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Intransparency International — The Nocluetrain Manifesto?

Wenn doch kluge Köpfe seit Jahren predigen, dass Offenheit und Transparenz zu den wichtigsten Faktoren für ein erfolgreiches Unternehmen des 21. Jahrhunderts gehören; wenn „Märkte Gespräche sind“ und der Markt mehr als ein „demografischer Sektor“; wenn die Unternehmensleitungen von ihrem „Elfenbeinturm“ hinabsteigen sollen, um „Beziehungen zu den Menschen“ aufzubauen …

… wie konmt es dann, dass die bekanntesten Unternehmen der Welt immer noch und offenbar mit großem Erfolg das genaue Gegenteil tun?

Apple, Disney, Google, Allianz, Microsoft, Nike, Nestlé, SAP, Coca-Cola, Vivendi Universal, AOL Time Warner … die Liste ist zufällig und bezieht sich hier mal nicht auf moralische Unternehmenskritik, sondern dient der Feststellung: Nicht eines der mir auf die Schnelle einfallenden Mega-Unternehmen zeichnet sich nach meiner Kenntnis durch herausragende Transparenz aus. In Teilbereichen dieser und anderer Unternehmen gibt es sicher Abteilungen oder Verantwortliche, die sich um Innovation auch im Kommunikationsbereich bemühen — doch sind es nicht einfach nur neue Marketingstrategien, angepasste Kampagnenformen, die uns heute etwas anderes verkaufen als vor 20 Jahren? PR 2.0 halt?

Sind Unternehmen wie die aufgezählten dem Untergang geweiht, weil sie die Neuzeitglocken noch nicht gehört haben, oder machen sich all diejenigen etwas vor, die sich aus Konsumentensicht eine Transparenz wünschen, die sie nie bekommen werden? Ist das Cluetrain-Manifest blanker Unsinn? Können sich Riesenfirmen die gewünschte Offenheit überhaupt leisten, und wenn ja, könnten wir diese dann auch tatsächlich bewerten und würden wir sie wirklich so schätzen, wie wir es im Kneipen- oder Online-Gespräch immer vorgeben?

Es ist schließlich immer noch leichter, Konsumenten bei der Eröffnung des siebzigsten Ablegers einer Elektronikmarkt-Kette zu Massenaufläufen zu mobilisieren, als eine Demo mit halbwegs stattlicher Teilnehmerzahl zu initiieren.

22 Kommentare

  1. 01

    Auf echte Transparenz (Open Source) werden sich etablierte Großunternehmen wohl kaum einlassen, schließlich würden Sie damit freiwillig Herrschaftswissen verschenken und einen Haufen Risiken eingehen. Dafür sind sie auch viel zu sehr vom Wettbewerbsgedanken durchdrungen. Ich fürchte, da werden Märkte auch in Zukunft eher als 100m-Laufbahnen denn als „Gespräche“ gedacht.

  2. 02

    Ist doch klar, wo der Konsum ja faktisch sowas wie die Religion Nummer Eins ist und wenn da ne neue Kirche aufmacht, muss man halt dabei sein… :-/

  3. 03

    @Johannes: Ich hoffe, man liest das da oben: Ich denke wirklich nur laut nach „¦ ist denn Open Source echte Transparenz bzw. was bedeutet „echte Transparenz“ überhaupt? Klar, bei der Arbeit an einem OS-Projekt ist Transparenz gegeben, aber gilt das auch noch in dem Moment, in dem daraus ein Geschäftsmodell entwickelt wird?

    Ist ein Unternehmen wie RedHat transparenter als andere? Oder anders: Wie würde ein „echtes Open-Source-Unternehmen“ agieren? Ich weiß, dass es dazu viel Geschriebenes gibt, das meiste davon ist mir aber zu esoterisch und theoretisch.

  4. 04
    earl

    Google fällt irgendwie heraus, denn sie bieten keine Produkte in Schachteln an.

    Die Software, die Google anbietet, ist zum größten Teil sogar richtig Open Source (zum Beispiel die Android Platform für Mobiltelefone).

    Als Ausnahmen fallen mir da höchstens irgendwelche Toolsbars und ähnlicher Kleinkram ein, bei dem ich mich Frage, wer sowas überhaupt nutzt.

    Bei Apple ist auch ein nicht unerheblicher Teil des Betriebssystems frei verfügbar, eigentlich alles bis auf die „žOberfläche“.
    http://www.opensource.apple.com/darwinsource/10.5.6/

  5. 05
    earl

    @Johnny Haeusler: Also besonders wichtiges Kriterium für Transparenz ist für mich, dass ich keine Dinge kaufe und zu Hause nutze, wo ich nicht sehe, was drin ist, bzw. in der Nutzung (unnötig) eingeschränkt bin.

    Bei Google ist das zum Beispiel schwierig, weil man von Google nichts nach Hause bekommt. Google beauftragt man und bekommt anschließend ein Ergebnis nach Hause geschickt.

    Bei Microsoft oder Apple ist der Fall klar: Ich habe ein Produkt zu Hause, wo ich nicht sehen kann, was es tut. Nebenbei wird mir auch noch vorgeschrieben, wie ich es nutzen kann und darf — dieser Punkt trifft auch auf Produkte von Warner und Universal zu.

  6. 06

    @Johnny Haeusler: ich meine mit „Open Source“ nicht allein die Produkte, sondern den vollständigen Einblick in die internen Prozesse der Organisationen.

  7. 07

    @Johannes: Schon klar, aber ich bezweifle, dass das wirklich funktionieren würde. Unternehmensprozesse benötigen in gewissen Bereichen ja auch bestimmte Kentnnisse und Wissen, Entscheidungen werden (hofft man) auf lange Sicht getroffen usw. — wie aufwändig wäre eine solche Transparenz, deren Inhalte man ja auch diskutieren und rechtfertigen und belegen müsste? Ich kann außerdem verstehen, dass Unternehmen bestimmte Entscheidungen nicht offenlegen wollen, denn schließlich liest die Konkurrenz ja mit. Gibt es Beispiele für wirklich offene Unternehmen? (Ich mache hier einen Fernkurs gerade :))

    @earl: Ich finde nicht, dass Google rausfällt, auch Google bietet Produkte in Boxen (dem Browser nämlich) an, noch dazu kostenlos. Und auch da weiß man nicht genau, was drin ist. Außerdem ist Google inzwischen auf so vielen Baustellen unterwegs (Energieerzeugung), dass einem schwindlig werden kann.

    @earl: Das fiese ist doch aber (und genau das meine ich oben): Bisher gibt der Erfolg sowohl Apple als auch Microsoft Recht, oder nicht? Der Walled Garden des iPhone und iTunes und AppStore läuft wie blöde, nicht zuletzt wegen einer gewissen technischen Zuverlässigkeit, aber auch, weil bspw. Entwickler ein klares Geschäftmodell nutzen können. Ich habe Android eine Weile getestet und bin sehr, sehr gespannt, wohin sich das entwickelt, muss aber auch sagen, dass die Qualität der Apps insgesamt eher nicht so toll war. Das wird besser, ganz sicher, aber welcher „Normalnutzer“ hat dafür Zeit und Geduld?

  8. 08
    V'kar

    Meines Wissens ist Debian sehr sehr transparent, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Debian#Organisation

  9. 09

    @V'kar: Und wieviel verdienen die Leitungspositionen? :) Die Frage ist nicht so ernst gemeint „¦ aber Debian verstehe ich eher als eine Art Verein, im positiven Sinne. Das Produkt wird nicht allein von Debian produziert und die wenigsten Entwickler bekommen für die Mitarbeit Geld von Debian, da ist eine andere Unternehmensform quasi Pflicht, finde ich.

  10. 10

    Was hat denn Open Source mit offener und echter Kommunikation und vor allem vollstaendiger Einflussnahme aller Kunden zu tun? Das hat doch praktisch nichts miteinander zu tun und geht auch kaum.

    Open Source heisst doch nur dass ich mir (theoretisch, wer kann es denn wirklich, zum einen von der Menge zum anderen vom Wissen? Aber das ist wieder ein anderes Thema) den Hintergrund z.B. einer Software ansehen kann. Da findet doch erst einmal keine Kommunikation an sich statt.

    Debian wuerde ich nicht als ein Unternehmen ansehen, das ist ein Projekt. Da kann und muss vielleicht sogar die Kommunikation anders ablaufen. Ohne mich da auszukennen vermute ich dass aber auch dort die Kommunikation in irgendeiner Form koordiniert und vereinbart wird. Soweit ich das eben beim schnellen Ueberfliegen gesehen habe hat auch da eine Person das Sagen (bzw die Entscheidungsgewalt) wann ein Release fertig ist. Gar nicht mal so viel anders als in einem Grossunternehmen.

    In gewisser Weise ist das doch auch etwas was die Kunden wollen:

    Wuerde ich wirklich etwas wollen wo mir eine Person eine Aussage gibt und die naechste eine andere und wieder jemand anders laesst es mich selber entscheiden? Ja, ist fertig. Nein, dauert noch bis naechste Woche. Schlag doch mal was vor.

    Ebenso ist die Frage wie ein Grossunternehmen mit mehreren 10,000 Mitarbeitern mit mehreren Millionen Kunden partizipativ ueberhaupt kommunizieren kann. Geht das ueberhaupt? Und wollen das wirklich alle diese Kunden? Koennen die die das wollen die ganzen Prozesse in all den Grossunternehmen mit denen sie zu tun haben ueberblicken?

    Das moechte ich mal bezweifeln. Grossunternehmen sind extrem komplexe Gebilde, das verstaendlich darzustellen duerfte ein Ding der Unmoeglichkeit sein. Die ganzen Zusammenhaenge und Abhaengigkeiten zu verstehen ist schon innerhalb eines Unternehmens schwierig genug, viel Spass das als Aussenstehender zu versuchen…

  11. 11
    earl

    @Johnny Haeusler: Googles Browser ist doch nichts besonderes. Er basiert auf Webkit, ehemals KHTML. Das war ursprünglich die HTML-Engine von KDE’s Konqueror. Die selbe Engine benutzt auch Apples Browser Safari.

    Lass dich nicht so einfach von Markennamen blenden. Bis auf Microsoft teilen die von dir aufgezählten Unternehmen mehr Code untereinander und mit den Nutzern, als man vermuten würde.

  12. 12

    „Open-Source-Unternehmen“ würde für mich bedeuten, dass man der Öffentlichkeit „Leserechte“ auf die Entscheidungsprozesse im Unternehmen gibt. Das heißt ja nicht, dass jeder dieses Recht auch wahrnehmen muss, soll oder wird.

    Aber da sich Unternehmen an ihrem Markterfolg und nicht am Gewinn für die Gesellschaft messen, gibt es dafür aus deren Sicht natürlich keine starken Argumente.

  13. 13

    Gute Frage. Keine Ahnung, wie die Antwort lautet. Also: Sehr gute Frage.

  14. 14
    Jan(TM)

    Ist das Cluetrain-Manifest blanker Unsinn?

    Moment, ich zähl mal schnell durch: 1 iPod Touch, 1 JBL Dock, ganz viele Apps, 1 iMac, 1 zusätzlich gekaufter Leopard, 1 Sony Vaio, 1 Sony Verstärker, 1 Paar Tannoy Monitore(Lautsprecher), > 100 CDs & LPs, > 300 Bücher … und ich will keine Zielgruppe sein?! Schon mal versucht eine Kontaktadresse im iTunes Store zu finden? Ich schon und kaufe immer noch dort.

  15. 15
    m.a.c.k.e.

    so lange sich die ‚produktionsmittel‘ nur in den haenden sehr weniger befinden gibt es auch kein ‚transparentes (gross)unternehmen‘! natuerlich ist dieses ganze -nicht auszuhaltende- gelalle von transparenz und nachhaltigkeit nur propaganda! es geht hier um macht nicht um ein schnuckliges beisammensein netter produzenten und konsumenten oder um tolle bunte lifestyleprodukte fuer ein paar warmduscher wie wir auf der welt die sich das -noch- leisten koennen! hallo?! wir leben schliesslich immer noch mit diesem lebenden toten: dem kapitalen ismus!

  16. 16
    Georg

    @Jan(TM): Schon mal versucht eine Kontaktadresse im iTunes Store zu finden“¦

    Zwei klicks: Menüpunkt „Hilfe“ -> „Apple-Service u. Support“ -> Webseite öffnet sich -> Sprechen Sie mit uns „Kontaktaufnahme zum Support“ anklicken. -> Telefonnummer anrufen oder andere Form der Kommunikation wählen.

    Eigentlich ziemlich simpel. Zu simpel für Dich?

  17. 17
    V'kar

    Nochmal zu Debian. Ja, die haben einen Chef. Aber der wird basisdemokratisch gewählt. Noch offener und transparenter gehts in dieser Größenordnung nun echt nicht.
    Zu Unternehmen: Ich habe gerade ein Praktikum in einem Automobilkonzern hinter mir. Das ist einfach eine andere Welt. Da ging es schon immer sehr hierarchisch zu, in anderen Konzernen und Unternehmen ebenso. Das ist aber gerade das spannende am Internet, wie ich finde. Die Technik ermöglicht ja gerade erst alternative Möglichkeiten. Wir Kunden und Nutzer hätten es nun in der Hand, transparentere Firmen zu fordern, in dem wir von intransparenten Firmen nichts mehr kaufen. Aber wen, ausser einer handvoll *Wort_hier_einsetzen* Leute interessiert sowas denn? Da geht es doch nur um billig, billig…
    Oder irre ich mich?

  18. 18
    Jan(TM)

    @Georg: Simpel? Selbst mit deiner Anleitung hab ich 5 Minuten gebraucht – aber danke.

  19. 19

    @Johannes:

    Und wie stellst Du Dir das praktisch vor?

    Komplexe Entscheidungen ebenso wie kleine alltaegliche Entscheidungen in Grossunternehmen sind ja nicht etwas was man so ganz einfach mal eben so in einer verstaendlichen Form veroeffentlichen kann.

    Das sind teilweise langwierige Prozesse wo verschiedene Ereignisse und Erkenntnisse zusammenfliessen, eine Kombination von „formellen“ Entscheidungsmeetings und den beruehmt-beruechtigten „water cooler conversations“. Da sind oft sehr sehr viele Menschen und Abteilungen dran beteiligt, eine grosse Masse an Informationen wird da umgewaelzt, analysiert, benutzt, verworfen und vieles mehr.

    Kleinere Entscheidungen werden durch alle moeglichen Sachen beeinflusst, die Unternehmenskultur, verschiedene „policies and procedures“, verschiedenste Vorgaben und anderes. Ohne genauere Kenntnisse der Ablaeufe und vor allem Zusammenhaenge wird man die kaum verstehen koennen.

    Jetzt erklaer mir mal wie Du da der Oeffentlichkeit mal eben so „Leserechte an den Entscheidungsprozessen“ einraeumen willst?

  20. 20

    AOL Time Warner ist wie Raider.
    Es heißt jetzt Aider.

  21. 21
    Frogster

    Unternehmen müssen zu Transparenz gezwungen werden, nämlich dort, wo das Interesse des Verbrauchers an Informationen schwerer wiegt, als das Interesse des Unternehmens, die Informationen zurückzuhalten. Beispiele sind z.B. Informationen über die Zusammensetzung von Lebensmitteln, aber eben auch Einblicke in die internen Prozesse, wenn es z.B. um die Frage geht, ob die Produkte in Drittweltländern von Sklaven hergestellt wurden.

  22. 22

    @Frogster: Dein Argument deckt sich mit These 12 des Manifests: There are no secrets. The networked market knows more than companies do about their own products. And whether the news is good or bad, they tell everyone.

    Aber, @ alle, so fein das klingen mag – liefe eine Eins zu Eins Umsetzung dieser (und anderer cluetrain-Prinzipien nicht auf eine ungemeine Beschleunigung hinaus – auf eine Art ‚Hyperkapitalismus‘? Naiv formuliert: Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, keine (Geschäfts)Fehler zu machen. Die Folge, überspitzt formuliert: Gerade etabliert, schon abserviert. [Ganz abgesehen davon, dass wir in Belangen des Privaten grundsätzlich in die entgegengesetzte Richtung argumentieren, wenn es darum geht, über mehr Einsicht und Transparenz zu verhandeln.]

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