39

Kurze Ode an eine Frau mit Giftzähnen

Meine Lieblingslektorin saß gestern in der Bahn. Ihr gegenüber ein älterer Mann, der sich scheinbar anlasslos erregte. Was war geschehen?

Ein junger Mann hatte die Spitze seiner Füße auf die Sitzbank gelegt. Oberdaszuhauseauchwokommenwirdennwenndasjederwasersichüberhaupt. Kennt man ja. Der jüngere Mann, offensichtlich der deutschen Sprache nicht in ihrer vollen Pracht mächtig, verstand nicht sofort und zog seine Füße daher erst auf die wütenden Gesten des Alten hin zurück.

Dieses sich über einen Zeitraum von mehreren Sekunden erstreckende Zögern machte den Empörten zum Rasenden. „Ihr verdammten Ausländer glaubt wohl, euch alles rausnehmen zu können.“ Der Angesprochene lächelte verlegen zurück. Beschwichtigend wirkte das nicht. „Und grins nicht auch noch so frech, warte nur, bald werfen wir euch eh alle raus.“

Da wies meine Lieblingslektorin den Tobsüchtigen mit dem Blick einer Königskobra beim Verschlingen einer toten Ratte darauf hin, dass er dies aufgrund seines fortgeschrittenen Alters wohl nicht mehr erleben werde.

Und jetzt wisst ihr auch, warum sie meine Lieblingslektorin ist.

39 Kommentare

  1. 01

    Wow, Respekt und Applaus!

  2. 02
  3. 03

    Ich denke, dass ich an ihrer Stelle noch etwas weiter gegangen wäre (was vielleicht auch daran liegt, dass ich kein gebürtiger Deutscher bin), aber ich kann gut nachvollziehen, weshalb sie Deine Lieblingslektorin ist.

  4. 04

    Wo Vorurteile auf Unmut treffen, da trifft Aversion auf Hass.

    Hätte er ebenso reagiert, wäre es ein „Deutscher“ gewesen?

  5. 05

    Toll, so eine Lieblingslektorin. Und auch noch praktisch: Macht alte keifende Säcke zur Schnecke. Klasse:-)

    Mich hat mal so eine Oma angepöblet, dass ich doch die Füße vom Sitz nehmen solle und überhaupt hätte sich ihre Enkeltochter mal mit ihrem weißen Abikleid auf so einen Sitz gesetzt, wo durch Füßeauflegen Matsch drauf war und ihr Abend war ruiniert. War mir egal. Soll die Enketochter doch heulen. Was guckt man auch nicht dahin, wo man sich hinsetzt (mit weißem Kleid!)! Ich hab‘ die Füße drauf gelassen und mich taub gestellt:-)

  6. 06
    ruth

    trotzdem hatte der alte bisschen recht..
    füsse (mit schuhen dran) gehörn einfach nicht auf öffentliche sitzflächen.

  7. 07
    Sigurvinsson

    Ein Hoch auf die Lieblingslektorin!

  8. 08

    Ruth: Man stellt ja nicht seine ganzen Füße drauf, sondern lehnt sie nur teilweise an den Sitz an. Und das so weit rechts oder links, dass da eh keiner sitzt…

  9. 09

    Was die Leute in der Bahn manchmal fabrizieren, ist schon nicht mehr zum Aushalten. Letztens stand ich in der U-Bahn, das ganze Abteil bis auf drei Leute komplett leer. Am nächsten Bahnhof steigt ’ne ältere Frau ein, stellt sich direkt neben mich und suggestiert mir nach zwei weiteren Bahnsteigen, dass ich doch mal meinen Mp3-Player leiser machen könnte.
    Ich nehm also die Knöpfe aus dem Ohr, frage sie, womit sie ein Problem hat und sie antwortet daraufhin mit charmanter „Berliner Freundlichkeit“: „Dat kannste aber och leiser machen, ’ne? Ick hör dat ja bis hierhin!“

    Ich verwies sie dann darauf, dass sie sich in einem leeren Abteil ja nicht 10 Zentimeter von mir entfernt aufhalten brauch. Da verliess sie beim nächsten Bahnhof wutentbrannt den Wagen und bestieg den nächsten.

    Leute gibt’s, …

  10. 10

    Anika:
    Seine staubigen Proletarierfüße auf bürgerliche Sitze zu legen, ist natürlich die Krönung revolutionären Bewußtseins.

    (Aber im Ernst: ich finde das sagt auch was aus über die Achtung, die jemand seinen Mitmenschen entgegenbringt.)

  11. 11

    Das ist die Sorte Schlagfertigkeit, über die ich nicht verfüge (weswegen ich lieber im Internet schreibe als mit Menschen im real life zu diskutieren).

  12. 12

    Ich will auch ne Lieblingslektorin…

  13. 13
    Peter H aus B

    Chapeau!

  14. 14
    heidrun

    @N. Stawrogin: sowas ähnliches wollte ich auch grad schreiben…

  15. 15

    Lol…sehr nett.

  16. 16

    N.Stawrogin:

    Nunja, man muss ja nicht alles so eng sehen, und mein Gott, das stört nun eigentlich wirklich keinen außer pingelige Omis. Wer hat schon erzdreckige Schuhspitzen? Naja…Und Repekt verlangen die Mitmenschen, die alle immer mit mir in der S-Bahn fahren, nun wirklich nicht. Die sind noch tausend mal schlimmer!;-)

  17. 17
    w

    was hätte ich deine lektorin gut brauchen können, als ich neulich einer horde punks (waren die nicht mal tendenziell eher links?), die einen mitbürger als kanake und außerdem schwul beschimpften mal so richtig die meinung geigen wollte, aber vor lauter wut nur ziemlich hilfloses stammeln rausgebracht habe…

    walter

  18. 18
    Malte

    @ w
    horden sind allerdings auch schwerer zu bewältigen als alte männer

  19. 19
    lana

    sitzen ein nazi, ein aphatiker und eine spreeblick-lektorin im ICE. sagt der nazi zum aphatiker: „euch sollte man alle deportieren“. daraufhin die lektorin: „aber ohne mich, wenn ich bitten darf“

  20. 20

    Schön, wenn so jmd. da ist – man ist ja selbst leider nie so schlagfertig…
    Max Goldt hat mal eine ähnliche Situation beschrieben: Er aufm Rad aufm Gehweg, alter Typ brüllt ihm hinterher: „Da ist die Strasse!“, die adäquate Antwort: „Und da der Friedhof!“ – ist mir dazu nur so eingefallen…

  21. 21

    Die kleine Macht des pöbelnden Mannes.

    @Mike
    Sorry, bei der von Dir geschilderten Geschichte hast eindeutig Du die A-Karte „¦ ich habe auch noch nie begriffen, warum andere Menschen glauben, mich mit ihrem zum Teil ja unterirdischen Musikgeschmack in den Öffentlichen penetrieren zu müssen.

  22. 22

    sich über schuhe auf sitzen zu beschweren finde ich durchaus legitim. und nur weil das offensichtlich viele der hier kommentierenden machen (ich schließe mich da selber nicht aus), ist es trotzdem albern das zu verteidigen oder sich über beschwerden zu mockieren.
    der knackpunkt ist doch wohl WIE sich der mann beschwert und hier eben ganz besonders die offensichtiliche fremdenfeindlichkeit. und genau deswegen würde ich mich vor maltes lieblingslektoren für ihre antwort am liebsten verbeugen!

  23. 23
    vic

    Das erinnert mich an Amelie:
    Hinter jedem Kellerfenster sollte ein Souffleur sitzen, der einem die richtige Antwort auf die Unverschämtheiten des Gemüsehändlers vorsagt – „Sie, Monsieur, sind jedenfalls kein Gemüse, denn selbst eine Artischocke hat ein Herz.“

  24. 24
    ick

    also, ich sag mal so; ich bin nur in berlin, um meinen kümmerlichen lebensunterhalt zu verdienen. da ist man nicht unbedingt die masse an „ausländischen“ mitbürgern gewohnt. wenn mir also türken, araber oder ähnlich aussehende leute über den weg laufen, dann möcht ich mich mit meinen jungen jahren manchmal doch dem opa anschließen. manche dieser mitbürger sind hier geboren, scheinen aber mit ihren rund 20 jahren noch keines deutschen satzbaus mächtig. ich hör dann lauthalses gestammel in der art von: ey alta, hast gesehn alta gestan ey…

    und die krönung ist für mich, wenn ich morgens auf dem weg zur arbeit versuche mein frühstück zu verschlingen, vor mir ausländisch anmutende deutsche laufen und gepflegt vor mir mitten auf den gehweg rotzen…das erlebe ich mehrfach und von leuten unterschiedlichen alters. meine dadurch, und durch andere erlebnisse dieser art, gebildete meinung ist die, dass viele in kreuzberg, schöneberg oder neukölln ansässige „ausländer“ keine scham, keinen respekt und keinen anstand besitzen, so wie es mir meine mutter erfolgreich beigebracht hat.

    ich sehe ja, dass es anders geht. ich arbeite zb. mit ausländern zusammen, egal ob aus japan, thailand, england oder kanada, aber keiner ist so ekelhaft wie manche deutschen türken oder araber… ausserdem bin ich mit einem türken befreundet, der besser deutsch spricht und schreibt als manches deutsches kind.

    trotzdem oder gerade deshalb: opa, ick steh nächstes mal hinter dir!

  25. 25
    ruth

    Tja.. leider hat #26 recht und ich befürchte es wird immer mehr Leute so gehen und Menschen wie die im Beitrag genannte Lektorin werden weniger.

    Leider ist es so, das es in D bestimmte Gruppe, ich nenn sie mal Jugendliche, gibt die es uns (mir) nicht einfach macht, sie auch nur ein bisschen zu mögen oder zu akzeptieren. Dabei ist völlig Wumpe, ob Türke, Sachse oder Südosttiroler.

    Gibts eigentlich türkische Punks?

  26. 26
  27. 27
    Maltefan

    Da erwähnt er jetzt zum wiederholten Male, dass er mindestens eine Lektorin hat, will mir aber nicht sagen, wann und wo ich sein Buch kaufen kann.

    Grmbl

  28. 28
    Robin S. a.k.a. MakeAMillYen

    Ein Kollege aus Irland, der in England, Berlin und Suedafrika gelebt hat, hat mir mal gesagt: „In Germany, everybody is a cop.“ Jeder will einem sagen, was man zu tun und zu lassen hat.

  29. 29

    Anschließend an Nr. 30 will ich auch mal ein paar Klischees einwerfen:

    Der Himmel ist dort, wo die Polizisten Briten sind, die Köche Franzosen,
    die Mechaniker Deutsche, die Liebhaber Italiener sind und alles von
    Schweizern organisiert wird.
    Die Hölle ist dort, wo die Köche Briten, die Mechaniker Franzosen, die
    Liebhaber Schweizer, die Polizisten Deutsche sind und das alles von den
    Italienern organisiert wird.
    Quelle: Psychologie März 2007

  30. 30

    […] Als latent aggressiv ließe sich die Stimmung in öffentlichen Verkehrsmitteln zurzeit beschreiben. Kaum steigt die Temperatur, sinkt die Hemmschwelle der mit ihrer Existenz überforderten Fahrgäste. … Oder ein älterer Herr, der selbst vor rechten Äußerungen nicht zurückschreckt, aber von einer schlagfertigen Mitfahrerin in seine Schranken gewiesen wird. […]

  31. 31
    heidrun

    @mike, creezy: sich über mp3-player-lautstärken in ratternden u-bahnen, wummernden s-bahnen oder quietschenden trams zu beschweren, ist einfach nur lächerlich. anders hingegen sieht es in leiseren verkehrsmitteln aus. was aber auf jeden fall hilft, wenn man wegen diesem oder anderen dingen angeranzt wird, ist freundlich zu lächeln und evtl. ein bisschen leiser zu stellen, verbunden mit der frage, obs jetzt besser sei. bringt die leute völlig aus dem konzept und bessert ihre laune.

    @ ick: jawoll, mach uns die sprach- und benimmpolizei. dann schließ aber bitte alle deutschen mit ein, die sich genauso benehmen. sind genauso leicht zu finden, alta.

  32. 32

    @ Sebastian: hehhe, sehr gut! Obwohl die Schweizer wohl den (im Durchschnitt) meisten Sex in Europa haben sollen. Habe ich gelesen. Wahrscheinlich in einer Schweizer Zeitung ;-)

  33. 33

    @creezy, heidrun: Ich bin der Letzte, der keine Ruecksicht auf seine Mitmenschen in oeffentlichen Verkehrsmitteln nehmen wuerde. Naja, vielleicht nicht der Letzte, aber einer der vielen unter uns.
    Nur was absolut gar nicht geht, ist, wenn mich jemand bloed von der Seite aus anpoebelt, noch dazu in einer absolut leeren U-Bahn, wo man wie gesagt bis auf 3 andere Personen das ganze Abteil fuer sich hat.

    Da hat dann meine Ruecksicht auch mal Grenzen – zu recht, wie ich finde. Da ist naemlich die Grenze zur Schikane laengst erreicht und das toleriere ich unter keinen Umstaenden.

    Anders sieht das in einer vollen U-Bahn aus, ganz klar.

  34. 34
    heidrun

    @ mike: genau das meinte ich ja. zumal die u-bahn in berlin doch eh die lauteste europas ist, zumindest gefühlt.

  35. 35

    danke.
    vielen, vielen dank!

  36. 36
    ottoasta

    na ja,
    wenn hier im Bayerwald jemand seine Füsse im Bus auf einen Sitz legt, egal ob deutsch oder nichtdeustch, dann kriegt er eins auf die Rübe! Solches Verhalten ist nur Bayern gestattet!

Diesen Artikel kommentieren