75

Wikipedia in der Krise

Ich war gestern zur Wikipedia-Diskussion in den Räumen von Wikimedia Deutschland eingeladen und war daher vor Ort, musste aber leider nach 90 Minuten schon wieder gehen (wofür ich gestern und heute nochmals um Entschuldigung bitte). Das Resüme der Veranstaltung selbst kann ich also nicht liefern, nur ein paar eigene Eindrücke und Gedanken.

Fefe hatte sich im Vorfeld darüber gewundert, warum ausgerechnet ich auf dem Panel sitzen sollte und ich konnte seine Frage nachvollziehen. Ich bin kein Wikipedianer, habe noch keinen Artikel dort verfasst (geschweige denn korrigiert) und war daher nicht wirklich Teil der Diskussion rund um Löschanträge und Relevanzfragen. Ich war als Nutzer eingeladen, für den „Blick von außen“.

Selbigen, das habe ich auch gestern gesagt, finde ich in Bezug auf die Wikipedia oft sehr verwirrend. Das geht los beim mittlerweile unglaublich angestaubt wirkenden „Design“, viel mehr aber bei Nutzerführung und Interface, die zum Mitmachen nicht wirklich einladen und die Wikipedia (deren prinzipielle Faszination und Großartigkeit hier nicht zur Debatte stehen soll) in meinen Augen sehr sperrig, viel zu nerdig und extrem anonym wirken lassen. In Zeiten, in denen man bei einem Bloghoster wie bspw. Squarespace sein Stylesheet mittels Schiebereglern und per Drag’n’Drop verändert oder wie bei Etherpad Dokumente extrem einfach gemeinsam bearbeitet, sollte es auch die Wikipedia den Nutzern leichter und angenehmer machen, zu kollaborieren. Die gerne beworbene Weisheit der Masse wird ansonsten zur Weisheit einer Klasse:

80% der Wikipedianer in den USA seien männlich, mehr als 65% alleinstehend, mehr als 85% kinderlos und rund 70% jünger als 30 Jahre (Quelle). Zahlen, welche so oder sehr ähnlich die gestern anwesende Wikipedianerin wisewoman auch für Deutschland bestätigte, wobei sie von nur 13% Frauenanteil sprach und außerdem darauf hinwies, dass Wikipedianer in Deutschland so gut wie ausschließlich weiß wären — Deutschsprachler nichtdeutscher Herkunft scheinen in der Wikipedia Seltenheitswert zu haben.

wisewoman betonte, dass sie das Anlegen neuer Wikipedia-Artikel aufgegeben habe, nachdem selbige immer wieder wegen angeblicher Irrelevanz gelöscht worden wären. Unter anderem hätten dazu Artikel über die Freiwillige Feuerwehr gehört, allerdings gibt es einen durchaus umfangreichen Eintrag zu diesem Thema, ich habe also entweder etwas falsch verstanden oder wisewoman sprach von noch anderen, vielleicht detaillierteren Artikeln.

Als Außenstehender war mir vor der gestrigen Veranstaltung nicht bewusst, wie akut die Themen „Löschungen“ und „Relevanz“ innerhalb der Wikipedia-Gemeinde tatsächlich sind, wie viel doch anscheinend gelöscht wird, welche Grabenkämpfe es zu geben scheint und wie umstritten die Arbeit einiger Admins ist.

Mir ist unklar, wie man auch nur versuchen kann, Relevanz objektiv und übergreifend zu beurteilen, ich halte Relevanz für ein individuelles und höchst subjektives Kriterium. Sicher gibt es Themen, bei denen Relevanz bzw. Irrelevanz keine Diskussion benötigen, doch wenn es dann eine solche gibt: Warum nicht im Zweifel für statt gegen einen Artikel entscheiden? Ist ja nicht so, dass es Platzmangel im Netz gibt. Warum lässt man nicht Nutzer anhand der Abrufe eines Artikels entscheiden, wie relevant er ist, wieso gibt es keine Bewertungsmöglichkeiten für die Leser („Ich fand diesen Artikel hilfreich/ weniger hilfreich“), keine leicht zu bedienbaren Möglichkeiten für Anmerkungen oder Kommentare? Könnte eventuell eine „zweite Ebene“ nützlich sein, die neben einer auf Qualität geprüften ersten, „offiziellen“ Ebene diejenigen Artikel gekennzeichnet anzeigt, deren Inhalt noch nicht vollständig geprüft wurde oder die als „weniger relevant“ eingestuft wurden?

Die Diskussion könnte überflüssig sein. Sollte ein Artikel angelegt werden, der für nur zwei Menschen relevant ist, würde er schließlich in den Tiefen der Wikipedia vor sich hin irrelevieren und niemanden stören. Doch zum Glück und verständlicherweise möchten Wikipedianer für eine Prüfung aller Artikelinhalte und deren Quellen sorgen, ließe man quasi jeden Artikel zu, würde die nötige Prüfung die Möglichkeiten der freiwilligen Mitarbeiter maßlos übersteigen. Denn, und vermutlich ist das der Kern des Problems: Die Wikipedia hat nicht genügend Aktive.

Und so scheint es, dass die Debatte eine streckenweise persönliche, weltanschauliche und mittlerweile recht aufgeheizte und daher duchaus auch mal aggressive geworden ist, der Ton einiger Löschdiskussionen verstärkt diesen Eindruck. Dabei wäre es vielleicht hilfreicher, sich mit einer Überarbeitung des Interfaces zu beschäftigen und mit der Frage, wie man darüber hinaus mehr aktive Wikipedianer zum Mitmachen gewinnen kann. Hier werde ich den Eindruck nicht los, dass man sich teilweise etwas zu wohl fühlt im quasi „geschlossenen Wikipedia-Kreis“ und dass einige es durchaus genießen, Teil einer vielleicht nur eingebildeten „Elite“ zu sein.

Die Wikipedia behauptet von sich, offen für alle zu sein, ihre Bedienbarkeit für interessierte Menschen mit Fachwissen, die aber vielleicht über eher wenig Computer- und Wikikenntnisse verfügen, widerspricht dieser Behauptung, und auch der Ton einiger Debatten ist alles andere als einladend für Neulinge. Diese werden aber ganz eindeutig gebraucht.

Natürlich würde eine weitere Öffnung, eine Aufstockung aktiv Mitmachender eine enorme Veränderung für die Wikipedia bedeuten, und solche Veränderungen an bestehenden Strukturen und Umgangsformen können sehr anstrengend sein und würden bestimmt nicht völlig reibungslos ablaufen. Doch wenn die Wikipedia diesen Schritt einer neuen, tatsächlich weiteren Öffnung nicht wagt, muss sie sich unter Umständen die gleichen Vorwürfe anhören, die sie vor Jahren den gedruckten Enzyklopädien machte: Elitarismus, Arroganz, Intransparenz.

Als Alternative zur weiteren Öffnung sehe ich die Auslagerung einer Art „Wikipedia Pro“, die zusätzlich zur freien Variante als kommerziell agierendes Unternehmen mit angestellten Mitarbeitern arbeitet und dort ihr eigenes Relevanz—Verständnis umsetzen kann. Diese Idee widerspricht dem ursprünglichen Gedanken der Wikipedia massiv, doch die Zeit steht nicht still und dass Veränderung nötig ist, zeigt die aktuelle Debatte. Eine solche Pro-Version wäre keineswegs mein Favorit und ich bin davon überzeugt, dass die Wikipedia-Community die aktuellen Herausforderungen auch anders meistern kann und wird. Dennoch: Völlig undenkbar ist eine anders ausgerichtete, zusätzliche Version nicht, an dieser Stelle halte ich Paid Content im Netz ausnahmsweise für machbar. Und für eine mögliche Auslagerung oder „Abspaltung“ gibt es natürlich auch unkommerzielle Möglichkeiten, sie hierzu u.a. den unten verlinkten Artikel von Frank.

Ein paar abschließende Zeilen noch zum Thema Anonymität. Ich hatte gestern angemerkt, dass ich die Wikipedia bzw. ihre Administratoren stellenweise als sehr anonym empfinde und dass ich glaube, dass die an einigen Stellen auftauchende Hitzigkeit in Löschdebatten durchaus auch in solcher Anonymität begründet sein könnte. Manche Admins haben bspw. auf ihrer Wikipedia-Seite kaum Informationen und keine oder schwer zu findende Kontaktmöglichkeiten. Mein Wunsch nach etwas mehr Transparenz galt der Tatsache, dass man manchmal halt gerne wenigstens ungefähr wüsste, wer einen gerade in einer Löschdiskussion anfährt oder auf der Irrelevanz des Themas beharrt. Dieser Wunsch stoß auf wenig Verständnis, eher auf Protest (wobei es mir dabei überhaupt nicht um Name, Geschlecht oder Adresse eines Admins ging).

Es blieb jedoch andererseits völlig unkommentiert, als Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter die Anwesenden darum bat, sich vor einem Redebeitrag (der auch für die Übertragung mitgeschnitten und aufgezeichnet wurde) kurz vorzustellen, „damit alle wissen, mit wem man es zu tun hat“. Ebenso verständlich schien (und ist) es, als Wikipedia-Admin Martin Zeise erklärte, dass er in Diskussionen denjenigen Admins mehr ver- und zutraue, die er persönlich kennt. Während es also einerseits völlig klar und verständlich ist, dass Gespräche und Debatten besser zu führen sind, wenn man sein Gegenüber nicht allein als anonymes Kürzel, sondern als Mensch wahrnimmt, scheint diese Tatsache für die Leser der Wikipedia hinsichtlich der Wikipedianer und Admins … irrelevant zu sein.

Die Wikipedia steckt in der Tat in einer Krise, daran habe ich seit gestern keinen Zweifel mehr. Ich bin aber ebenso sicher, dass diese Krise überwindbar ist und eher einen Prozess als eine Bedrohung darstellt. Die gestrige Veranstaltung war ein sicher (und vor allem technisch) noch nicht perfekter, aber richtiger erster Schritt in diesem Prozess. Viele weitere werden hoffentlich folgen, denn sie liegen im Interesse aller — den aktiven und passiven Nutzern der Wikipedia.

Andere Eindrücke und Meinungen (bitte gerne in den Kommentaren ergänzen):
jfenn beim freitag
Markus Kompa
Simon Columbus bei gulli
Fefe
Frank
Pavel Richter bei Wikimedia

75 Kommentare

  1. 01
    Christian

    Ganz ohne Häme frage ich mich, was nun ausgerechnet Felix von Leitner und Dich, Johnny, als selbsterklärten Nicht-Bearbeiter, Nicht-Korrektor und Gelegenheitsleser von Artikeln der deutschsprachigen Wikipedia dazu prädestinieren soll, dem Lexikon „die große Krise“ zu attestieren. Felix von Leitner nennt diejenigen, die sich auf Wikipedia als Administratoren engagieren und seine Standpunkte zur Relevanz nicht teilen, heute ein halbes Dutzend mal „Blockwarte„, was ein Begriff ist, den man nun wirklich nur mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen kann.

    Schöne Entourage, mit der Du Dich da verbündet hast …

  2. 02
    WiseWoman

    Der 13% hatte eine meiner Studentinnen vor einigen Jahren gefunden. Zum nichtrepräsentativen Bildbeweis: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:02-06-12.jpg

    Bei den Freiwilligen Feuerwehre war es so, dass ich bei http://de.wikipedia.org/wiki/Feuerwehr_L%C3%BCbeck angefangen habe, die Geschichte der einzelne Freiwillige Feuerwehre – die auf dem Lande eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen und oft sehr alt sind – aufzunehmen. Wurde von den Städter-Admins als irrelevant gelöscht. Nachdem das oft genug passierte, hörte ich auf, neue Artikel zu schreiben.

  3. 03

    @Christian: Wieso erzählst du mir, was dir am Stil von jemandem anderes nicht gefällt (statt ihm)?

    Entourage? Verbündung? Mach‘ mal halblang, ich muss dich enttäuschen: Es gibt schon wieder keine Verschwörung.

  4. 04
    Christian

    Johnny, ich sehe nirgendwo eine Verschwörung, aber meiner Erinnerung nach hast Du doch selbst noch vor kurzem eine dieser Blockwart-Gleichsetzungen von Felix unter der Überschrift „Relevanz-Tanz“ in blockquote zitiert und für „lesenswert“ gehalten. Das soll ich dann als Stil eines anderen verstehen?

    Mich hat gewundert, das hier zu lesen, weil solche Beschimpfungen für die zivilisierten Verhältnisse dieses Blogs (so empfinde ich es) eigentlich ein Stilbruch sind …

    Edit (nach nochmaligem Nachlesen): Hoppla. Das Zitat war nicht eine Blockwart-, sondern eine ‚Preußische Beamten‚-Gleichsetzung von Pawel (… auch nicht schmeichelhaft, aber wenigstens ohne Nazi-Bezug). Bitte entschuldige, dass mich meine Erinnerung da Lügen gestraft hat …

  5. 05
    floho

    Das lustige an der Sache ist ja, dass richtig irrelevante Artikel einfach auch deswegen irrelevant sind, weil sie niemanden stören und sie man eigentlich wie ein gelungenes Fake, erstmal suchen müsste. Eigentlich besitzt jede Enzyklopädie im Hypertext ein recht gutes Kriterium für die Relevanz, über ihre internen Verlinkungen auf einen Artikel. Über diese Erreichbarkeit regulieren sich die Auswirkungen entsprechender Artikel dann auch ganz gut von selbst. Mal im Ernst, wenn es die entsprechenden Diskussionen nicht gäbe, würde ich auf die entsprechenden Artikel einfach nicht stossen. Zwar muss ich einerseits schon zugeben, dass die boulevardesquen Eskapaden hinter den Artikeln mich streckenweise bestens unterhalten. Auf der anderen Seite finde ich mich dafür inzwischen immer öfter, auch jenseits der klassischen Themen, auf der englischsprachigen Wikipedia wieder. Das eigentliche Problem ist, wie hier schon angemerkt wurde, nicht das hürdenreiche Einstellen neuer Artikel, sondern eher der Geist der dahinter steht und der seit geraumer Zeit auch das Anbringen kleinster Änderungen richtig mühselig macht. Und das schlägt inzwischen merkbar auf die Qualität.

  6. 06

    @Christian: Kein Problem, kann vorkommen.

    @WiseWoman: Ah, prima, vielen Dank für die Ergänzung!

  7. 07
    Enssen

    Dieser Konflikt innerhalb der Wikipedia ist etwas, was mich schon länger interessiert. Nach viel Gelese muss ich sagen: Wikipedia ist sehr lehrreich, aber auf andere Art als vorgesehen. Man lernt da sehr viel über z.B. die Dynamik von Gruppenbildungen(Das Selbstverständnis des harten Kerns und sein Umgang mit Kritikern(legendär ist wohl der Konflikt um den kritischen Autor Brummfuss, der ein unfassbares Mobbing erleben durfte)), Systeme politischer Meinungsbildung(Es gibt eine recht grosse Basis rechter Autoren und teilweise auch Admins, die gerne mal so kleine aber feine Änderungen an politischen Artikeln vornehmen. Ausserdem fällt auf, dass es irgendwie über scheinbar jeden Wehrmachtsoffizier, aber nur über recht wenige Widerstandskämpfer dieser Zeit Artikel gibt), oder auch der Eristik und Rhetorik allgemein.

    Es ist sehr interessant und teilweise belustigend, aber seit ich weiss, wie die Artikel entstehen und in welchem System sie überarbeitet werden, lese ich nur noch die Diskussionen ^^

  8. 08
    Matthias

    @WiseWoman: Auch bei mir war’s mit dem Wikipedia-Engagement nach der Löschung eines Artikels über eine Freiwillige Feuerwehr vorbei: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Löschkandidaten/28._Januar_2006#Feuerwehr_M.C3.BCnchen_-_Abteilung_Sendling_.28erl._gel.C3.B6scht.29

    Ach, nein, ich habe doch nochmal einen Artikel erstellt! Wurde natürlich umgehend gelöscht: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Löschkandidaten/21._September_2008#HiMoNN_.28gel.C3.B6scht.29

  9. 09
    n0rm

    sagt mal, warum taucht der Admin WB aka Weissbier nicht in der Administratorenliste auf? Jemand ne Ahnung?

  10. 10
    anna

    da muss ich jetzt mal auf dieses geniale t-shirt hinweisen:
    http://www.3dsupply.de/shop/detail.php?PID=00005327&KPATH=16.136.88
    und ich hoffe für die meisten von uns das auch so bleibt ;-)

  11. 11
    Leo

    @n0rm: Auch wenn die Frage schon älter ist: Weißbier ist kein Admin.

  12. 12

    Dieser Link beweist es:

    http://www.pluspedia.de/index.php/Kurt_und_Sebastian_-_irrelevant_f%C3%BCr_Wikipedia

    Die Vorstände der WikiMedia sind aus Sicht der WikiPedia irrelevant!

    Unglaublich?
    Aber Wahr!!!

  13. 13

    Eigentlich landet fast jeder Artikel, den ich bei Wikipedia einstelle, in die Löschdiskussion. Ich bin daher fast nur noch hier http://wikibay.org/Hauptseite unterwegs.

Diesen Artikel kommentieren