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Funkloch

Ohne diesen Schmerz fehlt mir etwas. Eine latente Sehnenscheidenentzündung an der rechten Hand ist Verwirklichung meines virtuellen Daseins im Körperlichen. Irgendein Mobile Device muss quasi permanent in meinen Fingern liegen, egal was ich sonst treibe. Ständige Kommunikationsbereitschaft, die Synapsen einhändig an den Funkpuls des Internets binden.

Doch kürzlich blieb der Puls aus.

Vor einigen Tagen war ich offline. Nicht, weil ich es kann. Nein, es gab schlicht kein Netz, nirgends. Noch nicht einmal Mobilfunk. In keinem der mir zu dieser Zeit theoretisch verfügbaren drei Handynetze.
Ich meine, für ein wenig WWW-Konsum nehme ich auch die quälend langen Wartezeiten einer GPRS-Verbindung auf mich, diese wunderbare Tortur einer sich minutenlang aufbauenden Seite, die kurz vor ihrer Lesbarkeit wieder zusammenbricht. Das Glück, wenn ich nach einer Viertelstunde doch irgendeine Information aus der Onlinewelt auf den rund sechs mal sechs Zentimetern Display („žBildschirm“ neigte ich in einem Moment völliger Verklärung zu schreiben) meiner tragbaren Telekommunikationseinheit erhasche, ist allemal befriedigender als die Überschüttung mit Daten durchs Breitband.
Ich leide gern für den Kick eines Tweets.

Aber Leid ohne Erlösung? Bitte nicht! Offlinezwang ist die Hölle. Kein zittriger Griff zum Handy, warum auch. Es ist keine Information mehr auf gewohntem Wege aufzusaugen. Der Laptop ist nicht mehr als eine Schreibmaschine, abgesehen davon, das er besser wärmt. Nur an Heizung mangelt es auch in diesem Sommer nicht.
Ich müsste irgendwie aktiv werden, so ohne Konsum virtueller Information. Ich bekomme Panik.

Ich treibe das Handy auf die Netzsuche, bis all das vergebliche Einklinken in eine nichtexistierende Funkzelle den Akku sterben lässt. Schnell ans Ladegerät! Das immerhin habe ich bei mir und Elektrizität gibt es in diesem Landstrich am Rande der bewohnten Welt. Aber, ach! Wieso soll ich, der ich immer drauf bin, dessen gewahr sein, dass ein wiedereinzuschaltendes Mobiltelefon die Eingabe eines PIN-Codes verlangt?

Ich habe so eine Ahnung von den benötigten vier Ziffern. Bei der ersten bin ich mir sogar sicher. Bleiben noch drei, deren Reihenfolge mir nicht in den Kopf kommen will.
Drei Versuche, die PIN einzugeben, drei Ziffern in unbekannter Reihung. Das müsste klappen.
X123. Falsch.
X132. Falsch.
X213. Over and out.
Das es mehr als drei Kombinationsmöglichkeiten bei drei Ziffern gibt, ich wollte es nicht wahrhaben. Jetzt benötige ich die PUK-Nummer und die ist 700 Kilometer weit weg in der großen Stadt. Egal, wo ich nun hinkommen werde, ganz gleich, wie viel Wellen mich ins Web tragen könnten, ich habe mich bis zur Heimkehr ausgesperrt.

Drei Tage ohne Virtualität. Still weine ich das tränenfreie Weinen des Hoffnungslosen. Ich spüre schon keinen Schmerz mehr in der Hand. Ich spüre gar nichts mehr. Ich bin raus. Mitten im Analogen. Wo Grillen zirpen, Blumen duften, echte Menschen mit mir beim Spazieren auf Feldwegen reden. Unerträglich.

Wenn ich das nächste Mal in den Schwarzwald fahre, nehme ich ein Satellitentelefon und einen Dieselaggregat mit.

19 Kommentare

  1. 01

    Warum (beim nächsten Mal) nicht direkt den Schwarzwald nach Hause holen, im Rechner ist oft mehr Platz, als man (landläufig) glaubt.

  2. 02
    Auge

    Eindeutiges Suchtverhalten, Arzt aufsuchen!

  3. 03
    Christian

    Ich empfinde dass eigentlich immer als sehr befreiend, nicht immer und überall erreichbar zu sein. Brauch zwar auch immer ein bißchen um mich dran zu gewöhnen, aber wenn du den Punkt mal überwunden hast, fallen dir auch mal wieder wie du ja selbst sagst, die Dinge auf, die nicht in 1280x 1024 gequetscht sind…

  4. 04

    ja, neben all dem Luxus und Komfort haben uns die modernen Kommunikationsmöglichkeit zu Sklaven gemacht.
    und ab und zu offline zu sein, das muss man wohl lernen und schätzen können für einen gesunden Umgang… nennt man wohl auch „Medienkompetenz“…

  5. 05
    Arne

    Dieser Artikel spricht mir wunderbar aus der Seele. Sehr gut geschrieben, es trifft genau die Erfahrungen, die ich auch gemacht habe. War denn niemand anders in der Nähe? Hättest du nicht kurz zum Nachbarn gehen können, dich mit ihm anfreunden und dann kurz („Darf ich mal..?“) das Internet nutzen. Nur für einen kurzen Moment. Dann ein Polaroid-Foto von deiner Lieblingsseite, das kommt dann ins Portomonaie, neben das Bild der Familie. Ich fühle mit dir!

  6. 06

    Nur zur Anmerkung: Hier oben im schwedischen Fjäll habe ich 100% Netz ontherun und ausreichend Strom liefert der 5er-Pack AAA-Akkus im Solarpanel. Also nicht amateuresk im technischen Hinterland darben, besser planen! Leicht grinsend, mit T9 kämpfend und doch online mit Grüßen aus Sylarna.

  7. 07

    Sehr schöner Artikel. Erinnert mich an die viele Zeit die ich im Ausland verbringe und dem Roaming trotzend kein Internet auf dem Handy habe.
    Glücklicherweise wartet meist ein „an die Wand gestöpselter“ Laptop auf mich, bereit den Weg ins Internet zu gehen.

  8. 08
    Daniel

    Brilliant, und mir aus der Seele gesprochen. Aber hey, manchmal brauchts keinen Tweet, um auch Spass im Analogen zu haben.

  9. 09
    ZeroG

    Als Kind ist mein Wellensittich mal durchs offene Fenster ausgebüxt.
    Er flog 20m zum nächsten Baum, krallte sich dort zunehmend panisch an den Ast und war durch nichts mehr von dort fort zu bewegen.
    Letztlich kletterte ich ihm auf den Baum nach, samt Käfig, in den er überglücklich wieder reinhüpfte.

    Fiel mir grade wieder ein …

  10. 10
    sinaJ

    Also wenn dus im Schwarzwald keine 3 Tage ohne Empfang aushälst, solltest du dir überlegen, ob du da wirklich nochmal hinwillst.

  11. 11

    Ich verstehe Dein Problem nicht. Wieso laedst Du Dir dieses „Internet“ nicht einfach runter und installierst es auf Deinem tragbaren Computer?

  12. 12
    Björn Grau

    @Armin: Tragbare Computer passen nicht in meine rechte Hand.

  13. 13

    @Björn Grau: Ich dachte die heutigen tragbaren Telefone waeren so fortgeschritten dass man sie mit tragbaren Computern vergleichen kann?

  14. 14

    Lustig. Also bei mir nannte in einem ähnlichen Fall die Simyo-Hotline die PUK ohne Probleme per Nachfrage am Telefon (nach Bekanntgabe einiger persönlicher Daten). Die drei Tage Warten waren also unnötig :-).

  15. 15
    siggi

    sehr schön!
    ich gönne mir oft den luxus mal nicht erreichbar zu sein.

  16. 16

    Sehe die Sache eher als Pragmatisch an.

    http://www.umts-netzabdeckung.de/

    Siuche ‚PUK‘

  17. 17
    pwallenb

    … habe noch ein ELSA und ein USR rumliegen … manchmal sehr praktisch …

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