleimen zu müssen. Du hast recht, was die subjektive Wahrnehmung von Kultur angeht (obwohl ich das bei Hacke nicht nachvollziehen kann). War gerade auch wieder in Klagenfurt zu beobachten, wo ich den meisten Rezensionen mit vor Entsetzem weit aufgerissenem Mund gelauscht hatte.

    Auf jeden Fall werde ich versuchen, deinen nächsten wieder so zu lesen, als wärs meine erster Welding. Das versuch ich eigentlich immer generell, obwohl das eigentlich völlig lächerlich ist und überhaupt nicht funktionieren kann.

  28. 28
  29. 29
    Martin2

    Ich find den Text eigentlich ganz schön, aber ein wenig zu vulgär an einigen Stellen. Aber das war der Film möglicherweise ja auch.

  30. 30
  31. 31

    Den Film habe ich nicht gesehn, interessiert mich auch nicht – habe schon die Serie nicht verstanden (die Frauen in meiner Umgebung zum Glück auch nicht).

    Aber ganz, ganz wunderbarer Text. Die „weil“ Passage ist großartig, hat es die so im Feuilleton schon mal gegeben? Wenn nein: Patent anmelden.

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