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Schweiz – Türkei 1:2

Huup.
Ich stand einmal zehn Minuten an einer Straße in Ankara. Es war keine besonders große Straße und Leute, denen ich davon erzähle, sagen immer, ich hätte es doch wie Ulrich Wickert damals in Paris machen können. Diese Leute wissen nicht, dass in Ankara die Straßen mit deutschen Auslandskorrespondenten gepflastert sind, die auch nur eine Gasse überqueren wollten wie der francophile Sympath. Denn in der Türkei hupt man nicht. Jedenfalls nicht zur Warnung. Man fährt. Und man hupt, wenn man sich freut.
Huup.

Das Spiel selbst ist rasch erzählt, wenn man mit den wesentlichen Regeln des Wasserballs vertraut ist.
Beim Wasserball geht es unter der Wasseroberfläche hart zur Sache (weshalb bei Schlägereien oder Reitunfällen besonders übel zugerichtete Hoden unter Urologen Wasserballerklöten heißen). So war auch dieses Spiel ein entschlossen geführtes.

Das Schweizer Tor fiel, weil der Ball in eine Pfütze platschte und dort so lange liegen blieb bis Hakan Yakin sich entschließen konnte, ihn über die Linie zu schieben. Neuer Jubeltrend bei der Euro 2008: Nicht jubeln – wegen der schon sprichwörtlichen zwei Herzen. Dabei hieße echter Respekt vor dem Land der Eltern doch: gar nicht erst das Tor machen.
Da soll sich der Ethikrat mit befassen.
Sein kurzes Dankeschön gen Himmel richtete Yakin übrigens nicht an Fortuna, sondern religiös korrekt an Neptun.

Huup.

Dank der ZDF-Analyse weiß ich, dass die Abwehr der Schweizer beim Ausgleich komplett versagt hat. Die anklagenden Kringel von Guido Knopp zogen sich um die zwei Träumer, die den Flankengeber nicht angegriffen haben, den Abwehr-Guck-in-die-Luft, der das Abseits nicht nur aufhob, sondern gleich unmöglich machte.
Und der Torwart, Mann!, der hätte ja auch mal bessere Reflexe mitbringen können. Na, verdammt nochmal.

Mit bloßem Auge habe ich gesehen, dass die Schweizer einfach nicht das Tempo aufbringen konnten, das für ein weiteres Verbleiben im Turnier nötig gewesen wäre. Während des Konters, der vier Schweizern die Möglichkeit eröffnete, zwei Türken auszuspielen, konnte ich meinem verschollenen Steuerberater hinterhertelefonieren, ein Online-Pokerturnier gewinnen und einen originell geformten Haufen setzen, der mir morgen Rekordaufrufe meiner noch geheimen flickr-Seite bringen wird. Als der ballführende Schweizer dann am gegnerischen Strafraum angekommen war, passte er ungenau auf einen Mitspieler, der aber keine Lust hatte und den Ball weitergab auf den Dritten, der ihn dem türkischen Keeper Volkan in die Arme schaufelte.

Huuup.

Der Schweizer ZDF-Experte Urs Meier erwies sich als Mann von großem Sportsgeist, als er die Szene mit den geschliffenen Worten:
„Die Mutter von Volkan wird ihn heute nicht rügen, die wird ihn loben“
kommentierte.

Auf den Wellen des Stadionsees wogte das Spiel dann noch ein bisschen hin- und her, Abstiegskampf pur lautet die Fußballerphrase dazu.
In der Nachspielzeit dann das überraschende Tor durch Turan.

Huuup.

Schade, dass das bessere der beiden Gastgeberteams jetzt draußen ist, Österreich wird vermutlich morgen folgen.
Ob man den Deutschen die Türkei oder Tschechien wünschen sollte als Viertelfinalgegner, kann ich nicht sagen. Die meisten Völkerverständigungsexperten, die ich gefragt habe, befürchten keine Unruhen für Kreuzberg, sollten Türken und Deutsche aufeinander treffen, ich glaube auch nicht, dass es zu Krawallen kommen würde. Fußballerisch haben weder die Tschechen noch die Türken Besonderes geleistet, die Tschechen sind etwas routinierter, die Türken ein wenig ideenreicher.

Huuup.

Ich bin damals übrigens doch noch über die Straße gekommen. Meine türkische Freundin hat mich geschubst.
„Ein Mann wartet doch nicht“, sagte sie mit einem interessanten Lächeln. Dann hupte ihr Handy.

8 Kommentare

  1. 01

    Besonderes Lob verdient Wolf-Dieter Poschmann, ich habe schon lange nicht mehr so viel lachen müssen bei nem Kommentar, auch wenn die Witze teils bissi flach sind – Kontrast zu den Bergen in der Schweiz wohl…

    Schweizer schubst Türke im Zweikampf um und spielt unschuldig: „Und was sagt er: Ich hab nur den Mann gespielt.“

    „Einer der Kleinsten im Feld, wenn der Wasserstand steigt, wirds gefährlich.“

    Türkischer Trainer steht mit weit geöffnetem Hemd und 180 Puls am Seitenrand: „Man kann nicht sagen, dass ihm der Kragen geplatzt ist, aber es ist kurz davor.“

    „Der Begriff Kapitän bekommt angesichts der Platzverhältnisse gleich eine ganz neue Deutung.“

    Fantastisch, danke W-D :)

  2. 02

    Mir tun die Schweizer leid. So viel Pech zu haben, das schafft auch nicht jeder.

  3. 03

    Das Pech der Schweizer war, dass in der zweiten Hälfte keiner Wasserball mehr möglich war.

    Auf jeden Fall haben die beiden Teams mehr geboten als Griechen und Schweden je in ihrem (Fußball)Leben zu bieten haben werden.

    Schade Schweiz, viel Leidenschaft…

  4. 04

    Wegen übermüdeter Freundin zehn Minuten vor Spielende ins Bett gegangen.
    Elf Minuten später hochgeschreckt, weil der Geräuschpegel stetig zunahm und sich zu einer Kakophonie aus Böllerschüssen, schrillen Pfeifens, frenetischen Jubelns und fanatischem Gehupe hochsteigerte.
    „Jetzt haben die Türken doch noch ein Tor geschossen“, so die im Halbschlaf geäußerte Bemerkung meiner Freundin.

  5. 05
    Alberto Green

    @Paul: Ohne jetzt in allzu fiesen Chauvinismus abgleiten zu wollen: Es ist mir schon immer höchst erstaunlich vorkommen, daß Frauen im Halbschlaf plötzlich Ahnung von Fußball haben. Tagsüber ist eher Frisurenrezensieren angesagt, aber sobald der Speichel sich langsam dem Kopfkissen nähert, werden sie zu einer kompetenten Ausgabe von Jürgen Klopp.
    Disclosure: Ich habe nicht einmal im Halbschlaf Ahnung von Fußball, kann aber tagsüber so tun.

  6. 06
    Richi

    @Tom:

    Ging mir auch so, war positiv überrascht. Vor allem weil ich W.D. beim ersten von ihm kommentierten Spiel (Aut-Cro) sehr schlecht fand.

  7. 07
    Marco

    Nach dem Spiel sind meine Freundin und ich noch raus, was trinken und Türken gucken gegangen. Die haben sich hupend, hüpfend und tanzend auf der Kreuzung versammelt, jeden umarmt der „Türkiye“ gerufen hat, um dann mit demjenigen die Möglichkeit des Deutschland-Türkei Viertelfinales zu besprechen. Dann hat jemand einen Ball besorgt und es wurde auf der Strasse Fußball gespielt. Mein Bruder, der gerade am Bahnhof war hat mir berichtet, daß es keine Taxis mehr gäbe, weil die Taxis alle um den Bahnhof fahren und hupen. Ist doch eigentlich ganz süß.

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