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Myspace-Mädchen

Wenn die Wirklichkeit ein Schnappschuss ist, ist die Utopie ein Myspace-Mädchen.
Natürlich habe ich schon vom Myspace-Angle gehört, ich kenne Photoshop und im Allgemeinen bin ich auch kein Optimist und habe darüber hinaus genug Vorstellungskraft, um mir denken zu können, was sich in Wahrheit dahinter verbirgt. Aber wenn ich für einen Moment meine übliche Rolle als in geschlechtergerechter Sprache schreibendes Blog-Neutrum verlasse, dann drängt es sich auf festzuhalten, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn alle Menschen aussähen wie Myspace-Mädchen.

Dann hätte Leben stets genau das Maß an Künstlichkeit, das es so dringend braucht, um lebenswert zu sein, es gäbe Goldschmuck und Perlenohrringe nur noch als ironische Accessoires, niemals aber gäbe es Perlenkette an Rollkragenpulli (beige). Die Frauen im wahren Leben so liebenswert machende Trampeligkeit wäre in diesem Traum einer um sich greifenden Kükenhaftigkeit gewichen, einer eleganten Kükenhaftigkeit, einer selbstbewussten Inszenierung von: „Ich kann vielleicht noch nicht alleine aufs Klo gehen, aber ich könnte – so ich wollte – dich dazu bekommen, mir den Hintern abzuwischen.“
Ich ertappe mich gerade dabei, dass das ja klingt, als wünschte ich mir eine Marylin-Monroe-Welt zurück. Das scheint ein verbreitetes Phänomen zu sein unter älter werdenden Männern – die Sehnsucht nach von unten nach oben schauenden Frauen.
Aber die Myspace-Mädchen sind natürlich einfach nur mit der Marylin-Geste vertraut, sie verdienen ihr eigenes Geld an geschmackvollen Laptops, haben eine leichte Rauchertuberkolose, der einzige Körperteil, den sie sich operieren lassen, ist ihr Haar und wenn ihre Röcke über Luftschächten flattern, kommt lediglich ihre Stretchhose zum Vorschein. Sie sind die wunderbar selbstverliebten Erbinnen Madonnas, haben jedoch nie ein Fitnessstudio von Innen gesehen und das Esoterischste, an das sie glauben, ist das Blog von diesem Stirnaufritzer, dessen Namen ich immer vergesse.
Myspace-Mädchen haben zuviel Kram, zuviel zu tun und zu gute Haut. In ihnen wird der Westen zur Kultur, nach der alle streben. Wäre der iranische Präsident ein Myspace-Mädchen, dann hätte er einen Profilsong von Adam Green und wäre damit auf eine viel bezauberndere Art aus der Zeit gefallen als in der Realität. Er würde nicht nach Uran streben sondern nach einem Winkel, der ihn noch zerbrechlicher wirken lässt, er könnte sich mit dem amerikanischen Präsidenten-Myspace-Mädchen spitze kleine Dialogkämpfe in der Kommentarspalte liefern und mit Carla Bruni am Samstag dahin kommen, wo ich sein werde, um den beiden beim Knutschen zuzuschauen.

10 Kommentare

  1. 01
    Thorsten

    awesome! :)

  2. 02

    das ist pure poesie :) (jetzt möchte ich auch ein myspace-mädchen sein.)

  3. 03

    Der schiefe Winkel: Ein Seiteneffekt nicht nur von MySpace & Co sondern auch der Digitalkamera. Analog wäre niemand auf die Idee gekommen, sich anders als mit Hilfe eines Stativs oder eines Spiegels (das klassische Fotografen-Selbstportrait mit Kamera) abzulichten. Oder eben gleich das Foto von jemand machen lassen…

  4. 04

    i heart myspace-mädchen.

  5. 05

    MySpace-Mädchen sollen, so wurde es mir zugetragen, auch im realen Nachtleben vorkommen. Sicher sind die Instrumente und Mechanismen etwas haptischer, aber die Intention, die bleibt gleich.

  6. 06

    Goetz! Jetzt mal als NEUES Verb und/oder Adjektiv für Zustimmung.

  7. 07
    christoph kratistos

    @Finja:
    Bist du doch schon. Inklusive Angle im Blog-Header. :->

  8. 08

    Ich lache und lache und lächle.
    Wundervoll und sehr gelungen.

  9. 09

    Bei dem Bild bekommt man ja Angst … und Mädchen? Wo denn? *fg*

    Grüße
    Sebastian

  10. 10

    ich sehe, du hast myspace kein stück verstanden, malte.

    wer noch von adam-green-profilsongs und kommentarSPALTEN redet. tz.

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