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Kongo, Europa und die UNO – Sinn und Unsinn von Interventionen

Vor kurzem schlug der französische Außenminister Kouchner vor, Europa solle sich militärisch im Kongo engagieren. Er hatte zuvor mit seinem britischen Amtskollegen die Krisenregion bereist und der Blauhelmmission MONUC Versagen vorgeworfen. EU-Generalsekretär Solana fand Kouchners Vorschlag noch nicht mal mittelgut: „In diesem Stadium ist eine militärische Intervention durch die EU nicht Gegenstand der Diskussion.“

Es gibt sehr gute Gründe, militärische Interventionen im Ausland abzulehnen, der beste heißt Irak. Und es gibt sehr gute Gründe, selbst rein humanitäre Einsätze in Krisengebieten abzulehnen: Natürlich liegt dem Gedanken, Heil und Frieden in die Welt zu bringen, eine problematische Ideologie zugrunde. Und natürlich sind viele noch so gut gemeinten Kampagnen an der Ahnungslosigkeit und Arroganz der Beteiligten gescheitert. Und — noch mal natürlich — vertreten die Interventionsländer in den seltensten Fällen rein humanitäre Interessen, sobald sie intervenieren: es geht auch immer um Geld, um wirtschaftliche Zusammenarbeit, um Profit, um politischen Einfluss. Um Sachen, die nicht sehr nett sind.

Die Blauhelmmission im Kongo hat das Mandat, nachhaltig Frieden zu stiften. Kouchner warf ihr nach seinem Besuch Versagen vor, und er hat Recht. In Kibati werden die UN-Soldaten von der Bevölkerung aus schierer Frustration mit Steinen beworfen, in den Krisengebieten sind sie kaum vertreten oder ziehen sich zurück, sobald ein erster Schuss fällt. Sie sind zahnlos, hilflos, wirkungslos, und das seit 1999.

Das ist weiter nicht überraschend, denn die Blauhelmmission im Kongo kann überhaupt nicht funktionieren. Es sind 16.475 Soldaten aus 18 verschiedenen Länder, aus Indien, Pakistan, Uruguay, Nepal und Benin, in ihrer Freizeit spielen sie vielleicht den Turmbau zu Babel nach. Sie sind schlechter ausgebildet als die europäischen und amerikanischen Truppen, ihre Ausrüstung passt nicht zusammen, die Motivation ist im Keller. Inzwischen glaubt kaum jemand mehr, dass MONUC ernsthaft Einfluss auf die Situation im Kongo nehmen kann. Die Mission sieht ihrem Scheitern entgegen.

2006 schien alles noch ganz anders auszusehen: Die Wahl war erstaunlich friedlich verlaufen, unter anderem auch, weil eine europäische Eingreiftruppe unter deutscher Führung den Ablauf sicherte. 2400 Soldaten hatten die Hauptstadt und das Hinterland gesichert, und damit hatte Europa seinen guten Willen bewiesen, Afrika wo immer es geht zu helfen. Zuvor hatten die europäischen Länder im Sicherheitsrat ein dauerhaftes Engagement mehrfach abgelehnt, man sei woanders zu beschäftigt.

Der Konflikt im Kongo findet momentan im Osten des Landes statt, in der Region Kivu. Dorthin hatte sich der Rebellenführer Nkunda zurückgezogen. Der Krieg hat viele Gründe, einer davon ist das Geld. Der Kongo ist potentiell das reichste Land Afrikas, Unmengen an Rohstoffen lagern da. Diamanten, Gold, Erdöl, Kobald, Kupfer und Coltan, das für die Produktion von iPhones, Spiele-Konsolen, Handys und den ganzen anderen Kram der Generation Web2.0. Von dem Geld, das mit den Coltan-Minen verdient wird, werden Waffen gekauft, die dazu dienen, die Coltan-Minen zu verteidigen, mit denen dann Waffen gekauft werden, die zur Verteidigung und Eroberung von Coltan-Minen eingesetzt werden, deren Erlöse dann und so weiter. Die Waffen stammen übrigens unter anderem aus europäischer Produktion.

Vor diesen Waffen sind seit 12 Jahren Millionen von Menschen auf der Flucht, zwischen vier und fünf Millionen Menschen sind ermordet worden, Massenvergewaltigungen, Hungersnöte: Ich will gar nicht ins Detail gehen. Wer es sich antun will, kann sich dieses Video ansehen.

Solana bleibt bis jetzt bei seiner alten Botschaft: Einerseits das Geschäft, andererseits die Friedenspolitik. Über das Geschäft wird wohlweislich geschwiegen, Geschäfte passieren.

Das ist falsch. Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt am europäischen Wesen genesen soll. Ich stehe Interventionen sehr skeptisch gegenüber, denn ich bin die Generation Balkan- und Irakkrieg. Ich kenne Interventionen nur noch als vorgeschobenen Grund für illegale Angriffskriege, und ich misstraue jedem Staatsmann, der auf Waffengewalt zurückgreifen will. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Leute mit Gewehren irgendwo hinzuschicken für irgendwas eine Lösung ist.

Aber ich misstraue meinem Misstrauen. Zwischen vier und fünf Millionen Tote, systematische Massenvergewaltigungen, Hungersnöte, Massenepidemien: Darf man sich, darf sich Europa da zurücklehnen, die Hände hinter dem Kopf verschränken und mit dem Ellenbogen auf das Souveränitätsprinzip deuten? Dabei erschrocken gähnen und hoffen, dass es bald vorbei geht? Ist das zynisch?

Es ist zynisch. Die politische Handhabe momentan ist katastrophal, aber ich wäre vermessen, wenn ich behauptete, eine bessere Lösung zu wissen. Eines weiß ich, aber hinterher ist man immer schlauer: Als Angela Merkel 2006 behauptete, der EU-Einsatz bringe „Stabilität und Entwicklung“, lag sie daneben, und das nicht zu knapp. Der EU-Einsatz war ein großer Fehler, weil er die Autorität der UNO unterminierte und unter dem Strich nichts gebracht hat.

Da es utopisch ist, Konzerne und Investoren auf Menschenrechte zu verpflichten und ihnen zu verbieten, an Krieg zu verdienen, bleibt wahrscheinlich nur noch eins: Die UNO zu einem ansatzweise handlungsfähigen Organ zu reformieren und eine praktikable juristische und moralische Lösung zu finden, die es ihr erlaubt, aus humanitären Gründen in Krisenregionen einzugreifen.

Das wird noch ein ganz langer Weg. Vorerst schickt die UNO 3000 Soldaten zusätzlich. Das Mandat läuft zum Jahresende aus. Wasser, heißer Stein, noch ein Tropfen Wasser.

16 Kommentare

  1. 01

    weil die EU in einem, noch dazu, wie du selbst erkennst, rohstoffreichsten land mit 2400 soldaten stabilität zu schaffen behauptete, hätte sie „guten Willen bewiesen, Afrika wo immer es geht zu helfen.„???
    ist mein ironiedetektor kaputt oder ist das ernt gemeint? war das damals der medientenor zu dem einsatz?

  2. 02
    Frédéric Valin

    @imani: Es müsste eigentlich „die Politiker der EU“ heißen.

    Und nein, das war nicht der Medientenor. Der Medientenor war: Lassen wir das bleiben, das ist zu teuer.

  3. 03
    schnitzelfreund

    ja die politik ist geißel des wahlsystems.man kann sich nur auf symptomische behandlung von problemen kümmern, langzeitliches denken und handeln endet nur darin, dass man seine macht verliert. das gegenwärtige system in den westlichen ländern, genannt demokratie, ist träge und auf globale probleme bezogen wenig effektiv. es fällt mir aber auch keine bessere alternative ein.
    politik muss sich selbst darstellen, ins gute licht rücken, daher beschließt man militärische interventionen. natürlich ist das alles ein großer zirkus..

  4. 04
    corax

    Ist es nicht auch irgendwie seltsam, dass in etwa zur selben Zeit ausgerechnet in Brüssel reale Sezessionsbestrebungen existieren. Ebenfalls hier von der breiten Mehrheit unbeachtet. Die Hauptstadt der Union liegt in einem Staat der letztes Jahr beinahe aufgehört hätte zu existieren. Nur mal so ein Gedanke.
    Um den Kongo sollte sich imho zunächst einmal die AU kümmern und wir wiederum sollten die AU finanziell dabei unterstützen. Die Milliarden dafür lassen sich ja scheinbar problemlos drucken.
    Und man sollte sich immer wieder dies hier vor Augen halten, wenn Europa mal eben ein paar Blauhelme nach Afrika entsenden will.

  5. 05
    Hr.Lohmann

    Tja, was soll ich sagen. Ich finde Interventionen im Normalfall nicht produktiv.

    Aber einer meiner besten Freunde ist Militärpolizist bei der Bundeswehr und geht übernächste Woche als Blauhelm da runter. Personenschutz. Im Kongo. Der Kerl stellt sich hin und beschützt fette Generäle oder den Herrn Steinmeier. Verschissen, wehe dem passiert was. Dann wähl ich die Partei, die radikal alle Militärinterventionen abschaffen will. Und selbst wenn das diese ver/“!§“!, weltfremde und be((?==“te Linkspartei ist.

  6. 06
    Frederik

    Heikel.
    Ich beschäftige mich Studienbedingt nun seid einiger Zeit mit Interventionen und der imperialen Rolle der EU und versuche die ganze Zeit eine moralische Rechtfertigung für militärische Interventionen zu finden und dabei neo kolonialistisch oder neo konservative Ideen aufzugreifen.
    Hier kann ich ja ein wenig rumspinnen, also los:

    Sowie ich das sehe gibt es, REIN theoretisch, vor allem ein Problem mit der moralischen Rechtfertigung eines Eingreifen. und das ist die Souveränität. Schließlich haben wir ja auch keine Problem damit, wenn die Polizei Fussballkrawalle in NRW auflöst, in einem anderen Land kann die Polizei aber nicht eingreifen um irgendwelche Krawalle aufzulösen. Letzten endes läuft es schließlich darauf hinaus, dass normalerweise in einem souveränen Land nur einer das Gewaltmonopol hat und das sollte normalerweise die Regierung seine. Im Falle einer Straftat greift diese Regierung zum Gewaltmonopol um zu strafen und zu ordnen. Max Weber hat den Staat sogar als denjenigen definiert der als alleiniger über das Monopol verfügt. Ich sehe nun vier Möglichkeiten des Gebrauchs des Monopols in einem anderen Land:

    1. Die Regierung ist in der Lage legitimiert und angemessen ihr Gewaltmonopol zu nutzen
    2. Die Regierung kann das Gewaltmonopol nicht ausüben
    3. Mehre Fraktionen im Land beanspruchen das Gewaltmonpol für sich.
    4. Die Regierung besitzt das Gewaltmonopol aber gebraucht es auf eine nicht legitimierte Art und Weise.

    1. Alles Geil, weitermachen.
    2. Ein souveräner Staat in dem niemand mehr das Gewaltmonopol ausüben kann, ist kein souveräner Staat mehr. Andere Regierungen müssen eingreifen und versuchen die Ordnung wiederherzustellen, wenn a) in absehbarer Zukunft das Ganze sich nicht von alleine regeln wird und b) eine humanitäre Katastrophe droht. Kant war anderer Meinung….
    3. Viel viel heikler und natürlich sehr viel häufiger, aber wieder seh ich eine moralische Verpflichtung einzugreifen, wenn a) und b) gegeben sind.
    4. Verwirkt ein Staat seine Souveränität wenn er sich völkerrechtswidrig verhält. Meines Erachtens schon, aber wieder war Kant anderer Meinung.

    Alle diese Antworten haben das gewaltige Problem der Grenzziehung. Wie definiere ich a) und b). Wann kein ein Staat sein Monopol nicht mehr ausüben? Muss die EU eine Invasion in den USA starten, wegen Guntanamo? Oder die AU in der EU, wegen der Art und Weise wie hier illegale Immigranten behandelt werden?

    Ganz davon abgesehen natürlich die praktischen Probleme. Eine Intervention könnte alles schlimmer machen? Könnte ein Präzendezfall für Putin werden. Prinzipiell war dann ja wohl auch Irak gerechtfertigt. und und und.

    Solana hat sich seinem Strategiepapier „A Secure Europe in A better World“ zum Eingreifen bekannt. Failed States, also Staaten mit defektem Gewaltmonopol, sind in Verbindung mit WMDs und Terroristen eine direkte Bedrohung für die EU und die muss entsprechend handeln. Eine Begründung für Anhänger des Realismus, aber sie unterscheidet sich nicht sonderlich von W. Wilsons Plan die Welt „safe for Democracy“ zu machen.

    Man muss darüber diskutieren. Eine klare Lösung sehe ich nicht.

  7. 07
    Frédéric Valin

    @Frederik: Müsste man, um eine Lösung zu finden, nicht diskutieren, wer das Recht hat, Menschenrechtsverurteilungen festzustellen und danach zu intervenieren? Momentan siht es doch so aus, als könnten Interventionen nach Gutdünken eventuell im Sicherheitsrat beschlossen werden, und wenn es da keine Möglichkeit gibt, greift man eventuell auf die NATO zurück oder auch nicht.

    Damit die UNO diese Definitionsmacht glaubwürdig vertreten kann (und sie ist, so glaube ich, die einzige Institution, die das kann) müsste sie demokratisiert werden. Denn der Vorwurf, dass der Sicherheitsrat ein Appendix der Weltmächte ist, ist momentan gerechtfertigt.

    Blöderweise verhält sich die UNO wie ein SChilfrohr im Wind. Mal findet sie Interventionen okay (Annan 2001), mal eher nicht so (Ruanda, Annan 1999). Wie man sie dazu zwingt, eindeutig Stellung zu eziehen, weiß ich nicht. Was dazu passieren muss, dass sie es endlich tut, will ich mir gar nicht vorstellen.

  8. 08
    heribert özkan

    its all about the benjamins. so traurig das mal wieder ist…

  9. 09

    @Frédéric Valin:
    Die UNO hat deswegen die moralische Autorität Interventionen zu rechtfertigen, weil theoretisch alle Nationen vertreten sind. Praktisch entscheidet aber nicht die Vollversammlung, sondern der Sicherheitsrat. Der hat immer noch mehr Autorität als der NATO-Rat, weil neben den üblichen Nato Staaten auch Russland und China vertreten sind.
    Russland und China garantieren also, dass sich der Westen nicht alles Kolonialmacht aufspielt? Wenn man die geschäftlichen Interessen Chinas in Afrika bedenkt, ist das der Bock der hier zum Gärtner gemacht wird.
    Also UNO so demokratisieren, dass sie Mehrheitsentscheidungen in der Volksversammlung treffen kann? Das wäre aber per Definition eine Einschränkung der Souveränität. Die UNO ist nun gerade auf dem Prinzip gegründet, dass sie kein Supranationales Regime seien will und die Souveränität ihrer Mitglieder schützen wird.
    Der einzig mögliche Schritt in Richtung Demokratisierung wäre also allen ein Veto im Sicherheitsrat zu geben -> Totale Katastrophe.

    Du musst bedenken, wie lange die EU benötigte um Mehrheitsentscheidungen im EU Rat auch nur zu erörtern. Und dahinter stecken die Erfahrungen von 2 Weltkriegen und die Entwicklung (unter dem Schutz der amerikanischen Militärmacht) zu einem Nachbarschaftsverhältnis, in dem die Deutschen tatsächlich keine Pläne haben die Franzosen anzugreifen und auch nicht das Gefühl haben sich schützen zu müssen. (Manchmal sollte man eine Sekunde darüber nachdenken und sich klarmachen wie unvorstellbar utopisch das noch vor 80 Jahren war. Das gibt Hoffnung.)

    So aber weiter:
    Nehmen wir an die Entscheidungen für oder gegen Interventionen, wird nicht in der UNO sondern vom EU Rat oder dem NATO Rat beschlossen.

    Kontra:
    1. The white Mans Burden ist wieder da. der Westen schwingt sich zum alleinigen Richter über was gut und richtig ist auf und nimmt es auf sich den Rest der Welt in seinem Sinne zu erziehen. Whats Right is white.
    2. Unter Umständen keine Legitimation außerhalb Europas. (Damit meine ich das NATO eingreifen im Balkan gar nicht so übel war und auf jeden Fall erfolgreicher als die UNO-Mission. Aber die Balkanesen eher bereit sind eine westliche Besatzungsmacht zu akzeptieren als zB Irak.
    (Es gibt noch viel mehr Kontra, aber das sind die wichtigen. Glaube ich)

    Pro
    1. es wäre einfacherer: NATO/EU können sich auf die mächtigste Militärmaschine der Menschheit stützen. Entscheidungen werden auf Grunde gemeinsamer Werte und Interessen schneller getroffen. USA ist natürlich nachwievor der Hauptverantwortliche für diese militärische Macht und wird dementsprechend weiterhin unilateral handeln. Wenn die Europäer da mehr Mitspracherecht haben wollen, müssen sie uU ihre eigenen militärischen Kräfte ausbauen.
    2. Die demokratischen Kräfte sie die einzigen, die machtpolitisch denkend dazu tendieren so zu intervenieren, dass demokratie und rechtstaatlichkeit (natürliche nach westlichem vorbild gefördert werden). Warum? Weil Demokratien keine Demokratien angreifen. Im Interesse der eigenen Sicherheit ist es darum besser möglichst viele Demokratien zu haben. Oder zumindest stabile, hierarchisch geordnete Systeme, in denen Machtwechsel nach einer formalen und friedlichen Methode erfolgen.

    >>>>> Für die nächste, absehbare Zeit sind es die Westmächte die eine Menschenrechtsverletzung festellen und bestrafen können. Die EU hätte vielleicht eine höhere moralische Autorität als die Nato (vor allem wenn sie die Türkei als Mitglied hätte) aber nicht die nötigen Mittel und den politischen Willen für mehr als kleine Eingriffe.

    Das klingt natürlich furchtbar imperial.

    Mit der Bushregierung konnte man sich dabei natürlich nie so sicher sein und es gibt genug andere beispiel in denen westliche Mächte unlogisch, irrational oder rücksichtslos gehandelt haben. Aber ich bewege mich nachwievor in einem sehr theoretischen Rahmen und habe außerdem nicht die Zeit jedes Logikloch zu finden und zu stopfen. Bitte helft mir.

  10. 10
    Frédéric Valin

    @Frederik: Das klingt erschreckend imperial, da bin ich bei Dir. Vor allem klingt es ideologisch unfest, finde ich: die Pros für eine Nato-Intervention leiten sich aus den Umständen ab. Nicht aus einem Prinzip, das man in ein Recht übersetzen könnte.

    Wir haben gesehen, was in den drei Wochen passiert ist, die die UNO gebraucht hat, um zu entscheiden, dass Interventionsbedarf in Ruanda besteht. Ich geb Dir da recht: das pro cedere führte direkt in die Katastrophe. Unter anderem das pro cedere. Trotzdem glaube ich, dass allein die UNO das Recht hat, Interventionen zu beschließen; die Contras bei der Nato oder der EU wiegen zu schwer. Es muss einen Weg geben, den Sicherheitsrat peu à peu zumindest ein wenig demokratischer zu gestalten, und die UNO wenn nicht zur Weltregierung, so doch zu einem handlungsfähigen Organ auszubauen. Momentan ist sie ja mehr Bittsteller als politischer Akteur.

    Und es braucht dringend ein Forum, in dem andere Stimmen als die der Westmächte plus Russland und China gehört werden. Ansonsten tragen wir noch auf Jahrzehnte diesen Habitus ethisch-moralischer Überlegenheit mit uns herum. Das ist keine Geisteshaltung, die mir vertretbar erscheint.

  11. 11

    @Frédéric Valin:
    „ideologisch unfest“
    Das ist leider wahr, ich hab mich mehr von dem leiten lassen was ich für praktikabel halte, als von dem was ich für richtig halte.

    „die UNO wenn nicht zur Weltregierung, so doch zu einem handlungsfähigen Organ auszubauen“
    Ich glaube wir befinden uns in diesem Fall in einer „Alles oder Nichts“ Situation. Entweder die UNO wird so mächtig, dass sie ihr Gewaltmonopol auf Grund einer Mehrheitsentscheidung in einzelnen Staaten ausüben kann und ist damit die Weltregierung oder sie bleibt weiterhin so frustrierend langsam und ineffektiv wie in Ruanda.
    Wenn ich die Möglichkeit sehe die UNO in den nächsten 80 Jahren zu einer Weltregierung auszubauen, würde ich das sofort unterstützen. Ich halte das aber für absolut unwahrscheinlich.

    Ich sehe eine Möglichkeit das schneller zu erreichen (die ist mir gerade so beim schreiben eingefallen, also nicht ganz durchdacht):

    Was wäre wenn sich mehr Erdteile nach dem Vorild der EU entwickeln könnten? Die AU gibt es bereits, eine südamerikanische Version ist auf dem Weg wenn ich mich recht erinnere. Untereinander können diese sich vielleicht daran gewöhnen immer mehr teile ihrer Souveränität abzugeben und damit langsam zu einheit zu wachsen. Also mehr Interdependenz.
    Nun gibt es viele Argumente, die darauf hindeuten, dass das in der EU nur möglich war, weil die Anwesenheit der Schutzmacht USA eine nationale Sicherheit überflüssig machte und es dementsprechend nicht zudem üblichen Wettrüsten kommen konnte.
    In Afrika wäre das Problem allerdings eher wieder innerhalb der Staaten und keine offiziellen Kriege untereinander. Also wäre es vielleicht das beste die AU so zu fördern, dass sie Interventionen durchführen könnte. Dabei gibt es natürlich viele Hindernisse. Nicht zuletzt Leute wie Gaddafi. In vielerlei Hinsicht ist die Mittelmeer Union vielleicht das schlauste was der EU in den letzten Jahren zum Thema Afrika eingefallen ist.

    Was bleibt ist:
    1. Regionale Stabilität fördern
    2. Liberale Demokratien fördern, als Vorbild für schwächere Regionen.

    Das ist leider alles keine Antwort auf akute humanitäre Katastrophen. Da sehe ich kurzfristig keine andere Möglichkeit als einen „wohlmeinenden imperialismus“ des westens und außerdem eine gewisse moralische Verpflichtung ein zweites Ruanda zu verhindern. Schönreden kann man das auch nicht, fürchte ich.

    hast du mal Michael Walzers Essay „The Triumph of Just War Theory (and the Danger of Sucess)“ gelesen?

  12. 12

    @Frederik: Vielleicht ist das tatsächlich eher der Weg. Bei der Mittelmeer-Union bin ich skeptisch, und was mich auch skeptisch macht, ist die Kairoer Erklärung der Menschenrechte: die weicht doch erheblich von der Allgemeinen Menschenrechtserklärung ab, entstand aber genau aus so einem regionalen Bündnis. Was, wenn die Mehrzahl eines Staatenbündnisses autokratisch-nichtlaizistisch regiert wird? Und was (wie in Fernost), wenn eine Region von einer Großmacht – also China – dominiert wird? ASEAN hat sich angesichts der Myanmar-Krise nicht eben mit Ruhm bekleckert, wie ich finde.

    Wahrscheinlich ist es trotzdem der gangbarste Weg. Die AU allerdings ist ja mehr ein zerstrittener Haufen, obwohl sie dafür erstaunlich viel auf die Reihe gekriegt hat die letzten paar Jahre.

    Den Essay kenne ich nicht. Lohnt sich er?

  13. 13
    cora

    @Frederik:

    @Frédéric:

    Schön, dass ihr auch da #4 angekommen seid.
    Ich hab das mit der UNO einfach vorher schon ausgeklammert.
    Ich glaub nämlich gäbe es einen Bürgerkrieg in Luxemburg würden wohl sinnvollerweise jeweils und/oder Frankreich, Deutschland, Niederlande intervenieren ohne erst auf den Sicherheitsrat zu warten.
    Und das die AU noch nicht die EU ist, erwähnte ich ja auch schon. Es führt aber kein Weg dran vorbei, dass sich Staaten regional organisieren.
    Und zu der Idee die NATO könnte wie in Ex-Jugoslawien (sinnvoll) intervenieren empfehle ich nochmals dringend einen Blick auf die Karte.

  14. 14

    @cora: entschuldige bitte, dass ich dich ignoriert habe und vielleicht unterbewusst deinen Plan gestohlen habe.
    Ich bin aber nachwievor der meinung, dass die NATO/EU solang die AU noch nicht richtig organisiert ist, sinnvoller eingreifen kann. Kann natürlich auch in einer riesen Katastrophe ausarten.

    @Frédéric: Hui, danke. „Das“ Essay hätte vielleicht mal richtig peinlich werden können. Also: Der essay ist erstens interessant und flüssig geschrieben und behandelt zweitens unser Thema. Walzer versucht theoretisch einen gerechten Krieg zu entwerfen. Der muss dann legitimiert sein, „gerecht“ geführt werden (möglichst wenig zivile opfer) und drittens ein gerechtes Ende haben (regimechange ja/nein?).

  15. 15
    corax

    @Frederik: Du brauchst dich nicht zu entschuldigen und von „žPlan gestohlen“ kann ja keine Rede sein.
    Es freut einen natürlich, dass sich andere Gedanken in eine andere Richtung machten dann aber doch mehr oder weniger zum selben Ergebnis gelangen (wenn der Fall hier auch traurig ist).
    Das die EU der AU Hilfe leisten kann und muß finde ich auch, allerdings sollte dabei die AU die Federführung behalten und nach außen die Mission vertreten.
    Von der NATO halte ich in dem Fall gar nix, zumal sie unter US-Oberkommando steht die ja von einer konstruktiven Friedenspolitik rein gar nix verstehen, meines Wissens sind sämtliche US-missionen gescheitert man schaue sich nur Somalia oder Liberia an. Man könnte sich glatt fragen ob das Absicht sei.
    Und ich verlinke hier nochmals die Karte.
    Ich glaub da würde die NATO ohne Mitwirkung der AU ihre Fähigkeiten deutlich überspannen.

  16. 16
    corax

    Nanu? Das hatte ich ja noch nie.

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