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Sonntagslektüre: Google Streetview

Man kann nicht zu allem eine Meinung haben, obwohl Meinungslosigkeit ein Luxus ist. Gerade bei Google Streetview. Manchmal reicht es aus, keine Meinung zu haben, um vorsichtig zu werden. Insbesondere, wenn dafür zu sein ein Ausweis für Netzkompetenz und Fortschrittlichkeit zu sein scheint, ohne dass auf den ersten Blick offensichtlich wird, warum überhaupt.

mspr0 beispielsweise hat es nicht gefallen, dass seine Straße bei Google Streetview fast vollständig verpixelt wurde. Deswegen hat er den Widerspruch seiner Nachbarn nicht geduldet und selbst Fotos der Häuser hochgeladen, die seinen Wohnort umgeben. So sehr ich mich bemühe, ein Argument kann ich aus der Begründung nicht herauslesen:

Und vielleicht hast du gute Gründe dafür, dein Haus hinter einer schmierigen Milchglasverpixelung zu verstecken und damit das digitale Abbild meiner Straße zu verschandeln.

Aber mit Verlaub, die sind mir völlig schnurz.

Auch Jens Best bemüht sich, jenseits der Selbstvergewisserung von Fortschrittlichkeit eine substanzielle Begründung dafür zu finden, warum es gut sei, Google die Arbeit abzunehmen, verpixelte Häuser zu fotografieren und die Fotos hochzuladen. (Entgegen seiner Behauptung ist die rechtliche Lage übrigens bisher alles andere als klar.)

Es geht aktuell um die Etablierung einer neuen Technologie in der Gesellschaft. Ähnlich wie es Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Aufkommen der Fotografie Irritationen gab im Umgang mit dem Abbilden des öffentlichen Raumes, so stehen wir auch jetzt vor einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, um die Regeln für die Abbildung des öffentlichen Raumes im Internet zu schaffen.

Es geht also um die Etablierung einer neuen Technologie. Aber wozu? Und warum so? Um es mit Enno zu sagen:

Meiner Auffassung nach müssen nicht die Bewohner begründen, warum sie ihr Haus verhüllen möchten, sondern Google oder wir “Netizens” müssen begründen, warum sie es nicht dürfen sollten. Ästhetische Befindlichkeiten dürfen dabei keine Rolle spielen.

Das sind Fragen, die nicht beantwortet werden. Das sind Begründungen, die fehlen. Warum sollte man als Befürworter einer digitalen Abbildung dafür plädieren, dass alle Bilder unter Google-Copyright im Netz stehen? Seit wann ist eine Öffentlichkeit öffentlich, wenn sie unter das Urheberrecht fällt?

Und die zweite, viel wichtigere Frage: Wem nutzt Google Streetview überhaupt? Den Neugierigen natürlich, die statt in den Urlaub zu fahren sich Rom bei einer Flasche Lidl-Riocha in einer Dezembernacht ansehen wollen. Die sich im Digitalen vergnügen wollen, denen noch nicht ausreicht, was das Netz bisher an Unterhaltung zu bieten hat.

Und selbstverständlich all jenen, denen Google Streetview erlaubt, Geld zu sparen oder einzunehmen. Investoren und Werbende. Aber was interessieren den gemeinen Anwohner Investoren und Werbende? Und was ist schick daran, einen Rückzugsraum aufzugeben? Warum ist diese Diskussion, wie mspr0 nicht müde wird zu betonen, wichtig? Und spricht daraus nicht, wie Felix Neumann es formuliert hat, eine Ethik des Übermenschen?

Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Auf die es wohl so lange keine Antworten geben wird, wie sich die Streetview-Befürworter darauf ausruhen, zur Avantgarde zu gehören. So lange als Argument ausreicht, dass ihnen Bedenken „völlig schnurz“ sind.

159 Kommentare

  1. 01
    Frédéric Valin

    @#776706: Nicht unmittelbar, nein, aber mittelbar lassen sich doch aus den Geschäften, die es in einem Viertel gibt, Rückschlüsse ziehen, oder nicht? Nehmen wir an, ich will in ein Einkaufscenter investieren, und ich sehe: in der näheren Umgebung gibt es 50 Handyläden, 30 Billigjuweliers, ein paar Schuster, drei Bekleidungsketten, fünf Videotheken und ein paar Drogerien: dann weiß ich doch, welches Kaufverhalten im Viertel vorherrscht und welche Konkurrenz ich zu zerschlagen hab.

    Und natürlich ist GSV da jetzt noch kein Durchbruch, aber es macht diese Analysefähigkeiten eben schneller und effektiver. Das ist wie bei der Online-Durchsuchung: das Verfahren wird nicht revolutioniert, aber einfacher und schneller.

  2. 02
    Frédéric Valin

    @#776676: Erstens: Es scheint hier ein grundlegendes Missverständnis zu geben. Meine Absicht war es keinesfalls, die komplette GSV-Debatte hier nochmal en miniature nachzustellen (wie es jetzt doch passiert ist). Wie im Artikel geschrieben, war meine Absicht, nach den ökonomischen Konsequenzen zu fragen.

    Du verkennst, dass GSV-affine Blogartikel zum Thema viel besser aufgenommen werden und deutlich weniger arbeitsintensiv sind als Google-kritische Artikel. Du kannst die diversen Flattr-Zahlen in den verschiedenen Artikeln zum Thema gerne vergleichen. Du verkennst außerdem, auf welchen Betrag sich Flattr-Einnahmen belaufen.

    Und wenn Du glaubst, der Artikel hier würde den „Zeitplan für die Diskussion“ vorgeben, würde ich an Deiner Stelle ein paar mehr Seiten freischalten als web.de, freegames und kicker: du wirst feststellen, dass es auch anderswo diskutiert wird.

    Allerdings: Anderen vorzuwerfen, nur meine Gegner zu diskutieren, um dann ausschließlich diese anderen zu diskutieren, ist ein Ansatz, von dem ich tatsächlich was lernen kann.

  3. 03

    @Frédéric Valin: Wenn ich Rückschlüsse über ein Viertel will, dann schau ich mir die Bevölkerungsstruktur an, schau bei der Schufa wie viele Kredite es gibt und wie viele davon platzen, schau mir an, wie viele Arbeitslose und Hartz IV Empfänger es gibt. Wenn ich Google wäre, würde ich die Suchanfragen nach Region statistisch auswerten und schon würde ich wunderbar sehen, wonach die Leute so suchen, für was für Produkte sie sich so interessieren, welche Medien sie konsumieren. Das ganze hat Google in Echtzeit, automatisch, von jeder Region der Welt, beliebig eingrenzbar nach aktuellem Einsatzfall.

    Ehrlich: dagegen wirkt die Option, aufgrund von irgendwelchen Häuserfronten manuell (!) irgendwelche Abschätzungen zu machen auf mich geradezu lächerlich. Und das Argument „die machen das ja noch zusätzlich…“ trägt da nicht weit: man kann aus alle 10 Jahre mal gemachten Fotos von Häusern keine brauchbaren Informationen über aktuelles Konsumverhalten herleiten.

  4. 04

    @Frédéric Valin: Ach so, dass du mit Flattr wenig Einnahmen hast, ändert an der Gewinnerzielungsabsicht alles. Genau, wie deine Argumente ungültig werden, wenn Google mit StreetView nur wenige Einnahmen einfährt oder sogar Verluste macht. Das Argument „Mit Befürwortung von GSV ließe sich mehr verdienen“ kenne ich schon vom „Mit Junkfood würde ich mehr verdienen“ der Homöopathie-Tanten, es macht die Sache selbst einfach nicht wahrer.
    StreetView wird auch anderswo diskutiert? (Ich ignoriere mal wieder deinen persönlichen Angriff an dieser Stelle). Sag an, so wie Häuserfronten auch auf anderen Portalen veröffentlich wurden und werden, du aber gegen den Zeitplan von Google wetterst?

  5. 05
    Jens Best

    @Frédéric Valin:

    Also Frédéric, ich muss hier nochmals Max unterstützen.
    Du bist da, bitte nicht falsch verstehen, ein wenig weltfremd.

    Erst einmal kann jeder, der ein Gewerbe plant schon lange beim Benchmarking auf Daten über einen speziellen Stadtteil bei den zuständigen Standesvertretungen/Verbänden und Dienstleistern zurückgreifen. Das sind alles keine personenbezogenen Daten, sondern sie dienen der Gestaltung der Gesellschaft – nur das halt nur diejenigen Zugriff haben, die Verbandsmitglied sind oder kommerziellen Dienstleistern viel Geld zahlen.

    Die Grunddaten bekommt man für ’nen Appel und ’nen Ei bei KOSTAT, der Arbeitsgemeinschaft für Kommunalstatistik, bei dem über 100 Kommunen sind, und damit 65% der BRD abgedeckt wird. Altersstruktur, Migrantenanteil etc. kannst du dir da als Datensatz besorgen.

    Ich war letztens bei der Bundesärztekammer. Die haben eine Datenbank, mit man runtergebrochen auf alle relevanten Krankheitsbilder, die medizinische Versorgungslage von Gemeinden und Regionen beliebig projezieren kann. Damit könnte man Gesellschaft in verschiedene Richtungen aufgrund guter Datenlage gestalten. Solange nur die Mächtigen in den Hinterzimmern solche Datenbanken verwenden können, wird es aber in die Richtung des Geldes und der Macht gehen.

    Nochmals – Alles völlig im Einklang mit einem Datenschutz, der diesen Namen auch verdient. Der Datenschutz-Fanatismus, der mit der Streetview-Debatte nach oben gespült wurde ist dagegen eine total falsche Entwicklung. Das geradezu konformistische Klatschen bei annewill gestern, als Entwicklungsminister-Schwachmat Niebel mehrfach bei wikileaks nach Datenschutz(!) schrie, macht mir Angst. Wer für die Privatsphäre einstehen will, sollte auch für die Öffentichkeit einstehen. Eine zugegebenermaßen dialektische Aufgabe, an der schaar und Konsorten gescheitert sind, aber dein ständiges „da kann man jetzt alles rausfinden“-Geblökke ist auch nicht viel besser.

  6. 06
    Frédéric Valin

    Sehen wir in zehn Jahren, was passiert sein wird, und inwiefern SV Google geholfen hat oder nicht, Märkte zu verändern. Ihr glaubt, dass das nicht passiert. Ich glaube, dass es passiert, kann aber nur grob spekulieren, wie. Vielleicht habt ihr Recht. Vielleicht spekulieren wir einfach in einem Jahr weiter, wenn es eine Zwischenbilanz gibt, so ist das dann doch sehr wenig faktenbasiert. Dafür aber ideologiegetrieben.

    So long.

  7. 07
    Jens Best

    @Frédéric

    Ich denke, die Fakten, z.B. in Kommentar #150 hinsichtlich der Nutzung öffentlicher (Geo)Daten sind heute schon da. Ebenso die Rechtslage, und ebenso und vorallem, das Verständnis von öffentlichem Raum und was in diesem möglich ist für einen freien Bürger.

    Der Vorwurf der Ideologie ist fast so lächerlich wie die Vergleiche mit religiös getriebenen Menschen. Insofern muss auch ich meinen Vorwurf gegenüber Schaar und Konsorten relativieren: sie sind keine Datenschutz-Fanatiker, sie sind Gefährder des öffentlichen Raums und seiner Nutzung im digitalen Zeitalter, klingt nicht ganz so smooth, aber bringt es besser auf den Punkt.

    Jetzt aber. So long.

  8. 08

    Ich hab übrigens ein sehr schnuckeliges Feature von Streetview entdeckt.

    Wenn ich mit meinem android irgendwo hin navigiere und da bin… blendet Google mir das Foto des Hauses ein.

    An dem Tag, an dem ich das entdeckte, waren beide Zielhäuser in Stuttgart verpixelt.

    Dass das Arbeitszeit vernichtet und damit konkreten wirtschaftlichen schaden erzeugt ist ganz klar,. Sobald Rettunbgskräfte sowas nutzen, kann es auch Menschenleben gefährden.

    Insofernw ardas Argiment von mir, das da ende August etwas spaßig gemeint war:
    http://blog.oliver-gassner.de/archives/4564-Wer-Google-Street-View-blockt-und-verpixelt-gefaehrdet-Arbeitsplaetze-in-Deutschland.html
    durchaus nicht so weit hergeholt.

  9. 09

    Seid Euch bitte bewusst,
    dass es ein leichtes ist,
    an pers. Daten heranzukommen.

    Weshalb existiert neben den Branchenbüchern, oder Gelbe Seiten (Gewerbetreibende), Immer noch das Telefonbuch mit Adressangabe?

    Der Horizont ist mal wieder etwas tiefer besser zu erkennen. Alles Gute

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