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Billy Bragg in der Passionskirche

Eines Morgens wachte ich auf der anderen Seite des Flusses auf. Noch am Abend zuvor hatte ich von gegenüber Steine auf diese Seite geschmissen und mich köstlich amüsiert über diejenigen, die im 21. Jahrhundert noch immer von den Stones und „Bobby“ Dylan schwärmten — ihren halbtoten Popgötzen. Und nun starrte ich selbst in die bemitleidenden Jugendaugen auf der anderen Seite und fabulierte dabei von The Clash, den Undertones und … Billy Bragg.

Herzlich willkommen im Erwachsenen, dem Lebensabschnitt, in dem die Vergangenheit mindestens so wichtig ist wie die Zukunft und in dem sich Konzerte wie ein Elternabend anfühlen.

Das klingt gehässiger, als es gemeint ist, denn schließlich passe ich selbst ebenso hundertprozentig in dieses Bild wie Billy Bragg, der Mann auf der Bühne vor dem Altar, der glücklicherweise mit dieser Situation genauso seinen selbstironischen Frieden gemacht hat wie (hoffentlich) jeder der gestern zahlreich in der Berliner Passionskirche erschienenen Besucher.

Mit liebevoller Freundlichkeit und einer Menge Respekt feierten wir also einen Helden unserer Generation, einen charmanten und immer wieder begeisternden (und begeisterten) Geschichtenerzähler, Liedschreiber und Entertainer. Und wenn Billy Bragg erklärt, dass Eltern nicht mehr wie ein „Sexy Love God“ tanzen können, weil das jahrelang exerzierte, albern armrudernde und debil grinsende Vortanzen zur Belustigung übellauniger Kleinkinder seine Spuren hinterlassen hat, dann klatschen wir wissend und schauen dabei heimlich auf die Uhr, weil der Babysitter heute nur bis 22:30h Zeit hat und wir ehrlich gesagt auch ziemlich müde sind und morgen wieder um sechs raus müssen. Darüber können und müssen wir selbst lächeln und genießen dabei die Klänge und Wörter, die uns noch immer einen Schauer über den ganzen Körper jagen, denn sie heiratete, noch bevor sie wahlberechtigt war und wir warten immer noch auf den großen Satz nach vorn. Und wenn Herr Bragg uns so nett bittet, dann suchen wir auch lauthals nochmal eine neue Freundin.

Billy Bragg spricht sicher nicht nur mir als Vater zweier Jungs aus dem Herzen, wenn er die nostalgischen Erinnerungen an seinen ersten Clash-Gig auf den Punkt bringt. Denn nicht um diese eine oder andere Band oder Musikrichtung geht es beim beglückten Rückblick auf die eigene Sozialisierung, sondern um den ehrlichen Wunsch für jeden Heranwachsenden, ähnlich Lebensbeeinflussendes erleben zu dürfen; spüren zu können, zu welcher Generation man sich dazugehörig fühlt; eben: Sich nicht allein zu fühlen.

Trotzdem. Als Bragg vom Gig am Vorabend berichtet, als er sich in der Hamburger Markthalle wie The Clash vorkam und im „Kampf mit dem Publikum“ endlosen Spaß hatte, da fällt mein Blick auf die Worte „Das Wort Gottes“ an der Kanzel hinter ihm, und ich erwische mich bei dem Wunsch, dass ich lieber in Hamburg gewesen wäre. Dann hätte ich das alles vielleicht nicht nur gehört, sondern auch noch einmal gespürt.

19 Kommentare

  1. 01

    als mich gestern ein mitteljunges paar gefragt hat, wo denn die passionskirche sei, da sei nämlich ein konzert, dachte ich eher an sisters of mercy oder sonstwas christliches. oder ist billy bragg wanderprediger?

  2. 02
  3. 03

    Es ist nie zu spät um von Bobby Dylan zu schwärmen…ehrlich!

  4. 04

    Ist die Passionskirche eine aktive Kirche? Da gibt es doch immer wieder mal Konzerte, oder? Ich hab hier so eine Anne Clark Live CD, die da aufgenommen wude.

  5. 05

    @marvin: Ich weiß schon. Aber du weißt schon. :)

    @Andreas Schepers: Ja, aktive Kirche, und ja, oft Konzerte. :)

  6. 06

    Ahoi!

    Das war ein Abend! Genial, wirklich! Es hatte fast etwas besinnliches fand ich :-) Wir sind extra aus Braunschweig angereist und es hat sich wirklich gelohnt. In mehrfacher Hinsicht. Das Konzert war wunderbar und Billy hat auch noch bei uns im Hotel gewohnt. Wir haben es uns nicht nehmen lassen ihm heute morgen beim Frühstück für den gestrigen Abend zu danken und dann noch ein wenig Smalltalk. Schön das er offen und freundlich war.

    War Johnny mit seinem Mac da? Dann hatte er einen guten Platz ;-)

    Regards,
    Matze

  7. 07

    @Matze: Du meine Güte, nein, natürlich war ich nicht mit Laptop beim Konzert. Nee, nee. Ich stand in der ersten Hälfte notgedrungen hinten, dann vorne links.

  8. 08

    @Johnny Haeusler: :-) ….und ich dachte schon!
    Haben uns rechts außen die Beine in den Bauch gestanden.

  9. 09

    @Matze: Ach IHR wart das! ;) (Ihr steht quasi im Dunkel des ersten Bildes oben)

  10. 10

    @Johnny Haeusler: :-p …qusi ja! Lustig, hatte ja mit Dir gerechnet weil wegen Bericht auch vom letzten Konzert. Na dann…bin mal gespannt auf seinen nächsten Besuch in Berlin.

  11. 11

    ich würde mir auch gerne mal ne neue oder sagen wir mal überhaupt eine freundin suchen, wie b.b., klappt aber nicht! ich würde auch kompromisse beim aussehen eingehen, hauptsache frau!
    die vergeblichen bemühungen: „pimmel-ede oder wie er die welt sah“
    http://pimmelede.wordpress.com/

  12. 12
    BeBo

    Es war schön, den Herrn Bragg mal wieder live zu sehen. Habe mal in meiner Konzertkartensammlung nachgesehen, zum ersten mal habe ich ihn 1988 in Bielefeld im PC69 für sagenhafte 17,- DM gesehen. Man ist das lange her“¦..

    Die Passionskirche als Konzertort ist schon etwas sehr ausgefallenes, sehr cool!

    Ich fand“™s klasse“¦.!

  13. 13
    Marcel

    Es war wirklich extrem cool. Es war mein erstes Billy Bragg Konzert und ich werde es sicher nicht so schnell vergessen. Ich konnte keinen Text richtig auswendig, was bei diesem Publikum aber keine Rolle spielte, das fand ich persönlich etwas schade. Ich hatte ein Publikum erwartet, das aufsteht und laut mitsingt oder wenigstens etwas Präsenz zeigt. Nun gut, ich bin (erst) 18, also laut Billy ein Teil der Jugend, die sich nach 20 min Gitarrenmusik ohne anständige Lichtshow schon langweilt. :o) Da hat sich der Billy aber geirrt, denn ich hatte irrsinnig viel Spaß. Wäre jemand vielleicht so nett und könnte einmal die Setlist angeben. Für mich war dieses Konzert der endgültige Anstoß, mir seine komplette Diskographie zuzulegen. Nach dem Konzert habe ich auch noch gewartet und ein Foto mit mir und Billy machen lassen. Bin echt stolz drauf.

  14. 14
  15. 15
    BeBo

    @Marcel
    Kauf dir die, da hast du die besten Sachen auf einen Schlag: http://www.billybragg.co.uk/releases/albums/must_i_paint_essential/index.html

    Zum Thema Präsenz des Publikums: Die haben wohl, wie ich, ganz andächtig ihre Gänsehaut genossen.

  16. 16

    Die Essential Must I Paint A Picture habe ich schon… Ich spielte eher auf die beiden Box Sets Vol. I & II an. Bringt mich zwar als Schüler in finanzielle Schwierigkeiten, aber reicht mir auch erstmal eine der beiden Box Sets. Welche würdet Ihr mir empfehlen?

    Das Bild mit mir und Billy Bragg findet Ihr auf meiner MySpace-Seite unter den Fotos => Meine Fotos. Klickt dazu auf meinen Namen oben.

    Mal ’ne andere Frage: Gibt es eigentlich eine deutsche Billy Bragg – Homepage mit Forum und allem drum und dran?

  17. 17

    Diese iPhone-Fotos, man müsste deren schlimme Qualität irgendwie schleunigst zu einem neuen Foto-Standard erklären, irgendwas kultiges, was dann später für Photoshop als teueres PlugIn verkauft wird.

    Mensch, ich habe Bragg noch auf Vinyl. Ich brauche unbedingt jetzt endlich mal ’nen neuen Abtaster für den schwarze Scheiben-Abspieler.

  18. 18
    Alex

    Obwohl schon seit Jahren Fan, wars mein ersten BB-Konzert – und ich war hingerissen. Und ich wär auch gern in Hamburg gewesen, aber nicht statt, sondern + Berlin.

    Beim anschließenden Stöbern stieß ich auf eine spreeblick-Meldung zu einem kostenlosen Download eines Konzerts von 2006 in Salisbury direkt von BBs Webseite. Der Link ist leider tot, kann mir vielleicht jemand einen Tip geben?

  19. 19

    Schaut jetzt mal bei Youtube rein, da hat jemand das gesamte Berliner Konzert reingestellt – einfach nach „Billy Bragg Passionskirche“ suchen.

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