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Olympische Sportarten, die uns erstaunen

Wenn man Olympia mal unideologisch betrachtet und unideologisch ist es ja nun am allerwenigsten, dann bleibt der Blick auf ein Sportfest mit Menschen, die Übermenschliches zu leisten imstande sind – und erstaunlich viele Sportarten, die unfassbar bizarr sind.

Synchronschwimmen
Bei der Erfindung des Synchronschwimmens wäre man gern dabei gewesen. Ob Walther Synkowiszc im Jahr 1884 eine Entenfamilie beim simultanen Gründeln beobachtet hat oder Zwillingen dabei zusah, wie sie Wassergymnastik betrieben, man weiß es nicht. Fest steht, dass Synkowiszc im Sommer dieses Jahres seinen vier Kindern Wäscheklammern auf die Nase und sich selbst ein Cello zwischen die Beine geklemmt hat und die Kleinen dann in den gerade erst erfundenen Swimmingpool warf (der bis dahin Kloake hieß), und anfing, langsame Walzer zu spielen.

Bogenschießen
Bogenschießen ist in Korea Volkssport.

Was es wohl für die südkoreanische Versicherungswirtschaft bedeutet, dass Kinder, statt sich Bälle zuzuschießen, aufeinander schießen? Kann man sich in Südkorea gegen ausgeschossene Augen versichern?

Triathlon
So etwas wie Triathlon hat man früher benutzt, um Dissidenten zu brechen. Gewaltmärsche bringen es mit sich, dass man vor Erschöpfung am Ziel nicht mehr ruhen kann, man wacht fiebrig und halluziniert. Kein Wunder, dass diese Sportart bei Ex-Junkies so beliebt ist. Die Besonderheit des olympischen Triathlons ist, dass er kürzer ist als ein halber Iron-Man. Das ist, als würde man den Sieger im Fußball in 40-Minuten-Spielen ermitteln. Daraus folgt eine Besonderheit in den Regeln:
„Die hohe Leistungsdichte erforderte eine Freigabe des ansonsten gegebenen Windschattenfahrverbots.“

Softball
Softball ist die familienfreundliche Variante des Baseballs. So wie Kuscheln die familienfreundliche Variante des Schmusens ist. Es ist olympisch, weil die Marketingzentrale eines bekannten Softdrinkproduzenten dachte: „Hey.“ Berühmte Softballspieler sind Richard Sanderson, Richard Clayderman, Bushido und Samson aus der Sesamstraße, der letztere aber nur unter der Bettdecke.

Gehen
Gehen ist genauso anstrengend wie Laufen. Das ist das Mantra der Geher. Diese Aussage ist nicht zu bezweifeln. Ich habe schon Gehwettbewerbe gesehen, in denen ein Geher nach 19 Kilometern von einem Männlein auf einer Vespa disqualifiziert wurden, weil er zwei Beine gleichzeitig in der Luft hatte. So definieren Geher Laufen. Wenn also demnächst 10 Meter vor der Supermarktkasse ein ungewaschener Rentner anfängt, sich unangemessen schnell zu bewegen, um vor Ihnen seine Einkäufe bezahlen zu dürfen, rufen Sie nicht einfach: „Was rennst du denn auf einmal so, du unhöflicher Arsch?“ Schauen Sie genau auf seine Beine und sagen dann korrekt: „Was gehst du denn auf einmal so (schnell), du unhöflicher Arsch?“

Rhythmische Sportgymnastik
Wenn man sich so eingehend wie ich mit der Rhythmischen Sportgymnastik beschäftigt, gelangt man unweigerlich zu dem Wikipedia-Artikel Keulen und dort zu der Kapitelüberschrift Frühe Keulen. Wenn man lang genug „Frühe Keulen“ sagt, wird einem plötzlich bewusst, dass Gary Larson und Don Martin für die meisten Wikipediaartikel verantwortlich sein müssen.
Aber zurück zum Thema: Bei der Rhythmischen Sportgymnastik bewegen sich die Sportlerinnen – Männer verweigern sich dem grazilen Spiel der Schwingungen – mit ihren Geräten im Einklang mit der Musik. Verständlicherweise wird diese Sportart von ehemaligen Waldorfschülerinnen dominiert. Im Einklang mit der Musik.

Dass Männer und rhythmische Sportgymnastik zusammenpassen wie Quallen und Ölmassagen, belegt folgendes Schauspiel, das mich im Sportunterricht zeigt (Achtung – Symbolbild: Darsteller entspricht dem historischen Vorbild vom Typ).

Fußball
Olympischer Fußball ist wie Pornos auf Premiere. Nicht das Wahre.
Früher durften nur Amateure antreten, was dazu führte, dass die Ostblock-Staaten ihre Profis Amateure nannten und die westlichen Staaten daraufhin die osteuropäischen Athleten immer in Anführungszeichen setzten und sie beleidigt Staatsamateure nannten. Heute treten Jugendmannschaften an, die mit Senioren verstärkt werden. Es gewinnt immer das Land, für das aus irgendeinem sportfernen Grund der Sieg gerade besonders wichtig ist. Derzeit ist es Brasilien, das sich für die Olympia-Bewerbung Rio de Janeiros 2016 ins rechte Licht setzen will, das Druck auf seine Stars ausübt und diese damit dem Ärger mit ihren Arbeitgebern aussetzt. Sportlich hat das olympische Fußballturnier nicht den geringsten Wert. Selbst Fußballfans, die die bevorzugte Sockenfarbe des FC Schweinfurt 05-Trainers in der Saison 74/75 kennen, wissen nicht, welche Mannschaft in Athen Gold gewonnen hat.

Moderner Fünfkampf
Man ist natürlich skeptisch bei diesen Adjektiven. Eine Compilation, die mit brandneuen Hits wirbt, Schinken, der frisch sein soll, Plakate, auf denen ein Comedian als superwitzig bezeichnet wird und Popgruppen, die „Modern“ im Namen tragen – alles höchst verdächtig. Der moderne Fünfkampf aber ist modern. Als hätten Mash-Up-Künstler diese Sportart erfunden, werden hier Disziplinen vermengt, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick nichts gemein haben. Springreiter sind immer blonde Frauen mit putzigen Zöpfen und lustigen Kappen, die später Zahnmedizin studieren und dann Familienministerin werden, Pistolenschützen sind einsame Amoklaufaspiranten, die so lange akribisch planen, bis sie vergessen haben, warum sie wütend sind, Schwimmer sind geil, haben aber nichts davon, weil sie immer schwimmen müssen oder dopen oder schwimmend dopen, Fechter leben in Tauberbischofsheim oder in Internaten oder Burschenschaften und Crossläufer merken bald, dass sie den Kick, den sie vom Heroin so liebten, nur bei härteren Sportarten bekommen (siehe Triathlon).

Turnen
Die Stars des Turnens heißen Turnküken, was daran liegt, dass man die Übungen nur absolvieren kann, wenn man ein kleines Mädchen ist. Verfügt man jedoch über Hoden, Brüste oder sonst irgendeinen unnötigen Ballast, verliert man die Sympathie der kinderlieben Punktrichter und die Balance. Das Doping dieser Sportart heißt Dokumentenfälschung. Die vermutlich erst 14 Jahre alte He Kexin wurde plötzlich 16 und darf daher antreten. Zur höheren Ehre Chinas und als Symbolfigur der positiven Auswirkungen von Kinderarbeit.

Es wäre noch so viel zu sagen. Über BMX-Fahren. Über Ringen (mit besonderem Augenmerk auf das Schwergewichtsringen der Frauen), über frühere olympische Disziplinen (Tauziehen! Seilklettern!).
Aber da es bei diesen Spielen ja nun zuallerletzt um Sport geht, wenden wir uns wieder den wichtigen Dingen zu:

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25 Kommentare

  1. 01
    bunki

    Zitat: „Olympischer Fußball ist wie Pornos auf Premiere.“ ROFL! „Hoden oder Brüste als unnötiger Baallast!2 LOL

    Und Malte, wenn du noch so viel in dieser Gütestufe zu sagen hast, dann schreib bitte eine Fortsetzung

  2. 02

    @bunki:

    du bist ja wohl mal olympisch. wie schnell kann man denn kommentieren?

  3. 03

    Seit die Aufsicht hier abwesend ist, seid Ihr aber bisschen on fire, wie? Gefällt mir, das neue Spreeblick, mit Inhalt und so.

  4. 04

    Sehr gute Performance im ersten Video. Respect, guter Mann.

  5. 05
    dawill

    So unwichtig ist das Fußballturnier bei Olympia nun auch nicht. Und gewonnen hat es 2004 Argentinien. Und Brasilien will aus eben diesem Grund jetzt bei Olympia gewinnen. Die beiden mögen sich nämlich fast so gerne wie Köln und Düsseldorf :D

  6. 06
    Grumpy

    High-Tech-Bögen … pffft.

    Da fehlt die Ruhe. Weiß auch erst seit kurzem, daß der diesjährige Kyudo-Europameister aus Deutschland kommt – aus’m Netz gefischt.

    Das ist Bogenschiessen.

  7. 07

    sensationell lustig, ich hab so gelacht!
    und sensationelles video am ende.
    danke :)

  8. 08
    Alberto Green

    Malte, wenn deine Katze alt genug ist, wäre doch Kyudo ne billige Alternative zur Kastration beim Tierarzt. Ansonsten hat Bunki recht.

  9. 09

    @dawill: da musste ich dann doch nachschauen, obwohl mir dann auch wieder einfiel, dass ich das finale sogar gesehen habe.
    dafür wusste ich ausm stand die vier sieger davor: (rückwärts) kamerun, nigeria, spanien, udssr. grandioses zusatzwissen. ha.

  10. 10
    Tyler

    Heute übrigens in der taz gelesen, dass es Tibet super geht:

    http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/diese-wohlanstaendigkeit-nervt/

    „Tibet ist zwar ärmer als andere Teile Chinas, aber lang nicht so arm wie etwa Nepal, wohin ich dann im Anschluss gefahren bin. [„¦]
    Außerdem halte ich das Gequatsche von der Überfremdung für großen Mist. In Tibet leben insgesamt zehn Prozent Chinesen, das entspricht dem Ausländeranteil in Deutschland. Man muss sich nur mal überlegen, wer in Deutschland von Überfremdung spricht „¦“

  11. 11
    Jan(TM)

    Wer ist das „uns“ in der Überschrift?

  12. 12
    shoggoth

    Malte Respekt! „Ob Walther Synkowiszc im Jahr 1884 eine Entenfamilie beim simultanen Gründeln beobachtet“
    Endlich hat einer mal eine schlüssige Theorie für die Entstehung dieses sehr … eigensinnigen Sports gefunden.
    DANKE.

  13. 13
    martin

    Größtenteils nicht lustig…

  14. 14

    Das mit dem Bogenschießen lerne ich wohl nicht mehr „¦ und sehr sehr schön, die rhythmische Sportgymnastik.

  15. 15

    Jetzt weiß ich endlich, warum ich im Turnen in der Schule immer so grandios versagt habe, die Brüste sind Schuld!

  16. 16

    Ist rythmische Sportgymnastik im Ungefähren das Gleiche wie Medizin nach Noten?

  17. 17

    Der Artikel bringts auf den Punkt!!!
    endlich einer der sagt was er denkt

    vielen Danke
    ich hatte viel Spaß beim Lesen

  18. 18

    @Verena:

    Ja! Und ein bisschen wie Tai Chi ohne Mukke.

  19. 19
  20. 20
    claudia

    mal was anderes als nur ein kompliment: das video am schluss ist (für mich) so, dass es für die dauer der o-spiele nach ganz vorn gehörte!?!

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