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Warum ich Jesus ans Kreuz genagelt hätte

Sie spielen Wolfgang Petry. Mein Gott, sie spielen Wolfgang Petry. Ich werde töten müssen.

Samstag, 11:30. Vielleicht ist es ja nett gemeint von meiner Sonnenallee, dass sie mich nach dreiwöchigem Urlaub mit einem Straßenfest vor meinem Fenster begrüßt. Noch schöner wäre es freilich gewesen, wenn sie kurz gefragt hätte, welche Musik angebracht sei. Denn obwohl ich gerne Musik höre, wenn ich schreibe: noch ist nicht bewiesen, dass Wolfgang Petry Musik ist. In dieser Interpretation allerdings, da bin ich mir sicher, würde selbst Wolfgang Petry sich schämen. Ich sollte eine Aufnahme machen und sie ihm schicken. Möglicherweise hängt er sich dann auf.

Moment. Soweit kommts noch, dass ich über Wolfgang Petry schreibe. Bloß: Wenn nicht über Wolfgang Petry, worüber dann? Vielleicht irgendwas in der Art „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Was war denn gleich mein schönstes Ferienerlebnis? Das Essen war mein schönstes Ferienerlebnis. Und der Wein. Die Entrecôte. Das Rôti. Die Austern. Der Käse. Die Mousse au chocolat. Der Burgunder. Der Riesling. Der Muskatwein. Der Bordeaux. Mein Gott, dieser Bordeaux! Irgendwo hier muss doch noch eine Flasche rumliegen, wo war das denn noch gleich…

Sie spielen Who the fuck is Alice. Where the fuck is my machine gun.

Samstag, 12:45. Nein, ich werde nicht übers Essen schreiben. Zum Siebeck fehlt mir der Bauch. Und der Bart. Und die malerischen Adjektive im Wortschatz. Überhaupt, der Wortschatz. Neulich stand in einer Siebeckkolummne:

Wer vom Blaubeerparfait ein ungewohnt blaues Dessert erwartet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Denn bei den Kulturblaubeeren, die man bei uns kaufen kann, sind lediglich die Häute blau. Der Saft der Beeren dagegen ist klar und setzt sich farblich durch, wobei ihn Zucker, Sahne und Zitrone unterstützen.

Nicht nur, dass es Kulturblaubeeren gibt, nein: sie haben obendrein loyale Freunde. Kulturblaubeere müsste man sein.

Sie spielen Cranberries. In my head. Ich werde foltern müssen.

Samstag, 14:15. Vielleicht sollte ich was Provokantes schreiben, das gäbe bestimmt wieder Geschrei. Mal sehen, in der Art von: Helmut Schmidt ist ein Arschloch mit Arschlochmeinungen, außer was seine Einstellung zur Atomkraft und zu Lafontaine betrifft, da finde ich ihn sehr vernünftig. Ich könnte darüber schreiben, wie bedeutungslos ich Blogs finde, dass das Internet vereinsamt und ich nicht mehr in der Lage bin, längere Texte zu lesen, noch nicht mal meine eigenen. Oder ich könnte Henryk M. Broder verteidigen, und wenn mich dann jemand anpisst, beschimpfe ich ihn pauschal als Antisemiten. Irgendwas Meinungsstarkes, das darauf Hinweis gibt, ich hätte Rückgrat. Wer Rückgrat hat, braucht kein Großhirn mehr, alte Publizistenregel.

Sie spielen I feel damaged. Braindamaged. Ich sollte daran denken, mir ein Robert Steinhäuser-Fan-T-Shirt drucken zu lassen.

Samstag, 15:00. Der Flix meinte einst auf einer Lesung zu mir: „Immer, wenn mir nichts mehr einfällt, zeichne ich darüber, wie ich am Schreibtisch sitze und mir nichts mehr einfällt.“ Blöderweise kann ich nicht zeichnen.

Sie spielen schon wieder Wolfgang Petry. Ich bin dann mal im Bad. Uran anreichern. Erwähnte ich schon, dass ich Atomwaffen super finde?

17 Kommentare

  1. 01
    corax

    Haha, Kulturblau ist beinahe ein Anagramm von Klabuster.

    Schöner Text mal wieder.

  2. 02
    Maritta

    Ist Notwehr. Kein Problem aus meiner Sicht. Ich kenn einen Anwalt der haut Dich da raus.

    Isser schon tot, der Wolle?

  3. 03
    Frédéric Valin

    @Maritta: Inzwischen müsste man sich am Sohn vergreifen. Ganz hervorragend, ich zitiere: „Seit 2007 singt er die Schlager seines Vaters Wolfgang Petry.“ Die Platten des Sohnes heißen übrigens „So wie ich!“ und „So wie ich! (Special Edition)“.

    Das kann alles nicht gesund sein.

  4. 04
    heidrun

    „…seine erste Solo-Tour unter dem Namen „žDer Wahnsinn geht weiter“

    he he

  5. 05

    @Frédéric Valin:

    und wenn er mal alt ist: „so war ich“ und „so war ich (special edition)“ mit den superhits „reden wir über dich: wie findest du mich“ und „ich bin viele“

  6. 06
    Christoph

    hier hast du noch nen guten Grund:
    http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/suizid-als-zeichen/

    (Offtoppic geht ja hier gar nicht)

  7. 07
    panzi

    Klingt nach „I wann be sedated„.

  8. 08
    melmoth

    Und zum kompensieren von Wolle Petry haste dann Lucia Schlör gehört? Oder stehste einfach nur auf diese blonden, deutschen Klischee Bühnenfrauen, mit starkem Knochenbau?

  9. 09
    bunki

    @maritta

    ist doch höchstens Anstiftung zum Selbstmord. Ich glaube da kommt er mit zwei Jahren Bewährung davon.

    @fred

    wenn du wirklich provozieren willst, dann sag doch einfach dass das Beck Kurtchen ein wirklich starker Parteiführer (gewesen) ist und er sich deshalb wie weilend der große Julius Gaius C. von einer Bande neidzerfressener Meuchelmörder umgeben sah.

  10. 10
    bhrgero

    dieses strassenfest war (wie immer) eine zumutung. weil der bus nicht fuhr, musste ich mir den fussweg von der panier- bist zur erkstrasse geben. die athmosphäre hatte was von sommerschlussverkauf bei rudis reste rampe.

  11. 11

    @05 Malte: erinnert mich an die Duettankündigung des egomanischen Tenors aus der Sesamstrasse: „Ich singe dieses Lied zu zweit“

  12. 12

    @Mart:

    da muss mein unterbewußtsein gesprochen haben.

  13. 13

    Ich hatte da mal so’n Erlebnis mit Andy Borg. War auch nicht schön.

    Und nie verstanden habe ich an den Franzosen, dass sie keine Brombeeren essen. Obwohl die zumindest in Südfrankreich wachsen wie bei uns die Pusteblumen.

  14. 14
    kdm

    ohmeingott, welch -sorry- Gesülze. Man sieht förmlich, wie der Schreiber sich abmüht, lustige Wortspielchen zu machen …die alle in die Hose gehen.

  15. 15

    @creezy: Oh nee, ich kenne einen Franzosen, der Brombeeren liebt, vor allem, wenn die Frau unseres Chefs sie in einen Pie stopft… es gibt Ausnahmen für alles.

  16. 16
  17. 17

    creezy gibt mal wieder voll auf die 12 :-)

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