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Stimmen für den Mellow Park!

Da genügt ein Podcast nicht, wenn eines der ambitioniertesten und großartigsten (und, die Wortwahl verrät es schon, natürlich privat initiierten) Jugendprojekte Berlins vor dem Aus steht. Da muss noch ein Artikel hinterher mit der direkten Bitte, sich doch auf der eigens eingerichteten Website des Projekts (die reguläre Site ist hier) zu informieren und die Initiatoren durch Absenden eines Briefes oder einer Mail an die Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler (gabriele.schoettler@ba-tk.verwalt-berlin.de) zu unterstützen. Wobei ich zugeben muss, dass mir der vorformulierte Brief (hier die PDF-Version) etwas zu harmlos daherkommt, man darf da ruhig mal deutlicher werden:

Denn die wahre Tragweite der Kinder- und Jugendpolitik des Berliner Senats, die selbstverständlich nicht nur den Mellow Park betrifft, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Wenn die Investitionsobjekte nämlich (leer)stehen, die an die Stellen der selbst initiierten Projekte getreten sind (und na klar, auch Mediaspree wird uns hier noch vor dem Volksentscheid beschäftigen) und wenn mal wieder das große „Warum?“ die Runde macht:

WARUM sitzen die den ganzen Tag nur vor dem Computer?
WARUM verprügeln die sich untereinander?
WARUM zerstören die den Besitz anderer Leute?
WARUM haben die keine Zukunftsvision?

Ich kann mir vorstellen, wie schwer es für Politiker sein muss, über die Laufzeit von Wahlperioden hinaus, also mit tatsächlichem Weitblick, handeln zu können, denn ich unterstelle netterweise gar nicht, dass es niemand will. Doch jedes Verständnis hat Grenzen und irgendwann wird es durch blanken Egoismus ersetzt, wenn der Wunsch nach einer lebenswerten Umgebung für alle Generationen, Einkommens- und Bildungsschichten und Kulturen zu einer Forderung wird.

Gestern wurde in Berlin mal wieder für mehr Lehrer und kleinere Klassen demonstriert, der Versuch, symbolischen Sand ins Getriebe (in diesem Fall: auf die Straße) zu streuen, scheiterte an dem polizeilichen Hinweis, dass das verboten sei und die Organisatoren für die Reinigung aufkommen müssten — ein überschaubares Risiko meiner Meinung nach, denn wie medienwirksam wäre ein hübscher Prozess gegen Eltern wegen nicht gezahlter Straßenreinigungskosten nach einer Demo gewesen?

Sei’s drum, dann warten wir eben ab, bis sich alle entsetzt die Hände vors Gesicht schlagen können, wenn sich, wie in England, Kinder gegenseitig abballern oder, wie in Frankreich, Autos und Gebäude brennen. Und auch wenn die Berliner Jugendpolitik nur ein Teil der Auslöser solcher möglicher Folgen sein mag: Sie ist ein erheblicher.

Es gibt kaum einen Bereich, in dem Politik so heuchlerisch und arrogant vorgeht wie im Bereich der Bildung und Kinder- und Jugend-Betreuung und es macht mich fertig, dass ich es nicht schaffe, regelmäßiger über das zu berichten, was man als Eltern in Deutschland erlebt. Denn so verworren sind Gesetzgebungen, so verstrickt die diversen Interessen, so kompliziert die eingehende und faire Recherche einzelner Herausforderungen, dass man meinen könnte, diese Komplexitität sei beabsichtigt um klare Worte zu erschweren.

Eltern ohne Lobby und Heranwachsende als Wahlkampf-Kanonenfutter, das wird uns hier verstärkt beschäftigen. Wenn es nicht im Großen und Ganzen geht, dann eben Schritt für Schritt und immer wieder.

Morgen gibt es die nächste Demo, diesmal geht es um die fehlenden Erzieher/innen für die Ganztagsbetreuung, die man, ohne die vorhandenen und engagierten Erzieher/innen damit angreifen zu wollen, notgedrungen wohl auch bald in „Aufbewahrungsstätten“ umbennen könnte.

Er würde seine Kinder nicht in Kreuzberg zur Schule schicken, meinte Wowereit einmal und um diesen Scheißspruch zu entkräften, tingelte er sogar einen Tag lang mit gehörig Presse im Schlepptau durch ein paar Kreuzberger Schulen. Sein damaliges Versprechen, Gelder für ein undichtes Turnhallendach (!) zur Verfügung zu stellen, hat er nach meinen Informationen gehalten. Er will also offenbar unsere Kinder nicht im Regen stehen lassen, doch der aufkommende Sturm scheint ihm egal zu sein. Und da darf ich dann mal fragen:

WARUM?

8 Kommentare

  1. 01

    Interessiert sich überhaupt jemand für Kinder? Wäre hier ein Beitrag über eine Frau, die auf einer Rolltreppe kreist, wären schon 12 Kommentare geschrieben …

    > Es gibt kaum einen Bereich, in dem Politik so heuchlerisch und arrogant vorgeht wie im Bereich der Bildung und Kinder- und Jugend-Betreuung …

    Ganz genau meine Meinung. Ich kenne das aus erster Hand. Leider kann man unter seinem richtigen Namen nicht schreiben, was man für notwendig hält.

  2. 02

    @Ivo: Genau darüber reden wir natürlich hier auch, aber:

    Man darf das mit den Rolltreppen-Videos nicht zu negativ sehen, denn sonst hätten wir schon aufgehört. Wenn die Rolltreppen-Videos ein paar Leute hierher bringen, von denen wiederum ein paar die anderen Artikel bemerken, dann ist das voll okay. So gehe ich damit um. (Und das Video ist klasse und das Leben besteht ja nicht nur aus Ernsthaftigkeiten)

    Ich mail dich wegen der anderen Zeilen gerne mal an, wenn deine Adresse keine echte ist, tust du es? johnny@spreeblick.com

  3. 03
    Löckengelöt

    Darf ich das als vorformulierten Brief ans Fräulein Schöttler schicken?

  4. 04
    Stephan

    Das war auch mein erster Gedanke …

  5. 05

    Kinder dürfen nicht wählen gehen, also sind sie für Politiker ungefährlich. Man muss nur hoffen, dass sie man sie bis zum 18. Lebensjahr genug verdummen kann, damit sie dann auf Bildzeitungsniveau (a)dressiert werden können.

  6. 06

    @Löckengelöt: Aber gern doch! Wir werden auch gelesen, an mancher Senatsstelle, was mir hilft, mir einzureden, dass ich einen Teil zum Protest beitragen kann.

  7. 07
    Schlag dich tot

    Was passiert wenn….. man muss sich die Scenarios gar nicht ausdenken. Einfach mal Zeitung lesen:

    „Was haben Sie denn damals gedacht, wie es weitergeben soll? Keinen Schulabschluss, überall rausgeflogen, keinen Job, kiffen, trinken?“ Und mit Blick auf die diversen Rauschmittel: „Haben Sie sich denn mal überlegt, aufzuhören?“ Der mittlerweile 18-Jährige hebt die Hände: „Mir war so langweilig, ich wusste nicht, was ich mache den ganzen Tag.“

    (Quelle: http://www.zeit.de/news/artikel/2008/06/25/2558969.xml)

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