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Minderheitenpolitik in China: Die Uiguren

Die Ansicht, China werde sich durch eine festere Einbindung in das ökonomische Weltgefüge auch politisch öffnen, hält sich hartnäckig. Der Umgang Pekings mit Minderheiten innerhalb der Staatsgrenzen spricht da eine andere Sprache: Das gilt nicht nur (und nicht nur jetzt) für das annektierte Tibet. Sondern auch für medial weniger durchleuchtete Gebiete. Wie die Region Sinkiang.

Sinkiang liegt im äußersten Westen Chinas und ist das Kerngebiet einer turkstämmigen, muslimischgläubigen Volksgruppe, der Uiguren. Separatistische Bestrebungen uigurischer Aktivisten kennt die Region schon lange, aber erst seit ungefähr zwanzig Jahren verhärten sich die Fronten: Während China den „Krieg gegen den Terror“ als Begründung hernimmt, um gegen die Autonomiebestrebungen und Forderungen nach Bürgerrechten vorzugehen, finden radikalislamischen Gruppierungen in der Region mehr und mehr Parteigänger.

Sinkiang band sich erst 1949 fest an die Volksrepublik, und in den Folgejahren war Peking bestrebt, durch eine offensive Siedlungspolitik die Sinisierung der Region voranzutreiben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Nachfolgerepubiken träumten einige lokale Aktivisten von einem freien Uiguristan nach dem Vorbild Kirgistans oder Kasachstans. Die chinesische Regierung antwortete mit einer erneuten Siedlungswelle, bis es im Laufe der 1990er zu schweren Zusammenstößen mit uigurischen Aktivisten kam. Während eines Aufstandes in der Stadt Yining fanden 1997 mutmaßlich mehrere hundert Menschen den Tod. Die Verhaftungen sollen in die zehntausende gehen.

Der nach der WTC-Tragödie ausgerufene „internationale Krieg gegen den Terror“ liefert Peking inzwischen hervorragende Vorwände, um gegen die muslimische Minderheit vorzugehen: Im Oktober 2001 berichtete Amnesty International im Vorfeld eines Besuchs von Kanzler Schröder in China über fünf Hinrichtungen und stellte fest:

Führende Persönlichkeiten der turksprachigen, muslimischen Minderheit sehen sich zunehmend Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt, da die chinesischen Behörden „žSeparatismus“ mit „žTerrorismus“ gleichsetzen. Xinjiang ist derzeit die einzige Region der Volksrepublik China, in der Menschen aus politischen Gründen hingerichtet werden.

Die Region ist für China von einigem wirtschaftlichen und politischen Interesse: Unter der Wüste von Takla Makan liegen bedeutende Erdölvorkommen, außerdem ist sie Testgebiet chinesischer Atomversuche. Die Hoffnung auf eine einvernehmliche Lösung des Konfliktes bleibt angesichts der gewaltsamen Unterdrückung aller Autonomiebestrebungen bei schrittweiser Sinisierung der Region illusorisch: gleichzeitig geben die Entwicklungen auf uigurischer Seite wenig Anlass zur Hoffnung.

Denn die Unabhängigkeitsbewegung radikalisiert sich: Zwar erklärt Enver Can, Präsident des ostturkestanischen Nationkonvents, die Uiguren seien…

…zu keiner Zeit religiöse Extremisten gewesen. Sie sind sozial und kulturell tolerante Menschen. In Ostturkestan leben zahlreiche Buddhisten, Christen und Orthodoxe. In jüngster Zeit aber gehen die chinesischen Behörden mit Repressionen und Beleidigungen gegen den Islam vor, sie haben massive restriktive Maßnahmen verhängt.

Gleichzeitig häufen sich allerdings Berichte, die eine Annäherung uigurischer Rebellen zu militanten Islamisten in der ehemaligen UdSSR konstatieren und Querverbindungen nach Pakistan und Saudi-Arabien ziehen. Die chinesischen Behörden reagieren mit einer Art Generalverdacht gegen alles, was muslimisch angehaucht sein könnte, und bringen damit die Bevökerung gegen sich auf. Ein Uigure berichtete Human Rights Watch:

In meinem Heimatdorf kommt regelmäßig die Miliz, um die Dorfbewohner zu überprüfen. Sie kommen in der Nacht, durchsuchen Haus für Haus. Wenn sie religiöses Material finden, werden die Leute zum Verhör mitgenommen. Sie sagen, dass es sich um „žillegale religiöse Veröffentlichungen“ handelt. Mein Vater ist ein einfacher Bauer, woher soll er wissen, ob sein Koran illegal ist oder nicht?

In den letzten Jahren hat die Region also eher eine Verschärfung des Konfliktes erlebt, und daran wird sich mutmaßlich nichts ändern. Auch und vor allem nicht durch die verstärkte Berichterstattung im Kontext der olympischen Spiele. Die politische Linie der chinesischen Regierung angesichts der Krisen in Tibet und Myanmar dürfte sich die nächsten paar Jahre wohl kaum durch ein paar kritische Artikel in westlichen Medien und eine irgendwie geartete „Öffnung“ durch globalisierte Märkte korrigieren lassen. Vor allem nicht an der Peripherie.

Links:
Vincent Fourniau: Die Uiguren von Sinkiang sollen zu Chinesen werden
Ilaria Maria Sala: Wie Peking in seiner Westprovinz Islamisten produziert
Human Rights Watch: China: Unterdrückung der Uiguren
Human Rights Watch: Devastating Blows – Religious Repression of Uighurs in Xinjiang
FAZ: Himmelsstürmerin. Besprechung der Memoiren der uigurischen Frauenrechtlerin Rebiya Kadeer
Aktuelle AI-Kampagne von zur Olympiade in Peking: Gold für Menschenrechte
Linkliste bei Kilroy zu den Unruhen in Tibet

28 Kommentare

  1. 01

    Wir liefern auch schon wieder Experten zum Thema:

    http://www.duckhome.de/tb/archives/2135-Internationale-Tag-fuer-freie-Meinungsaeusserung-im-Internet.html

    Tibet dient meiner Meinung nach nur dazu, die chinesische Bevölkerung darüber aufzuklären, was passiert wenn sie die Dopingspiele von Peking in irgendeiner Weise stört:

    http://www.duckhome.de/tb/archives/2176-Man-muesste-mal-was-zu-Tibet-sagen.html

    Entschuldigt die zwei Links auf mich, aber das lässt sich nicht in einem Kommentar zusammenfassen.

  2. 02

    Ufff, Spreeblick ist noch nicht gesperrt :)
    Komme hier in Shanghai auf fast keine Webseiten mehr drauf, die irgendwas mit Nachrichten zu tun haben und sich zu Tibet äussern… Nerv.
    Werde mal Sinkiang in die „muss-ich-noch-besuchen“ Liste aufnehmen.
    Gut recherchiert!

  3. 03

    Man sollte Kasachen, Mongolen und viele weitere Minderheiten nicht vergessen, welche ebenfalls unterdrückt werden. Das Ziel ist die Assimilation, die Kulturen dieser Minderheiten dürfen höchstens in touristischen Bereichen existieren- als Exotik für die Mehrheitsbevölkerung.

  4. 04
    Kommentator

    Tibet, Sinkiang, Taiwan, in gewissem Masse Hongkong:
    Die chinesische Führung wird einen Teufel tun und die Ansprüche auf diese Gebiete aufgeben oder aufweichen. Wie das auf andere wirkt, wird auch 2008 egal sein – das wird durchgezogen.

    Ich wünsche mir Sportler, die zur Olympiade reisen und dann im Zieleinlauf (auf dem Startblock/unter den Ringen/beim Anpfiff/sobald Kameras laufen) wie erschossen zusammenbrechen, die tibetanische Fahne über sich breiten und „tot“ liegenbleiben.

    Meinung statt Medaillen.

  5. 05

    @ Kommentator

    Denkende Sportler, die den Mut haben nicht zu siegen. Das ist etwas, was unser System nie tolerieren würde. Vergiß nicht die Funktionäre und Politiker die alle schon Reisefieber haben um nach China zu kommen.

    Wir können nicht von unseren Sportlern verlangen was weder Industrie, Handel noch unsere verkommene Politik bringen. Das sind Sportler. Die können schnell laufen und mit Kugeln schmeißen. Denken ist da nicht unbedingt verlangt.

  6. 06
    Björn

    Das erinnert mich an Volker Pispers und ein Zitat aus seinem aktuellen Programm über das Verhältnis Deutschland – Irak in den 80er Jahren:

    Hussein: „Israel muss zerstört werden“
    Kohl: „Hussein, nicht so laut! Was brauchste denn?“

    Und da China neben der wirtschaftlichen Möglichkeiten auch noch die Rüstungsklasse A hat wird sich das Verhalten des Westens gegenüber dem Reich der Mitte nicht so schnell ändern.

  7. 07
    Gerd

    @Jochen Hoff: Du bist wohl auch Sportler?!

  8. 08

    @Kommentator:

    Danke für das:
    Meinung statt Medaillen.

  9. 09
    Frédéric Valin

    Ich bin nicht so sehr für denkende Sportler. Muhammed Ali in Ehren, und alle, die für eine politische Sache geradegestanden sind, das ist aber nicht die Regel, wenn Sportler sich zu Politik äußern. Da gilt für einmal Goethe, wenn auch verkehrt herum: So schlecht es aber ist, so gut ist es gemeint. Schönes Beispiel: Robert Enke.

    (Und ganz kurz der Gedanke, dass ich gegen denkende Sportler bin, weil Fußballfan.)

  10. 10
    meg24

    mutig wärst du wenn du den blog von peking aus betreiben würdest… :o)

  11. 11

    Leider ist das Verhalten der internationalen Beobachter nur mit der üblichen Schafsmentatliät zu erklären. Und kein Sportler der Welt hätte die charakterliche Stärke, bei der Siegerehrung aufgrund von politischem Protest nicht zu erscheinen. In Amerika werden gegenwärtig täglich Menschen gefoltert und keine Sau wagt es, aus Angst vor Repressalien, Konsequenzen daraus zu ziehen. China ist noch schlimmer. Massenexekutionen, Folterlager, Meinungsmache, usw, usw.

    Vor vielen Jahren hat die blutige und bestialische Abschlachtung von tausenden von Menschen und die Internierung gläubiger Bhuddisten in Konzentrationslager in Tibet auch keinen interessiert. Die Starken Ermorden die Friedlichen (die „Schwachen“) und die ganze Welt denkt nur daran, wie froh sie sind, nicht selbst fällig zu sein.

    „Ich wünsche euch den Mut der Sonne, die jeden Tag die Scheisse dieser Welt erneut erhellt.“

  12. 12
    Frédéric Valin

    @HinRichter: Nicht den Mut, naja. Für die Sportler kann das existenzbedrohend sein, schließlich haben viele Klauseln in ihren Verträgen, die besagen, dass sie sich im Vorfeld und während der Olympiade nicht zur Politik äußern werden. Vertragsbruch dürfte sich mit einer weiteren Aktivität als Sportler nicht eben vertragen, und dann stehst Du vor dem Nichts. Dass nicht jeder zum Helden geboren ist, kann man ja bedauern: Interessanter fände ich die Frage, wie man an die Regisseure herankommt, ans IOC, an Rogge. Oder eben, im Fußball zum Beispiel, an Blatter.

  13. 13

    Sehr interessant bzgl diesem Thema hier, ist auch folgender Artikel ;-)

    http://www.frogged.de/index.php?option=com_content&task=view&id=116&Itemid=51

    Das Video dauert zwar eine Stunde, aber nehmt euch die Zeit; es ist interessant.

    ;-)
    Lg Jakob

  14. 14

    Sehr gut , wie du das öffentlich Interesse am Tibet-Konflikt nutzt und auf andere Probleme aufmerksam machst! So macht es Spaß bei nem A-Blogger zu lesen.

  15. 15

    Nicht vergessen darf man im Zusammenhang mit dem Tibet-Konflikt, dass mal wieder die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen wird, Falschinformationen über Tibet und den Dalai Lama zu verbreiten, basierend auf Schriften eines gewissen C. Goldners. Selbst das geschätzte Telepolis springt dabei auf den Bandwagon auf. Traurig.

  16. 16

    Wie ist das eigentlich hier mit den Sorben?

  17. 17
    Frédéric Valin

    @KleinesF: Du meinst, im Vergleich zu den Uiguren? Oder was die Assimilierungsprozesse anbelangt?

  18. 18
    abudl k

    … und übern hitler der damals grob genommen nicht ganz andere pläne hatte wie die chinesen schimpfen se alle. nur das die chinesen heute als aufstrebende supermacht gefeiert wird… ick versteh et nich du!

  19. 19
    Frédéric Valin

    @abudl k: Naja. Das ist ein Problem in allen Nationalstaaten. Jeder Nationalstaat hat so seine Genozide in der Geschichte mitgenommen, manche sind dadurch überhaupt erst gegründet worden.

  20. 20
    Olle Berta

    Wurde gerade Zensiert, auf Spiegelfechter. Tut wirklich weh, so weh.

    Leider, kann die unheimlichen idiologisierten Pöbeleien ´ala Scientology oder anderer Sekten, die gerade in manchen Blogs pro chinesische Pseudoargumente einflechten, nicht leiden.

    So in etwa wie – is ja schon richtig was die da ´59 gemacht haben, in Tibet regierte schließlich die Reaktion, die Feudale.

    Dann versuch ich halt nochmal hier meinen unflätigen Satz zu verewigen (lieber Jens, bitte sei ganz Ohr)

    Es ist wirklich beschämend, das auf manchen Blogs für Bücher von Albrecht Müller, John Perkins und Naomi Klein geworben wird, während der eigene bizzar berechnende geistige Erguß ungefähr so intelligent und einfühlsam ist, wie das blinde herumstochern in den eigenen Exkrementen.

    Noch ma was für die Aufklärung hinterher, in grenzenloser Demagogie:

    bei der Besatzung gings um:

    – gute strategische Laage zum schnellen abschießen von Atomraketen auf 7000 bis 8000m Höhe

    – Bodenschätze, Mmmmmh so viele Bodenschätze

    – Wald, Holz ja so viel davon, Herrlich gleich allet abholzen.

    – Raum, schlichtweg Raum

    – Quellflüsse – wurden tatsächlich auch schon umgeleitet + illegaler Mega – Staudammbau (mindestens 5 an der Zahl) – auswirkungen auf das asiatische Flußsystem unter Garantie.

    – + das nervt einfach wenn die Nachbarn die ganze Zeit herumbeten, während ma die eigenen Leute in den Gulag wirft

    usw.

    Also Jens, jute Nacht noch

  21. 21

    So ist es eben in China.
    Die KP versucht die Han-Chinesen überall in die dominierende Rolle zu bringen, selbst wenn dort eigentlich andere Ethnien die Mehrheit bilden. Aber die wird unterdrückt und so entsteht wie bei den Uiguren Terror.

  22. 22

    Ich musste hier auch an Pispers denken – schon beim satz

    „Die Ansicht, China werde sich durch eine festere Einbindung in das ökonomische Weltgefüge auch politisch öffnen, hält sich hartnäckig.“

    konnte ich mir ein lächeln nicht verkneifen, da pispers ja bei seinem Besuch in der Anstalt (zu finden bei Youtube, wie auch sein volles Programm) aufzeigt, was die Chinesen eigentlich mit ihrem Pseudo-Kapitalismus bezwecken.

    PS: Ich würde mir eh gern mal ein Interview oder ähnliches von Spreeblick mit Pispers wünschen, vielleicht bekommt so der meines Erachtens nach beste Kabarettist Deutschlands endlich einmal die Aufmerksamkeit die ihm gebührt und jemand so unlustiges wie der Herr Barth verschwindet wieder in die Höhle in die er gehört.

    Just my Opinion, for sure.

    Dominik

  23. 23
    Frédéric Valin

    @endur: Das ist eine schöne Idee. Da werd ich mal drüber nachdenken. Auf die Vorbereitung würde ich mich ja jetzt schon freuen.

  24. 24

    Ja traurig, wie es da abgeht. Ich meine, China ist schon ein Fall für sich, wie die eigene Meinung da unterdrückt wird und dann die Minderheiten zerstört usw.

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