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Auf der Suche nach dem Oberhamma-GAU

UPDATE Es gibt einige Kritik an diesem Artikel, die ich ernst nehme und über die ich viel nachgedacht habe. Im Verlauf der Kommentare kann man dies nachvollziehen. Hier gehe ich näher auf Kritik ein.

Erdbeben, Tsunami, Unfälle in AKW: Die Sprachlosigkeit, die mich bei den Bildern und Nachrichten aus Japan befällt, soll zunächst beibehalten werden. In Angesicht solcher Katastrophen soll hier vorerst nur das Naheliegende stehen, das doch so banal erscheint: Die Hoffnung, dass die Lage nicht noch furchtbarer wird und der Wunsch nach dem Bestmöglichen für alle Betroffenen.

All denjenigen jedoch, die sich hierzulande bezüglich der nuklearen Gefahren durch die Unglücke in den japanischen AKW zu informieren suchen, rate ich derzeit vom Konsum der meisten Massenmedien ab. Die Gier nach Sensation, die Panikmache, die konstant „wahrscheinlich“ und „womöglich“ bevorstehende Apokalypse, das verbale Sich-gegenseitig-übertreffen-wollen erscheint mir absurd und ich kann mir als Erklärung dafür nur völlig übernächtigte Redaktionen auf der Suche nach dem Oberhamma-GAU vorstellen.

Ich meine dabei nicht, dass man Geschehnisse solchen Ausmaßes – sofern man sie von hier aus überhaupt korrekt einschätzen kann – runterspielen oder gar verharmlosen sollte. Menschen sterben, werden schwer verletzt und das Ausmaß und die Folgeschäden sind derzeit überhaupt noch nicht abschätzbar, das Wort „Katastrophe“ darf also ohne Zweifel benutzt werden.

Und wenn die AKW-Unglücke in Japan Auslöser für einen schnelleren Ausstieg aus der europäischen oder gar weltweiten Atomenergiepolitik sein sollten, dann wünschte ich zwar immer noch, sie wären nicht passiert, werde diesen Ausstieg jedoch begrüßen, denn ganz abgesehen von den Unfall-Risiken ist das Problem der Müllentsorgung auf weite Sicht ungelöst, weshalb Kernkraft Wahnsinn ist und bleibt. Insofern ist die erneute Atom-Debatte zu begrüßen und auch nicht unmoralisch, schließlich kommen auch andere Sicherheitsfragen direkt nach internationalen Ereignissen neu auf den politischen Tisch.

Dennoch möchte ich zur Zeit lieber Analysen aus verschiedenen Richtungen lesen, möchte verstehen lernen, was in den japanischen Reaktoren tatsächlich vor sich geht, möchte es mit der bisher größten Atom-Katastrophe meiner Generation – mit den Ereignissen in Tschernobyl – vergleichen können. Und dies gelingt mir nicht durch die Lektüre dramatischer Live-Ticker, bei denen der Kopfschmerz schon vor Eintreffen der nuklearen Wolke beginnt.

Stattdessen habe ich einige Texte gelesen, die weniger sensationell an die technische Seite des Themas gehen, wie immer bin ich für Ergänzungen dankbar:

ScienceBlogs – Frischer Wind (deutsch)
ScienceBlogs – Diax’s Rake (deutsch)
Wissenslogs (deutsch)

Hier noch zwei Texte von Atomkraft-Befürwortern, die man entsprechend lesen sollte.

Wall Street Journal (englisch)
Morgsatlarge (englisch, hier eine deutsche Übersetzung auf einer FDP-nahen Site)

(UPDATE Per Twitter wies mich hplt darauf hin, dass der letzte verlinkte Artikel auch auf einer von Siemens unterstützen Site, die als PR-Tool von diesem Unternehmen erstellt wurde, erschien. Nichts ist einfach in diesem Info-Chaos, und wie ich schon erwähnte: Alle Artikel sollten bitte mit Vorsicht und viel Vergleichen mit weiteren Expertenmeinungen gelesen werden.)

UPDATE Ich habe Josef Oehmen, den Autor des Artikels, mit einigen Fragen angeschrieben und hoffe auf Antworten. (Update dazu am Ende dieses Artikels)

Falls diese Berichte und Informationen stimmen, dann wären die AKW-Unglücke in Japan nicht mit dem zu vergleichen, was in Tschernobyl passiert ist. Sollten sich diese Experten in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen jedoch als gefährliche Schönredner entpuppen, wäre ich auf die Worte der Entschuldigung für diese Artikel gespannt.

UPDATE Martin Kölling berichtet aus Japan von Masashi Goto, der „als erster öffentlich vor der Gefahr eines zweiten Tschernobyl“ warnt.

Sollten die Unglücke in den japanischen AKW tatsächlich beherrschbarer sein als in Tschernobyl, würde mich das nicht zum Befürworter der Atomenergie machen. Es wäre aber zumindest erwähnenswert in Tagen, in denen man mal wieder den Eindruck bekommt, dass die Sensation wichtiger ist als Aufklärung und Anteilnahme. Denn auch als Atomkraft-Gegner ist mir die Hoffnung darauf, dass Allerschlimmstes verhindert werden kann, lieber, als ein „Siehste!“ auf der Basis von Menschenleben.

Ich hoffe daher wirklich, dass sich die Lage in Japan möglichst schnell entspannt, weitere Opfer vermieden werden können und die Gefahren durch die Reaktoren in den Griff zu bekommen sind. Ich brauche keine Massenverseuchung, um weiterhin gegen Atomenergie zu sein.

Und ich wünsche allen betroffenen Menschen das Allerbeste.

UPDATE Josef Oehmen hat auf meine Mail reagiert, meine Fragen lauteten:

1) Where does your expertise in that nuclear field come from?
2) Why did you decide to publish your article in a blog by someone else and who is „morgsatlarge“ who published this as the only article in a brand new blog?
3) Did the recent events chance anything in your views on the matter?
4) Will you respond to criticism on your arcticle?

Nur die zweite davon hat er zum Teil beantwortet, sein Artikel sei zunächst eine Mail an morgsatlarge gewesen. Der Artikel wird in diesen Stunden jedoch auf ein MIT-Blog verlegt, wo „mehr Menschen auf Anfragen reagieren“ könnten. Sobald der Umzug vollzogen sei, werde Oehmen dies in seinem Twitter-Stream verkünden.

UPDATE Es gibt nun ein Blog, in dem einerseits Experten des MIT Dept. Of Nuclear Science And Engineering schreiben sollen, das andererseits aber laut Headertext von Studenten dieser Abteilung betrieben wird. Weiterhin: Siemens-Verknüpfungen allerorts.

151 Kommentare

  1. 01
    Simon

    @#784239: Schon wieder verjährt hier, muss aber nochmal was anmerken: So easy wie du das schilderst ist das mit der Transmutation meines Wissens nach aber nicht. Vorallem ist es immens teuer, wäre nett wenn man das mal in die Kostenrechnung für Atomenergie mit einbeziehen würde. Im Wikipediaartikel steht auch eher was von 500 Jahren – natürlich immer noch besser als 20.000.

    Die Finnen, die einzigen (!) die zurzeit ein Atomares Endlager bauen haben das zumindest allen Anschein nach noch nicht für genügend ausgereift gehalten. Die machen sich jetzt Gedanken darüber welche Warn- und Gefahrensymbole so universal sind das sie in 20.000 Jahren noch verstanden werden.

    Können wir endlich mal von dem Irrglauben abkommen alles ließe sich im Nachhinein durch technologischen Fortschritt schon regeln?

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