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Studentenprotestchen

In Deutschland streikt diese Woche die Bildung. Oder so. Ich bin gestern auf dem studentenbewegungserprobten Campus der Freien Universität Berlin unterwegs gewesen.

Vor den Instituten, die in Villen untergebracht sind, sonnen sich ein paar Studierende beim Streikgespräch. Protest muss ja nicht bleich machen. „Reiche Eltern für alle“ fordern die Philosophen auf gelben Laken, die ein oder andere Wand ist mit Parolen besprüht, die Ethnologen haben ganz oldschool die Natursteingartenmauer vor ihrem Institut mit Pinsel und Farbe politisiert.
Traditionsgemäß ist das OSI besetzt, wie auch sonst, ohne wär’s ja kein echter Bildungsstreik an der Freien Universität.

Ebenso traditionsgemäß beteiligen sich dann auch keine fünf Prozent der Studierenden an der Vollversammlung, dort aber feiert das Totholzmedium Flugblatt fröhliche Urständ, die Forderung nach freierer Bildlung, besseren Studienbedingungen, mehr Lehrpersonal und Mitbestimmung muss in einen globalen Kontext gebracht werden. Talkin about a revolution? Naja, auch die Blätter der Streikgegner fliegen en masse herum.

Zum Auftakt der studentischen Vollversammlung springen Kommilitonen mit dem Megafon durch die Mensa, sie wollen noch ein paar Hungrige zum Protest überreden, werden aber eher ausgelacht. Ansonsten ist schon um 13:00 Uhr das halbe Mensaangebot weggefuttert, die Mensa auch nicht leerer als sonst, dabei sollten die Studis doch gerade vollversammeln…

Ein paar ganz Engagierte besetzen am Nachmittag das Präsidium der Uni. Und das obwohl doch der Präsident sich schon vor beinahe zwei Wochen quasi hinter die Proteste gestellt hatte und es allen Unimitgliedern nahe legte, zur heutigen Demo zu gehen. Aber bei der Besetzung seiner Hütte hört die Solidarität auf, soweit kommt’s noch, mit den Chaoten den Raum zu teilen, dann doch besser polizeilich „brutal“ räumen lassen. So der AStA. Auch das hat Tradition. Laut dem Universitäts-Medienpartner Tagesspiegel verlief das Ende der Besetzung friedlich.
Am frühen Abend entfernt die Polizei noch ein paar Straßenkreuzungsblockierer. Kriegt nur alles kaum einer mit, denn es findet im beschaulichen Westberliner Villenviertel Dahlem statt.

Im Seminar ist es die Professorin, die zum Protestieren aufruft, weil ihre Studierenden erwartungsgemäß vor ihr sitzen, statt zu streiken. Der Grund, warum ein Student ihren Aufruf unterstützt, ist: damit die Radikalen nicht den Protest bestimmen. Immer schön brav bleiben, auch wenn es darum geht, Kritik zu äußern. Die liberale Hochschulgruppe hat das in ihrem zeitlos-ängstlichem Antikommunismus schon im Vorfeld gefordert.

Andernorts sieht es wohl ähnlich aus wie an der Freien Universität.

Es ließe sich so herrlich über diese regelmäßig wiederkehrenden Rituale ätzen. Einfach über Revolutionsromantiker und die protestfaule Mehrheit lästern. Wenn es nicht so traurig wäre.

– Weil Bildungspolitik immer wieder in den Mühlen des deutschen Föderalismus untergeht. Jedem Kleinstaat seine Schulreform, aber besser kein tragfähiges Gesamtkonzept. Stattdessen jagen wir uns bei den Pädagogen lieber gegenseitig die Lehrer ab, wobei reiche Länder natürlich Vorteile haben. Sozialdarwinismus für die Kleinsten.
– Weil genau den aber auch die Eltern betreiben. Während es den Eltern aus dem Prekariat oft an einem Zugang zur Wichtigkeit des Schulbesuchs ihrer Eltern fehlt, sagt die Bildungselite trotz allem theoretischen Reformwillen: Mein Kind spielt nicht mit den Schmuddelkindern, ich wil, dass es eine Gymnasialempfehlung erhält.
– Weil Tanja Recht hat.
– Weil seit Jahren alle Studien aufs Neue zeigen, dass es der elterliche Gedlbeutel ist, der über die Chancen des Nachwuchses im deutschen Bildungssystem entscheidet. Da haben auch Studiengebühren nichts daran geändert und auch die Gesamtschule kommt gegen die soziale Herkunft nicht an.
– Weil die Bachelorstudiengänge so wunderbar funktionieren.
– Weil immer mehr Wissenschaftler keine festen Stellen mit Lehrverpflichtung an den Unis haben, sondern wenn überhaupt auf befristeten von Fördermitteln (u.a. aus der Privatwirtschaft) bezahlten Forschungsstellen sitzen und somit im regulären Unibetrieb nur bedingt integriert sind und vor allem in der Lehre fehlen.

Es fällt gar nicht so einfach, gegen dieses Wirrwarr klare Forderungen zu stellen, ohne gleich unrealistisch genannt zu werden. Hut ab, vor denen, die dennoch fordern und ihre Forderungen an die Öffentlichkeit bringen. Gut, dass hier immerhin Schüler und Studierende zusammen agieren, wo sonst bei Bildungspolitik jeder sein eigenes Süppchen kocht.
Mit einer einzigen Protestwoche wird es aber kaum getan sein. Erst recht nicht, wenn fast alle fernbleiben.

39 Kommentare

  1. 01

    ist es nun ein streik oder ein protest?
    wenn ein streik, dann frage ich mich, welche leistung studenten erbringen, auf die andere angewiesen sind.

  2. 02
    ab0032

    Ohne Bildung kein reiches Deutschland. Laßt uns in die lahme Bildungslandschaft etwas Leben einhauchen durch Vouchers für jeden Schüler und Studenten, die der Bund bezahlt und der Student zur Uni seiner Wahl trägt, um Konkurrenz zwischen den Institutionen einzuführen, dann können die Schüler und Studenten mit ihren Füßen entscheiden, welche Einrichtung eigentlich geschlossen gehört. Bisher muss man ja zu seiner Einzugsschule und die Studenten sind eigentlich Störfaktoren für die dort Arbeitenden, die es ohne sie so viel leichter hätten. Kündbarkeit für Lehrer und Profs wäre auch mal angesagt.

  3. 03
    Stefan

    Wenn man die Bilder dazu so sieht (http://www.fucampus.de/2009/06/16/tempelsturmer/), hat das ganze was von einem bisschen größeren Abi-Streich …

  4. 04
    cato

    Ein Streik hat doch üblicherweise den Sinn bestimmten Personen(-gruppen) soviel Unannehmlichkeiten zu bereiten, dass dieser den Forderungen nachgibt.
    Nur wem schaden Schüler, die die Schule bestreiken oder Studenten, die die Uni bestreiken? Allerhöchstens sich selbst! Den Politikern ist das alles herzlich egal, es gibt ihnen sogar weitere Argumente ala „vorhandene Angebote werden nicht genutzt“ in die Hand.
    Desweiteren zielt die Aktion wohl auch eher auf Schüler als auf Studenten, sonst hätte man einen anderen Zeitpunkt als das Ende der Vorlesungszeit mit den anstehenden Klausuren gewählt.

  5. 05
    florian

    interessanter weise waren meiner ersten gedanken – man sind die doof, voll albern, das präsidium zu besetzen.
    man verliert wohl den bezug als arbeitender teil der bevölkerung…
    mein erstes semester liegt bald 12 jahre zurück und die ersten 6 wochen waren eigentlich nur „streik“ und kaum studium (außer bei den juristen und bwlern, aber das ist ein anderes thema). ging auch damals um studiengebühren und bessere bedingungen (dabei kannte ich die schlechten noch gar nicht).
    leider hat es dann doch nicht viel gebracht – danke an björn für ein paar mehr details zur heutigen situation…

    und tatsache ist wohl auch – ohne demonstrationen und von mir aus auch „streik“ keine öffentlichkeit und also auch keine diskussion. von daher – weiter so!

  6. 06

    Ich teile deine Meinung, dass es wirklich ärgerlich ist, wenn die Leute auf ihrem faulen Arsch sitzen und nicht mitprotestieren (sofern sie denn davon wissen ;) ).

    Andererseits finde ich es ziemlich lächerlich, wenn Studenten militaristengleich das Otto-Suhr-Institut besetzen und damit ihren eigenen Kommilitonen ans Bein pissen. Denn solange das Institut besetzt ist, bekommt auch keiner der Studenten ein Thema für die Abschluss- oder Hausarbeit abgesegnet. Nur ein Beispiel. Wäre schon cool, wenn man durch seinen Protest nicht diejenigen noch mehr behindert, die genauso unter der miesen Bildungspolitik leiden. Irgendwie sinnfrei.
    [EDIT: Cato sagt es auch und war schneller ;)]

    Außerdem: Wie war das mit freier Bildung? Hier wird also Bildung politisiert. Die freie Bildung wird behindert, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Könnte man sich auch überlegen, ob das der richtige Weg ist.

  7. 07

    Zur Begriffsklärung: Es ist natürlich kein Streik sondern ein Boykott. Aber da man es „traditionell“ so nennt, bleibt es wohl auch dabei.

  8. 08
    Bronco

    bin am ende des studium und viel zu gefrustet um mich da hinzusetzen. ich würd da wahrscheinlich an einem zu hohen blutdruck sterben. wenn jemand anfängt steine zu werfen komm ich sofort rum, alles fürn arsch die studiererei!

  9. 09

    Hallo Spreeblick, es freut uns, dass ihr den Weg an unsere Universität gefunden habt! Dürfen wir bei den vielen Links auch noch auf die Berichterstattung des studentischen Campusmagazins FURIOS aufmerksam machen? Wir sind relativ neu und würden uns doppelt freuen!

  10. 10

    Eine traurige Wahrheit witzig und unterhaltsam beschrieben… die linke-alternative-liberale-universalistische Szene braucht solche Autoren…
    liebe Grüsse
    WhiteHaven

  11. 11

    Jaja das ist schon schlimm. Jetzt kann man sich garnicht mehr Jahrelang auf die faule Haut legen, weil man es ja bezahlen muss :-)

    Sinnvoller wäre es natürlich, die Gebühren erst nach überschreiten den normalen Studienzeit zu verlangen. So könnten diejenigen, die „ordentlich“ studieren auch weiterhin ohne reiche Eltern studieren. Und die (und das sind nicht wenige), die hier und da mal ein Semester wiederholen, weil se lieber auf Partys waren, dürfen dann richtig Bluten.

  12. 12
    Björn Grau

    @WhiteHaven:
    Vielen Dank für die Blumen.

    @DeserTStorM:
    Du weißt schon, dass es nicht überall in Deutschland Studiengebühren gibt und der Druck, schnell fertig zu werden auch in den rigiden Studienordnungen des Bachelors liegt? Und dass der entscheidende Auslesepunkt für eine Ausbildungskarriere die Kosten für Kita und Kindergarten sind?
    Die wenigsten studieren ewig, weil sie lieber Party machen. Meist müssen oder wollen sie nebenher arbeiten. Manche engagieren sich auch noch nebenher an der Uni.

  13. 13

    Ein sehr schöner Text, der mir zu meinem eigenen Erstaunen ziemlich aus der Seele spricht. Ich war auch nicht protestieren/streiken und ägere mich aber eigentlich erst nach dem Lesen des Textes so richtig darüber. Sicher, ich habe sehr viel zu tun im Augenblick, aber entschuldigen tut es meine Abwesenheit eigentlich nicht. Was ich aber allgemein aus dem Kreise meiner Kommolitonen weiß: Es glaubt einfach niemand mehr an vernünftige Bildung. Das Studium wird durchgezogen und nur noch als Durchgangsstadium empfunden, niemand sieht den Sinn im sich Aufbäumen gegen das Kleinklein der Bildungspolitik. Ich habe durchaus Politikinteressierte Freunde, aber wenn es um Bildungspolitik geht läuft mir und meinen Freunden in großer Leuchtschrift über die Stirn: Windmühlenfechterei, lass mal über was anderes reden.
    Es wird kaum darüber diskutiert, weil man erstens den Glauben in die eigene Stimme verloren hat und zweitens auch mit den aktiven, dafür aber im zweistelligen Semesterbereich studierenden, Studentenvertretern eigentlich auch nichts zu tun haben will. Was sich ändern muss? Es kann nicht nur Aufgabe der Studierenden sein, gegen dieses Bildungsunsystem vorzugehen. Ich frage mich warum Professoren, Lehrer und Eltern dort zu wenig involviert sind. Offenbar gibt es keine gesellschaftliche Debatte um das Thema, sondern es ist nur eine leidliche Randerscheinung unserer Gesellschaft um die sich auch mal jemand kümmern müsste.

  14. 14
    Robbenklopper

    Wenn man wenigstens die Chance hätte, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Aber wer kein Glück im Los- oder Windhundverfahren oder auf der Modulrestplatzbörse [sic!] hat, und dann als „Härtefall“ bezeichnet wird, der schaut halt in die Röhre.

    Das traurige ist halt wirklich, das den meisten ihr Studium einfach am Arsch vorbeigeht, und es einfach hinnehmen, das ein Modul aus nur 3 Vorlesungen (Hallo Frontalunterricht) besteht und anschließend der auswendig zu lernende Stoff in Klausuren abgefragt wird. Kein Platz zum reflektieren etc. Letztes Semester musste ich mit 5 Kommilitonen zusammen ein 2000 Wörter Essay schreiben …

    … aber Hauptsache es bringt Creditpoints, bin ja schließlich Härtefall

  15. 15

    Die FU Berlin hat sich ziemlich verändert: Eliteuni, und überhaupt sieht es da drin mittlerweile ziemlich aufgeräumt aus. Adrette Menschen, eine freundliche Rezeptionsdame, keine Kippen, alle sind strebsam. Ich glaube nicht, dass man da noch irgendwas kritisches erwarten kann. Der FU-Chef ist ja eh ein Hardcoreneoliberaler (schönes Wort :-)

    Schade um das Gebäude, das übrigens aus einer Zeit stammt, als diese angepassten Hampelmänner nichts zu sagen hatten.

  16. 16

    @Martin:
    Professoren: Publikationsdruck. Wenn man nicht 95000 Publikationen pro Jahr hat, wird die eigene Forschung als minderwertig angesehen. Daher keine Zeit für Bildungspolitik.

    Lehrer: Engagieren sich, sind aber inzwischen häufig gebunden in Ganztagsschulen oder siebten, achten und neunten Klassen, die bis 16 Uhr Unterricht schieben müssen. Wir müssen ja bis zur 12. Klasse mit allem Stoff durch sein, damit die Kinder reif für’s Bachelorstudium sind! -.-

    Eltern: Z.T. ein wenig überfordert. Die engagierten sind meist die der oberen Schicht und wollen natürlich, dass alles so bleibt, weil es für sie gut läuft.

    Noch Fragen? (Ein bisschen Spaß muss sein, der wahre Kern sollte aber durchkommen.)

  17. 17
    franklyn

    Während meines Studiums gab es viele Anlässe zum Protest.. Ich kannte welche die haben eigentlich immer was zum Protestieren gehabt, und waren fleissig am Schildermalen und Aktionen planen. Ich fand die Ideen gut und viele der Kampangen waren bestimmt auch für einen Guten zweck. Ein Paar Ideen greifen sogar langsam bei den 1.Semestern 09. Bin jetzt seit 3 Jahren mit meinem Diplom im Job. Ich war nie zu faul zum Anti sein.. ich wollte da nur schnell wieder raus.. sich gut Vorbereiten, lernen, lernen, lernen, Abschluss durchziehn und richtig anfangen zu „arbeiten“ an ideen an träumen an jobs.. nicht nur theoretisch. Ich glaube wer sich zuviel mit Meckern beschäftigt nimmt sein Studium nicht ernst genug. Denn eine gutes Studium war schon immer nur das was man daraus macht.. nicht mehr nicht weniger.

  18. 18
    Tim

    @Martin
    Mir ist an dem Text und den anderen Berichten aufgefallen: Die FU hat sich verändert, klar. Ich hatte 1982 mein Studium am OSI begonnen. Man sollte sich mal klar machen dass 1982 gerade einmal 14 Jahre nach ’68 war. Nun sind weitere 26 Jahre vergangen. Die Protestkultur an der FU und anderen Unis ist jedoch nicht sehr gepflegt worden in dem Vierteljahrhundert. Das Ergebnis sieht man jetzt. Angepasste Studenten, die Streik und Protest für ein Projekt halten. Sowas wie @Stefan und @florian, Leute mit Angst um ihren Abschluss wegen der ausfallenden Seminare, hatten zu meiner Studentenzeit einen schweren Stand.

    Die Polizei zur Räumung einzusetzen wäre früher undenkbar gewesen, denn die FU verstand sich aus ihrer Geschichte als selbstverwaltete staatsferne Hochschule mit unabhängiger Forschung. An der Gründung waren Studenten und Professoren gleichermassen beteiligt, es war die erste Universität, das einen selbstverwalteten Kuratorium und nicht dem Staat unterstellt war, schlagende Verbindungen waren bis 1958 verboten und später geächtet, was Diepgen sein Amt als ASTA-Vorsitzender gekostet hat.

    Alles ziemlich traurig. Aber auf der anderen Seite: Brav und angepasst ist ganau das, was die Gesellschaft braucht. Schliesslich muss jemand in 20 Jahren für meine Rente und der der anderen aus den geburtenstarken Jahrgängen zahlen. Echter Protest würde mir und meinen Altersgenossen ziemlich Angst machen.

  19. 19
    pmn

    Ich bin ja eigentlich auch protestfaul, weil
    a) ich immer den (falschen?) Eindruck hatte, dass die ganz Linken die Szene dominierten;
    b) aus meinem Bekanntenkreis niemand sich hinreißen lies (da kann man jetzt fragen, in wiefern sich diese Haltung im Aggregat verstärkt und reproduziert bis man das Nichtstun als selbstverständlich annimmt und gar nicht mehr thamatisiert).

    Gibt es denn seriöse Untersuchungen zur Protestfaulheit heutiger Studenten? Irgendwas, das man auch zitieren kann?

  20. 20
    Milton

    Schüler- und Studentenproteste – sicherlich wohlbegründet! Die so genannten Streiks jedoch sind lächerlich, da nur selbstschädigend. Das Aussperren von Streikunwilligen (z. B. vor vier Jahren, auch heute in Ansätzen beobachtet) offenbart eine totalitäre Grundhaltung (Du musst auch für unser gutes Ziel kämpfen!) und ist mit Verachtung zu strafen.

  21. 21

    @Thorsten:

    „Eliteuni, und überhaupt sieht es da drin mittlerweile ziemlich aufgeräumt aus. Adrette Menschen, eine freundliche Rezeptionsdame, keine Kippen, alle sind strebsam. Ich glaube nicht, dass man da noch irgendwas kritisches erwarten kann. Der FU-Chef ist ja eh ein Hardcoreneoliberaler (schönes Wort :-)“

    klar. nur wer raucht, unfreundlich ist und faul, der kann kritisch sein.
    ueberhaupt. liberale koennen ja schon mal gar nicht kritisch sein.

    manche leute verwechseln resentiments und vorurteile mit „kritisch sein“.

  22. 22

    @Tim: Ich verstehe, dass man hier Protestfaulheit zu erkennen glaubt. Es geht jedoch nicht um die Seminare – die sollen meinetwegen ausfallen. Aber das, was wirklich dringend ist, weil es a) Fristen gibt oder b) um Existenzsicherung geht (BAFöG – ich sag‘ nur Leistungsnachweise o.ä.!), sollte nicht blockiert werden!

    Und ja, du hast Recht. Seit 1982 hat sich die Protestkultur ein wenig entwickelt. Eine Frage ist aber auch, ob damals manchmal nicht überzogen protestiert wurde.

  23. 23

    Wir haben hier in Bayern demonstriert. Das war vor einem Monat und wir hatten ein klares Ziel: Das System der Studiengebühren muss geändert werden. Für diese Botschaft gingen viele tausend Studenten auf die Straße. Der Bildungsstreik hat kaum eine Resonanz gefunden und ich kann mir vorstellen warum: Die Anliegen dieses „Streiks“ waren so breit gefächert, dass kaum jemand wusste ob er jetzt für die Abschaffung von Kita-Gebühren, für kleinere Schulklassen oder einfach nur „für bessere Bildung“ protestiert und aus diesem Grund einige Wochen vor den Prüfungen die Vorlesungen nicht besucht. Proteste oder Demonstrationen müssen auch von unten kommen und ein klares Anliegen verfolgen, sonst bleiben sie ein Strohfeuer. Oder ich mache es wie eine Kommilitonin von mir, die mich fragte:“Wie, streikst du nicht mit? Also wir gehen schwimmen“. Gut, dass in dieser „Streikwoche“ die Sonne scheint.

  24. 24
    martin

    (kalau)also wenn man sich mal so umschaut:
    bildungsstreik wird hierzulande doch schon seit jahren betrieben, quer durch alle bevölkerungs- und altersschichten. am meisten im tv.(/kalau)
    und dass die deutschen unfähig zur revolution sind (genetisch bedingt), ist ja wohl allgemein bekannt. also was erwartet ihr?

  25. 25
    Ruben

    Also ich studiere zur Zeit an der FU Bachelor im 4. Semester. Aus unserer Kohorte (ist wie ne Schulklasse, da wir ja fast alles zusammen studieren) waren ungefähr 10% bei der heutigen Demo dabei. Und das war vergleichsweise viel. Der Hauptgrund nicht mitzukommen war, so wie ich das mitbekommen habe, dass man die Seminare nicht ausfallen lassen könne, oder sowieso schon soviel Energie auf das Anpassen an die Regeln verbrauche, dass man sie jetzt nicht auch noch Energie darauf verwenden könne sie ändern zu wollen. Bestechend. Aber so empfinden viele. Mich frustriert das extrem. Auch die schon oben in einem Kommentar erwähnte Angst, man gerät da in das Lager der ultra-Linken, wenn man was mit dem Bildungsstreik zu tun hat, hat für viele eine hohe Hürde aufgebaut.
    Natürlich ist Studium zum großen Teil, was man daraus macht, aber viele lassen sich sehr verunsichern und sehen überhaupt keine Mitbestimmungsmöglichkeit mehr. Oder suchen sie auch nicht. Das vielleicht eher. Geht mir zum Teil ja auch so. Das fängt schon in den Seminaren an. Gefällt einem was am Unterricht nicht, wird der Teufel getan das zur Sprache zu bringen. Obwohl das aus meiner Erfahrung meist die Probleme deutlich verringert. Eine gesunde Streitkultur ist einfach nicht vorhanden.
    Naja, soweit ein bisschen Erfahrungsbericht von mir..

  26. 26

    @zion: „unfreundlich“ und „faul“ hat deine Phantasie dazugebastelt, davon habe ich nichts geschrieben. Ich hatte den Eindruck, an einer Hotelrezeption zu stehen.

    Ich habe in den 90ern an der FU studiert und war kürzlich mal wieder dort. Der Unterschied war gewaltig.

    Liberale sollten kritisch sein können. Wenn du liberal allerdings mit FDP verwechselst, dann brauchen wir nicht weiterzureden.

    Tim, was heißt „echter Protest“? Das hätte doch etwas mit Solidarität zu tun, davor bräuchtest du keine Angst zu haben. Protest wäre zum Beispiel in diesem Fall angesagt, auch von Studenten:

    http://exportabel.wordpress.com/2009/06/15/esch-oppenheim-und-co-die-mafia-kauft-bei-karstadt-ein/

  27. 27
    Tim

    @zion
    „Echter Protest“ würde auch den derzeitigen politischen Konsens in Frage stellen – der für sie nur Unsicherheit und wirtschaftlichen Druck bereit hält. Also inklusive Generationenvertrag, Staatsschulden-Erbe und soziale Gerechtigkeit.

    Das würde die (ca.) 42-55-Jährigen zutiefst in Angst versetzen – also quasi ihre Eltern, die darauf bauen, dass die heutigen Studenten mal ihre Rente erarbeiten, die Staatsschulden bezahlen und ihnen die ererbten und angesammelten Werte für das sorgenfreie Alter lassen. Wir wissen, dass unsere Zukunft auf sehr labilen Stützen steht. Aber wir beherrschen die Parteien. Lobbyverbände und die Medien. An Umverteilung und Änderung der sozialen Verhältnisse haben wie kein Interesse.

  28. 28

    @Thorsten:

    ganz und gar nicht.
    du hast geschrieben:
    „Eliteuni, und überhaupt sieht es da drin mittlerweile ziemlich aufgeräumt aus. Adrette Menschen, eine freundliche Rezeptionsdame, keine Kippen, alle sind strebsam. Ich glaube nicht, dass man da noch irgendwas kritisches erwarten kann. Der FU-Chef ist ja eh ein Hardcoreneoliberaler (schönes Wort :-)“

    „freundliche rezeptionsdame“, „alle sind strebsam“
    so, und da nun das gegentgeil fuer dich offenbar zum „kritisch sein“ notwendig ist, kommt dann eben „unfreundlich“ und „faul“ bei raus.
    ich weiss nicht, warum du die fdp nun reinbringst. aber ja, auch leute die bei der fdp sind, die fdp waehlen oder ihr sonst nahe stehen koennen „kritisch sein“.
    wie gesagt: du verschwechselst resentiments und vorurteile mit „kritisch sein“!

  29. 29

    ok, zion, ich hätte dazuschreiben sollen, dass meinen Worten eine gewisse Ironie mitschwingt. Die FU hat für mich jetzt etwas von der Atmosphäre, der Freundlichkeit und der Strebsamkeit einer Unternehmensberatung. Ist jetzt klar, was ich meine?

    Warum ich die FDP reinbringe, weißt du nicht? Aber dir ist schon klar, dass sich die FDP-ler als die die „Liberalen“ bezeichnen? Dass diese Liberalen kritisch sein können, trifft nur noch auf Leute wie Baum oder in Teilen L.-Schnarrenberger zu. Wenn du Westerwelle und Co. allen Ernstes als kritisch bezeichnest, dann musst du mir das Wort neu erklären.

  30. 30
    MWi

    ich habe keine ahnung mehr, ob ich einfach nur enttäuscht, traurig oder doch auch wütend bin.
    ich war gestern in berlin auf der straße, wie angeblich 15000 andere auch. und ich denke wir hatten und haben allen grund dazu. eine universität ist inzwischen kein ort der lehre mehr, sondern ein industriegebäude in denen wenige, artgerechte und angepasste bachelor und master studenten zusammengebacken werden. das expressstudium das wir inzwischen durchlaufen (ich selbst studiere jetzt im 6. semester informatik) ist menschenunwürdig und verachtend. diejenigen meiner kommilitonen die bis zum 6. durchgekommen sind (wir sind mit 150 gestarten, von denen wohl 30 ihren abschluss schaffen, davon aber nur 5 in der regelstudienzeit), sind inzwischen meist dem burnout nicht mehr fern.
    forschen während der uni? forget it. und bitte blos nicht querschießen, hinterfragen oder alternative lösungsansätze suchen. dafür hat inzwischen eh keiner mehr zeit: weder die profs und die mitarbeiter noch die studierenden. die sind eh damit beschäftigt den nächsten prüfungsmarathon zu überleben (9 prüfungen in 2 wochen? keine seltenheit).
    und als dank darf man sich von einigen anhören, dass protestieren eh nix bringt, oder das ich mir dadurch selbst schade. und der höhepunkt der frechheit ist, wie der präsident der hu gestern meinte, dass er auch gerne den bachelor und nicht den magister gemacht hätte…

  31. 31
    ovit

    menschenunwürdig? guck dich mal bisschen um und überleg mal, was wirklich menschenunwürdig ist.

    oder vergleich usa. was machen die leute da eigentlich an ihren unis? das pensum dort gibt es in deutschland nicht. die sind noch menschenunwürdiger. sklaventreiber!

    und wie viele leute haben früher ihr diplom beendet? wie haben sich die abbrecherquoten verändert? dem bachelor die schuld an allem geben, ist recht einfach.

    als student ist man übrigens kein forscher. das kommt nach dem studium. immer ein schritt nach dem anderen.

    und ich habe mal an einer fh informatik auf diplom studiert, wenn auch nur recht kurz… und wie menschenunwürdig war das denn? weit über 20 stunden in der woche. am ende des semesters alle 2 tage eine prüfung! morgens um 8 uhr ging es fast immer los. sklaverei und folterei und unterdrückung war das! fürchterlich.

  32. 32
    MWi

    ich hab keine ahnung was an deiner uni los war ovit, aber von sklaverei und folterei hab ich sicher nichts geschrieben und würde es meinen profs auch ganz sicher nicht vorwerfen.

    wenn das studium aber nur noch dafür sorgt, dass ein großteil der studenten nur noch ausgebrand und erschöpft ist, wenn es für so hohe ausfallquoten sorgt: ja, dann bezeichne ich das denke ich zurecht als menschenunwürdig: fernab davon ob es us amerikanische studenten noch schlimmer haben, oder wie die lebenssituation in afrika ist. menschenunwürdig bezeichne ich das derzeitige hochschulsystem deshalb, weil es die studierenden einfach nur noch kaputt macht.

    zum thema forschung: doch ich möchte auch neben meinem studium die zeit und kraft haben bestimmte themen des studiums etwas tiefgreifender zu behandeln und ich denke damit verlange ich weder zu viel noch irgendetwas falsches (wo sind wir eigentlich angekommen, dass ich mich rechtfertigen muss, wenn ich etwas lernen möchte?) durch gesprächen mit diplomstudenten ist mir bekannt, dass diese sehr wohl möglichkeiten hatten, bestimmte projekte ausserhalb des lehrplanes durchzuführen. bei den ach so projektorientierten bachelor studiengängen bleibt für so etwas leider keine zeit mehr

  33. 33
    ovit

    die uni ist kein knast und wenn es so „unmenschlich“ ist, dann das forumular zur exmatrikulation ausfüllen.

    wenn es zu stressig ist, dann muss man sich eben strategien einfallen lassen, wie man mit dem stress umgeht. ein gutes zeitmanagment soll ja das a und o sein.

    und was an meiner FH los war? das war ein ganz normaler technischer studiengang. und zwar auf diplom. und es war stressig und aufreibend, die abbrecherquote war immens und nur wenige werden in dem studienfach ihren abschluss erlangt haben. das war weit vor bologna und diese zeiten waren weder golden noch rosig.

    in meinem bachelor habe ich dagegen so viel nebenbei gelernt und gemacht und gearbeitet und durch die arbeit wiederum gelernt, ich habe in die lehre und forschung reingeschnuppert und es war immer mal wieder sehr stressig, ich habe bei weitem nicht jeden schein, den ich anstrebte, auch gemacht, aber dieses „heute scheiße, früher cool“ ist von irgendwoher abgeschrieben, aber damit nicht zwingend teil der realität.

    wer ernsthaft studiert und wert auf eine zügiges studium legt, hat eben stress, wer die sache in ruhe angehen will, der kann es auch heute noch tun (und in meinem umfeld tun es trotz bachelor sehr viele).

    und wenn es eine werteverschiebung gibt hin zu straighten lebensläufen und einem schnell absolvierten ausbildungsweg, dann kannst du das gerne auf die „unmenschlichkeit der unis“ schieben, aber das geht damit am problem vorbei. so eine orientierung erfolgt schließlich viel früher und ist immer ausgerichtet auf den arbeitsmarkt.

    für genügend menschen ist der bachelor eben auch eine gute chance, schnell einen abschluss zu erlangen. die sind dankbar und nehmen dafür den stress, den es eh schon immer gab, dann in kauf. gab ja auch früher leute, die haben ihr diplom in 10 semestern geschafft. die streber.

  34. 34
    Anmerkungsmann

    gestern waren deutschlandweit etwa 200.000 junge menschen auf der straße. von protestchen kann man da nich mehr sprechen. zumindest im vergleich zu der mahnwache heute morgen ;)

    spaß muss sein

  35. 35

    @Thorsten:

    warst du schonmal in einer unternehmenberatung?
    ich wurde, wenn ich an der fu war, nur von der indischen kassierein in der mensa freundlich behandelt.

    dein problem ist, dass jeder. der eine andere meinung hat fuer dich nicht „kritisch ist“.

  36. 36

    @Thorsten:

    warst du schonmal in einer unternehmenberatung?
    ich wurde, wenn ich an der fu war, nur von der indischen kassierein in der mensa freundlich behandelt.

    dein problem ist, dass jeder, der eine andere meinung hat fuer dich nicht „kritisch ist“.

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