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Mimoun

Und irgendwann war er dann hier gestrandet. Hatte seine Sachen in den Flur gestellt und sich aufs Sofa gesetzt. War ja nicht viel da, um in den Flur zu stellen: Zwei Koffer vielleicht, mit den Klamotten drin und einer Zahnbürste, und ein Karton ungewissen Inhalts. Hatte sich gesetzt und sich umgesehen. Und war dann einfach eingeschlafen, so. Geschnarcht hat er nicht, obwohl er doch so viel rauchte. Dafür hat er die Nase krause gezogen, wenn er träumte.

Mimoun. Wir wussten nicht mehr, woher wir ihn kannten. War das nicht der? Weißt Du noch, als wir damals, im Park? War er da dabei? Vielleicht hatte ihn der Hund geführt, oder er hatte ganz zufällig hier geklingelt, und wir hatten aufgemacht. „Ihr habt doch ein Wohnzimmer, nicht? Ist das frei? Ich hab nix mehr.“ Gut. Komm rein.

Jetzt lag er da, ein wenig ausgemergelt sah er aus. Seine dicke Haut spannte sich über die Knochen, da war nur noch wenig Fleisch, und die Stirn war ganz zerfurcht. Unterhalb seiner Augen hatten sich die Nächte eingemalt, die er wohl irgendwohin gestarrt haben mag. Er schlief, und lang, zwei Tage fast. Danach hatte er Muskelkater in der Nase. Das so was geht.

Mimoun. Morgens war er gar nicht da, obwohl, vielleicht doch: Er saß, im Eck, und schaute. Immer in die andere Ecke, nie aus dem Fenster. Manchmal schreckte er eben auf und fuhr sich durchs Haar. Der Hund mochte ihn gerne, manchmal schleckte er ihm die Hand oder saß ein Weilchen vor ihm, in die in die Ecke starrenden Augen starrend.

Nach und nach erwachte er, aber kaum. Wenn wir abends nach Hause zurückkehrten, war er immer noch still: trotzdem aufmerksam. Er saß zwischen uns, wenn wir sprachen dies und das. Machte Bemerkungen, kluge, unkluge, überflüssige, bemerkenswerte. Wie wir auch. Dann kochte er, denn er kochte gut. Seine Eltern müssen aus dem Iran gewesen sein, immer nahm er Safran in den Reis und ließ ihn unten krusten. Das naschten wir als erstes, bis die Finger fettig waren und die Gabeln aus den Händen rutschten.

Nachts, wenn wir schliefen, saß er in der Dunkelheit und horchte dem Hund, wie er atmete ein und aus. In den frühen Morgenstunden muss er dann zu sich gekommen sein, denn wenn wir aufstanden, war Kaffee gemacht und Frühstück stand in der Küche, manchmal hatte er das Bad geputzt. Ganz leise muss er dabei gewesen sein, wir träumten nicht einmal von ihm, keiner von uns. Er gab auch wenig Anlass dazu.

Nach zwei Wochen begann er, zuweilen das Haus zu verlassen. Draußen strich der Wind die Wolken glatt, und er spazierte durch die Straßen, sprach mit dem Kioskbesitzer, mit dem Bäcker, als hätte er sie schon immer gekannt. Vielleicht war er ja auch aus Anatolien, er sprach gut Türkisch, sehr gut sogar. Und abends kehrte er heim mit den ganzen Lebensmitteln, die ihm geschenkt worden waren, und kochte, immer mit Reis, immer mit Safran.

Mimoun. Ganz selten ertappten wir ihn dabei, wie er hinüberlinste zu dem kleinen Karton, in den kaum vier paar Schuhe passten, wenn wir abends saßen und sprachen, und wenn wir ihn seitlich ansahen, erschauderte er kurz und schlug den Blick zu Boden. Dann sagte er Dinge wie „Möchte noch jemand Kaffee?“ oder „Es ist noch Nachtisch da.“, und wir verneinten oder nickten, je nachdem.

Er wurde nervöser mit der Zeit, ging häufiger das Zimmer ab, in schnellen, energischen Schritten, und manchmal pumpten seine Hände, als sögen sie Energie aus dem Raum. Seine Oberarme waren noch immer kräftig, obwohl er schon seit langer Zeit keinen Sport mehr getrieben hatte, aber seine Finger fielen lang und schmal vom Körper weg. Manchmal spreizte er sie, bis es knackte, und hielt kurz inne, um zu hören, ob da noch ein Echo käme. Kam es nicht. Nur der Hund schreckte zusammen.

Eines Abends fragte er, ganz unvermittelt, ob er nicht einen Stift haben könne und einige Bögen Papier. Na klar, sagten wir, warum nicht. Hier, Papier, Stift, Blei oder Kugel? Lieber Kugel, sagte Mimoun, oder beides. Dann beides. Als wir schlafen gingen, setzte er sich in die Dunkelheit und kritzelte. Am nächsten Tag stand kein Kaffee in der Küche, und die Handtücher lagen im Bad verstreut: Mimoun schlief.

So ging das weiter: Er ging im Zimmer auf und ab, in energischen Schritten, die Hände pumpend, mit nervöser Stimme sprechend und rauchend. Wenn wir eintraten, sah er her zu uns und durch uns durch, lächelte eben und fiel zurück in seinen Schritt, murmelte. Auf dem Tisch lagen seine Notizen, aber wir trauten uns nicht, sie anzufassen. Nicht einmal hingesehen haben wir. Abends saßen wir im Wohnzimmer und begannen, Pizzen zu bestellen: denn Mimoun war der Safran ausgegangen.

Nach ein wenig Zeit fragten wir ihn, ob es ihm gut gehe, und er: „Gut!“ Ob alles okay sei, und er: „Okay!“ Was er so mache den Tag über, und er: „Die Sprache.“ Wir sahen ihn an, er lächelte, vergnügt, und rauchte, hastig.

Mimoun. Eines Abends, zwei Monate vielleicht nach seinem Einzug, vielleicht drei, setzte er sich nicht mehr, wenn wir uns setzten, denn seine Beine zitterten. Er hatte den Karton aus dem Flur ins Zimmer und immer näher an den Tisch geholt, lief immer hin und her, drumherum, und sagte: „Ich mache Sprachforschungen.“ Wir hielten inne. Was denn für? Neue. Wie, neue? Neue. Neue Sprache. Eine neue Sprache brauche man. Von vorne anfangen, die ganze Sprache von vorne anfangen, die jetzige sei verdreht und verkehrt und falsch von grundauf. „Aggressiv!“ schrie Mimoun und machte drei Schritte in eine Richtung, „Aggressiv ist sie!“, und drehte bei. „Wie ein“ — er sah zu uns herüber — „ein Messer“, und hob die rechte Hand. Er will die Sprache meucheln, dachten wir, sagten aber nichts. „Seht her“, schrie er und zeigte auf seine Notizen, „da seht her: die t“™s, die t“™s, die müssen raus. Seht her, das t, das ist (Pause) Kreuz, das ist (bestimmter) Leiden, das ist Tod, das ist (er sah zum Fenster, und dann, beinah ersterbend) Brutalität.“ Er ging am Hund vorbei, der nervös war. „So viele Buchstaben, alle mit t, alle mit t, das z muss raus, das c, das x, und alle harten Konsonanten sowieso, das k muss raus, das p, alle raus, alle raus. Rausrausraus.“ Und wir, die wir doch so hießen, gingen, und trafen uns in unseren Zimmern, ratlos, wortlos. Wir aßen nicht an diesem Abend.

Manchmal beruhigte er sich noch, lag abends mit fiebrigen Augen auf seinen Decken, auf unseren Decken, die jetzt seine waren und nach ihm rochen, würzig, wie Tee. „Man müsste sie einkochen“, sagten wir, mehr nicht. Mimoun schlief ein und zitterte, denn es war kalt geworden, und der Hund kam nicht mehr zu ihm.

Und eines abends, als wir bedrückt nach Hause kamen, es muss im November gewesen sein, traten wir ein in die Wohnung und horchten, ob wir Schritte hörten, aber da war nichts. Mimoun war weg, irgendwo, villeicht hatte er sich verlaufen. Atemlos saßen wir im Wohnzimmer und wagten kaum zu atmen, obwohl doch wieder Luft da war. Da stand, groß im Raum, der Karton, fest verschnürt.

Vielleicht hätten wir ihn nicht öffnen sollen, aber das sind Dinge, die man später sagt. Wir hätten ihn nicht öffnen sollen, sagten wir, und fühlten uns elend einen Moment. Aber es war anders gekommen, wir zerschnitten die Schnüre, zerrissen den Deckel und sahen hinein in einen großen Haufen Zettel und Briefe und Unterlagen, alle zerrissen und zerstückelt. Ein einziges Blatt Papier war ganz geblieben, auf dem mit großen Buchstaben, filzstiftgemalt, stand:

Diese einzige Kränkung, die das Leben ist…

Wir setzten uns und schütteten den Karton zu Boden, puzzelten eifrig die Teile zusammen und hatten beinah Freude daran, bis die Schreiben Form annahmen. Wir klebten eifrig mit Tesa zusammen und ordneten nach Absendern, türmten die Papierhaufen zusammen und sahen nicht genau hin: Wir wollten ja gar nicht wissen, was da stand, noch nicht. Wir fühlten uns wie Kinder, die sonntags Detektiv spielen dürfen, und zu feige sind, sich einen Mord auszudenken, weswegen sie Raubüberfälle aufdecken wollen. Und keiner will der Räuber gewesen sein. Als wir alles zu Ende geklebt hatten, klingelte die Tür.

Später dachten wir, das hätte der Moment sein müssen, da Mimoun heimkehrt, um sein Leben abzuholen: aber er war es nicht, nur der Nachbar, der um Salz bat. Sein Leben, das jetzt da lag, in nackten Zahlen, und uns ins Gesicht schlug. Denn zur Kittung war es nicht vorgesehen gewesen.

Da lagen die alten Rechnungen, Schreiben von Inkassobüros, Zwangsvollstreckungsankündigungen. Für das Handy, 2000 Euro, für das Telefon, 1500 Euro, für die Gasag, 4500 Euro, für die Miete, 11000 Euro, für das Kind, aber da stand keine Summe auf dem Papier. Das Kind, das ein Mädchen war und inzwischen acht Jahre alt. Wir suchten noch ein wenig, fanden aber keine Fotos.

Der Karton steht noch immer im Wohnzimmer, das wir selten betreten seither: wir haben die Zettel hineingeworfen und ihn mit Tesa versiegelt, zwei Rollen, oben, unten. Bloß der Hund schnuppert dran, selten. Manchmal denken wir, irgendwann klingelt er vielleicht und holt seinen Karton ab, einfach so. Wenn wir in der U-Bahn sitzen, suchen wir den Wagen ab, vielleicht taucht er ja irgendwo auf, vielleicht können wir ihm helfen, vielleicht gibt es noch irgendwas zu tun.

Ganz oben in den Karton liegt der große Bogen Papier, den Mimoun von uns überreicht bekommen hatte, seine Sprachstudien, ein einziges Wort stand da, fünfzig oder hundert Mal. Flucht, Flucht, Flucht, Flucht. Flucht. Und immer hat er das t weggestrichen.

Nicht einmal dieses Wort durfte ein Ende haben.

19 Kommentare

  1. 01

    schöne, traurige geschichte.

  2. 02

    Danke, Frédéric. Melancholisch schön.

  3. 03
  4. 04

    Da läuft einem ein Schauer über den Rücken!

    Wunderschön geschrieben.

  5. 05

    Wo ist Peter Zwegert, wenn man Ihn braucht? (SCNR)

    Aber mal im Ernst, alleine das mit dem ‚t‘ ist schon der Hammer. Danke für so viel können.

  6. 06

    Heile Wel“¦ ,-(

  7. 07

    Ech(t) beeindruckend!

  8. 08

    Klasse! Und da sage nochmal einer Literatur in Blogs funktioniere nicht… ein sehr guter Text.

  9. 09
    corax

    Ganz groß!

  10. 10
    Jan(TM)

    Wie spricht man Mimoun aus? Klingt wie eine Übung meiner Logopädin.

  11. 11
    miss sophie

    süchtig macht sie, diese kleine poesie.

  12. 12

    Danke, tolle geschichte.
    Allerdings begreift man sie beim ersten lesen? Oder wird es leichter wenn man sie laut liest?
    Würd sie gern vertonen für euch…
    Oder ist das nicht im interesse?

  13. 13
    fgau

    sehr schoen geschrieben. danke.

  14. 14
    Frédéric Valin

    @ChiliParmer: Auf jeden Fall besteht da Interesse. Total gerne!

  15. 15
    Frédéric Valin

    @Jan(TM): [mimun]

  16. 16

    @Frédéric Valin: Fertig, nur sagen wohin die reise gehen soll

  17. 17
    Frédéric Valin

    @ChiliParmer: Hab Dir ne Mail geschrieben, vllt. häng ich im Spamfilter. Drum so nochmal frederic ät spreeblick Punkt com

  18. 18
    Phil

    Wunderbare Literatur :) Man weiß schon warum man gerne hier mitliest!

    Ich habe eine Frage. Undzwar dürfte ich diese Geschichte meinen alten Deutsch Lehrern mal vorlegen – für den Unterricht?
    Ich liebe Kurzgeschichten und es gibt wenige welche mich bewegen! Diese zählt dazu und deshalb würde ich den Menschen, welche mir diese Sehnsucht nach Kürze und Fülle verpasst haben diesen klasse Fund mal zeigen :)

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