Peter Alexa - Ein ehemaliger Unterstützer der RAF

Peter Alexa, Jahrgang 1955, wurde Ende 1978 mit 14 anderen Leuten nach einem
gescheiterten Überfall auf das Frankfurter Büro der DPA, mit dem sie auf die Situation der inhaftierten RAF-Mitglieder Karl-Heinz Dellwo und Werner Hoppe aufmerksam machen wollten, verhaftet. Er wurde der Unterstützerszene der RAF zugerechnet.

Im Zusammenhang mit der Verhaftung von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar wurde er dann 1982 erneut verhaftet, weil sich in den Erddepots, bei denen die beiden festgenommen wurden, einige Gegenstände mit seinen Fingerabdrücken befanden.

Nach einem Kommentar von Alexa bei Spreeblick mailte ich ihn an und er schilderte mir die Beweggründe für den bewaffneten Kampf und die Situation innerhalb der Szene. Peter Alexa hat Spreeblick die Genehmigung gegeben, Teile der Texte zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen.

Bis Anfang der 80er habe ich jede bewaffnete Aktion (einschließlich der Entführung der Landshut), glühend verteidigt.

Auf der einen Seite das Scheißgefühl im Bauch, wenn bei Aktionen Fahrer und Bewacher erschossen wurden, auf der anderen Seite der Versuch, genau das zu legitimieren, mit dem Hinweis darauf, dass sie diesen Job ja nicht machen müssten. Der traurige Höhepunkt der Begriffslosigkeit war der Versuch, die Entführung der Landshut zu rechtfertigen mit dem Argument, dass die Passagiere als Bürger eines imperialistischen Staates auch Verantwortung tragen, für das, was in den Ländern der 3. Welt an Ausbeutung und Unterdrückung läuft.

Es ist schon bitter. Der Ausgangspunkt für die meisten von uns war, aus einer unerträglichen Realität, die von Entfremdung und einem Objektverhältnis zu Menschen geprägt war, auszubrechen. Genau diese Strukturen haben wir dann im Verhältnis untereinander und gegenüber Außenstehenden reproduziert.

Nicht die politische Bestimmung war das, woran wir uns abgearbeitet haben, sondern unsere kleinbürgerlichen Denk- und Leistungsstrukturen. In den Auseinandersetzungen haben wir im Kleinen die chinesische Kulturrevolution sozusagen als Farce wiederholt.

Diese Einsicht habe ich also durchaus. Und doch scheint es mir, als solle die Auseinandersetzung um die Freilassung der letzten RAF-Gefangenen jetzt dafür herhalten, mit der Geschichte der radikalen Linken in diesem Land endgültig abzurechnen. Hasserfüllt und vehement wird behauptet, dass es weder Gründe noch Ursachen gab, die diesen Kampf gerechtfertigt hätten, außer in der realitätsfernen Wahrnehmung und dem moralischen Rigorismus seiner Akteure.

Es geht dabei auch nicht um die Diskussion, dass in diesem Kampf Fehler gemacht wurden, zum Teil sehr schwere Fehler, die den Zielen diametral gegenüber standen, dass Situationen falsch eingeschätzt und falsche Konsequenzen gezogen wurden.

Nein, worum es geht ist schlichtweg jede Legitimation und jeden Grund für einen radikalen Aufbruch, den es hier mal gab, zu leugnen. Dass besagte Kampagne von staatlicher Seite in diese Richtung geführt wird, ist nicht weiter verwunderlich, aber es ist da eine eigenartige Allianz entstanden, bestehend aus Politikern, Sozialwissenschaftlern, ehemaligen Linken und Linksintellektuellen, die zufrieden grunzend die ganze Geschichte neu schreiben und allem, was ihre Vorstellungen stört, im Nachhinein noch den Garaus machen wollen.

8 Jahre nach der offiziellen Auflösung der RAF, 30 Jahre nach dem “deutschen Herbst” und dem Tod der Stammheimer Gefangenen ziehen diese großbürgerlichen Intellektuellen mit einem Rucksack voller kleinbürgerlicher Ressentiments durchs Land, um auch noch den Toten, die sich nicht mehr wehren können, ihre Glaubwürdigkeit und Würde zu nehmen. Gudrun Ensslin, die Knallharte, analytisch Denkende, gnadenlos Rigorose. Ulrike Meinhof, die großbürgerliche Intellektuelle, eigentlich Gute, Opfer ihrer hohen moralischen Ansprüche und irgendwie auch Verführte. Andreas Baader, der charismatische, diabolische Bösewicht, mit krimineller Vergangenheit.

Hemmungslos benutzen selbsternannte Hobbypsychologen Momente aus dem Leben eines Menschen, um seine politische und moralische Glaubwürdigkeit zu demontieren. Die Methode ist ja nicht neu, wenn man Unwahrheiten und Halbwahrheiten oft genug wiederholt, verselbstständigen sie sich, werden sozusagen zum “Kulturgut”, auf das der Betrachter dann nur noch reflexhaft und nicht mehr bewusst reagiert.
Was werfen sie ihnen, uns, eigentlich vor? Dass wir uns als Heldenfiguren in einem proletarischen Roman von Willi Bredel nicht gut gemacht hätten? Na und!!!

Sie stellen keine Fragen und wollen keine Antworten, sie stellen Forderungen,
nach “Reue”, ”dem Eingeständnis der eigenen Schuld”. Wie alle Herrenmenschen
fordern sie von den besiegten die Geste der Unterwerfung, der Selbstdemütigung.

Gute Gründe für linke radikale Politik hat es tausende gegeben und auch für die Entscheidung sich zu bewaffnen. Schon müßig festzustellen, dass es in der BRD nach 1945 nicht nur personelle sondern auch politische Kontinuitäten aus der Zeit des Nationalsozialismus gab.

Dass dieses Land - spätestens seit Beginn des Kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR - von den USA als Bollwerk gegen den Kommunismus ausgebaut wurde - ohne wirkliche Souveränität gegenüber den USA, aber mit einem großen Potential
an Spezialisten, die ihr Handwerk noch im NS-Staat gelernt hatten und die vor allem ihr bedingungsloser Antikommunismus auszeichnete.

Dass ein Teil der Hauptkriegsverbrecher und Kriegsgewinnler aus der Großindustrie nicht nur mit einem blauen Auge davonkamen, sondern in den 50ern wieder auf ihren alten Posten saßen und mächtiger und einflussreicher waren als je zuvor (Krupp unter Führung von Alfred von Krupp hat ungefähr einhunderttausend Zwangsarbeiter eingesetzt).

Dass Polizei und Justiz auch von ehemaligen SS-Schergen und Blutrichtern reorganisiert wurden und die nachfolgende Polizei- und Juristengeneration von ihnen ausgebildet wurde. In der Bundeswehr und bei den Geheimdiensten das gleiche erbärmliche Bild.

Dass diese Leute wieder in Amt und Würde kamen, am Aufbau dieses Staates mitbeteiligt und zum Teil wieder in einflussreichen Positionen waren, empfinde ich noch immer als unerträgliche Verhöhnung der Opfer der nationalsozialistischen Mörderbande.
Ein kluger Kopf hat mal gesagt:”Eine Welt die nach Auschwitz nicht eine ganz andere Welt ist, als die die Auschwitz erst ermöglicht hat, ist eine Welt die Auschwitz immer wieder impliziert”.

Wären diese Leute mit dem gleichen Eifer und der gleichen Härte verfolgt wurden wie später die RAF und jede Fundamentalopposition, wäre uns vielleicht die Idee gekommen in einer wirklichen Demokratie zu leben und die Geschichte wäre anders verlaufen. Aber genau das passierte nicht, wie auch die heutige Diskussion zeigt. Diejenigen, die die absolut geglaubte Immunität dieser herrschenden Klasse für einen kurzen Zeitraum in der Geschichte des letzten Jahrhunderts aufgehoben haben, indem sie sie angegriffen haben, können sich des Hasses und der Empörung die diese Ungeheuerlichkeit bei den Herrschenden ausgelöst hat, auf ewig sicher sein.

Aber so groß wie das Verständnis für ehemalige Kriegsverbrecher und Mitläufer war, so groß war auch der Hass auf jeden, der an dieser blanken Fassade gekratzt hat. Es reichte aus, anders auszusehen, andere Musik zu hören, anders leben zu wollen, um in den 60ern und auch noch in den 70ern mehrmals in der Woche von braven Bürgern darauf hingewiesen zu werden, dass „man sowas wie euch bei Adolf vergast hätte”. Dann gab es auch noch die liberale Variante, die sich mit der „Einweisung in ein Arbeitslager” begnügte.

Dann war da auch noch der Vietnamkrieg, Hauptthema aller Nachrichtensendungen der 60er bis Mitte der 70er. Nicht dass die Medien damals weniger antikommunistisch waren als heute, aber die Selbstzensur war nicht so ausgeprägt und es waren Kriegsberichterstatter und Reporter an allen Fronten, d.h. die Bilder und Filme zeigten das, was geschah und selbst den Naivsten dämmerte es, nach tausenden Bildern von zerfetzten, verbrannten und verstümmelten Menschen, von Flächenbombardements und dem großflächigen Versprühen von hochgiftigen Entlaubungsmitteln durch die US Armee, dass man ein Volk nicht vor dem Kommunismus retten kann, indem man es ausrottet.

Das ist die Doppelmoral in der heute öffentlich geführten Diskussion: Man kann die Entstehung der RAF und anderer bewaffnet kämpfender Gruppen hier in der BRD nicht trennen von der NS-Geschichte unseres Landes und der kritiklosen Unterstützung der USA durch die BRD im Vietnamkrieg. Durch das Leugnen der Motive und der Gründe für diesen Kampf werden Mythen von einem aus dem Nichts entstandenen Terror erschaffen, den natürlich niemand nachvollziehen oder verstehen kann.

Vor diesem Hintergrund waren die Anschläge der RAF auf die Headquarter der USA in Frankfurt und Heidelberg mehr als nur gerechtfertigt. Man kann keinen schmutzigen Krieg führen wie die USA oder in ihn involviert sein wie die BRD, um dann “Mord und Terrorismus” zu schreien, wenn man selber angegriffen wird. Da hier demoskopische Umfragen ( zum Beispiel: Gnade für die Gnadenlosen) immer beliebter werden, hätte mich wirklich mal interessiert, wie eine Befragung der vietnamesischen Bevölkerung nach diese Anschlägen ausgegangen wäre.

In der weiteren Geschichte zeigte sich, dass von staatlicher Seite die bürgerlichen Grundrechte und die Menschenrechte, die eigentlich Wesen und Essenz einer Demokratie sein sollten, immer mehr als Ballast begriffen wurden.

Mit Sondergesetzen wie dem §129 und der perfektionierten, der Situation angepassten Version, dem §129a, konnten ganze Gruppen von Menschen verurteilt werden, ohne ihnen konkret etwas nachweisen zu müssen. Allein die Tatsache, sich zu einer politischen Gruppierung und ihren Zielen zu bekennen reichte aus, um verurteilt zu werden. Als reines Gesinnungsstrafrecht, vor allem mit der Ausweitung auf “Werbung für eine terroristische Vereinigung”, wurden jetzt auch die Teile der Bevölkerung kriminalisiert, die aus einem bürgerlich-humanistischen Denken Kritik an den Haftbedingungen der Gefangenen übten und unsere Grundrechte wörtlich nahmen.

Dass innerhalb der „Szene“ Leute mit einer besonders großen Schnauze in der internen Hierarchie oft über den „Zweiflern“ standen, hinterfragen oft als Schwäche angesehen wurde, persönliche Probleme, die jemand hatte, dafür herhalten mussten, die persönliche Integrität und das „Wollen“ infrage zu stellen, sind nur einige der kontraproduktiven Strukturen, die sich unsererseits entwickelten.

„Entweder Schwein oder Mensch“, diesen Satz aus dem letzten Brief von Holger Meins hatten wir uns so zu Eigen gemacht, dass wir im Gegner nur noch ein Ding, ein Objekt gesehen haben.

Wie man sehen kann, ist das Verhältnis zur eigenen Geschichte nicht kritik- und bruchlos, in dem Buch Nach dem bewaffneten Kampf, herausgegeben von ehemaligen Mitgliedern der RAF und der Bewegung 2.Juni, wird das ebenfalls sehr deutlich.

Disclaimer:
Ich mache mir die Meinung und die Darstellung von Herrn Alexa nicht zu Eigen. Ich erachte es jedoch für eine Aufarbeitung der Geschichte des Terrors im Deutschland der siebziger Jahre für unerlässlich, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Peter Alexa wird zudem an der nun wahrscheinlich einsetzenden Debatte teilnehmen.


269 Kommentare

  1. 01

    mark793:

    Also zunächst mal Kompliment für den Mut, sich dieser Debatte zu stellen. Mich würde es noch genauer interessieren, wie das letztlich gekippt ist. Wo der Punkt überschritten wurde, an dem man selbst zu einem Schwein wird im Kampf gegen ein “Schweinesystem”. Wie die internen Mechanismen funktioniert haben, die ein “hey, was tun wir hier eigentlich?” ausgehebelt haben.

  2. 02

    daniel:

    Malte, vielen Dank für die Veröffentlichung!

  3. 03

    insomnia:

    Wie in den Siebzigern: Der gleiche ideologische Schwachsinn mit dem gleichen Vokabular. Und wie immer: Kein Wort zu den Opfern und deren Familien, keine Geste der Reue, NICHTS! Das eine Unrecht bedingt das andere? Obwohl man eine andere Wahl gehabt hätte?! Ich fasse es nicht. Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnte, wenn ich solchen Schachsinn lese. Tut mir leid, aber von einem über 50-Jährigen hätte ich mir doch ein bisschen mir Selbstreflexion erwartet. Und von Spreeblick auch, die diesen Mist auch noch veröffentlichen. Bah…

  4. 04

    Andreas:

    Es gibt NICHTS was Gewalt gegen Menschen rechtfertigt.

  5. 05

    Julian:

    Auch wenn die Worte dort oben ein gewisses Gefühl von Abscheu in mir erzeugen, auch wenn die Motivation der RAF dort sehr einseitig und verklärt wiedergegeben wird, auch wenn Jan Philipp Reemtsma in der Zeit kürzlich ein ganz anderes Bild zeichnete (http://www.zeit.de/2007/11/RAF?page=all), so finde ich es dennoch großartig, dass ihr den Mut und den journalistischen Geist habt, jene Zeilen zu veröffentlichen. Denn nichts ist schlimmer, als die Bevormundung von Lesern nach politischen oder moralischen Gesichtspunkten und sei das, was dem Leser nicht vorenthalten wird, noch so schmerzhaft oder abweichend von dessen Meinung.

  6. 06

    jens:

    das wird interessant hier. :popcorn

  7. 07

    Reader:

    Der Satz

    Es gibt NICHTS was Gewalt gegen Menschen rechtfertigt.

    ist einfach Schwachsinn. Notwehr, 2. Weltkrieg und tausend andere Beispiele zeigen wie absurd er ist. Außerdem ist “Gewalt” ein völlig schwammiger Begriff. In einer produktiven Diskussion müsste der zumindest etwas eingegrenzt werden…

    Die ganze um Debatte um die RAF ist natürlich konfliktgeladen. Anscheinend schafft es niemand so richtig zwei Dinge zu vermitteln: Das der Terrorismus der RAF falsch war, die herrschende Meinung und Kritik daran aber ebenfalls falsch ist. “Falsch” im Sinne von ideologisch geprägt, und nicht an der Sache orientiert. Denn der Text von Peter Alexa hat zumindest in dem einen Punkt Recht: es geht bei der Kritik an der RAF in weiten Teilen auch darum, die linken Utopien der 60er und 70er Jahre zu diskreditieren.

  8. 08

    m.fehn:

    Ich frage mich gerade, wer auf die Idee kommt, zu glauben, dies sei das richtige Medium für solch eine Diskussion. Den meisten fehlt es doch an der nötigen Auseinandersetzung mit den Hinter- und Beweggründen.

    Allein schon “Keine Gewalt” — jaja, genau. Stauffenberg z.B. war ja auch Terrorist.

    Wo ist der Mais, wo der Kochtopf?

  9. 09

    jovelstefan:

    “Vor diesem Hintergrund waren die Anschläge der RAF auf die Headquarter der USA in Frankfurt und Heidelberg mehr als nur gerechtfertigt.”

    Es gibt einige Passagen im Text, über die es sich zu diskutieren gelohnt hätte. Wenn ich aber Zeilen wie die obige lese, habe ich einfach keine Lust darauf, mich weiter mit demjenigen auseinanderzusetzen, da ich ihn weder Ernst nehmen kann noch den notwenigen Respekt für eine anständige Diskussion zusammenkratzen kann.

    Viel Spaß mit eurem Popcorn.

  10. 10

    Andreas:

    @Reader:

    > Außerdem ist “Gewalt” ein völlig schwammiger Begriff.

    Da gebe ich dir Recht, er ist schwammig.
    Ich wollte das auch eher als “philosophischen” Kommentar verstanden wissen… Gewalt mit Gewalt zu beantworten hat noch nie funktioniert und führte immer zu einem Kreislauf der sich nicht selbst sondern durch eine gewaltlose Lösung beendet hat.

    Um Herrn Alexa’s Text zu diskutieren fehlt es mir darin an Neutralität und Qualität.

  11. 11

  12. 12

    peter:

    “ohne wirkliche Souveränität gegenüber den USA”
    na, das gabs doch unter hitler.

  13. 13

    Malte:

    @ m.fehn
    Welches Medium wäre denn besser geeignet?
    Das Fernsehen könnte das theoretisch leisten, hat sich aber entschieden, für politische Themen höchstens eine Stunde am Stück freizuschaufeln. Diese Sendungen werden dann mit acht Gästen bestückt, jeder hat ein paar Minuten, um ein, höchstens zwei Thesen abzusondern, dann wird es ein wenig laut und dann ist auch gut. In Zeitungen wird nur eine Sicht vermittelt, dann werden ein paar Leserbriefe veröffentlicht, bestenfalls wird noch eine Gegenrede herausgegeben. Ein Buch vermittelt auf zweihundert Seiten nur eine Perspektive, dafür aber umso breiter. Blieben noch Fachzeitschriften.
    Metadiskussion! gibt es dafür Metapopcorn?

  14. 14

    ~thc:

    ein hier von peter alexa mehrfach angesprochenes problem aller menschen ist die objektivierung (”schwein”) des als “gegner” definierten menschen.

    da sich die damalige radikale opposition diesem in allen menschen verankerten mechanismus nicht zu entziehen vermochte (oder wollte?), war sie von vornherein zum scheitern verurteilt.

    denn in allen dann folgenden formen des “kampfes” werden nur die althergebrachten wege beschritten, die allen menschen erlauben, die “revolutionäre” wiederum zu objektivieren. damit reflektiert der “kampf” der “stadtguerilla” rein gar nichts neues und verhärtet nur bekannte zustände.

    die bundesrepublik hat sich als reaktion auf den “deutschen herbst” quasi eingeigelt und ist insgesämt etwas kälter geworden.

    und noch ein wort zur “reue”: wenn sich ein mensch radikalisiert und dem gegner das lebensrecht abspricht, so schafft das erst einmal nur die vorraussetzung für die tötungsdelikte. wenn ein solcher mensch dann einem anderen menschen tatsächlich ins gesicht geschossen hat, werden für den rest des lebens verdrängungsmechanismen aktiv werden, die dem täter erlauben, sein “leben” irgendwie weiterzuführen. deutlicher ausdruck dieser verdrängung ist die scheinbare nichtexistenz der opfer in fast allen äußerungen dieser menschen.

    das mag man (und ich!) jetzt nicht für so ganz toll halten, aber jedem anderen schwerverbrecher ist das schließlich ebenfalls erlaubt - die bedingung von hafterleichterung, bewährung und entlassung ist ganz klar definiert: ausschluß der wiederholungsgefahr.

    hier gibt es keine reuepflicht und keine auskunftspflicht über die damals beteiligten oder den genauen tathergang. so nett das alles für uns alle (und die angehörigen der opfer im besonderen) wäre - kein einziger veruteilter schwerverbrecher nach der verbüßung seiner haftstrafe ist dazu verpflichtet.

  15. 15

    Stefan Ramone:

    Ich habe den Eindruck, sowohl die deutsche Nachkriegsvergangenheit als auch der RAF-Terror werden von Alexa sehr verklärt in schwarz-weiss dargestellt. Was war denn z.B. das Ziel der Schleyer-Enführung? Nicht die Befreiung unterdrückter Völker oder die Umsetzung “linker Utopien” sondern die Freipressung verurteilter Strafgefangener.

    Und musste z.B. der damalige Baden-Württembergische Ministerpräsident Filbinger nicht zurücktreten, als seine Vergangenheit als Nazi-Richter immer umfassender ans Licht kam?

    Man hätte in den siebzigern vermutlich mehr erreichen können, hätte man nicht mit Terror-Gewalt sowohl den Staatsapparat als auch große Teile der Bevölkerung gegen sich aufgebracht.

  16. 16

    Petr Pivo:

    Wie alle Herrenmenschen fordern sie von den besiegten die Geste der Unterwerfung, der Selbstdemütigung.

    Und ein Absatz weiter oben ist noch von selbsternannten Hobbypsychologen die Rede. Besten Dank fürs Popcorn, ich gehe mal draußen essen.

  17. 17

    Harm:

    Und was soll da jetzt bei rauskommen? Dass irgendetwas von dem RAF-Dings bleibt, wenn die Altväter ins Gras beissen? Dass “nicht alles schlecht” war? (auch wenn, ‘irgendwie’, “mit einem Scheissgefühl im Bauch”). Haha.

    Peter Alexa (Ex-Original-RAF), Du langweilst.

  18. 18

    ajo:

    Problematisch an Äußerungen von Ex-Terroristen ist: Sie interessieren mich noch weniger als Äußerungen von normalen Leuten von der Straße. Also noch weniger als gar nicht.

  19. 19

  20. 20

    r0ssi:

    oweia. geschafel eines gescheiterten, der es nicht einmal in der retrospektive schafft, sich der (selbst-)kritik zu stellen sondern in alte feindbilder verfällt und nicht merkt, dass drei finger auf ihn selbst zeigen. dass die raf maßgeblich nicht nur für den tod vieler menschen verantwortlich ist sondern auch verursacher und legitimationsgeber restriktiver gesetze und sachen wie rasterfahndung, will hier wohl nicht erkannt werden.

    hätten die beteiligten personen ihre intelligenz und größtenteils richtigen grundannahmen statt in gewalt in konstruktivität umgesetztt wäre uns vielleicht einiges erspart geblieben. ansonsten gleicht dieses pamphlet des apologismus nicht großartig diesen “opa erzählt vom krieg”-geschichten…

  21. 21

    Oliver:

    Schön, dass solchen Gedanken/Äußerungen/Erinnerungen immer wieder aufs Neue eine Plattform gegeben wird. Was wären Ex-RAFler eigentlich ohne Medien/Sprachrohr?

  22. 22

    kfc:

    Also ganz grundsätzlich ist das natürlich ein netter Versuch, nachträglich die Aktionen der RAF zu rechtfertigen (kennt eigentlich jemand die Spaßguerilla-Aktionen aus der Zeit?).
    http://projekte.free.de/dada/dada-l/L0000865.HTM

    Aber eins ist ganz klar: wer würde sich denn heute mit einem radikalen Attentäter egal aus welchem Lager ernsthaft auf eine Diskussion über seine Rechtfertigung der Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung seiner Ansichten einlassen? Das steht außerhalb jeglicher Diskussionsgrundlage. Sorry, auch wenn vieles nicht so läuft wie es sollte, ich habe trotzdem keinen Bock, in die Luft gesprengt zu werden, oder wie der Scheich aus Guantanomo berichtete:” es macht ihm keinen Spass, Kinder in die Luft zu sprengen”. Putzig… aber leider die gleiche Guerilla-Gewalt-Grabbelkiste.

    Leider, muss man sagen, macht Alexa den alten Fehler der alten RAF erneut und führt damit auch automatisch seine anderen Argumente ins Abseits; die sogenannten Herrenmenschen kann man ja meistens mit ihren eigenen Argumenten viel besser schlagen.

    Schade umso mehr, weil es uns in Deutschland eigentlich an einer ausgeprägten linken Diskussionskultur mangelt.

  23. 23

    Chris:

    Ja.
    Wer den Weg der Bomben wählt, hat doch den Weg der Worte längst ohne Pfand verlassen.

  24. 24

    Marcus:

    “… eine Aufarbeitung der Geschichte des Terrors im Deutschland der siebziger Jahre …”

    Wenn jemand dazu etwas aufzuarbeiten hat, dann doch wohl die RAF selber. Dazu sehe ich aber zumindest bei den Mitgliedern, die dazu zur Zeit in der Öffentlichkeit ein Forum bekommen (wie hier) nichts.

    Letztlich bietet sich hier leider wieder eine weitere Gelegenheit, die RAF in Richtung politischer Gefangener zu rücken statt sie wie gewöhnliche Straffällige zu betrachten.

    Ein simples “Ich mache mir die Meinung nicht zu eigen und im Übrigen diskutiert mal schön” ist schon hart an der Troll-Grenze. Da sind wir gerade von Malte deutlichere Stellungnahmen gewohnt.

  25. 25

    Majo:

    Es geht in obigem Statement wohl weniger um eine Umdeutung der Taten der RAF ins Positive, wie von fast allen Kommentierenden vorausgesetzt. Ich denke es geht eher darum, zu sagen “wir/ich habe es nicht grundlos getan” es gab Gründe zu handeln auch wenn die Methode falscher nicht hätte sein können. Es ist der Versuch, und dafür auch ein großes Lob an Johnny und sprblk, die “andere” Seite auch zu zeigen, zu zeigen dass es die gab, eine Argumentation, eine Motivation, keine! Legitimation! Zu zeigen, dass das nicht ein paar langhaarige Kleinkriminelle waren, denen “was” nicht gepasst hat und die deshalb Menschen entführt und ermordet haben. Nochmal, weil der Aufschrei mir schon in den Ohren gellt, wie gehandelt wurde war falsch, falsch, falsch aber dass gehandelt wurde ist nachvollziehbar. Und das ist es, was in der Gnadendiskussion um die Gnadenlosen zu kurz kommt, dass es (zum Himmel schreiende) Missstände gab. Und gibt?

    Gab vor längerem mal eine gute Doku über einen Ex-RAFler der jetzt in Frankreich auf dem Land lebt. Lies tief blicken, vielleicht erinnert sich jemand an den Titel.

  26. 26

    Streifzug:

    Wer weint schon um Abdul und Tanaya? heißt ein Buch von Jürgen Todenhöfer. Es gibt nicht nur ein sehr großes Arm-Reich-Gefälle weltweit. Auch die Toten werden unterschiedlich gewertet. Zählen wir doch mal die unschuldigen Menschen der letzten Jahre zusammen die von den “Staaten der Demokratie und Freiheit” getötet wurden. Die Zahl der Toten durch Krieg, Zigaretten, Feinstaub, Abgase, giftigen Emissionen ….
    Die Zahl der Selbstmorde durch gesellschaftlichen Ruin im Zuge der Globalisierung. Die kommenden Toten durch den von (welchen) Menschen verursachten Klimawandel.

    Hier werden keine Toten gegeneinander aufgerechnet. Es geht um die Reaktion auf die Toten. Wenn mit dem gleichen “Elan” auf die oben genannten jetzigen Toten reagiert würde wie auf die vergangenen Toten durch die RAF würden sich jede Menge Probleme schneller lösen lassen.

    Die emotionalisierte Diskussion soll von den aktuellen Brennpunkten ablenken. Sie ist ein “präventiver Krieg” gegen alternative Konzepte.

    Ach ja, vergessen wir nicht, dass Deutschland sich wieder im Krieg befindet.

  27. 27

    winfried aus chemnitz:

    Der Kampf des “Gegen” kann nicht erfolgreich sein wenn die Analyse des Problems falsch ist. Das “Anti” mutiert immer zu dem was man ablehnt.
    Der Geldlismus ist nicht zu besiegen, indem man das staatliche Machtsystem angreift und dadurch auf Gewalt trainiert.

    Trotzdem sind solche Leute moralisch besser zu ertragen als die meisten Ignoranten.

    Die Linke ist aber deshalb so tot weil sie noch so stark erscheint. Ihre Antikapitalistischen Konzepte tauge nichts, solange die letzte Abwehrfront “Der Marxismus” in den Köpfen spukt.

    Der Marxismus ist eine Erfindung von Kapitalisten und Materialisten.

    Natürlich kann man solch denkenden Menschen keine schlechten Beweggründe unterstellen aber wohl mangelnde Lernfähigkeit. Es gibt Ausnahmen und nur diese können das Projekt noch in einen Erfolg führen. Dazu muss man aber die ökonomische Perspektive ändern.

    http://freigeldpraktiker.de/weltenaufgang/blog/article/der-gewohnte-platz

  28. 28

    mspro:

    Also ich finde Gewalt, als Mittel der Wahl, wird total unterschätzt. ;-)

    Aber echt. Was wären wir heute ohne die tausenden von Liter Blut der französische Revolution? Wo ohne die russische? Der Kommunismus war sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, er hat aber den Kapitalismus weitestgehend disziplinmiert. Das feht heute. Schmerzlich.

    Jeder menschliche Fortschritt setzt Leute vorraus, die zur Waffe greifen. Und sei es nur, sie drohend den Tyrannen an die Schläfe zu halten. Ich glaube auch nicht umbedingt an Frienden durch Gewalt. Aber durchaus an gesellschaftlichen Fortschritt durch Gewalt.

    Wenn man also damals meinte, durch ein paar Menschenleben ließen sich die Versprechen menschlicher Emanzipation endlich in die Tat umsetzen, so ist das sicherlich naiv, hat aber durchaus seine historische Evidenz.

    Ich finde die Denke übrigens sehr nah an George W. Bush heute. Nur sollte man meinen, dass man heute schlauer ist. Bush macht die Fehler der RAF von damals. Hätte er bloß Peter Alexa gefragt.

  29. 29

    mc_o:

    @streifzug: der tod durch feinstaub oder globalisierung ist aber nich aus überzeugung einem höheren ziel zu folgen entstanden. wobei RAF ihre ziele bewusst mit gewalt erkämpfen wollte, was meiner ansicht nach völliger schwachsinn ist, weil a) unmöglich und b) gewalt niemals das gesetz ändert. wie kann der vorsätzliche mord an menschen eine verbesserung der situation von anderen menschen legitimieren. und wer hat das recht dazu zu entscheiden wer für welches ziel sterben muss.

    ich stimme den vorredner zu, die behaupten, dass effektives, gewaltfreies engagement uns viel erspart und der linken opposition weitaus besser gediehnt hätte.

  30. 30

    stralau:

    Mspro: Schwierig. Wer Gewalt anwendet, setzt seine Meinung über die der anderen und negiert jede Möglichkeit, daß er sich auch irren könnte.

    Gerade die sowjetische Revolution ist ja eher ein Beispiel dafür, wie es eben nicht besser wurde, wie in Rußland nach wenigen Jahren eine gewalttätige Herrschaft aufgebaut war, die nicht unbedingt humaner war, als das, was es vorher gab, und die sich danach ziemlich expansiv auf Mitteleuropa ausdehnte.

    Mir wäre eine menschlichere Zähmung des Kapitalismus lieber.

  31. 31

    Streifzug:

    @mc_o sagt: der tod durch feinstaub oder globalisierung ist aber nich aus überzeugung einem höheren ziel zu folgen entstanden.

    Hmmm. Nicht doch im Zuge des höheren Zieles: Freier (scheinbar in jeder Weise) Markt?

  32. 32

    feini:

    ich find es immer wieder fazinierent wie man leuten das wort Terrorist auf die stirn klebt , sozusagen brandmarkt , um dann alle ihre aussagen zu ignorieren.
    Das es die RAF gab hat gründe - das es sie nicht mehr gibt auch.!!

    Wäre vielleicht mal ganz gut wenn Mensch sich mal von der schwarz/weiß *wer ist der buhh man ?* sichtweise löst und fragt warum Menschen die eigentlich ne bessere welt wollen andere Menschen erschiessen .Ich finde Gewalt wiederlich , aber der man mit dem kleinen Bart ist auch nicht freiwillig gegeangen .
    In diesem sinne finde ich das interview hier klasse!”
    wer sich nicht mit der geschichte auseinander setzt ist dazu verdammt sie zu wiederholen ..

    Und wer nicht verstehn kann warum das so gekommen ist der sollte sich vielleicht mal darüber informieren warum der teuertse gartenzaun (wohl auch der beste) gerade um heiligendam gebaut wird .

  33. 33

    entertainment:

    Warum Popcorn verteilen oder zubereiten? Sollte man hier nicht erwarten, dass jede(r) das Erwähnte bereits zur Hand hat wenn er sb betritt?
    Nur wohin damit wenn anstelle von Kartoffeldiskurs plötzlich die RAF das Thema ist. Und dann noch nicht mal mit nem zackigen YouTube-Link?
    Bleibt wirklich nur die öde Diskussion…Oder das Warten auf den nächsten Eintrag/Artikel.

  34. 34

    Timo:

    Ich habe den Eindruck das einige Menschen nur den Hauch eines Artikels mitbekommen müssen der die Ideen bzw. Ziele der RAF nicht als 100% negativ betrachtet und versucht sie auf eine bestimmte Art aufzuarbeiten um sich einer vernünftigen Diskussion von Grund auf zu verschließen.
    Schade.

    Nun aber zu einem für mich viel wichtigeren Problem…

    Meine Generation (Die momentane gymnasiale Oberstufe), bekommt vor allem im Unterricht, aber auch im Alltag wenig bis nichts über die RAF mit (abgesehen von gewissen Medienberichten die die RAF als verwirrte Spinner bezeichnen), dieses Kapitel der deutschen Geschichte wird bis jetzt an unseren Schulen komplett ignoriert. Noch jüngere Schüler können wahrscheinlich mit dem Begriff RAF überhaupt nichts mehr anfangen…

    Egal wie man nun zur RAF steht, sie totzuschweigen ist denke ich der falsche Weg.

  35. 35

    Georg:

    Solchen verfassungsfeindlichen Organen sollte man keine Plattform bieten nicht bei Strato.de und nicht bei Spreeblick.de
    Meine Meinung zum Wochenende.

  36. 36

    effzehn:

    @Timo:
    Ich bin Jahrgang 2002 und bei uns war es leider nicht viel anders. Deutsche Geschichte geht bis 45, alles was danach kam, liegt wohl noch zu sehr in der Kontroverse aufgrund der zeitlichen Nähe.

  37. 37

    matti:

    Was hat der Mann in all der Zeit seitdem getrieben, wenn sich sein “nicht kritikloses” Verhältnis zur eigenen Geschichte heute auf “kontraproduktive” Umgangsformen innerhalb der “Szene” beschränkt? Es scheint, als sei er in der Vergangenheit stehen geblieben, kämpfe immer noch dieselben Kämpfe, verpackt in die gleichen Klassenkampf-Vokabeln.

    Blöd nur, dass von der RAF heute nur noch Opfer und Angehörige sowie die gealterten Aktivisten, die auf eine Begnadigung warten, übrig geblieben sind. Erwartet Alexa ernsthaft, das ihn dann noch jemand nach seiner verqueren Version der Geschichte fragt? Er konnte sie hier ungefragt erzählen - und bekommt sogar noch ein bisschen Verständnis geschenkt. Ist schon ein ganz armer Buhmann, und Rauchen tötet ja auch.

  38. 38

    Sebastian Sachse:

    Die Geschichte ist halt inzwischen zu lang für die Schule ;-) Man sollte mittlerweile vielleicht ein bisschen am alten Rom kappen.

  39. 39

    Marcus:

    zu #32:
    Klar hat die RAF Gründe, aber welche Relevanz habe die für uns? Fakt ist doch wohl auch, dass sie in der Bevölkerung Null Rückhalt hatte, anders als z.B. IRA oder ETA. Insofern ist sie als absolute Splittergruppe zu bezeichnen.
    Dass man sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten in unserem Land auseinandersetzen muss, ist klar und dazu haben auch alle Generationen bisher ihren konstruktiven Beitrag geleistet. Sich nicht mit den Thesen der RAF auseinandersetzten zu wollen bedeutet ja nicht, alle Probleme in unserem Land zu ignorieren.

    zu #34 und #36:
    Nicht nur dieses Thema sondern die komplette Nachkriegsgeschichte fehlt im Unterricht, dass ist in der Tat sehr schade.

  40. 40

    peter alexa:

    vorweg erstmal, ich war nie mitglied der raf oder einer bewaffnet kämpfenden gruppe. war nie an aktionen beteiligt bei denen ein mensch getötet oder verletzt wurde. nach den polizeilichen katalogisierungsrastern würde ich wohl unter die rubrik: linksradikaler, sympathisant, unterstützer fallen.
    und nein, ich habe nicht vor alle bewaffneten aktionen im nachhinein zu rechtfertigen. die zeit der “unschuld” war sicher in dem moment vorbei, als die erste geisel erschossen wurde und versucht wurde das politisch und moralisch zu rechtfertigen. das ist auch das was ich mir vorwerfe, eine schuld trage, etwas legitimieren zu wollen was nicht zu legitimieren ist und war. der versuch alle mittel über das ziel zu rechtfertigen hat natürlich zu deformationen geführt, in dem die beteiligten irgendwan den grund ihres aufbruchs aus den augen verloren und auch nicht mehr nach aussen vermitteln konnten.
    und trotzdem halte ich die heutige debatte, bei der sich immer mehr “raf experten” schon gegenseitig auf die füße treten, für verlogen. mag ja sein, dass ich für einige der “rote opa” bin, der in seinem “verquasten weldbild” immer noch klassenkämpferische parolen von sich gibt. aber wenn ich die geschichte nicht nur geträumt habe, hat es hier tatsächlich politische und personelle kontinuitäten aus der ns zeit gegeben, gab es einen vietnamkrieg in den auch die brd verwickelt war, gab es eine verlogene bigotterie und latente unterschwellige gewalttätigkeit gegen jeden der sich nicht anpassen wollte. wogegen ich mich einfach wehre, ist der versuch die geschichte so zu nivellieren das im nachhinein schon der gedanke an radikale politik absurd erscheinen soll. auch wenn es einige “raf experten” heute gerne so darstellen, die gewaltdiskussion war eben kein randgruppenphänomen, sondern eine innerhalb der studentenbewegung
    breit geführte diskussion.

  41. 41

    signalpirat:

    Für mich (Jahrgang ‘79) war das alles vor meiner Zeit, aber was mich an der Debatte stört ist der bei vielen mitschwingende Unterton, man habe doch damals schon wissen müssen, was wir heute wissen.
    Aus unserer heutigen Sicht ist es ein leichtes zu sagen: Die radikalen linken von damals waren auf einem Irrweg, der in einer nur noch destruktiven Gewaltspirale mündete. Aber damit macht man es sich sehr einfach.
    Nein, ich will nichts rechtfertigen oder beschönigen. Aber einfach nur zu sagen: Gewalt ist immer falsch! und so zu tun, als sei die RAF irgendwo aus dem nichts entstanden ist keine Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern Ignoranz.

  42. 42

    Simon Columbus:

    Einfach nur gut, auch mal einen Bericht aus einer anderen Feder als der heutiger Experten zu lesen, deren Bezug zum Thema mehr als fraglich ist. Ich empfinde diese Stellungnahme auch garnicht als rechtfertigend, sondern wirklich als erklärend. Denn das auch die RAF ihre Existenzgrundlage, ja ich möchte sagen -Berechtigung hatte, muss man anerkennen. Sicher waren ihre Wege nicht richtig, sicher muss man die Ansichten der Mitglieder nicht gutheißen. Sie dennoch zu erfahren und sich mit ihnen auseinander zu setzen ist jedoch die Pflicht eines jeden, der sich mit dem Thema beschäftigt.

    Leider scheint das bei vielen Politikern, “Experten” und Journalisten nicht der Fall zu sein, was sie leider nicht davon abhält, ihre copy+paste-Meinung zu verbreiten.

  43. 43

    Malte:

    Wenn man ein Modell entwickeln wollte, anhand dessen man entscheiden könnte, ob ein gezielter Mordanschlag gerechtfertigt ist oder nicht, dann böte es sich an, dieses Modell entlang der Notwehr/Nothilfe-Regelung zu entwickeln.
    Wendet man dieses Modell auf die 39 Attentatsversuche auf Hitler an, von denen wohl die meisten heute lebenden Menschen sich wünschen, sie wären geglückt, stellt man fest, dass spätestens ab der Machtübernahme Hitlers alle Voraussetzungen vorlagen, die einen Mordanschlag rechtfertigten.
    Der Angriff Hitlers auf eine Unzahl von Rechtsgütern war unmittelbar. Nun müsste eine Notwehrhandlung erforderlich und geboten sein. Erforderlich ist eine Notwehrhandlung, wenn sie geeignet ist und das relativ mildeste Mittel darstellt, um den Angriff sofort und endgültig zu beenden. Hätte der durch Hitler ausgelöste Krieg geendet, hätten die Folterungen und Ermordungen aufgehört, wenn er getötet worden wäre? Darüber lässt sich streiten. Zumindest wäre er als Täter ausgeschaltet worden. Wäre eine Ermordung das relativ mildeste Mittel gewesen?
    Laut der oben angegebenen Quelle verfolgte Hans von Dohnanyi “sogar die Idee, Hitler durch ein Psychiater-Team unter Leitung des berühmten Arztes Prof. Bonhoeffer (Vater von Dietrich übrigens) für geisteskrank erklären lassen, um Hitler auf der Höhe seiner Popularität zu entzaubern.” Der in Notwehr Agierende muss sich jedoch selbst keiner zusätzlichen Gefahr aussetzen. Somit waren die Attentate auf Hitler nach diesem etwas holprigen Modell gerechtfertigt.
    Wie aber hätte der Vietnamkrieg in seinem Lauf behindert werden sollen durch Anschläge in Deutschland? Standen tatsächlich keine anderen Mittel zur Verfügung? Wenn doch die Presse damals mutiger war, gab es dann keine Möglichkeiten, seine Meinung zu publizieren? Keine Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren? Die Toten in Deutschland sind mitnichten nur aus der Ex-Post-Perspektive sinnlos ermordet worden. Auch vorher hätte man sehen können, dass die Morde allesamt zu nichts führen als zu einer weiteren Eskalationsstufe.

    Ich stimme Peter Alexa aber dahingehend zu, dass ich die Hilflosigkeit angesichts der grauenhaften Bilder aus Vietnam, angesichts der Zusammensetzung der deutschen Elite aus Kriegsverbrechern, ehemaligen SS-Leuten und Wendehälsen nachvollziehen kann. Aber auch einen ehemaligen SS-Mann darf man nicht erschießen.

    Interessanter finde ich die Debatte um andere Formen der Gewalt, wie sie auch jetzt wieder unter einigen Studenten angesichts der Einführung von Studiengebühren geführt wird. Gewalt gegen Sachen, um Aufmerksamkeit zu generieren, Besetzung von Hörsälen etc.

  44. 44

    Sonnensohle:

    Nun ist es soweit: Der Erste hat seine Bühne hier, eingerahmt in wenige Worte Maltes. Bitte tun Sie mir einen Gefallen: Lassen Sie schnell einen Menschen zu Wort kommen, der Opfer der RAF ist. Mein inneres Gleichgewicht ist gestört und mir ist so übel. Mehr kann ich da wirklich nicht zu sagen…

  45. 45

    Joern:

    Die RAF, sei es nun der harte Kern oder das Umfeld, haben sich gegen die ‘ewig gestrigen’ aufgelehnt. Unter anderen Vorzeichen sind sie heute keinen Deut besser.

  46. 46

    crime in the city:

    Was wäre mit Stauffenberg heute?
    Er hätte seine Karriere so fortgesetzt wie er sie unter Hitler begann.
    Hätte alles so funktioniert, wie Herr H. sich das vorgestellt hat
    wäre er bis zum Schluss dabei geblieben.Herr Speer hat es ja vor-
    gemacht.Sind das jetzt alles Bösewichte?
    Es sind Fachleute, die jeder Staat braucht.
    Gibt es uns jetzt das Recht, diese Leute umzubringen?
    Wir passen uns alle an bestehende Verhältnisse an.

  47. 47

    pancho0815:

    Es ist beängstigend, wie viele Leute immerzu nach Zensur schreien, wenn eine ihnen überhaupt nicht gelegene Meinung geäußert wird. Und dies möglicherweise noch ohne Gegenmeinung.

    Wie schrieb der alte Heine noch so schön:
    “Vertrauet Eurem Magistrat,
    Der fromm und liebend schützt den Staat
    Durch huldreich hochwohlweises Walten;
    Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.”

    Passt schön zu solchen Kommentaren wie z.B. #47

  48. 48

    Frank:

    “Wenn es der Wahrheitsfindung dient”, sagte seinerzeit Fritz Teufel einem Richter, der ihn aufforderte, sich gefälligst zu erheben wenn er angesprochen wird. Gleichnamiges Buch habe ich mir heute bestellt, hatte noch keine Ahnung von der Veröffentlichung dieser mail durch Malte, Hut ab. Dachte die wird einfach totgeschwiegen, löst jetzt diesen “Sturm im Wasserglas” aus.

  49. 49

    matti:

    Ob jemand seine Meinung frei äußert oder ob ein Journalist eine Meinung unkommentiert einer Öffentlichkeit zugänglich macht, ist noch mal etwas anderes.

    Die Hitler-Vergleiche ziehen zudem nicht. Widerstand im Dritten Reich lässt sich nicht mit gewalttätigem Widerstand gegen dmokratisch legitimierte politische Entscheidungen in der BRD, die einem nicht passen, gleichsetzen.

    Aus dem Grund ist übrigens auch Gewalt gegen Sachen aus Protest gegen Studiengebühren mit Sicherheit nicht ok. Dann könnte gleich jede gesellschaftliche Gruppe versuchen, mit Gewalt auf ihre Partialinteressen aufmerksam zu machen.

  50. 50

    Malte:

    @ Matti
    Hast du meinen Kommentar (45) überhaupt zu Ende gelesen? Wenn nicht: Mach mal.

  51. 51

    crime in the city:

    Auf welche Weise gibt es denn heutzutage Möglichkeiten
    auf Partialinteressen aufmerksam zu machen? Ich habe den Eindruck,
    dass unsere Führungseliten sich einen wirksamen Schutz aufgebaut haben.

  52. 52

  53. 53

    Earl Grey:

    Zuletzt habe ich im Kunstforum Bd.181 einen Text von Hans-Jürgen Wirth zum Thema RAF gelesen.

    Eine sehr schlüssige, psychologische Analyse des RAF-Terrors und der RAF-Selbstdarstellung.

    Eine Rezension einer entsprechenden Veröffentlichung von Wirth gibt eine ungefähre Vorstellung seiner Argumentation:
    http://www.freitag.de/2002/18/02180128.php

    (ansonsten muss ich sagen, dass ich die Veröffentlichung des über weite Passagen schwer erträglichen Textes von Hrn.Alexa weder mutig noch aufschlussreich finde. - Ich finde es mehr als problematisch, wenn man dieser letztendlich selbstrechfertigenden Mythologisierung eine Plattform bietet.)

  54. 54

    Kubi:

    Verbissenheit spricht aus seinem text…aber auch kampfes mut sihc und seine gedanken zu verteidigen….Danke für den buch tipp ist schon bei ama… bestellt…
    aber alexa die zeit heilt alle wunden…die geschichte darf nicht vergessen werden und nicht verzerrt..dies ist aber die ware otopie ,..wenn wir diese hürde erst einmal meistern würden wären wir dem gedanken gutt des kommunismus etwas näher….

  55. 55

    crime in the city:

    Also ich finde es weniger problematisch als interessant.
    Der Mann hat zig-Jahre im Knast gesessen, hat die Wiedervereinigung
    und den Euro verpasst.Für mich ist das sehr interessant!

  56. 56

    Streifzug:

    Warum aus dritter Hand lesen?

    Ulrike M. Meinhof: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken
    Bambule. Fürsorge - Sorge für wen?
    Deutschland Deutschland unter anderem. Aufsätze und Polemiken

    Bommi (Michael) Baumann: Wie alles anfing

    Inge Viett: Nie war ich furchtloser. Autobiographie

    Stefan Wisniewski: Wir waren so unheimlich konsequent. Ein Gespräch zur Geschichte der RAF mit Stefan Wisniewski

  57. 57

    crime in the city:

    Sind das historische Rückblicke?
    Die Titel hören sich alle an, als wären sie vom grossen Führer
    Kim II Sung verfasst.

  58. 58

    Schnatterliese:

    ich würde es wirklich begrüßen, wenn hier (in den kommentaren) und auch an anderem ort, die dämonisierung der raf, ihre genese, der fortlauf und die auswirkungen, hinzuziehung der tatsächlichen konsequenzen, rechtstaatlich etc., rechnung getragen würde. zur abwechslung einmal.

    und: kriegen sie doch mal die fakten straight: erste generation istnichtgleich 2. juni istnichtgleich zweite generation istnichtgleich dritte generation (generation jeweils = raf)

    achtunddreissig, wenn ich nicht daneben bin, achtundreissig opfer.

    der deutsche herbst (ja, der) manifestiert sich in 38.

    das ist eine zahl: 38. und immer ist wahr, bei 6 mio, bei 38 und anderen zahlen, wo auch immer: one, is one too many.

    was macht aber 38 so über die maßen übel im vergleich zu dem was andern ortens geschehen ist? doch wohl eher die propaganda um die sache an sich, oder?

  59. 59

    crime in the city:

    Brot und Spiele funktionieren auch heutzutage noch ausgezeichnet.
    SCHADE°!

  60. 60

    Simon:

    Früher hatten unsere Anführer mehr Antworten als Fragen.

    Heute haben sie mehr Fragen als Antworten.

    Ich bin ganz froh, dass das so ist.

  61. 61

    crime in the city:

    Früher hatten unsere Anführer mehr Fragen als Antworten.
    Heute haben sie mehr Antworten als Fragen.
    Dass das so ist bin ich froh

  62. 62

    Felix Deutsch:

    Lassen Sie schnell einen Menschen zu Wort kommen, der Opfer der RAF ist.

    Da ja hier schon so ein Freigeldfuzzi aufgelaufen ist und und es auch sonst esoterisch wird, kannste ja ne spiritistische Blogsitzung einberufen und den Hanns-Martin ein paar Schwänke aus seiner kläglichen und korrupten Existenz erzählen lassen.

  63. 63

    earl grey:

    “Peter Alexa hat Spreeblick die Genehmigung gegeben…”

    sein Schwadronieren über die “politische und moralische Glaubwürdigkeit” seiner Gespielen zu veröffentlichen ?!

    (und allen möglichen Kommentatoren inkl.Malte die Möglichkeit gegeben, unpassende Vergleiche mit dem Widerstand im 3.Reich anzustellen)

    Wenn überhaupt ein Vergleich mit dem Dritten Reich angebracht sein mag, dann die umgedrehte Version von Wirth (s. mein Kommentar 57):

    “Die Aufteilung der Welt in gut und böse, die denunziatorische Bestialisierung des politischen Gegners als “Schwein”, das bedenkenlos getötet werden kann, und die Erlösungsfunktion sowohl der Gewalttat gegen andere als auch der Selbstopferung verband die geistig-emotionale Haltung der RAF mit der des Nationalsozialismus”.

  64. 64

    earl grey:

    @felix deutsch

    Was soll das sein? Witzig?

  65. 65

    Malte:

    @ earl grey
    Ich weiß. Es ist schwer, einen so langen Text ganz zu lesen. Deshalb hebe ich für dich noch mal diesen Absatz aus meinem Kommentar hervor:

    “Wie aber hätte der Vietnamkrieg in seinem Lauf behindert werden sollen durch Anschläge in Deutschland? Standen tatsächlich keine anderen Mittel zur Verfügung? Wenn doch die Presse damals mutiger war, gab es dann keine Möglichkeiten, seine Meinung zu publizieren? Keine Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren? Die Toten in Deutschland sind mitnichten nur aus der Ex-Post-Perspektive sinnlos ermordet worden. Auch vorher hätte man sehen können, dass die Morde allesamt zu nichts führen als zu einer weiteren Eskalationsstufe.”

    Also was bleibt übrig von einem “unpassenden Vergleich”?

  66. 66

    Carsten Dobschat:

    @Malte: leider ist es oft so, dass bei bestimmten Reizwörtern bei einigen die Fähigkeit zu Lesen stark nachlässt.

    Ansonsten danke für den Beitrag, ist auf jeden Fall einiges zum Nachdenken (wenn man das denn möchte).

  67. 67

  68. 68

    mego:

    @69 : ist tatsächlich witzig im eigentlichen wortsinn

  69. 69

    Hans:

    Ich denke auch, dass man in Diskussionen eigentlich gar nicht oft genug da hin gehen kann, wo’s wirklich weh tut.

    Danke!

  70. 70

    Felix Deutsch:

    @Hans (69): Nee, klammheimlicher Sarkasmus.

  71. 71

    heidrun:

    “plattform bieten”, “Den meisten fehlt es doch an der nötigen Auseinandersetzung mit den Hinter- und Beweggründen.”
    da scheinen einige sich selbst und den mitlesenden die ein oder andere kompetenz abzusprechen. guckt doch fernsehen. wenn da eine dokumentation über neonazis gezeigt wird, ist das auch kein “plattform bieten”, und ihr habt noch nicht mal die möglichkeit mitzureden. oder braucht ihr es ernsthaft, dass malte das für euch ausführlich in seine meinung einbettet, damit ihr es auch richtig einordnen könnt? so, meta-zeigefinger wieder einpacken.

    ich finde es sowohl wichtig, dass die raf entmythologisiert wird, als auch, dass sie, ihre beweggründe und mit ihr viele andere ideen und utopien nicht totgeschwiegen werden - was eben meist der fall ist(siehe #7). so wirr vieles auch aus heutiger sicht erscheinen mag, ist es doch interessant, sich mit dem werdegang der raf, mit ihrem umfeld und mit den damaligen diskussionen über die möglichkeiten des politischen engagements auseinanderzusetzen.
    gerade weil es mir und vielen anderen (in anderen ländern auffälligerweise weniger) auch so geht: “Auf welche Weise gibt es denn heutzutage Möglichkeiten
    auf Partialinteressen aufmerksam zu machen? Ich habe den Eindruck,
    dass unsere Führungseliten sich einen wirksamen Schutz aufgebaut haben.” (#55)
    tun kann man ja eh nix, aber terror ist böse. was gibt es dazwischen? was waren damals, was sind heute die alternativen, wie malte ja auch schon gefragt hat? und das interessante ist doch, wann und warum das politische engagement für ein paar menschen in die gewalt kippt. kann man ja heute auch oft genug beobachten.

    vorsichtshalber edit, um nicht missverstanden zu werden: ich halte nichts von gewalt. (und tyrannenmord ist ein anderes feld (übrigens in der schweiz legal)) deswegen finde ich sie und ihre umstände trotzdem interessant und wert, sich damit auseinanderzusetzen, weil ignorieren nicht hilft.

  72. 72

    Sonnensohle:

    …ich stelle mir einen Vietnamesen vor, wie er gegen die USA in seinem Land kämpft. Dann kommt einer von der RAF vorbei, baut sich auf vor ihm und erzählt wie er den Kampf des Vietnamesen unterstützt hat: http://www.rafinfo.de/opfer.php. Sorry, jeden Versuch, das in ein anderes Licht zu rücken als sinnlosen Mord kann ich nicht nachvollziehen. Es macht mir Angst. Ich kenne nur zu gut einen Staat, der auch in meinem Namen etwas ganz tolles vollbringen wollte… Gefragt hat mich keiner.

  73. 73

    Mathias Richel:

    Die RAF dient heute nur noch einem Zweck - dem Mythos. Für Links und Rechts.

    Für Links:
    Zur Legitimation und als Beispiel für einen Widerstand, der eben nicht zuerst nach Lösungen fragt, da das der Anpassung in das Wertesystem gleichkommen würde, sondern einem Widerstand, der zunächst einfach dem Widerstand als solches verpflichtet ist. “RAF dich auf!” ist nicht zuletzt die Aktivierungsklausel, um gegen ein subjektiv als Unrechtssystem empfundenes Konstrukt aufzubegehren. Das der bewaffnete Widerstand in diesem, unserem sehr satten und gefestigtem Land nicht mehr in Frage kommt, ist für ein Großteil der Linke auch klar. Denn auch sie sind ja satt und gefestigt. Oder sektiert.

    Für Rechts:
    Um der steigenen Imageschaden für Deutschland durch Rechtsaussen, ein passendes Ambivalent entgegen zu setzen. Schäuble will die “Gefahr von Linksextremismus” noch nicht zu den Akten legen und Baden-Würtemberg unterbindet Hafterleichterungen für Klar, weil er ein im Kern ja nicht falsches Grußwort an Kommunisten schreibt. Rechte Politiker machen ihr Geschäft mit der Angst vor Links. Während sich aktuell Nazis in Brandenburg festbeissen, Nazis jüdische Mitbürger “beschützen”, oder die Steinbach, wie ein Angstbeisser nach ihrem Kinderbettchen schreit - Blut und Boden. Rechts, in all seinen dunkelsten Schattierungen, ist stark geworden in diesem Land. Das soll bloß keiner mitbekommen, denn wir sind ja Exportweltmeister. Und so ergänzt man die Extremismus-Formel um eine Variable und schon ist alles ganz einfach.

    Es gilt aber: Die RAF ist im Konzept, Anspruch und Umsetzung in allen Punkten gescheitert. Zurück bleibt nur noch eine Urban Legend. Nicht mehr und nicht weniger.

    Bitte lasst sie alle in Talkshows, bitte gebt ihnen Plattformen, bitte gebt ihnen Podien - die Realität in diesem satten und gefestigtem Deutschland, wird den so gebrauchten Mythos entzaubern. Und dann bleibt nichts mehr übrig von der RAF. Aber auch nicht vom rechten Geschwurbel und diese nebulöse Angst vor der Linken. Die Angst vor der Theorie.

  74. 74

    heidrun:

    herr richel. schön gesagt.

  75. 75

    Julio:

    Zuersteinmal finde ich es eine interessante Idee, die Möglichkeiten eines Weblogs zu nutzen, um ins Gespräch mit ehemaligen RAF-Sympathisanten zu kommen. Für die Möglichkeit möchte ich mich bei Spreeblick bedanken.

    Natürlich ist so etwas eine heikle Sache, denn Menschen zu Wort kommen zu lassen, die tödliche Gewalt gutgeheißen haben, lässt sofort und zurecht die Frage aufkommen, ob den Angehörigen der Opfer nicht wieder Unrecht angetan wird. Allerdings gibt es eine Art in der aktuellen Debatte um Christian Klar die Opfer zu beschwören, die ich als instrumentalisierend und würdelos gegenüber ihrem Leid empfinde. Ein “sarkastischer” Beitrag von Felix Deutsch (Nr. 67) ist auf der anderen Seite widerlich und vollkommen kontraproduktiv, wenn eine solche Debatte aufgezogen wird. Die Freunde der klammheimlichen Häme sind aber glücklicherweise am Aussterben.

    Das Anliegen von Peter Alexa verstehe ich jedoch nicht ganz:
    Niemand bestreitet, daß die RAF Gründe für ihre Taten hatte. Was bestritten wird, ist die Gültigkeit der Gründe. Man kann all die Missststände aufzählen, die Peter Alexa aufgeführt hat, noch einige dazu tun, und immer noch konstatieren, daß sie keine ausreichende Gründe für die Taten waren.

    Vielleicht ist es auch die Frage, ob man die ideologische Denkweise, die zu diesen Taten geführt hat, versteht, also ob man sich da einfühlen kann, um die Entschlüsse nachzuvollziehen. Das ist eine Frage des Einfühlungsvermögens, und stark davon abhängig wie vertraut man mit dem Milieu ist, dass da aktiv war. Aber auch das nützt Peter Alexa wenig.

    Wahrscheinlich geht es um die Frage, daß anerkannt wird, daß die RAF von Idealen getrieben war. Es wäre uninformiert das zu verneinen. Nur: Eine Vielzahl an Mördern in ethnischen, politischen oder religiösen Auseinandersetzungen haben Ideale.

    Waren diese Ideale der RAF etwas, was wir heute noch unterstützen können? Wie bei vielen anderen oben erwähnten Mördern gilt: Hinreichend abstrahiert: Ja. Aber dann bleibt nicht mehr viel anderes übrig wie die Schlagworte “Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Glück”. Sobald die Abstraktion konkretisiert wird, hört es auf. Das Demokratieverständnis und Toleranzverständnis, das die RAF als nachholende sozialistische “Widerstandsorganisation” und “politische Avantgarde” hatte, war nichts, von dem sich eine Gesellschaft auch nur irgendwie hätte leiten lassen können, um gerechte Zustände einzuführen. Und die ideologisch gerechtfertigte Inkaufnahme der Repression breiter linker oder alternativer Milieus durch Staatsorgane, um dadurch die Revolution zu beschleunigen, spricht Bände über das Menschenverständnis.

    Ich habe deshalb eine Frage an Peter Alexa. In einem Kommentar im WDR4 hieß es zurecht zu der Diskussion: “(…) Nicht jeder Kapitalismuskritiker in diesem Land ist ein Verbrecher. Die weltweit betriebene bedenkenlose Anbetung der Geldvermehrung um welchen Preis auch immer macht viele Menschen zornig. Sie entwickeln deshalb andere soziale Modelle - und das ist nicht nur erlaubt, sondern im Gegenteil ein Zeichen für eine funktionierende freie Gesellschaft“.

    Die Frage ist aber, mit welchem geistigem Rüstzeug macht man das. Die von ihnen in ihrem Text verwendeten Begriffe “Kapitalismus“, “Imperialismus“, “herrschende Klasse” sind keine Begriffe wie Tisch und Stuhl. Sie sind trotz ihrer heutigen Verbreitung ungeheuer theoriegeladen und entstammen einer spezifischen Theoriegeschichte. Gibt es eine Diskussion in dem ehemaligen Unterstützerfeld der RAF, daß diese Theorie durch ihren Wahrheitsbegriff, ihr Verständnis von Fortschritt, von Notwendigkeit, von Elite an sich bereits Gewalt und Unterdrückung implizierte. Gibt es eine Diskussion, daß es für die politische Handlungsorientierung auch Alternativen zur sozialistischen Theoriefamilie für diejenigen gibt, denen absurder Reichtum neben kärglicher Armut, Krieg, Sexismus, Rassismus, Durchkommerzialisierung der Lebenssphären, Raubbau an der Natur und vieles mehr nicht Ausdruck naturgegebener Verhältnisse sind, sondern als menschengemacht und damit veränderbar verstanden werden? Und wenn ja, hatte sie ein Ergebnis? Oder blieb man, provokativ gefragt, in der Breite in K-Gruppen-Lyrik stecken?

    Sorry für die Länge des Kommentars, aber das Thema macht längere Gedankengänge unumgänglich.

  76. 76

    Etienne:

    So traurig es ist. Ich denke wir la