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Des kleinen Parisführers zweiter Teil – Lieblingsviertel

Teil 1
Teil 3

Objektivität will ich mir nicht anmaßen. Objektivität ist was für U-Boot-Kommandeure. U-Boot-Kommandeure haben in Paris keinen Auftrag. Dass dieser Vergleich objektiv Schwachsinn ist, darf angekreidet werden: Ich hab mich ja bereits reingewaschen. Was ich sagen wollte: was jetzt folgt, ist bestimmt kein umfassender Überblick über que faire à Paris. Ich bin durch diese Stadt immer nur durchgestolpert. Ich habe überhaupt keine Übersicht. Wahrscheinlich kenne ich Paris noch nicht einmal gut. Aber stolpern, das kann ich, da kenn ich mich aus.


Noir Désir – Ici Paris

Ganz wichtig im Urlaub: rumsitzen. Drum hier meine liebsten Rumsitzplätzchen.

Bastille
Es ist Abend, kurz nach sieben, Zeit für einen Apéritif. Wir sitzen auf der Treppe der Opéra, da verabredet sich halb Paris, wir auch, wir warten noch. Vor uns pisst ein Penner quer über den Bürgersteig, ob man Penner sagen darf? Ist Penner die angemessene Übersetzung von Clochard? Ist Stadtstreicher ein zeitgemäßes Wort? Gibts Stadtstreicher überhaupt? Die Gruppe Gelegenheitspubertierende neben uns schaut interessiert, der Penner pisst Wellenlinien. Was zwischen zwölf und siebzehn ist und sich nicht recht in die Subkultur traut, das sammelt sich hier. Der junge Mann neben uns mit der Bill Kaulitz-Gedächtnisfrisur hat sich liebevoll mit der Nagelschere Löcher in Jeans und Nirvana-Tshirt geschnitten; aber genau so, dass kein Schriftzug verletzt oder verstümmelt wird. Einer hat einen Therapy?-Pullover an. Das ist keine Clique, das ist ein Kleinstadt-Anachronismus aus den 90ern. Ein Geschäftsmann im Calvin Klein-Mantel schaut interessiert, ein paar Straßenpunks ziehen mit ihren Hunden vorbei, einer fragt die Bravo-Starschnitt-Lebendbeispiele nach Tabak. Keiner von denen raucht.

Gleich müssen wir hier ums Eck was trinken gehen, vielleicht im passage du Cheval blanc. Ich geh hier ungern einen trinken, weil es so verflucht teuer ist. Vier fuffzig für ein Demi, und ein Demi, das ist die Hälfte von einer Halben. Statt Bier trinkt man in Frankreich eine Art kohlensäurearmen Limonadenersatz, das nicht nur Kopfschmerzen macht, sondern vor allem Magenkrämpfe, mir zumindest. Wer Bier mag, trinkt Wein hier. Oder Pastis.

Das hier ist ein guter Ort um rumzusitzen, auf den Treppen der Opéra an der Bastille: ein wenig wie ein Episodenfilm, ein Altmann-Episodenfilm. Hier mischt sich alles, die Pseudo-Jugendkultur in all ihrer Putzigkeit, Geschäftsmänner, Penner und touristen, wie wir es sind. Was es hier zu sehen gäbe, die Bastille nämlich, ist abgerissen worden, nachdem sie ja gestürmt worden war von den Revolutionären 1796. Casanova hat hier gesessen und Begnadifungsbriefe geschrieben in seinem seltsamen Französisch, Voltaire zweimal, de Sade auch, jetzt sitzen wir hier. Aber anders.

Ménilmontant
Es ist Nachmittag, wir sind Friedhöfe schauen. Das schönste an Paris sind die Friedhöfe. Irgendwo hier auf dem Père Lachaise liegt Jim Morrison rum, anscheinend gibt es immer noch hin und wieder nächtliche Orgien an seinem Grab. Manche der Gräber sind größer als die durchschnittliche Studentenbutze hier, und wahrscheinlich auch bequemer. Man wohnt ja wie eine Labormaus, wenn man kein Geld hat, ich kenne hier Leute, die 450 Euro für 16 Quadratmeter, sechster Stock ohne Aufzug, Gemeinschaftsklo auf dem Gang ausgeben. Hier soll es eine Menge verdienender Obdachloser geben, anscheinend existiert ein Camp an der Seine, wo Krankenschwestern und andere Geringverdiener zusammen zelten, weil sie sich die Mietpreise hier nicht leisten können. Dabei soll die Stadt 20% Leerstand haben, wegen all der Reichen, die sich hier ein Penthouse halten, um einmal im Jahr für ein Wochenende vorbeijetten zu können. Das hab ich aber alles nicht nachrecherchiert.

Jim Morrisons Grab ist übrigens unspektakulär, aber ständig stehen da irgendwelche Leute rum und knipsen Fotos. Wir rauchen, eigentlich wäre jetzt Zeit für einen Apéro, ein kleiner Ricard oder Pastis, es gibt ja viele schöne kleine Bars ein kleines Stück den Boulevard de Ménilmontant hoch, bis zur rue Oberkampf. Da gibt es ein paar beinah kostenlose Kleinkunstbühnen in den Kellern, der Ricard kostet auch die Hälfte im Vergleich zur Bastille. Das ist kein historisch spannendes Viertel mit vielen Sehenswürdigkeiten, aber man lernt viele nette Leute kennen hier.

Noch ein Stück weiter, irgendwo in den Umkreisen der Place de la République, ist Samstag Nachmittag gut rumsitzen und Café oder Pastis oder beides trinken. Gefühlt jeden Samstag findet in Paris am Samstag um die Mittagszeit eine Demo statt, für mehr Kinder oder weniger, für den Frieden im Nahen Osten oder nicht, für die Lehrer und Schulen oder die Renten oder insgesamt, dass Geld vom Himmel fallen möge, für weiße Bendel in roten Schuhen, wie auch immer. Traditionell versammeln sich dann sehr viele pfeiferauchende alte Männer (an der Pfeife erkennt man die Alt-Maoisten) und schwenken Plakate, die schon 68 an der Sorbonne hingen, mit diversen Interessengruppen. Deswegen wird weitläufig abgesperrt um den Platz herum, was zu Staus bis in die entlegensten Gassen von Marseille führt. Wers morbid mag, wird sich freuen: in Paris hat, ich hab mitgezählt! jedes zweite Auto aua. Die werden vermutlich schon kaputt gebaut.

Einer meiner liebsten Rumsitz- und Apéritif-Trink-Plätze fehlt noch: Auf der ÃŽle de la Cité, hinter dem Pont Neuf, ist eine freie Fläche zum Wasser hin, da sitzen, sobald das Wetter will, ganz viele Leute beisammen; das ist schon beinah berliner Parkatmosphäre, bloß enger und extravaganter. Korkenzieher nicht vergessen!

Die nächsten Tage dann: Montparnasse, Montmartre, Saint Germain.

27 Kommentare

  1. 01

    ;) dieses Grabgeknipse ist mir auch immer etwas suspekt… schöne Serie… mal so entspannend

  2. 02
    burninberlin

    das klingt doch schon besser! vielleicht wird’s ja ganz spontan doch noch was mit paris…

    sehr schöne serie bisher! freu mich auf teil drei!

  3. 03

    Diese Stelle auf der ÃŽle de la Cité, is das nich da wo der Scheiterhaufen früher stand?

  4. 04
    Frank Schenk

    Schöner Bericht, erkenne vieles wieder :)

    Bastille und Republique sind leider sehr teuer. Rive gauche – so Quartier Latin und St-Germain-de-Pres sind recht schön und dort kann man vergleichsweise günstig Essen und trinken. Mont Parnasse auch aber das ist nicht ganz so schön, das Viertel.

    Viel Spaß noch, du glaubst nicht, wie neidisch ich bin!

    Muss bald mal wieder hin *sehnsucht*

    Frank

  5. 05
    Frédéric Valin

    @Tobias K.: Welcher Scheiterhaufen? Den kenn ich nicht.

  6. 06
    Frank Schenk

    Editieren geht grad net. Pere Lachaise fand ich sehr spannend, das Grab vom Morrison ist bis auf ne Teddysammlung auch recht unspektakulär. Sacre Coeur ist bei schönem Wetter ne Wucht – man sollte nur keine Angst vor Menschenansammlungen haben. Portraitmalereien (und anderes) gibts beim Centre George Pompidu günstiger aber die Atmosphäre auf dem Berg Montmartre ist echt toll. Generell – viel laufen, auch wenn sich die Beine beschweren, es gibt soviel zu sehen!

    gruß

  7. 07

    Na der Haufen zur Hexenverbrennung und so… da wo die ÃŽle de la Cité ausläuft und jetzt so ein kleiner Park ist, wo die Verliebten immer rumm knutschen. Ich weiß ja nich, ob du die Stelle meinst. Paris ist schon so lange her.

  8. 08
    Frédéric Valin

    @Tobias K.: Vom Scheiterhaufen höre ich das erste Mal, aber das könnte sein. Inzwischen wird da ja mehr Gras verbrannt. Auch ein Zeichen für den Zivilisationsprozess: Hesen zu Tüten! Hexen zu tüten!

  9. 09

    Tja, die Wohnungspreise. 450€ für 8qm in der 4.Etage, Klo im Gang. Eines Tages traf ich an der vergoldeten Eingangstür des luxuriösen Vorderhauses einen (vermutlichen) Bankmanager im maßgeschneiderten Anzug. Wie sich dann herausstellte, war er mein direkter Nachbar und wohnte gemeinsam mit seiner Mutter in einer Mini-Wohnung unter dem Dach, im Hinterhaus. Krankenschwestern unter der Brücke? Vielleicht sogar plausibel..

    Soziale Kontraste sind auf jeden Fall ein Thema. Da liegt ein Obdachloser im Schlafsack auf dem wärmenden Abluftgitter der Métro – und drei Meter weiter sitzen die Besserverdienenden und schlürfen das Austernmenü für 59€, Heizpilze vertreiben die Februarkälte (drinnen darf man ja nicht rauchen).

  10. 10

    Wollte ich schon beim letzten Parisführerteil schreiben, aber die schon vorhandenen zweitausend Antworten haben mich dann abgeschreckt. Hier siehts (noch) etwas besser aus, drum wag ichs: Sehr, sehr angenehm zu lesen und wirklich toll geschrieben. Richtig flüssig-witzig, obwohl ich mich in Paris üüüberhaupt nicht auskenne und mich solche Was-ihr-besuchen-müsst-wenn-ihr-in-der-und-der-Stadt-seid-Artikel nie richtig ansprechen. Voilà.
    Bitte, gern geschehn.

  11. 11
    Frank Schenk

    @09: Man muss dazu wissen, daß die Pariser (zumindestens die meisten – insbesondere die nicht ganz jungen) sehr viel Wert auf Kleidung legen und wenig Wert auf ihre Wohnung. Es ist also dort nicht ungewöhnlich, als Bankangestellter einen guten Anzug zu tragen aber in einem Rattenloch zu wohnen. Die Mietpreise sind aber auch jenseits von Gut und Böse, da stinkt selbst der Taunus mit seinen Millionärshochburgen wie Bad Homburg und Umgebung nicht gegen an. Dementsprechend ja auch das Hotelproblem.

    gruß

  12. 12

    in Paris am Place de la Contrescarpe (Quartier Latin) habe ich den teuersten Döner meines Lebens gegessen – aber auch den besten!

    Frédéric, dein Paris-Reiseführer gefällt mir gut, schön und treffend geschrieben

  13. 13
    Frank Schenk

    Man darf die Pariser Dönerpreise nicht mit den Berliner Dönerpreisen vergleichen. Im Rest Deutschlands sind Döner mindestens doppelt so teuer wie in Berlin. Ausserhalb des Quartier Latin hab ich in Paris auch noch nie nen Dönerladen gesehen.

    In der Nähe des Louvre (müsste Rue de Saint-Honore sein) gibts übrigens einen exzellenten Japaner, der fast nur Suppen (Ramen?) auf der Speisekarte stehen hat. Da hab ich oft gegessen, da bekam man für nen passablen Preis den Magen voll mit leckerer Suppe, das reicht immer bis Abends.

    gruß

  14. 14
    Frank Schenk

    Kommentare gehen immer noch nicht…

    Hab das Restaurant im Inet gefunden. Es heißt Sapporo Ramen (wenn ich mich nicht sehr irre)
    http://www.gutenappetit.net/restaurant-paris/we37044-sapporo-ramen

  15. 15

    Schöner Post. Ich hoffe du vergisst nicht in den Jardin du Luxembourg zu gehen, der schönste Park hier in Paris.
    A bientôt

  16. 16

    @Frank Schenk: und in Paris noch dreimal so viel wie in anderen deutschen Großstädten ;-)

  17. 17
    Martin2

    Am Grab von Morrison war ich mal als Stoepsel. Es gab dann ein Riesentheater weil ein russischer Bekannter nicht zusammen mit dem Grab fotografiert werden wollte, sich aber nicht mehr rechtzeitig aus dem Bild retten konnte. Muss mal Mama fragen, ob sie das Foto vernichtet hat.

    Im Jardin du Luxembourg war ich heute 2mal. Sehr nett. Viele Tennis – und Schachspieler. Und ja: Die Franzosen kleiden sich besser.
    Oder sagen wir mal so: Sie haben mehr Ideen. Mir gefaellt das, wenn sich jemand Gedanken macht welchen Schal er zu welchem Jackett traegt.

  18. 18

    1796? ähem…

    in sachen sitzen: es sitzt sich auch prima, da wir imaginär einmal im 20. sind, oben am parc de belleville, auf der mauer über so ziemlich allem. der weg dorthin ist auch schön, aber dafür muss man laufen…

  19. 19
    DerElton

    Ricard is doch Pastis, aber den trinkt man dann doch eher im Süden… Der Pastis von den Nordlichtern is der Pernod, Putain!

  20. 20
    David

    „Die werden vermutlich schon kaputt gebaut.“ hihi…toll…

  21. 21
    ratzepansen

    es ist schwer, sich (als berliner) wohl in paris zu fühlen! da helfen leider auch die vielen tipps, nicht das tape, der disquaire und auch chez prune nichts! es bleibt voll, teuer, dreckig und anstrengend

  22. 22

    @DerElton: Wer Pernod trinkt, der macht zu Yann Tiersen Party! Ich kenne keinen Franzosen, der Pernod trinkt. Nicht einen.

  23. 23
    Arno

    Guck dir mal an, wie der Pariser einparkt. Das erklärt den Zustand der Autos sehr einleuchtend.

  24. 24

    @ ratzepansen da geb ich dir recht die Straßen in Paris sind richtig dreckig
    cool sind aber auch die autofahre um den art de Triumph die fahren wirklich kreuz und quer

  25. 25

    das obdachlos-trotz-verdienst-camp ist übrigens an der rive gauche kurz hinterm gare d’austerlitz…

    schon krass, wenn man beim joggen an nem vermeintlichen brückenpenner vorbeikommt, der nicht eingepisst und mit rotweinflasche im dreck liegt, sondern sich gerade vor dem frisierspiegel arbeitsfein macht.

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