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Beim Arzt (Teil 1)

I live by the river!

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Eine zweiteilige und etwas längere Kurzgeschichte mit nur wenigen Unwahrheiten.

„Tja …“

Ich weiß genau, was jetzt kommt.

„Naja …“

Etwas Anderes findet er ja auch nicht. Wo sollte er sonst ansetzen? Die Kreuze auf dem Fragebogen, den man bei jedem Arzt neu ausfüllen muss, habe ich fast alle bei „Nein“ gesetzt. Keine bekannten Herz- oder Nierenkrankheiten, keine Medikamente, keine Operationen, schwanger bin ich auch nicht – nur eben dieser leichte Heuschnupfen, der von Jahr zu Jahr schwächer wird, lässt ein Kreuzchen bei „Ja“ hinter „Allergien“ zu.

Und dann ist da noch der Raum für persönliche Notizen. Die Frage nach schweren Erkrankungen in der Familie. Wahrheitsgemäß trage ich ein, dass mein Vater im Alter von 50 Jahren an Krebs gestorben ist.

Ich bin jetzt 47.

„Naja …“, beginnt der Arzt, der mir empfohlen wurde und den ich heute zum ersten Mal aufsuche, erneut. Seine Augen wandern über meinen Fragebogen. „Das mit dem Rauchen sollten sie vielleicht besser sein lassen.“

„Wieso?“, frage ich. „Ist das schädlich?“

Der Humortest steht bei mir zu Beginn eines jeden noch aufzubauenden Vertrauensverhältnisses, besonders, wenn es im Verlauf desselben zu einseitiger Nacktheit kommen kann. Ein wenig Humor kann da die ein oder andere emotional eher komplexe Situation durchaus auflockern.

Mein neuer Arzt zuckt nach meiner Bemerkung zwar nur mit dem linken Mundwinkel, beweist aber andere Doktorenkompetenzen, indem er in einem perfekt performten „Classic Medic Move“ die Nahsichtbrille abnimmt, seine Ellenbogen auf den Schreibtisch setzt und mich ansieht, als würde er seinen nächsten Satz mit den Worten „Spaß beseite“ beginnen wollen.

„Spaß beseite“, beginnt er seinen nächsten Satz, „versuchen Sie, damit aufzuhören.“

Wir tauschen ernste Blicke (er) und schuldbewusstes Kopfnicken (ich) aus, dann kommen wir zum Grund meines Praxisbesuchs:

Ich will die Hauptinspektion. Ich habe es tatsächlich geschafft, ein Telefon in die Hand zu nehmen und mir Termine geben zu lassen für das, was man beim abendlichen Gespräch mit Freunden gern mit den Worten „Stimmt, muss ich unbedingt mal machen“ auf das nächste Jahrtausend vertagt.

Komplettuntersuchung, EKG, Röntgenbild der Lunge, alles mal ordentlich ultrabeschallen, Krebsvorsorge, Finger in den Po, Blutbild (nicht zwingend in dieser Reihenfolge), das ganze Programm eben, genau so, wie es die Werbebroschüre des Bundesgesundheitsministeriums empfiehlt. Achtung: Die Werbebroschüre des Bundesgesundheitsministeriums empfiehlt nicht explizit den Finger in den Po, denn so für sich bringt der ja erstmal nicht viel an gesundheitlicher Vorsorge, in den Info-Flyern steht daher irgendwas mit Prostata, aber wer halbwegs weiß, wo sich selbige befindet, der versteht: Finger in den Po.

Was man halt so alles macht, wenn man nicht mehr bei seinen Eltern wohnt.

Mir geht es grundsätzlich super, ich fühle mich so fit, wie man sich als Raucher fühlen kann. Ich trinke regelmäßig, aber selten viel, mit dem Sport verhält es sich genauso. Okay: Nicht ganz genauso. Nicht regelmäßig. Und auch nicht viel. Eigentich so gut wie gar nicht, wenn man von wenigen Fahrradkilometern absieht. Zählt Treppensteigen nicht auch als Sport? Und so ganz normales Laufen? Sex?

Gut: Ich habe Schiss. Ich bin zwar froh, den Anruf endlich getätigt zu haben und dann auch noch beim Arzt erschienen zu sein, obwohl es wie immer an dem Tag eigentlich ganz schlecht passte. Und ich möchte die Gewissheit haben, dass es meinem Körper gut geht.

Was aber, wenn es ihm nicht gut geht? Wenn ich voller unbekannter Krankheiten bin, in Forschungslabore eingewiesen werden muss, meine Familie mich nur alle drei Wochen mit einem Zelt über dem Körper besuchen darf und der Arzt meinen Besuch mit den Worten abschließt: „Gönnen Sie sich mal einen richtig tollen Urlaub mit Ihrer Frau, ganz egal, was es kostet“?

Na, dann hätte ich aber ganz schön was zu bloggen, denke ich mit der Stimme von Steve Martin in „The Jerk“. Und fange vor Angst ein bisschen an zu weinen, während ich auf einem Heimtrainer-Fahrrad sitze und von der Heimtrainer-Fachfrau der Praxis, die sich gleichzeitig auch noch ein bisschen mit Herzen auskennt, an vielen Stellen meines nackten Oberkörpers mit Aufklebern bepflastert werde, die mittels Kabeln an irgendwas mit einem Betriebssystem angeschlossen sind. Ich kenne solche Apparaturen. Aus „24“.

Das Radfahren ist lächerlich leicht. Trotz der Warnung der Medizinischen Fachangestellten, mich lieber „noch nicht“ zu verausgaben, lege ich gefühlte 35 Stundenkilometer hin, die sich nach Blick auf den Tacho als 17 herausstellen, und frage mich dabei, wie alt meine Herz-Dame wohl sein mag. Höchstens 22, schätze ich, denn durch meinen Bauchansatz, den ich beim Verdrahten natürlich geschickt unter dem Sattel versteckt hatte, fühle ich mich rund 25 Jahre älter. Ähnliche Ansätze von zu viel Fett sind bei ihr schließlich nirgends zu erkennen (okay – sie ist im Gegensatz zu mir auch bekleidet). Sie sieht wesentlich fitter aus als ich.

„Neununddreißig“, antwortet sie auf meine Nachfrage lächelnd. Na gut, knapp daneben, denke ich und nicke ihr strampelnd zu, als würde ich sagen: Ja, das habe ich auch ungefähr geschätzt. Vermutlich schummelt sie einfach ganz unfair, indem sie täglich Sport treibt, nicht raucht und sich makrobiotisch ernährt. Nur um mich in Selbstzweifel zu stürzen. Die blöde Kuh.

Sie ist aber gar nicht blöd, sondern sogar äußerst nett. Außerdem lacht sie ab und zu über meine schlechten Witze, die Lockerheit vortäuschen sollen und an diesem Vorhaben so kläglich scheitern wie Yvonne Catterfeld an einem zweiten Gesichtsausdruck.

„So, jetzt wird’s schwerer, jetzt geht’s mal ein bisschen bergauf“, nettet meine Betreuerin und schaltet irgend etwas um. Die Pedale scheinen sich plötzlich verklemmt zu haben, denn das Treten wird viel, viel schwerer. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich verlange mein Geld zurück.

„Wir messen in verschiedenen Stufen, mal sehen, wie weit sie kommen. Ich schalte jetzt noch mal hoch.“

Meine Witzchen werden etwas seltener und knapper. Aber auch auch pointierter! „Nicht, dass Sie denken, das wäre Schweiß!“, röchle ich, während sie mir mit einem Handtuch den Oberkörper trocknet, damit die Klebedinger nicht abfallen, die vermutlich Stromstöße durch meine Brust jagen werden, wenn ich nicht schnell genug fahre. Das Wedeln mit dem Handtuch kann ich ihr im letzten Moment untersagen, meinen gehechelten Wunsch nach isotonischen Getränken ignoriert sie deshalb. Die ersten Hustenreize machen sich bemerkbar, doch ich kann sie unterdrücken, denn meine gesamte Konzentration gilt den Beinen, meine Augen suchen sie nach den Stahlummantelungen ab, die ich eindeutig spüren kann.

„In Ordnung, ich sage Ihnen, wo das Gold ist, aber hören Sie endlich auf“, will ich gerade brüllen, als Sie die Qual endlich beendet.

Erschöpft steige ich vom Heimtrainer ab und bin sicher, komplett versagt zu haben. Die letzten Minuten kamen mir vor wie die Tortour de France und ich habe geschwitzt wie zuletzt in der Grundschule, als Matthias aus der Sechsten mir androhte, mich mit dem Kopf voran der Berliner Kanalisation zuzuführen.

„War ganz schön schwer, hm?“, lächelt die Fachfrau. „Ach“, winke ich ab, als ich zwölf Minuten später wieder einsilbige Worte formulieren kann, und tue so, als wäre der nachfolgende Husten eine Reihe weiterer „Achs“.

Ich streife mein Hulk-T-Shirt wieder über und schaue sie erwartungsvoll an, um meine Punktzahl zu erfahren. Aber nix da: „Der Doktor schaut sich das dann alles an und erläutert es im Abschlussgespräch“, sagt sie und schickt mich zur Blutabnahme.

Selbige macht mir nichts aus. Seitdem mir vor vielen Jahrzehnten mal eine schlaue Zahnärztin erklärt hat, wie man Schmerz beim Erhalt von Spritzen verringern kann („Du musst versuchen, deine Muskeln zu entspannen, auch wenn das schwierig scheint: je angespannter du bist, desto schmerzvoller wird es), tun mir Spritzen tatsächlich nicht weh. Außer vielleicht, wenn direkt in offene Wunden gespritzt wird, aber das habe ich noch nie erlebt und möchte es auch gar nicht so dringend erleben. Und wenn ich es doch erleben müsste, wäre die Spritze vermutlich noch der angenehmste Teil.

Nächster Fall: Ultraschall. Diesmal legt der Chef selbst Hand an und so liege ich erneut spärlich bekleidet vor ihm auf einer dieser Arztpraxis-Liegen, die immer zu kalt sind und deren Papierauflagen schon beim Drauflegen verrutschen. Meine inneren Organe werden von außen gescannt und einmal mehr danke ich den Errungenschaften der modernen Medizin, denn wenn man das von innen machen müsste, wäre es sicher ganz schön anstrengend für alle Beteiligten.

Mein Doktor reibt mir den halben Oberkörper mit einer (natürlich eiskalten) Salbe ein, bewegt danach seine Computermaus, die gar keine ist, über meinen rutschigen Torso und zeigt mit der freien Hand auf einen Monitor, auf dem das Testbild des DDR-Fernsehens von 1967 zu sehen ist. „Mädchen oder Junge?“, frage ich und das einstudierte Lachen des Arztes verrät mir, dass ich nicht der Erste bin, der diesen Kracher gebracht hat.

„Gucken Sie mal! Das hier ist ihre Leber!“

„Irre“, lautet meine begeisterte Antwort, „ich hätte auf Tansania getippt!“ Tatsächlich erkenne ich auf dem Screen nichts, was an meine Leber erinnert, wobei ich jetzt gerade unsicher bin, ob ich meine Leber besser erkennen würde, wenn sie direkt vor mir läge.

Ehrlich gesagt erkenne ich aber nichts, was an irgend etwas erinnert, was vielleicht auch daran liegt, dass der Monitor neben meinem Kopf steht und in die Richtung des Arztes zeigt, ich mich aber nicht bewegen soll. Hätte ich einen Hals mit der Flexibilität und Länge einer Kobra, dann hätte ich vielleicht eine Chance, so jedoch kann ich die Messereignisse aus meiner Liegehaltung heraus nur von der Seite erahnen. Ich tue trotzdem beeindruckt, denn Arbeit soll ja auch Spaß machen, auch die eines Arztes. Ich hoffe außerdem auf mildernde Umstände in der späteren Beurteilung, wenn ich meine Milz mit der gleichen Begeisterung verfolge wie der Doktor.

„Gut“, schließt selbiger diesen Teil der Untersuchung ab. „Dann lassen Sie sich mal einen weiteren Termin geben, zu dem wir uns dann zur Abschlussuntersuchung – Haut, Prostasta und so weiter – treffen, und nach der wir die Ergebnisse besprechen. Vorher gehen Sie aber bitte noch zum Röntgen der Lunge, auch die Röntgenbilder werden wir uns dann gemeinsam ansehen.“

Okay.
Heute also noch kein Finger in den Po.

Kommentare dann unter dem zweiten Teil, okay?

Hier klicken, um Teil 2 zu lesen!

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