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Jetzt mit modernster Technologie gezielt an mir vorbei werben!

Werbung im Netz, das behaupten die Anbieter von Werbe-Technologien, ist so effektiv, weil der Kunde so transparent ist. Wir wissen, was die Kunden wollen, versprechen sie, denn das Profil eines Internet-Nutzers (auf welchen Seiten er sich bewegt, welche Produkte er sich ansieht) lässt eindeutige Rückschlüsse auf seine Interessen und Bedürfnisse zu – auf welche die Werbeindustrie dann gezielt eingehen kann.

Das klingt plausibel. Und ist in der Praxis nichts als Blödsinn.

Mein Beziehungsstatus bei Facebook ist mit dem ziemlich eindeutigen Begriff „verheiratet“ angegeben, und nur ein Zyniker würde die Tatsache als zielgerichtete und effektive Werbung verstehen, dass mir dauernd Produkte für Singles angeboten werden. Kann passieren, vielleicht klicke ich weibliche Facebook-Profile tatsächlich häufiger an als männliche, ich bekenne mich schuldig – auch wenn dies noch lange nicht bedeutet, dass ich einer Single-Community beitreten oder Urlaub für Verzweifelte buchen möchte. Ich benutze außerdem Chrome als Browser (was man als Seitenanbieter recht leicht erkennen kann), der mir regelmäßig zum Download angeboten wird.

An einer Stelle jedoch funktioniert die Facebook-Werbung korrekt: Schließlich braucht man in meinem Alter wirklich viele Regenerationspillen, Energiespender und Vitaminprodukte (Pah!).

Amazon ist auch so ein Fall. „Wer dieses überteuerte Produkt kaufte, fällt sicher auch auf diesen Unsinn herein“ ist eine in der Theorie durchaus kaufanreizende Funktion, in der Praxis nervt sie spätestens dann enorm, wenn man saisonale Produkte das ganze Jahr lang angeboten bekommt oder Einkäufe nicht nur für sich selbst tätigt. Seitdem ich vor etwa drei Jahren eine Webcam für jemanden mit bestellt habe, bekam ich, das ist kein Witz, regelmäßig homoerotische Videos angeboten, und obwohl ich nichts gegen gut gebaute Männer einzuwenden habe (die sicherlich einfach nur mehr Vitaminprodukte zu sich nehmen als ich), bin ich schlicht und einfach überhaupt nicht die Zielgruppe. Ich musste Dutzende Hetero-Sexbücher bestellen, bis sich das wieder eingerenkt hat!

Ich kann über solche Zusammenhänge lachen, ob jemand anderes dabei aber nicht möglicherweise in Erklärungsnot kommt, wenn seine Gattin beim Amazon-Einkauf neben ihm sitzt, kann ich nur vermuten.

In anderen Bereichen wird das Ganze aber noch absurder.

Im Dezember versuchte ich mehrfach erfolglos, Winterstiefel für mich zu kaufen, der Berliner Einzelhandel war jedoch wie jedes Jahr vom plötzlichen Kälteeinbruch äußerst überrascht und konnte besagte Schuhe nur noch in Yeti-Größen anbieten. Ich besuchte also einen Sportartikel-Versand im Netz (um festzustellen, dass auch dort keine Schuhe für mich vorhanden waren), gab es ein paar Tage lang auf und wurde letztendlich doch in einem Berliner Geschäft fündig.

Doch seitdem sehe ich keine andere Werbung mehr als für die Seiten des von mir einmal besuchten Sportversands, den ich in Wahrheit sowieso nicht mag. Überall dort, und zwar wirklich überall, auf allen verfügbaren Banner-Plätzen, wo keine bestimmten Kampagnen eingebucht werden, sondern aus einem riesigen Pool von Bannern diejenigen angezeigt werden, die angeblich zum Besucher der Website passen, sehe ich die hässliche Werbung des Versandhauses. Ich bekomme keine generelle Schuhwerbung, keine Winterartikel, keine möglicherweise anders passende Werbung, sondern immer. die. gleichen. Banner. für. diesen. Scheißladen. an. allen. Werbestellen.

Ich habe erfolglos versucht, alle Cookies, die in diesem Zusammenhang schuldig sein könnten, zu löschen. Einen Button mit der Aufschrift „Danke, ich habe inzwischen Winterschuhe gefunden, ich brauche kein zweites Paar, geht weg!“ sucht man natürlich vergeblich, dabei wäre das genau der Punkt, an dem der feuchte Traum der werbenden Industrie Realität wird: Der Kunde interagiert! Er gibt seine Wünsche preis!!

Das, meine Damen und Herren von der Schnell-und-Billig-Werbeindustrie, ist der Grund, warum Netz-Nutzer Adblocker einsetzen. Käme Werbung im Netz interessant, kreativ, intelligent, witzig, auf ein erträgliches Maß beschränkt und vielleicht sogar tatsächlich zum Kunden passend daher, dann würde man sie sicher leichter akzeptieren.

Auch Spreeblick finanziert sich zu Teilen durch Werbung und ich halte Werbung im Netz für keineswegs verwerflich – doch die Mär von der automatisch zielgerichteten Werbung, von der direkten, algorithmisch verfassten Kundenansprache, die bleibt vorerst ein Märchen.

Mein nächstes Paar Schuhe wird sicher irgendwann fällig. Und ich weiß schon, wo ich sie auf keinen Fall kaufen werde.

60 Kommentare

  1. 01

    @#780018: Es ist tatsächlich noch Google Adsense Code übrig!

    Wird wohl als Letztes im head-Bereich geladen? Hardcoded? Plugin übrig?

  2. 02

    @#780156: NUn, es gibt Leute die gucken, ob Leute, die sie kenen bei FB sind, die laden dann eine Liste der betreffenden Mailadressen hoch. (Das war ne ganze Zeit ein massiver Schmerzpunkt beiu neuen Netzwerken, dass man gucken musste, wen man da kennt.) Und an die, die nicht Mitglied sind, schickt FB dann invites.

    Und warum? Weil für die die deutschen Datenschutzregeln nicht gelten ;)

  3. 03

    @asaaki: Älteres Plugin kann sein… checken wir nachher mal, danke!

  4. 04

    Warum insbesondere die Facebook ads oft so daneben sind kann man hier recht gut lesen. Bei Facebook sind die ads auch nur insofern personalisiert als dass man als Teil einer bestimmten demographischen Gruppe ausgewaehlt wird.

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