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Nomen est omen

Spaziergänge.

Spaziergänge sind ein beliebtes Motiv in der Fußballsprache: Zum Beispiel spazierte Zidane gerne durch die Reihen der baumlangen Verteidiger und betrachtete die Zwischenräume, um sich auf der Hälfte auf einer Bank am Tee zu wärmen. Ob er, gerade im Herbst, hin und wieder Blätter sammelte, um sie in den Annalen der Fußballhistorien zu pressen und zu trocknen, und sie danach an die Innenseiten des Mannschaftsbusses pappte, ist nicht überliefert, darf aber angenommen werden.

Genauso spaziert eine Mannschaft durch die Qualifikation, will heißen: Nichts krampft, nichts zieht, alles fließt. Jeder Spieltag ein Sonntag, und der Trainer pfeift ein Liedchen. Denn ein Spaziergang kann nicht scheitern, wie auch.

Und wir fragen uns, ob es ein Rest Aberglauben ist, der den österreichischen Fußballverband an Prohaska festhalten lässt, der Aberglaube nämlich, dass der Name den Lebensweg vorzeichnet: in dem Fall den Europameisterschafts-Lebensweg der Nationalmannschaft.

Kurz gefragt: Ob da noch was geht.

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Er is weg, Mann.

Mehr gibts dazu eigentlich nicht zu sagen:

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Höflich, der Mann

Davor Suker im SZ-Interview.

Suker: Leichte Gruppen gibt es bei so einem Turnier nicht mehr. Vor den Polen muss man sehr viel Respekt haben, und die Deutschen sind für mich einer der Favoriten auf den Titelgewinn.

SZ: Und die Österreicher?

Suker: Die sind auch in der Gruppe, ja.

Das ist mal höfliches Austria-Bashing.

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Was für ein beschissener Sonntag

Na super.

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Des Kaisers neue Kleider

Wenn ich zu lange die neuen deutschen EM-Trikots ansehe, und meine Augen zu Schlitzen verenge, bis sie tränen, sehe ich da… ich sehe… ich sehe ein von einer Harley überrollte, schwangere Schneehasendame. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist.

Ein noch schlechteres Omen ist die Riege der Darsteller für den Adidas-Spot:

Hauptdarsteller in dem 40-sekündigen Werbespot sind Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Kevin Kuranyi, Bernd Schneider, Stefan Kießling und Per Mertesacker.

Nunja. Die technischen Daten zum Trikot hat übrigens nolookpass.

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Die Schatten der Vergangenheit

„Die Helden von damals sind die Vollpfosten von heute.“, meinte der Mitfahrgelegenheitsfahrer von der Mitfahrgelegenheit nach Bregenz, Österreicher seines Zeichens. „Leute wie Prohaska, Krankl und Hickersberger haben den österreichischen Fußball dermaßen zugrunde gerichtet, das man sich heute wünscht, eine Schmach von Cordoba hätte es nie gegeben. Die kennen jeden und dürfen alles machen, und was machen sie? Scheißdreck. Den Weissenberger zurück in die Nationalmannschaft holen, meine Fresse. Da war ja Ribbecks Entscheidung, Matthäus spielen zu lassen bei der EM 2000 geradezu visionär. Das darf man gar nicht sagen, aber das beste wäre gewesen, Österreich wäre gegen die Elfenbeiküste untergegangen. Dann wär der Hickersberger zum Melange-Trinken nach Georgien geschickt worden. Da wird ja was frei demnächst. Aber nein, da muss man wieder 3:2 gewinnen. Gerade jetzt.
Wir sind doch von jedem an die Wand gespielt worden. Von jedem. Schau Dir bloß mal das Spiel gegen Japan an, die haben uns ja auf dem Platz ausgelacht. Das ist doch die Karikatur einer Mannschaft, und der ganze Rest ist doch nochmal so lächerlich. Weißt du, was der Andi Herzog, der „persönliche Assistent“ vom Hickersberger, was der gesagt hat auf die Frage, ob man die Japaner beobachtet hätte? Ja, meinte der, das sei nicht einfach gewesen, weil die schauen ja alle gleich aus.
Vollpfosten, allesamt.“
Und schwieg die nächsten vier Stunden Fahrt.

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Eins gegen Eins

Estimado Sr. Cañizares, für Sie mag dieser Hinweis zu spät kommen. Aber Sie, Herr Lehmann, erreicht er vielleicht noch beizeiten. Denn „unser Timo“ hat es schon lange gesagt. Sehr lange. Und glauben Sie ihm nicht, wenn er Sie jetzt lobhudelt: Augenwischerei. Denn sehen Sie, so sieht der Timo das:

Das Eins gegen Eins ist eine meiner Stärken.

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Und weil das nicht martialisch genug klingt, verschweigen wir Ihnen nicht, welche Töne anzuschlagen der Timo in der Lage ist:

Für mich mehr als nur eine Zahl. Wer die 1 trägt, ist keine Null, sondern hat Verantwortung bekommen, die er rechtfertigen muss. Die Nummer 1 heißt Stammplatz, bringt Status, ist Ziel und gleichzeitig Herausforderung. In meinem ersten Bundesligaspiel war ich die Nummer 30, jetzt habe ich mich zur Eins gekämpft – und werde sie nicht mehr kampflos abgeben.

Und nun Ihnen viel Spaß beim verbalen Bauklötzchenweitwurf. Und dieses Mal nicht in den Lauf werfen, bitte. Sondern an den Kopf. Man will ja unterhalten werden, nicht wahr?

*Rubrik „Im Tor“, Eins gegen eins

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Realihihismus

Es ist ein altbekanntes Muster: Menschen, die mit irgendeinem Phänomen der Realität nicht zurecht kommen, verdrängen dieses und projezieren ihre Wunschträume in die Zukunft oder in die Fantasie. Die Projektion – und die zeitgleiche Verdrängung – ist bis zu einem gewissen Maße nicht nur normal, sondern überlebensnotwendig: Dadurch kommt der psychische Haushalt wieder ins Gleichgewicht.

In krassen Fällen aber halluziniert man sich beharrlich Wunschwelten herbei, um eine zukünftigen Enttäuschung nicht schon im Heute begegnen zu müssen. Man flüchtet sich in hypothetische Gedankenmuster, assoziiert logisch Unzusammenhängendes und artikuliert sich im Brustton der Überzeugung, ohne nennenswert Bezug zu einer allgemein erfahrbaren Wirklichkeit zu nehmen. Und wer jetzt glaubt, diese pseudopsychologische Abhandlung habe nichts, aber auch gar nichts mit Fußball zu tun, lese bitte jenes Interview mit Markus Weissenberger, dem so langsam aber sicher am Rade desw Verstandes die Speichen verheddert sind.

Ich fasse eben zusammen: Herr Weissenberger kennt zwar die Anzahl der österreichischen Spieler in der Bundesliga, die Namen (ausser Langer) kennt er aber nicht (muss man auch nicht: Sand und Harnik). Außerdem glaubt er, dass Österreich unterschätzt wird, weil es bei der U20-WM den vierten Platz gemacht hat.

Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass die übrigen österreichischen Hoffnungsträger nicht eben die Ligen dieser Welt auf den Kopf stellen. Wichtiger ist die Frage, was ein vierter Platz bei einer U20-WM wohl zu bedeuten habe, und warum man das als Erfolg zu verkaufen sich genötigt sieht. Am schönsten allerdings fand ich folgende Absätze, in denen man den fluoriszierenden Glanz der Realität wird erkennen können – mit ein wenig gutem Willen, selbstredend:

Berliner Zeitung: Fühlen Sie sich als Außenseiter?
Weissenberger: Wir sind Außenseiter, aber wir sind auch eine Mannschaft, die unterschätzt wird.
Berliner Zeitung:Ach ja?
Weissenberger: Wir sind ganz stark, was das Auftreten als Mannschaft betrifft. Ein Gegentor bringt uns nicht dazu, auseinander zu fallen.

Und das sind bestimmt Fähigkeiten, die Österreich bei der EM wird brauchen können. Es sei denn, die Funktionäre erbarmten sich.

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Doppelsinn

Jogi Löw im Tagesspiegel-Interview auf die Frage, was er von den Nationalspielern erwartet:

Zu einen, dass sie sich durch die Bank weiterentwickeln…

Ein Schelm, wer jetzt Podolski denkt.
(Der Vertipper ist übrigens nicht von mir. Diesmal nicht.)

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Polen und die Ukraine

In den europäischen Pokalwettbewerben gilt es als Höchststrafe – die Fahrt in den Osten Europas. Besonders deutsche Vereine nölen schon vor der Abfahrt wegen der Benzinkosten und kommen mit einem schlechtgelaunten 0:1 wieder zurück, dem sie dann zuhause 90 Minuten vergeblich hinterherlaufen.

Die Entscheidung für Polen und die Ukraine ist fantastisch. Es mögen die die Hände heben, die bei der Nennung der Ukraine nicht gleich „naturgeil“ und „Zwangsprostituierte“ mitdenken.
Jetzt aber wird der orangenen Revolution die runde Revolution folgen. Auch Polen wird danach endlich als das wahrgenommen werden, was es ist: ein boomendes Nachbarland, ein östliches Holland mit Zwangskatholizismus – und eigenen Autos.