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Zeugenaussagen

Ich wundere mich. Seit ich mich mit wirklich abwegigen Weltgegenden wie Sierra Leone, Myanmar, Uganda oder Kongo-Kinshasa beschäftige, wunder ich mich. Vor allem darüber, wie wenig Menschen, wie wenig betroffene Menschen zu Wort kommen: auch und vor allem nicht im Internet.

Dabei hätten die viel zu sagen. Nichts schönes, schon klar. Aber trotzdem. Hörenswert.

So jung „ždass sie noch keine Brüste hatte“ war sie, als sie mit einem Unita-Soldaten verheiratet wurde. Von ihm hatte sie dieses eine Kind, das nun im TEZ die Behandlung für massiv Unterernährte erhält. Dann verliess ihr Mann sie für eine andere; er besucht sie aber gelegentlich. Nach ihm hatte sie keinen anderen Mann.

Augenzeugenbericht Angola

Einmal ging ein alter Mann auf Manioksuche. Sie liessen ihn durch. Als er zurückkam, nahmen sie ihm seine Ernte ab und sagten: „žDich töten wir nicht, weil du alt bist.“ Aber sie schnitten ihm ein Ohr ab und zwangen ihn, es zu essen. Sie sagten ihm, es sei Brot.

Augenzeugenbericht Angola

Ich habe Angst bekommen, als ich sah, dass einer der Rebellen eine Axt schwang. Ich schrie und flehte sie an, meinem Enkel nichts anzutun. Es wäre mir lieber gewesen, wenn sie mich umgebracht hätten, als dem Kind etwas anzutun. Sie lachten und stießen mich zu Boden. Als ich verstand, was sie vorhatten, wollte ich fliehen, aber sie haben mich wieder eingefangen und verprügelt. Issa hörte auf zu schreien. Das letzte Bild, das ich von ihm habe, ist, wie er an einen Baumstamm gefesselt wurde. Danach bin ich in Ohnmacht gefallen.

Augenzeugenbericht Sierra Leone

11 Kommentare

  1. 01

    Yep. Da wundere ich mich in der Tat auch.

    Auf http://www.first-jamaica.net (under construction), einer jamaikanischen Plattform, die ich zusammen mit einem Freund aus Kingston erstelle, wollen wir versuchen, verstärkt auch Grassroots-Inhalte einzubinden (wie es im Fall Jamaika z. T. schon z. B. auf http://blog.afflictedyard.com geschieht und in der ehemaligen Print-Fassung von „FIRST“ – http://www.first-jamaica.com – geschehen ist).

    Was in Jamaika zudem Hoffnung macht: dass zunehmend traditionelle Medien Blogs anbieten, die zumindest theoretisch Mitgliedern aller Gesellschaftsschichten als Lese-Schreib-Medium zur Verfügung stehen (z. B. http://www.jamaicaobserver.com/blog/).

  2. 02

    drei menschen, die ich kenne, waren aus verschiedenen Gründen (darunter auch Ärzte ohne Grenzen) in verschiedenen afrikanischen Ländern. keiner von denen hatte danach das bedürfnis zu reden.

    und: mach mal was mit internet, wenn dein dorf keinen strom hat.

  3. 03

    @Steffi: Ich habe eher das Gefühl, dass in Gegenden wie du sie beschreibst nicht die Kapazität bleibt um darüber auch noch groß zu berichten. Aber es gibt doch meines Erachtens Herscharen von Journalisten und anderen die darüber berichten und/oder es können. Trotzdem gebe ich dir natürlich Recht, glaube aber dass es unter anderem auch gerade diese Geschichten und Erlebnisse sind die Netz vermehrt stehen sollten.

    Bye the way: Ich war ein Jahr lang in Sarajevo und habe dort mit Roma gearbeitet und regelmäßig drüber gebloggt. Gelesen haben es trotzdem die wenigstens. Wahrscheinlich ist es eher so, dass entsprechende Themen selten den Weg in das allgemeine Aufmerksamkeitszentrum schaffen.

  4. 04

    @stan: manchmal bin ich´n arsch – an die journalisten hatte ich tatsächlich nicht gedacht. und ja, in der tat ist das berichtenswert. bloß: wieviel davon verträgst Du, bis Du´s nicht mehr aushältst (als leser, aber auch als autor – ich frag mich das grad bei den sachen von frédéric ziemlich oft)?

    gelungenes gegenbeispiel: ein buch, das es bei uns gar nicht gibt, „agora luanda“ – josé eduardo agualusa, ein angolanischer schriftsteller, der auch in brasilien und portugal gelebt hat, mit noch ´nem zweiten autor und zwei fotografen. einfach ne sehr gute reportage, die sich aber vermutlich in den portugiesischsprachigen ländern nur verkauft, weil eben agualusa drauf steht.

  5. 05

    @steffi:

    „wieviel davon verträgst Du, bis Du´s nicht mehr aushältst (als leser, aber auch als autor – ich frag mich das grad bei den sachen von frédéric ziemlich oft)?“

    Das ist definitv eine sehr wichtige Frage. Ich habe festgestellt, dass ich trotz der Offenheit die ich versuche zu bewahren und immer neu zu beleben dann doch oft der Stumpfsinn und die Bequemlichkeit sind die mich vielleicht nicht weghören aber „wegdenken“ lassen. Die Frage nach dem „wieviel halte ich aus“ bleibt doch ich versuche sie mir andersherum zu stellen, nicht abwehrend sondern offen und mit der Bereitschaft dann doch mehr auszuhalten als ich wollte. Hmm… schweres Thema

  6. 06

    http://www.youtube.com/watch?v=qm9wxgOGDu0 <- solltest du dir anschauen. großartig.
    Und lies mal „Shake Hands with the Devil“, wenn du dich für solche Themen inetressierst.

  7. 07

    Um ganz ehrlich zu sein, Frédéric. Ich weiß immer noch nicht, ob ich das lesen wollte, was ich gerade gelesen habe. Ich habe ca. 2 Jahre mit Hotel Rouanda gewartet, bis ich mich getraut habe, den anzuschauen. Ebenso habe ich lange habe ich bei Blood Diamant gezögert. Ich bin da ein kleines Sensibelchen in solchen Sachen. Und wenn ich mich damit beschäftige, dann tue ich das bewusst, ja, ich zwinge mich beinahe dazu. Das fordert Kraft und Anstrengung sich dafür zu interessieren, im Gegensatz zu den meisten Dingen, die einem in Medien begegnen. Ich will mich damit beschäftigen, weil ich es irgendwie für wichtig erachte. Aber nein, es macht keinen Spass und ich tue es nicht gerne. Und auch zugegebenermaßen, selten, zögerlich und wenig intensiv.
    Vielleicht hilft Dir das zur Erklärung.

  8. 08
    Matthias

    Die Welt ist krank und keinen interessierts.

  9. 09
    Frédéric Valin

    @Julian: Das klingt tatsächlich nach sehenswert. Danke dafür!

    @mspro: Sorum war das nicht gemeint: nicht als Anklage an die Welt. Ich finde es bemerkenswert, was alles unter dem medialen Schirm hindurchrutscht; und noch bemerkenswerter, wie viele Stimmen überhaupt nicht gehört werden. Beim Schreiben des Legionärs dachte ich daran, Zeugenaussagen aus den betreffenden Ländern einzubauen: Unglaublich, wie wenig man dazu im Netz findet.

    @steffi: Das klingt jetzt so, als hätte ich mit meinen Artikeln schon beinah märtyrerhaftes geleistet: Für mein Empfinden stimmt das ganz und gar nicht. Die Frage, ob ich ein Thema aushalte oder nicht, hat sich bei mir bisher nie gestellt. Was übrigens sehr stark mit dem Wissen darum zu tun hat, dass Worte niemals auch nur in die Nähe der „Wahrheit“ kommen können.

  10. 10
    fabiank22

    Ich werfe hier mal den Film Shooting Dogs in die Runde. Kleine, ich meine sogar deutsche Produktion, die bei uns lokal ca. zwei Wochen in den Kinos war.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Shooting_Dogs

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