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Wie ein Artikel entsteht


So, mal sehen, worüber schreiben wir denn heute. Ist irgendwas passiert? Bestimmt.

Wahlkampf in Amerika zum Beispiel. Immer und immer und immer noch. Geht gefühlt schon so lang wie die Lindenstraße. Aber schön, dass sich Endphase auf Emphase reimt. Es ist ein mieser Reim, das hat der Reimgott gut eingerichtet. Monatelang bin ich jetzt damit traktiert worden, also muss ich ja auch eine Meinung zu Obama haben, irgendwo unter dem ganzen Schutt großer, über mich hereinerbrochener Vokabeln: Zeitenwende. Revolution. Barackblabla.

Unbedingt erwähnen, dass baraguiner auf französisch kauderwelschen heißt.

Nee, lieber nicht. Sonst müsste ich mir der Vollständigkeit halber diesen unsäglichen Wahlspot ansehen. Und zwar ganz, nicht nur die ersten vier Minuten. Rühreiernde Geschichten scheinen da erzählt zu werden, Vorabendformat für alle, die vor sechs ins Bett müssen. Allein die Entstehungsgeschichte: Da kauft also sein Team vom Geld der ganz vielen kleinen Spender Zeit bei Fernsehsendern, die die ganz vielen kleinen Spender ankucken, um Geschichten über die ganz vielen kleinen Spender zu erzählen. Und alle sind begeistert. Sogar Stefan Niggemeier spricht von einem Meilenstein. Gut, ein Meilenstein, mag ja sein: aber ein flauschig-bauschiger Meilenstein, mit Plüsch drumrum, und Marmeladenfüllung. Ist ja auch schon Weihnachten in den Einkaufshäusern dieser Stadt.

Und wenn sogar Stefan Niggemeier von einem Meilenstein spricht, hat irgendein aufgeregterer Schreiber bestimmt das Wörtchen Revolution ausfließen lassen. Revolution! Früher hat man während der Revolutionen Adelige an Laternen aufgeknüpft, Schlumpfhüte wurden durch die Gegend getragen, und gesungen wurde auch. Jetzt strickt man sich ein paar nette Geschichten zusammen. Und das mit den Hinrichtungen in Verbindung mit Musik macht der Bohlen. Bohlen geht so, aber Autos soll man keine mehr anzünden dürfen.

Auch ein Thema: politische Gewalt. Vielleicht mal ein Interview mit einem Autonomen machen. Obs das wohl gibt: falsche und richtige politische Gewalt? Obs das überhaupt gibt, falsch und richtig. Jetzt wäre Zeit, den Rotwein aufzumachen und mir eine Pfeife anzuzünden, der richtige Zeitpunkt. Also gibt es richtig, muss es also falsch geben, zum Beispiel Gewalt ist falsch, Rotwein aber richtig. Irgendwie so.

Aber halt: Erst noch die Wahl. Es müsste noch ein Wort zu dieser verqueren Rassismus-Debatte rein. Ob den Amerikaner im Wahlkabinerl auffällt, dass sie jetzt einen Schwarzen zum Präsidenten wählen wollen, unter anderem deswegen, weil alle schreiben, dass ihnen im Wahlkabinerl auffallen wird, dass sie einen Schwarzen zum Präsidenten wählen wollen, und weil es ihnen im Wahlkabinerl auffällt, sie drei Kreuze machen plus eins bei McCain? Und dann machen sie drei Kreuze und eins bei McCain? Der noch während er sich vor seinen Republikanern (die haben früher mal Revolutionen gemacht, die Republikaner, aber das ist lange her und war auch weit, weit weg, die Urväter der Republikaner heute drüben sind damals von hier vor den anderen Republikanern weggelaufen, weggeschwommen viel mehr, die kleinen Fellchen), während McCain sich also feiern lässt, an einem Herzinfarkt stirbt? Und warum finde ich die Vorstellung eher lustig als beängstigend, Sarah Palin könnte US-Präsidentin werden? Bin ich denn schon so verkommen? Bei Berlusconi erschrecke ich doch auch jedes Mal. Und der hat noch nicht mal die Bombe unterm Arsch, nur einen Haufen Müllsäcke, die braucht er auch, um über den Verhandlungstisch kucken zu können.

Dringend die freedom fries-Seite unter MC-Cains-Namen verlinken.

Sarah Palin. Das könnte ich natürlich machen: Vier Regierungsjahre unter Palin vorzeichnen. Was würde die wohl im Weißen Haus so machen? Die NHL verstaatlichen? Ahmadinedschad auf ihre Ranch einladen und ihn dann vor den Husky-Schlitten spannen? Kim Jong Il Großmamas Kräuterteerezeptur zuschicken im Austausch gegen freies Geleit der Atom-Kontrolleure? Und wird sie wieder dieses unmögliche grüne Jäckchen anziehen?

Ganz bestimmt wird sie Kuchen backen.

Überhaupt, Kuchen. Wenn auf Spreeblick Horoskope gehen, müssten eigentlich auch Rezepte machbar sein. Zum Beispiel diese hervorragende Smarties-Torte, die Muttern immer zum Geburtstag gebacken und zum Piratenschiff ausgebaut hat. Muss ich auch mal versuchen, schön mit Fotos und die Smarties als Bullaugen. Hinterher sieht die Küche aus wie Vietnam nach der Tet-Offensive. Und Zaza zwingt mich, alles wieder aufzuräumen. Also lieber über was schreiben, dass weniger freizeitliche Kollateralschäden heraufbeschwört.

Mal sehen, was die Feuilletons schreiben: Aha, in der FAZ schreibt einer, er halte Hiphop für überschätzt. Das trifft sich gut, die meisten Hiphoper dürften die FAZ für überschätzt halten, da haben sich ja zwei gefunden. Ansonsten ist da ja mehr ein Malte-Thema, ich bin über Fanta 4 nie hinausgekommen. Erstes Livekonzert damals, die Live und Direkt, war das schön. Quatsch: fürchterlich wars, ich hasse große Hallen, dabei ist die Oberschwabenhalle nicht übermäßig groß, allerdings war ich ja noch kleiner, das rückts wieder ins Verhältnis. Könnte man auch machen: mal was über Massen schreiben, ein bisschen Le Bon verwursten und ein bisschen Kracauer. Um wenigstens ansatzweise das Gefühl zu haben, das Studium habe was gebracht.

Apropos Studium, haben die mir nicht letztens einen Wisch geschickt, wie ich mit dem Studium zufrieden gewesen sei und was man besser machen könne? Da fiele mir ja recht viel zu ein, aber das würde ein sehr kurzes Posting werden: Ungefähr alles. Das einzig lustige am Studium war die Besetzung des Roten Rathauses während des Studentenstreiks, das müsste ich eigentlich auch mal erzählen. Oder die Geschichte der Dozentin (Privatdozentin), die in dem Seminar über Masse und Bewegung meinte, japanische Comickultur sei ja ausschließlich Pornographie und Gewaltfantasmen. Sowas merkbefreites wie die trifft man auch außer an der Uni bloß noch in der Geschlossen kurz nach der Medikamentenausgabe.

Nee, nix über die Uni, das ist nicht gut für den Blutdruck. Achja, Blutdruck, Arztgeschichten hatte ich ja auch schon lang nicht mehr. Vielleicht sollte ich die Geschichte von dem Augenarzt erzählen, als ich da angerufen hatte, meinte die Sprechstundenhilfe: „žNein, wir machen keine Termine, Sie können einfach so vorbei kommen. Doch, doch, einfach so, Sie ziehen dann ne Nummer, und dann kommen Sie in kurzer Zeit dran. Wie, was für mich als Arzthelferin in kurzer Zeit heißt? Naja, kurz eben, so ne halbe Stunde, oder vielleicht ne dreiviertel. Jaja, doch, der Doktor, der ist sehr sehr schnell. [Pause] Doch, doch, und auch sehr gründlich, ja, sehr schnell und sehr gründlich.“

Wahlsystem, Bildungssystem, Gesundheitssystem, ist das wieder beliebig alles. Ständig passiert irgendwo irgendwas, den ganzen Tag über, ich bin schon ganz besoffen von den ganzen Informationen (und vom Rotwein), kein Tag ohne Eilmeldungen, bestimmt haben sie jetzt einen gepfählten Kürbiskopf gefunden irgendwo, vielleicht in Nordkorea, und bringen das mit Obama in Verbindung.

Sollen sie doch. Ich mach jetzt Feierabend. Und morgen schreib ich darüber, wie man nichts schreibt. 150 Seiten Spiegel zum selber Ausmalen, das ist doch ein toller Titel. Dochdoch, morgen. Und dann aber schnell und gründlich.

13 Kommentare

  1. 01
    westernworld

    du hast talent du sollest bloggen „¦

    die smartiestorte will ich sehen und auch das rezept und überhaupt wo bleibt der strickcontent „¦

    eine kleine anmerkung hätt‘ ich noch freund, römer, landsmann vietnam leidet im deutschen unter akuter artikelosigkeit, genauso wie das frankreich „¦ ich bin ein furchtbarer klugscheißer da halfen auch de koteletts meiner mutter nichts.

  2. 02
    Maltefan

    bestimmt haben sie jetzt einen gepfählten Kürbiskopf gefunden irgendwo, vielleicht in Nordkorea, und bringen das mit Obama in Verbindung.

    Wunderschön!

  3. 03

    Aber ich weiß jetzt nicht mehr wo vorne ist und wo die große Hallen liegen!
    Obama und Palin vor!

  4. 04

    Bin noch am darüber Nachdenken

  5. 05
    Conrad

    kann mich jetzt hier mal einer aufklären? wird gucken nun mit g ode rmit k geschrieben. in letzter zeit les ich das immer mit k und finde es verdammt hässlich. auch überall faz, bunte, spiegel, bild, dummy und von den büchern die die letzten 2 jahre raus kamen will ich garnicht erst sprechen die haben mich ja erst stutzig gemacht.

    also gucken mit g oder mit k. man guckt doch durch ein guckloch. wie klingt das denn mit k??? wie kacken, knallen, kaffee; fürchterlich!

  6. 06
    May

    @ 05: Meines Wissens ist beides möglich. Ich spreche kucken und schreibe gucken – und das jedes Mal bewusst dank gründlicher Einbläuung im Grundschulalter. Kucken ist norddeutsch, soweit ich weiß.

  7. 07
    Jan

    @Conrad:
    Der Duden sagt kucken wäre norddeutsch für gucken.
    Überzeugt mich allerdings auch nicht wirklich.
    @May:
    Ups. Mir scheint ich bin zu langsam.

  8. 08

    @PiPi:
    Jemine, mir ist eingefallen…
    ich weiss wie es funktioniert.

    Das mit dem Roten Faden…

  9. 09
    peter h aus b

    Respekt, das war très unterhaltsam… Merci.

  10. 10
    moses

    Ein neuer Jean Paul!
    Lass deine „Betrachtungen“ in Endlosschleife laufen, vervierfache deine Weinration (wenn es nicht so flüssig läuft, kannst du noch mit Frankenbier nachspülen) und stop alle tausend Seiten, um die nächste Satire auf den Markt zu werfen (dazwischen auch gerne mal „gefühlig“).
    Der Titan ist größer als Wilhelm Meister, Punktum!

  11. 11
    Frédéric Valin

    @westernworld: In dubio pro westernworld: Vietnam ist im Zweifelsfall Neutrum. Ein Treppenwitz der Geschichte…

  12. 12
    Tim

    Ein Augenarzt ohne Wartezeit? Spezialist für Blinde?

  13. 13

    bonfortinöse unterhaltung.

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