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Beim Arzt (Teil 3)

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Previously on Beim Arzt:
Teil 1
Teil 2

Die Lunge ist gesund, und darüber bin ich sehr froh. Dabei gibt es ja noch jede Menge anderer Krankheiten von interessant bis lebensverkürzend, die mein Arzt diagnostizieren könnte, und auf keine davon bin ich besonders scharf. Ich bin nämlich entschiedener Gegner von Krankheiten, sogar aktiv. Auf meinem Auto klebt hinten ein Aufkleber mit der durchgestrichenen Skizze von einem hässlichen Virus, darum ranken sich die Worte „Siphoviridae – Nein, Danke!“. Damit unterstütze ich die weltweite Ächtung aller Krankheiten, und wenn das mehr Leute machen würden, dann wäre bald Schluss damit! Hat ja bei Atomkraft auch geklappt.

Zurück in der Arztpraxis fiebere ich (haha) meinem Abschlusstermin entgegen, und ein klein wenig aufgeregt bin ich nun doch noch einmal.

Mein neuer Arzt, der ruhige, etwas ältere und vertrauenserweckende Mann mit der Brille, wird die letzten Tests durchführen – Hautuntersuchung, hier und mal mit einem kleinen Hammer unter die Kniescheibe klopfen –, und dann wird die ganze Wahrheit auf den Tisch gepackt. Die Ergebnisse der Blutprobenanalyse und der Belastungstests, die Auswertungen der Ausscheidungen und natürlich werden wir auch auch noch einmal über das Röntgenbild und die Ultraschallergebnisse plaudern. Und schlussendlich: Finger… na, Ihr wisst schon.

„Herr Haeusler bitte!“, ruft die Assistentin ins Wartezimmer. Ich höre ihre Stimme aus der Ferne, denn die Toilette liegt am anderen Ende des Flurs. Die Nervosität und die Wasserflasche, die ich gerade leergetrunken habe, haben mich hierhin getrieben, und obwohl die Panik vor genau der Situation, die gerade eingetroffen ist – nämlich aufgerufen zu werden, während man auf dem Klo ist – mindestens ebenso groß war, hielt ich es nicht mehr aus. Es ist wie beim Warten auf den Bus: Kippe anzünden, dann kommt er. Beim Arzt: Aufs Klo gehen, dann wird man aufgerufen.

Schnell noch die Hände waschen, dann zum Arztzimmer.

Ich klopfe, warte auf das sonore „Ja, bitte!“ und trete ein. Lächelnd und selbstsicher nicke ich zuerst dem Doktor hinter seinem Schreibtisch zu, dann der jungen Frau neben ihm.

Jetzt erst stutze ich ein wenig. Was will die junge Frau hier? Ich kenne den Raum ja inzwischen. Aber die war vorher nicht da. Oder sehr gut versteckt.

„Herr Haeusler, setzen Sie sich doch bitte. Es stört Sie sicher nicht, dass meine angehende Kollegin während der Abschlussuntersuchung anwesend ist?“, fragt mein Arzt, als würde er mir sagen, dass er heute etwas früher Feierabend machen wird.

„Keineswegs!“, antworte ich. „Es war schon immer einer meiner größten Wünsche, mich mit heruntergelassener Hose über den Schreibtisch eines alten Mannes zu beugen, dabei dessen Finger im Hintern zu spüren und den beobachtenden Blicken einer 25-Jährigen ausgesetzt zu sein. Manchmal träume ich nachts von dieser Szene! Also worauf warten wir noch?“

War nur Spaß. Das sage ich natürlich nicht, denn es wäre unhöflich. Ich habe ja nichts gegen den Schreibtisch. Stattdessen antworte ich:

„Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Herr Doktor, aber ich glaube, das ist mir etwas zu privat. Ich empfinde die Situation schon mit Ihnen allein etwas beschämend, und ich möchte sie durch die Anwesenheit einer jungen Dame nicht noch peinlicher für mich machen. Daher muss ich leider sagen, dass ich froh wäre, wenn ihre angehende Kollegin vielleicht lieber bei einem späteren Termin dabei wäre, zum Beispiel nachher, wenn die ältere Dame dran ist, die zur Zeit noch im Wartezimmer sitzt und immer so doll hustet. Sie sieht nicht mehr so gut, sagte sie mir, ihr ist das vielleicht auch alles nicht so wichtig. Aber mich stört es.“

Das Problem ist: Das sage ich auch nicht. Ich sollte es sagen, denn es entspräche ziemlich exakt dem, was ich gerade denke, doch ich bringe es nicht über die Lippen, ich bin zu irritiert von der Gesamtsituation.

„Nö, stört nicht“, lüge ich daher. Und setze mich.

Der Arzt erzählt Dinge und ich höre nicht zu, sondern rede mir ein. Dass die junge Frau schließlich noch ganz andere Dinge sehen wird, wenn sie Ärztin werden will; dass Ärzte den Körper ja sowieso ganz anders betrachten als unsereins; dass es völlig in Ordnung ist, wenn sie zwar meinen vollen Namen und meine medizinischen Details kennt, ich aber nicht einmal ihre Initialen; und dass das alles eben so ist, irgendwie muss sie den Beruf ja erlernen, auch in der Praxis.

Auf diese ganzen Fakten will ich mich konzentrieren, doch ich werde immer wieder von einem Wort in meinem Kopf abgelenkt:

Facebook.

Die Statusmeldung „Katja Baldarzt hat dich vor 12 Stunden auf einem Handy-Foto markiert“ wildert noch eine Weile durch meine Fantasie, in der ich den „Beitrag löschen“-Knopf suche und nicht finde, doch dann beruhige ich mich durch das mantra-artige, stille Rezitieren des Begriffs „Ärztliche Schweigepflicht“.

Anders geht es auch nicht mehr, denn ich muss, inzwischen nur noch mit einer Unterhose bekleidet, still stehen (und gleichzeitig den Bauch einziehen), während der Arzt meinen Körper betrachtet, als suchte er auf einem Globus die sehr kleine und einsame Insel, auf der er 1976 mal Urlaub gemacht hat. Er nimmt die Sache ernst, das ist mir sympathisch. Ich mag Profis.

Nachdem er Haut, Knochenbau und Körperhaltung überprüft hat, kann ich meine Oberbekleidung wieder anziehen und mich auf den Patienten-Stuhl am Schreibtisch setzen, während der Doktor eine Schublade öffnet, um Handschuhe und einen großen Topf Vaseline zum Vorschein zu bringen und auf den Tisch zu stellen. Genau so hatte ich mir das vorgestellt! Verrückt.

Ich lache. Innerlich. Ganz leise. Doch die Klischees sind noch nicht ganz ausgeschöpft.

Ich lasse tatsächlich meine Hose runter, die angehende Ärztin wechselt tatsächlich die Position, um bessere Sicht zu haben, und mein Arzt sagt tatsächlich:

„So, dann beugen Sie sich mal bitte etwas über den Tisch.“

Über den Tisch! Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, vielleicht so eine Art Prostata-Untersuchungshocker, einen „P-Raum“, irgendein medizinisch anmutendes Etwas, das für bestimmte Zwecke aus dem Schrank geholt wird, oder wenigstens die Nutzung der Patientenliege, aber ÜBER DEN TISCH??

„Auf diesen Satz habe ich drei Wochen lang gewartet!“, scherze ich und höre immerhin ein unterdrücktes weibliches Glucksen. Frauen stehen ja angeblich auf Männer mit Humor, welchen Einfluss auf diese vermeintliche Anziehungskraft es jedoch hat, wenn der lustige Mann gerade mit heruntergelassenen Hosen über den Tisch vor ihnen gebeugt ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Kommt wahrscheinlich auf den Witz an. Und den Tisch. Und die Frau. Und den Mann. Oder dessen Hintern.

Wie auch immer: Die folgende Prostata-Untersuchung verläuft – ganz besonders in Anbetracht des schier endlosen dramaturgischen Bogens, den ich im vorliegenden Text auf diesen Moment hin gespannt habe – enttäuschend unspektakulär. Jeder, der seinen Körper ein wenig besser kennt, weiß oder ahnt natürlich, dass das Ertasten der Prostata im Normalfall weder Schmerzen verursacht noch besonders zeitintensiv ist, und so kann sich mein Arzt schon nach wenigen Sekunden die Worte „fühlt sich gut an“ verkneifen und die Latex-Handschuhe wieder abstreifen.

„Alles in Ordnung“, meint er.
„Bei mir auch“, sage ich.

Besser kann es jetzt eigentlich nicht mehr werden, und so schickt mein Arzt die junge Angehende nun doch aus dem Zimmer, sie kann schließlich nichts mehr verpassen.

In Wirklichkeit geht es jedoch um die ärztliche Bewertung der Untersuchungen, die unter vier Augen besprochen wird und äußerst beruhigend ausfällt. Natürlich ist da das Rauchen, das ich einfach sein lassen muss, und außerdem sind meine Cholesterin-Werte zu hoch, tierisches Fett soll also reduziert werden. Doch alle anderen Untersuchungsergebnisse sind in Ordnung, sogar meine Kondition scheint völlig normal zu sein und mein Arzt ist darüber fast genauso glücklich wie ich. Mehr noch: Die Ultraschall-Untersuchung meiner inneren Organe scheint ihn beeindruckt zu haben.

„Da gibt es überhaupt nichts, was auch nur ansatzweise Ihrem Alter entpricht. Ich kann das wirklich so sagen: Sie haben die Organe eines Achtzehnjährigen.“

Tolle Sache, so eine Privatversicherung.

18 Kommentare

  1. 01

    Eine Geschichte, die ich einerseits sehr amüsant finde und mich andererseits mit meinen ebenfalls 47 Jahren und auch Raucher wiederfinde. Die Untersuchungen sind notwenig, incl. Hafenrundfahrt, und doch die Angst im Hintergrund es könnte etwas ernsthaftes diagnostiziert werden. Bei mir ist auch alles ok und zum Orologen muss ich erst wieder in 3 Jahren .

  2. 02

    Zunächst mal, muss ich meinem Frust Luft machen: Puh, da hast du uns ja ganz schön auf die Folter gespannt, mit dem dritten Teil!
    So, jetzt wo das raus ist, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, was ich zu den ersten Teilen schreiben wollte.

    Hmm. Also einmal fällt mir ein, dass ich es sehr erfrischend fand, wie ehrlich du das mit dem Selbstbetrug eines Rauchers formuliert hast. Ich kann mich noch erinnern, vor einigen Monaten mal einen Aufhör-Versuch gestartet und darüber gebloggt zu haben. Wie überheblich ich da doch war! Als ich merkte, dass eigentlich gar nicht so schwer war und wie leise es dann wurde, als ich wieder angefangen habe (sollte ich vermutlich irgendwann drüber bloggen). Das was du geschrieben hast, hat mich aber zumindest darüber nachdenken lassen, mit welcher Legitimation ich das Rauchen wieder angefangen habe, nach all den Gründen, die dagegen sprechen und die ich mir, für den damaligen Rauchstop, ja auch bewusst vor Augen geführt hab.

    Aber das ernsthafte Thema des Selbstbetruges eines Rauchers mal bei Seite: Die Geschichte mit der angehenden Ärztin ist mir zwar noch nie passiert, aber genau so stell ich sie mir vor, falls mir das mal passieren sollte. Jetzt weniger der Gedanke an Facebook, da ich die ärztliche Schweigepflicht doch als dermaßen selbstverständlich empfinde, dass das gar nicht in meine Welt passt.. aber der Rest.

  3. 03

    Habe Tränen gelacht :) Entschuldigung. Weitermachen und Rock ’n‘ Roll!

  4. 04

    Endlich. Ich habe schon sehnsüchtig auf Teil drei gewartet. Eine wirklich köstlich komische Geschichte, großartig geschrieben. Wenn ich groß bin möchte ich auch die Fähigkeit besitzen so gelungen über einen Arztbesuch zu schreiben. Ich habe so viel gelacht. Danke.

  5. 05

    Wurde von den Kollegen im Büro komisch angeschaut, weil ich so lachen musste.

    Ehrlich: Über sowas lacht man eigentlich nicht, aber die Beschreibung war einfach so herrlich.

  6. 06
    Chrischaaan

    Hach endlich haben wir den letzten Teil vorliegen… und auch ich musste hinter meinen Monitoren in der Mittagspause glucksen! Toll geschrieben!

  7. 07
    HerrKalli

    Buch ist gekauft. Vielen Dank für die Unterhaltung.

  8. 08
    schläfer

    „Da gibt es überhaupt nichts, was auch nur ansatzweise Ihrem Alter entpricht. Ich kann das wirklich so sagen: Sie haben die Organe eines Achtzehnjährigen.“

    Einerseits hat das Rauchen bei Helmut Schmidt auch konservierend gewirkt, andererseits habe ich doch auf den Kalauer, dass lediglich die Akten vertauscht wurden, gewartet. Und danach das erlösende „Alles OK“ kommt.

    Auf jeden Fall Glückwunsch zur attestierten Gesundheit und dass das weiter so bleibt!

  9. 09

    Das ist überhaupt nicht komisch. Vor allem, wenn nicht der Senior-Arzt selbst rumfingert, sondern die 25-jährige Assistenzärztin. *grummelbrummelichgehdaniewiederhinbrummelgrummel*

  10. 10
    Dietrich

    Großes Kino in drei Teilen. Habe auch Tränen gelacht.
    Und mich die ganz Zeit, schon seit Teil 1 und später Teil2, gefragt wie er die Klippe umschiffen wird … elegantes Manöver …
    Danke schön!

    Alles Gute (einschließlich Gesundheit) für’s neue Jahr wünsch ich Dir und den anderen Schreibern dieser Seite.

    Gruß,

    Dietrich

  11. 11
    Scott

    Da kommt mir doch das hier wieder in den Sinn.

  12. 12
    joerandom

    Erinnert mich ein bisschen an den Moment, an dem ich nach der Darmspiegelung realisiert habe, dass mir jemand während der Narkose den Hintern rasiert haben muss. Rational albern, aber irgendwie fand ich das trotzdem ziemlich befremdlich.

  13. 13
    Steffen

    „Tolle Sache, so eine Privatversicherung.“ — Ich frage mich, was der letzte Satz mit der Artikelserie zu tun hat, von den Terminvereinbarungen mal abgesehen. Sind Vorsorgeuntersuchungen nicht auch bei der gesetzlichen inklusive? Und ist der eigene Gesundheitszustand nicht von der jeweiligen Versicherungsart unabhängig? Eine Erläuterung zum letzten Satz würde ich begrüßen.
    Ansonsten tolle Serie, die Vorsorgeuntersuchungen für Männer ins Be­wusst­sein rückte. DANKE.

  14. 14

    @Steffen: Natürlich ist der eigene Gesundheitszustand nicht von der jeweiligen Versicherungsart abhängig. Der Satz ist ein Witz wegen der sehr positiven und fast schmeichelnden Diagnose.

  15. 15
    Katja

    Danke für diese traumhafte Artikelserie, auf deren Ende ich schon lange gewartet habe (und die mir im Vorweihnachtsstress dann doch tatsächlich noch durchgegangen ist) – hauptsächlich deshalb, um endlich loszuwerden, wie sehr ich Tränen gelacht habe, und zwar bei allen drei Teilen!
    Genial geschrieben!
    Danke! :-)

  16. 16
    wef

    Chronisch Kranke können wirklich was erzählen, im Gegensatz zu paranoiden hypochondrischen Privatpatienten. Was will uns das nun sagen, breitgetreten über drei Artikel?

  17. 17
    Will Sagen

    … dass der letzte Kommentator zum Lachen lieber in den Keller geht… ;)

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