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Ein Gütesiegel für den Journalismus?

Selten habe ich so gelassene, unaufgeregte und daher wohltuende Zeilen zum Thema Journalismus und (u.a.) Blogs gelesen wie in der aktuellen FTD-Kolumne von Peter Ehrlich. Zeilen, die mich sogar darüber nachdenken ließen, ob das von ihm geforderte Gütesiegel für Journalisten jeder Art bzw. eine freiwillige Akzeptanz der Regeln und Standards eines ggf. neu zu gründenden Medienrats vielleicht eine sinnvolle Idee sein könnten. Obwohl ich denke, dass Ehrlich die Lösung für die von ihm beschriebenen Herausforderungen in seinem Text selbst beschreibt:

Wenn die Quellen der Information korrekt vermerkt sind, kann jeder Nutzer sich weiter informieren, und er wird dabei implizit auch die Qualität der Zusammenfassung bewerten.

Das wird er mit Sicherheit. Wer Qualität sucht, wird Qualität finden, denn es mangelt im Journalismus ebenso wenig wie in der Musik, im Film, in der Literatur oder auch in Blogs und Foren an Qualität. Es mangelt, wenn überhaupt, an Konsumenten, denen diese Qualität wichtig ist. Die Auflage der BILD und die Einschaltquoten der Sensationssender sowie die Verkausfzahlen von Scooter sind der tägliche Beweis dafür.

Aber war das jemals anders oder glaubt wirklich jemand, dass es jemals anders werden wird? Ist der Wunsch nach Güte statt Gülle nicht ohnehin der elitäre Luxus derer, die ansonsten soweit alles halbwegs gebacken kriegen und die sich somit um die von der Spitze weit entfernten Stufen ihrer täglichen Bedürfnispyramide kümmern können?

Anders gefragt: Wer würde sich für die von einer Instanz festgelegten Qualitätsstandards interessieren außer denen, die sowieso nach Qualität suchen und die sie daher, siehe oben, auch ohne Gütesiegel finden?

Wir befinden uns immer noch in einer Zwischenphase, inmitten eines gesellschaftlichen und damit auch medialen Veränderungsprozesses. Diese Phase wird noch lange andauernd, und ich halte es für möglich, dass wir sie nie wieder verlassen werden. Doch wir werden lernen, damit umzugehen, und im besten Fall werden wir endlich begreifen, dass wir Inhalte selbst beurteilen müssen. Der Satz unserer Großeltern, „Die würden das nicht drucken, wenn es nicht stimmen würde“, könnte damit endgültig der Vergangenheit angehören.

Jede Hilfe ist bei dieser zeitaufwändigen und schwierigen Selbstbeurteilung natürlich willkommen, doch auch hier werden wir allein entscheiden müssen, ob wir sie von einem ausgebildeten Journalisten oder einem Blogger oder — dies ist am wahrscheinlichsten — von beiden annehmen.

Beeinträchtigt wird seriöse Nachrichtenvermittlung weniger durch die vielen Angebote und Quellen im Web. Der Informationsjournalismus leidet mehr unter der Jagd nach Einschaltquoten und Klickzahlen.

schreibt Peter Ehrlich weiter und für solche entspannten wie korrekten Sätze mag ich seinen Text. Und widerspreche dennoch.

Denn Qualität braucht keine Siegel. Sondern Applaus.

15 Kommentare

  1. 01
    erlehmann

    Applaus !

  2. 02
    Westpfalz-Johnny

    „Unterhaltung verkauft sich meist besser als Information, weshalb die ARD-Fernsehmagazine immer kürzer und reißerischer geworden sind. Der Anteil „bunter“ Themen wird selbst auf seriösen Nachrichtenportalen oder in der „Heute“-Sendung immer größer.“

    Das denke ich auch öfters. Wobei man nicht den Eindruck hat, daß gerade die öffentlich-rechtlichen Sender da irgendwie Einsicht zeigen.
    Die Berichterstattung über die Killerspiele in den Nachrichtenmagazinen und die anschließende „Klarstellung“ von Fakten auf Youtube war ein schönes Beispiel.
    ARD & ZDF legen über all ihre Berichterstattung den Mantel des heiligen und unangreifbaren Qualitätsjournalismus und denken wohl, daß der Konsument alles hinnimmt, solange nur der Rahmen Seriösität verspricht.

    Besonders bitter schmeckt der TV-Journalismus vor allem dann, wenn Themen, deren Nutzen nicht klar belegbar ist bzw. die eindeutig eine bestimmte Gruppe benachteiligen, von TV-Redaktionen so dargestellt werden, als sei der Nutzen und die Richtigkeit absolut eindeutig. Im schlimmsten Fall werden die Betroffenen dann noch als Idioten dargestellt.

  3. 03

    und ich las doch glatt qualität braucht keinen spiegel „¦

  4. 04

    @westernworld: Was wohl Freud dazu sagen würde …

  5. 05
    rockhaus

    Tja, fragt sich nur wie man Qualität finden soll ohne 20 Stunden im Netz zu hängen. Journalismus ist doch mittlerweile auch auf Blog/SpOnniveau angekommen.

  6. 06

    „Güte statt Gülle“ – das könnte der neue Slogan einer Bewegung sein! :-)

    Lügen ist erlaubt. Alle lügen. Kuckt euch nur mal Werbung an. Überall wird man beschissen. Warum sollten das die Medien anders machen. Selbst bei unserer heimatlichen Lokalzeitung steckt in jedem Artikel eine Unwahrheit. Wenn auch oft nur aus Schlamperei.

    „Wo haben die das denn her?“ frage ich mich oft. Aber die meisten Leute sind glücklich damit, es einfach zu glauben. Sie wollen glauben, nicht wissen.

  7. 07

    Gütesiegel haben dann Sinn, wenn der Abnehmer beim Erstkontakt mit dem Lieferanten eine gewisse Sicherheit für die Qualität der Leistung haben will, da es sie ansonsten gar nicht einschätzen kann. Für den Endverbraucher gibt es solche Produkt-Kennzeichnungen wie „CE“ oder den Umweltengel oder das gute alte „Made in Germany“, im B2B-Bereich gibts z.B: ISO 9000 oder CMMI, Regelwerke, nach denen man seine Prozesse organisiert und die den Kunden darauf hoffen lassen können, dass gewisse Qualitätsstandards eingehalten werden.

    Ich fänd die Idee ganz gut, dass Blogger selbst versuchen, ein solches Regelwerk zu erstellen und zu implementieren. Ich wär dabei.

  8. 08
  9. 09
  10. 10

    wie die qualität durch applaus besser oder anders?

  11. 11

    johnny ich mag deinen text auch und leiste ebenfalls dennoch widerspruch.

    denn ich denke journalismus zeichnet sich bis zu einem grad druchaus dadurch aus das man sich auf die richtigkeit der nachricht verlassen zu können. eine art gütesiegel wäre insofern recht praktisch als das man als medienkonsument nicht mehr jede nachricht selbst nachrecherchieren, nicht jeden konzern anmailen ob veröffentlichte stellungnahmen wirklich getätigt wurden müsste.

    ich persönlich lese/höre/sehe in letzter zeit (fast) nur halbgare gerüchte. spreeblick ist da, ohne schleimen zu wollen, tatsächlich eine der wenigen ausnahmen.

  12. 12

    Mit dem Pressekodex gibt es ein sehr schönes Regelwerk, an das man sich einfach mal wieder halten könnte. Und bevor das Geschrei wieder losgeht (wie eigentlich jedes Mal, wenn ich den Pressekodex auch nur erwähne): Einfach mal durchlesen. Als ich ihn mir nach langer Zeit mal wieder angesehen habe, war ich erstaunt, dass er eigentlich alles das enthält, was sich viele Menschen wieder vom Journalismus wünschen würden – Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit bspw.

    Eine Diskussion um einen solchen Kodex gab es vor gut einem Jahr das letzte Mal im größeren Stil in der Blogosphäre. Das Problem an einem Siegel, wie es hier kurz andiskutiert wird, ist jedoch: Wer soll die Einhaltung der Kriterien überwachen? Schnell ist man da bei irgendeiner Insitution mit weiteren Unter-Institutionen und hat das Thema totgeredet.

    Meine Meinung: Man braucht ein Regelwerk, wie bspw. den Pressekodex, dann verkündet man öffentlich, sich daran halten zu wollen und die Leser und anderen Blogs haben die Möglichkeit, mich daran zu erinnern oder meine Berichterstattung anhand dieser selbst auferlegten Regeln zu prüfen.

    Keine Institutionen und keine Gremien. Regeln und ein klares Bekenntnis. Den Rest erledigt das Web. Da bin ich mir sicher.

  13. 13

    @Jan: Das ist gut. Ich habe bei mir mal einen Link zum http://www.presserat.de/Pressekodex.pressekodex.0.html mit dem Text „Dieses Blog hält sich freiwillig an die Regeln des Pressekodex“ eingebaut. So was in der Art könnte deinem Vorschlag vielleicht entsprechen. Gut wäre dann aber noch eine auffälligere Grafik.

  14. 14

    @Jörg Friedrich: Genau. Und wenn Du dann noch den Lesern die Gelegenheit gibst, (potenzielle) Verstöße auf Deiner Seite direkt und öffentlich zu benennen, bist Du ganz vorn dabei. Deshalb halte ich es auch für falsch, das Internet immer als rechtsfreien Raum darzustellen. Hier setzt man sich mit den Inhalten des Mediums wesentlich intensiver auseinander. Man stelle sich vor, die BILD müsste jeden Tag auch alle Kommentare aller Leser zu ihren Beiträgen abdrucken oder in jeder dieser Boulevard-Sendungen im TV würden die Zuschauer alles kommentieren, beleuchten und korrigieren können. Unvorstellbar. Im Internet hingegen nur eine Frage des Wollens.

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