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Nochmal Schalke

Gestern traf ich Branco, seines Zeichens bekennender Schalke-Fan, und im Vorfeld erwartete ich stundenlanges Lamentieren über den bösen Fußballgott, über verpasste Chancen, über die verspielte 2:0-Führung gegen Wolfsburg, und am Ende, wenn er ein bißchen betrunken sein würde, pseudo-psychiatrische Gespräche über 2001.
Von wegen. Branco wollte viel lieber über Bremen reden, noch nicht mal über Fußball, lieber über Wahlergebnisse, und wenn er eine Träne verdrückte, dann wegen des drohenden Abstiegs Harald Schmidts in die Fünftklassigkeit. Nach dem dritten Bier nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn in königlicher Blauäugigkeit, wie das denn sei mit der verspielten Meisterschaft. Und so. Da zuckte er nur mit den Schultern. „Was soll ich sagen“, hob er an, „das ist zwar traurig, aber so arg schlimm ist es gar nicht. Das kommt euch Nicht-Schalkern nur so vor. Wenn ich mir den Saisonverlauf so ansehe, hatte ich ein schönes Jahr. Schalke hat tollen offensiven Fußball gespielt, es hat Spass gemacht, ins Stadion zu gehen, und am Ende hat ein bißchen die Cleverness gefehlt. Aber ich bin nicht Schalker, weil ich clever bin, sondern weil ich Spass am Fußball haben will. Sonst nichts.“
Ja, aber der Titel war doch zum Greifen nahe?
„Ja, das stimmt schon. Es tut ja auch weh irgendwo. Aber es ist nicht so schlimm. Die Bayern stehen hinter uns, und was ist schon so ein Titel? Ganz im Ernst: Schlimmer ist es, gegen Dortmund zu verlieren, Meisterschaft hin oder her. Und das ganze Gelaber in den Zeitungen von wegen „Schalke wird niemals Meister werden“ und sowas, das ist doch Schwachsinn.“
Er sah kurz zum Fenster raus und sagte: „Überhaupt, die Medien. Manchmal glaube ich, die hätten nix, aber auch gar nix vom Fußball begriffen. Dieses Jahr war ja besonders krass. Was die geschrieben haben nach Nancy. Oder als der Slomka den Neuer aufgestellt hat. Und dann wegen dem Presseboykott. Und schau Dir mal den Kuranyi an: Erst isser ein unfähiger Stümper, dann plötzlich isser Führungsspieler, und jetzt, nach Dortmund, heißt’s wieder: Der kann doch eh nur Kopfball. Is doch alles Schwachsinn. Die brauchen doch immer nur ein bißchen Stoff, damit sie ihre 2500 Zeichen oder was auch immer vollkriegen.“
Dann sprach er wieder von anderen Dingen, aber ganz am Ende kam er nochmal auf das Thema zu sprechen: „Weißte, die Schale wär schon schön, aber auch wenn wir nicht Meister werden, war das eine gute Saison. Und das lass ich mir von keinem kaputtschreiben.“

Keine Kommentare

  1. 01

    „Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen des erwünschten Ziels erhöht werden. Der Erfolg der Autosuggestion wird umso wahrscheinlicher, je konsistenter und länger (bzw. öfter) sie angewendet wird.“

    Ich hätt nix dagegen wenn sich die Schalker einfach nur „eine gute Saison“ wünschen. Immer wieder.

  2. 02

    Mich würde ja tatsächlich interessieren, ob diese Haltung von anderen Schalkern geteilt wird. Stimmig find ich sie ja.

  3. 03
    Heide

    Was ich so (als Bochumer) mitbekomme. Nö.

  4. 04
    Tobi

    Was man auf Spiegel Online so sehen kann: auch nicht…

    http://www.spiegel.de/videoplayer/0,6298,18186,00.html

  5. 05
    talky

    Naja, so ganz kann ich den positiven Äußerungen Brancos nicht beipflichten. Obwohl ich recht locker bin, nach der halben Flasche Pernod am Samstag, schreie ich innerlich schon recht oft Scheisse. Ich finde es einfach drecksungerecht, dass unsere am Samstag nur einen Furz inne Buchse hatten und nicht mehr. Ich wär schon verdammt gerne mal Meister. Demut möchte ich gerne woanders zeigen, nicht im Fussball. Bei ‚Vizekirchen‘ kommt mir einfach die Galle hoch, trotzdem fahre ich am Samstag nach GE, vielleicht geht ja noch was. Obwohl ich eigentlich eher das Gefühl habe, dass gerade in Cottbus wenig Energie ist, aber Pferde, Apotheke, ihr wisst schon…

  6. 06
    Samuel

    Man würds den Schalkern ja gönnen. Ich als Hamburger muss ja sagen, ich weiß nicht was schlimmer ist: Der Abstiegskampf, die relativ frühe Rettung und dann ohne weitere Aufregung Meilenweit hinter den Erwartungen abzuschließen, oder aber toll spielen und dann am vorletzten Spieltag die Meisterschaft (höchstwahrscheinlich) zu vergeigen.

  7. 07

    Man ist ja nicht Schalkefan, weil man Meister werden könnte, auch wenn man sich das wünscht. Mag sein, dass in den letzten Jahren ein gewisser Teil der Anhänger aufgrund der Erfolge (Uefa Cup Sieg, Pokalsieger, Vizemeisterschaften) auf den Zug Schalke aufgesprungen sind. Dieser Teil der Anhänger ist natürlich mehr als frustriert. Logisch.

    Das erste Erlebnis, das ich mit Schalke hatte war jedoch viel früher. Walter Junghans im Tor, an Nigbur kann ich mich nur noch schleierhaft erinnern. Naja, Abstiege, Aufstiege, Assauers, Sonnenkönige und Sieberts. Immer eins auf die Fresse, hat man von den „Anderen“ bekommen. Schalke die Skandalnudel, FC Meineid, Schuldenschalke. Man war eigentlich froh, wenn man nicht abgestiegen ist. Das dann plötzlich gerade wegen Rudi Assauer, das Wort Serösität mit dem FC Schalke 04 in einem Atemzug genannt wurde, war ein ganz neues Gefühl für die Schalker Anhänger. Jörg Berger rettete den Verein vor den Abstieg und ein Jahr darauf hatte man sich für den UEFA Cup qualifiziert. Eine Mannschaft zusammengewürfelt aus Spielern, die z.T. noch in der 2. Liga gespielt haben. Mit Hub Stevens schaffte man die Sensation. Dieses kleine Schalke, keinen Pfifferling hätte man noch 2 Jahre zuvor auf diesen Club gesetzt, schlägt den großen FC Internationale Milano im Finale des UEFA Cups, der damals noch ein ordentlicher Wettbewerb war. Damals war ich im Guiseppe Meazza Stadion, ich kann heute noch nicht die Gefühle beschreiben die mich überkamen. Vom Anhänger des FC Meineids zum Anhänger des FC Schalke Internationale. Wahnsinn, ich gebe offen und ehrlich zu, dass ich nach dem Sieg Rotz und Wasser geheult habe. Es gibt für mich für dieses Erlebnis keine Steigerung. Die beiden Pokalsiege, klar die haben Spaß gemacht. Die Vizemeisterschaft 2001, trotz der Enttäuschung eine super Sache. Die Jahre danach? Grauer Alltag, viele Trainer, viele Spieler, wenige echte Erfolge. Immer das selbe vor der Saison von Presse und Vorstand. Schalke Titelanwärter, wenn man jedoch ein wenig Ahnung von Fußball hatte, sich den Kader anschaute, wusste man, ja alles besser als Platz 5 ist in Ordnung. Von daher kann ich auch diese Saison sagen, super gelaufen, hat Spaß gemacht. Vielleicht nächste wird es was nächste Saison, vielleicht auch nicht. Aber so ein CL Viertelfinale gegen ManU, Madrid oder Liverpool, das hätte was…

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