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It’s the end of the ’net as we know it

gapplebook

Neulich, als mir der ganze Wust rund um Jugendschutz, Urheberrechte und Netzneutralität im Zusammenspiel mit Ansprüchen vieler Netzbewohnerinnen und -bewohner, der gesetzlichen Realität und politischer wie wirtschaftlicher Interessen, Zwänge und Sachlagen, gepaart mit …

Liest noch jemand mit?

Als ich also neulich einfach mal so nachdachte – das passiert mir manchmal –, da dachte ich: Der ganze Irrsinn ist vielleicht mit dem Netz, wie es ist, unlösbar. Vielleicht brauchen wir zwei Internetze.

Wie schon gesagt: ich dachte „nur so“ nach, das Konzept hat hier und da noch Lücken mit einem Durchmesser von rund vierzigtausend Kilometern, aber ich dachte in meinem gar nicht mehr so jugendlichen Leichtsinn, dass zwei Netze viele Herausforderungen lösen könnten.

Das eine Netz wäre das „geprüfte“, in dem sich das Kommerzielle und Offizielle trifft und das relativ harmlos, aber auf eine Art auch „sicher“ wäre, weil bestimmte Seiten durch Altersnachweis nur für Erwachsene zugänglich, der Zahlungsverkehr TÜV-geprüft und Dienste inkl. eGovernment nach irgendeiner DIN-Norm gestaltet wären. Anbieter in diesem Netz müssten irgendeinen relativ leicht zu bekommenden Nachweis haben, um teilnehmen zu können, und sich daher an bestimmte Regeln halten, sonst gäb’s auf die Finger. Als Benutzer könnte man an seinem Rechner oder via Provider einstellen, dass man nur dieses Netz haben will und hätte damit sein Shopping-Web oder sein Kindernetz, was auch immer.

Und dann gäbe es noch noch das andere Netz, das im Grunde so wäre wie das, was wir jetzt kennen, aber noch viel, viel anarchistischer. Denn es gäbe keinerlei Regeln – aber auch so gut wie keine Rechte. Dieses Netz könnte man nach erwünschter Freischaltung ebenfalls nutzen, die Benutzung erfolgte jedoch im Großen und Ganzen „auf eigene Gefahr“, Rechtsansprüche, die aus Schäden wie Betrug etc. entstünden, gäbe es ebenso wenig wie die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. In diesem zweiten Netz gäbe es Filesharing bis die Platte voll ist und keinerlei Ansätze von Zensur, Prüfungen, Gesetzen.

Was für eine grandiose Schnapsidee, dachte ich, und was für ein Blödsinn.

Und dann, als ich weiter nachdachte – das passiert mir manchmal –, da dachte ich:

Gar kein Blödsinn.

Genau das wird die Zukunft des Internet sein, ob wir das nun wollen oder nicht, und genügend Menschen werden es wollen, und genau deshalb wird gerade daran gebaut. Von Google, Apple und Facebook.

Nur, dass die seit längerem darüber nachdenken und auch nicht „nur so“.

Denn wie man es auch dreht und wendet, und egal, welche Position man im Einzelnen dabei einnimmt: Fakt ist, dass wir vor einem Berg an gesellschaftlichen und juristischen Herausforderungen stehen, den die digitale Welt nun einmal mit sich bringt. Das ist zwar nicht so schlimm, weil jede neue Technologie auch neue Herausforderungen mit sich brachte, es fällt aber schwer zu akzeptieren, dass die Umsetzung halbwegs intelligenter Lösungen noch viele Jahre dauern wird.

Es ist richtig, dass das Urheberrechtsgesetz mindestens eine deutliche Reform braucht, es ist aber nunmal Tatsache, dass es diese Reform noch nicht gibt und daher das Gesetz in seiner aktuellen Version gilt, und dass Lobbyisten zwar auf allen Seiten an der Politik zerren, sich diese aber mit jedem Tag schwerer tut, zeitnahe Entscheidungen zu treffen, denn sie ist sich zumindest der Tragweite solcher Entscheidungen sehr bewusst (was, zugegeben, manchmal das Einzige zu sein scheint, dessen sie sich bewusst ist). Die vielen Konjunktive im ACTA-Entwurf werden zur Zeit allein als Angriff aufs Netz gewertet, aber man könnte sie ja auch einmal als Unsicherheit betrachten, als hilfloses „Wer weiß, was da noch kommt, so richtig festlegen wollen wir uns jetzt lieber noch nicht, wir wollen uns alle Türen in alle Richtungen offen halten“.

Und was ist mit dem Glücksspielstaatsvertrag, mit Abmahnwahn, Jugendschutz, Strafverfolgung, Datenschutz, Privatsphäre, Persönlichkeitsrechten, politischer oder wirtschaftlicher Propaganda, gekauften Meinungen? Wie geht der Gesetzgeber mit Fragen zum Nutzer-Tracking zu Werbezwecken von Unternehmen und anderen Aufgaben im wirtschaftlichen Bereich um?

Man kann sich vieles schönreden, es mag auch sein, dass der Einzelne nicht jeden der schnell aufgezählten Punkte für relevant hält, aber es wird wohl niemand behaupten, dass die Digitalisierung der Welt keinerlei Herausforderungen für selbige bereithält.

Und dabei leben wir, die ich jetzt einfach mal „täglich über Facebook hinaus surfende Netznutzer“ nenne, in unserer eigenen Filterblase und haben, glaube ich, viel zu wenig Schimmer von den Internet-Ansprüchen jener Nutzer, die das Netz als reines Shopping-, Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedium sehen, und die für eine höhere Sicherheit in Sachen Betrug, Viren, Spam und Datenmissbrauch einiges eintauschen würden, für das andere im Namen der Freiheit kämpfen.

Ich werte das nicht, sondern ich betrachte es als Tatsache, die mir täglich begegnet: Es gibt den Wunsch nach einem sicheren, verlässlichen Netz ohne größere Risiken für den Rechner, die Psyche, das Konto und die Kinder, und es ist gar nicht mal so undenkbar, dass jene, die diesen Wunsch hegen, sogar die Mehrheit bilden. Selbst, wenn sie dafür nicht gleich auf die Straße gehen.

Google, Apple und Facebook kennen diesen Wunsch und sie wissen, dass er politisch in absehbarer Zeit nicht unter Berücksichtigung möglichst vieler Interessen erfüllbar ist. Also bauen sie dieses Netz einfach ohne größere Rücksicht, denn es wird sich lohnen. Zur Zeit baut jeder für sich, doch wer weiß schon, ob es in fünf Jahre nicht „Gapplebook“ heißt? Bei genauerer Betrachtung gibt es das „geschützte“ Netz schon an mehreren Stellen:

Ließe man auf einem iPhone von Apple auch noch den Browser weg, hätte man dieses Netz schon, denn Apps und deren Funktionen unterliegen den Entscheidungen von Apple, Netzfunktionalitäten sind meistens App-interner, also eingeschränkter Natur und schwer zu umgehen, die Funktionen des Geräts sowie seine Inhalte lassen sich nach Altersstufen einschränken. Der interne Zahlungsverkehr ist bei Apple bereits eingebaut, ebenso wie bei den Mitbewerbern.

Schließlich arbeitet auch Facebook daran, dass der Nutzer Zuckerbergs Kreation nicht mehr verlassen muss, nicht einmal Links „nach draußen“ braucht man noch, wenn die Facebook-interne Reader-App des Guardian dessen Texte innerhalb von Facebook erscheinen lässt. Gespielt, Filme geschaut und Musik gehört wird eh schon direkt bei Facebook, was also hindert Provider daran, auf Wunsch des Kunden nur Facebook frei zu schalten? Oder möchten Sie gleich das Facebook-Pad plus Facebook-Handy mit weltweit kostenfreiem Zugang zum Facebook-Internet und dem mobilen Facebook-Netz? Amazon, ein weiterer nicht zu unterschätzender Spieler, macht mit dem Kindle Fire in den USA bereits vor, wie so etwas funktioniert.

Und dass Google seine Nutzungsbestimmungen geändert hat, um beim Kunden alle Dienste des Unternehmens inklusive „Persönlichkeitsmanagement“ im wahrsten Sinne der Worte zusammen zu führen, deutet ebenfalls auf eine ähnliche Richtung hin, wenn auch vielleicht auf eine ansatzweise „offenere“ Struktur. Sogar die Geräte-gesteuerte Exklusivität hat Google mit den ChromeBooks schon getestet, wenn auch mit vorerst mäßigem Erfolg. Doch was genau hält Google davon ab, Kinder- oder auch Normalnutzerschutzfunktionen basierend auf der Google-eigenen Kenntnis der Netzinhalte anzubieten? Das Netz also nach Wunsch des Nutzers oder seines Erziehungsberechtigten „vorzufiltern“, entweder unter Einsatz klarer Sperren auf Basis der Nutzerwünsche oder wenigstens mit dem Warnhinweis: „Achtung! Sie verlassen jetzt den von Google als sicher eingestuften Bereich des Internet. Wollen sie wirklich fortfahren?“

Das alles ist im Ansatz bereits vorhanden und wird noch konkreter werden, ich bin sicher – das passiert mir manchmal.

Denn die Netzpolitik, die sich zurecht für ein für alle gleichermaßen zugängliches, weitgehend freies und unreguliertes Netz einsetzt, hat ein Problem, das ihre Position in der Öffentlichkeit schwächt: Sie kämpft ihren Kampf für mehr Demokratie, Offenheit und Selbstverantwortlichkeit auch für jene, deren Ziele zweifelhafter sind, die an Kompromissen keinerlei Interesse haben, die in dem Irrglauben leben, man könne auf einen Staat völlig verzichten und denen nicht allzu oft geltende Regeln oder die Findung neuer schlichtweg egal sind. Nutznießer und Trittbrettfahrer der engagierten und demokratisch motivierten Netzpolitik, die in den Augen Einiger als anti-demokratische Kräfte gelten, machen die netzpolitische Arbeit in der Praxis äußerst schwer, wenn sie unterm Strich den Eindruck des puren Egoismus vermitteln und große Teile der (Netz-) Bevölkerung aktiv ausschließen oder mindestens ignorieren wollen.

Eine tatsächlich demokratische Netzpolitik wird Kompromisse eingehen müssen und darf nicht einmal den Anschein des Strebens nach einer Techno-Diktatur vermitteln, in der diejenigen die gesellschaftlichen Sieger sind und sich damit brüsten, die über mehr technisches Wissen und Können verfügen als andere. Eine demokratische Gesellschaft braucht Solidarität mit Außenseitern und Minderheiten, sie braucht soziale und erzieherische Verantwortung gegenüber allen Beteiligten, und niemand, der diese Ansprüche außer Acht lässt, darf eine Chance haben, sich politisch durchzusetzen.

Ich mache mir dabei kaum wirkliche Sorgen um die Netzpolitik, denn ich glaube, viele der Akteure wissen dies alles, andere werden es noch erkennen. Dennoch besteht das beschriebene Problem und es wird noch Jahre dauern, bis sich die verschiedenen politischen Parteien angenähert oder wenigstens halbwegs eine gemeinsame Sprache gefunden haben, um Lösungen zu finden, deren Umsetzung weitere Jahre in Anspruch nehmen wird. Andere, die kaum auf Kompromisse Rücksicht nehmen müssen, werden diese Zeit nutzen.

Denn der Ruf der „gesellschaftlichen Mitte“ nach einer gewissen Regulation und Klarheit bei bestimmten Bereichen im Netz wird immer lauter werden. Es hat schließlich Gründe, warum sehr viele Menschen Facebook nutzen, das „Internet light“, das völlig ausreicht für viele Menschen, deren Bedarf gedeckt wird von Privatunternehmen, welche bereits jetzt über die technischen Mittel und vor allem die Nutzerzahlen verfügen, die oben angedeuteten „Netze im Netz“ auch wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben.

Die Debatte um Urhebervergütungen wird, wie viele andere Fragen auch, von Google, Apple und Facebook beantwortet, also von USA-basierten Unternehmen, die ebenso eng mit Geheimdiensten der Welt zusammen arbeiten wie mit dritten Unternehmen. Die Tatsache, dass wir zur Zeit solchen Unternehmen mit unseren Daten und der generellen Entwicklung des Netzes offenbar mehr vertrauen als der eigenen Regierung, ist allein der verwerflichen politischen Realität der letzten Jahre inklusive fadenscheiniger Netzsperren-Forderungen, Vorratsdatenspeicherung und undurchsichtigen Handelsabkommen anzukreiden. Die Schuld daran, dass nur noch rund die Hälfte aller Wahlberechtigten in Deutschland glaubt, dass ihre Stimme wichtig wäre oder einen Einfluss hätte, tragen Politikerinnen und Politiker, die aus ihrer ganz eigenen Filterblase heraus eine Misstrauensgesellschaft heran gezüchtet haben.

Doch ich befürchte, dass sich die Demokratie in eine gefährliche Richtung entwickelt, wenn wir sie nicht pflegen und vor allem wieder neu definieren. Demokratie ist kein sich selbst erhaltendes System, wichtige gesellschaftliche Bereiche dürfen nicht Wirtschaftsmächten überlassen werden, und wenn wir uns als Staatsbürger aufgeben, dem Staat also nur noch misstrauen und zu der Überzeugung gelangen, dass wir ihn nicht brauchen, dann resultieren daraus nicht automatisch allein positive Entwicklungen.

Irre. Mit dem Anfang des Textes hat der Schluss jetzt nicht mehr so viel zu tun. Nun ja. Das passiert mir manchmal.

UPDATE Glücklicherweise hat mich Max gerade darauf hingewiesen, dass die Kommentare abgeschaltet waren, das war keine Absicht, tut mir leid! Jetzt ist alles, wie es sein soll, es kann und soll also gerne mit diskutiert werden.

UPDATE Marcel Weiss hat bei Neunetz eine Replik auf diesen Artikel verfasst. Und hier und dort gibt es noch zwei weitere Artikel bei antiperson.de mit spannenden Anmerkungen/ Gedanken.

54 Kommentare

  1. 01

    Nur mal leise anklopfen um ja niemand zu erschrecken.

    http://www.Spiegel.TV bietet seit neuestem übersetzte BBC Reportagen.
    Hellauf begeistert bin ich nicht unbedingt (überspielte Unsicherheit).

    Der schmale rote Faden.

  2. 02
    Fräulein Achterbahn

    Was soll denn immer dieses Geschrei nach mehr Sicherheit? Es wird nie absolute Sicherheit geben. Nirgenwo und auch nicht im Netz.

    Dieses Bedrohungsszenarion durch das Internet exisitiert doch überhaupt nicht.

    Einzig die mangelnde Medienkompetenz, also der Enduser ist doch für die Lücken verantwortlich. (meist sehr alte oder sehr junge Menschen)

    Das wird sich aber mit der Zeit relativieren und an einem Ende sind halt die Eltern gefragt.

    Ich und viele andere haben sich wunderbar mit dem Status Quo arrangiert.

    Die Idee an sich ist ja ganz nett, müsste aber politisch umgesetzt werden sonst glaube ich kaum dass das „zweite, anarchistische Netz“ lange Bestand hätte.

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