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The money song

Weihnachtszeit, Geschenkezeit: Im Oktober schon ist der Korruptionsindex veröffentlicht worden. In Dänemark werden am wenigsten Geschenke verteilt, Deutschland liegt wie gewöhnlich auf einem mittleren zweistelligen Platz. Die Länder der Weihnachtsmänner aber sind unter anderem die westbefriedeten Staaten: Afghanistan und der Irak.

2003 lag der Irak im internationalen Vergleich auf dem 113. Platz (CPI 2,2), jetzt ist die Regierung el Maliki auf Platz 178 von 180 (CPI 1,3). Zwei Plätze drüber hat sich Afghanistan eingenistet. Woher kommt das? Warum gedeiht Korruption unter den Augen der westlichen Soldaten besonders gut?

Es gibt ein medial relativ klassisches Erklärungsmotiv für Korruption in Drittweltländern, welches sich „die örtlichen Sitten“ nennt. Der Spiegel hat vor ungefähr einem Jahr ein kleines Stück über die Korruption im Irak gemacht. Da wird anfangs von Kommandeur Gross erzählt, der ein Parfum-Flakon nicht geschenkt haben will, der schenkende Iraker aber darauf besteht, Gross Ausreden sich lauter Ausreden einfallen lässt, bis der Iraker dann abzieht. Und natürlich hat die Geschichte eine Moral:

Die Szene erzählt viel über den Irak. Darüber, dass in diesem Land bis heute das Prinzip „Eine Hand wäscht die andere“ funktioniert. Darüber, dass es Feingefühl, Geduld und eine gute Portion Humor braucht, um dieses Prinzip zu durchbrechen. Gar nicht zu reden von einem gründlichen Verständnis für die fremde Kultur.

Die Szene belegt auch, wie schwierig der Aufbau einer irakischen Demokratie ist, den die USA und ihre Verbündeten versprochen haben. Unbestechlichkeit und die Gleichbehandlung aller Bürger, Grundvoraussetzungen für eine Bürokratie nach westlichem Muster, sind im Irak keineswegs Alltag.

Sind sie ganz offensichtlich nicht. So oder ähnlich wird auch gerne über afrikanische Länder geschrieben. Aber es sind nicht nur die örtlichen Sitten, die Funktionsweisen von Stämmegemeinschaften und der hohe Wert von Familientraditionen, die zur Erklärung von Korruption taugen.

In Sierra Leone wählten sich die englischen Kolonialherren ihre Chiefs aus und versorgten sie mit Waffen. Im Gegenzug garantierten die Chiefs die Sicherheit im Land. Als das nicht mehr reichte, führten die Engländer die Zwangsarbeit wieder ein und erlaubten den Chiefs, Stammesgerichte einzuführen: das war um die Jahrhundertwende. Damit schufen die Engländer einen ganzen Staat voller Miniaturdiktatoren, und jedem von ihnen machten sie ihre Aufwartung. Jeder Chief hatte seinen eigenen kleinen Herrschaftsbereich, und wie es gute Tradition ist an Königshöfen, wurden sie mit Geschenken und Gefälligkeiten überhäuft, sobald eine Abmachung zu treffen war. Als dann 1961 Sierra Leone in die Unabhängigkeit entlassen wurde, waren die mächtigsten Männer im Land die Chiefs: ein Haufen Autokraten, jeder mit eigenem Heer, jeder mit eigener Rechtssprechung, die übereinander herfielen. Wer in Sierra Leone irgendetwas erreichen wollte, musste sich mit den Chiefs gutstellen. Oder am Staat vorbeileben.

Transparency International hat eben erst einen Bericht veröffentlicht, der die Bereitschaft von Unternehmen listet, Schmiergeld zu zahlen: es sind vor allem Unternehmen aus den Schwellenländern, also Russland, China, Mexiko, Indien, Brasilien. Das Problem der Korruption hat sehr wenig mit überkommenen Stammesstrukturen zu tun, aber sehr viel mit postkolonialen Herrschaftsmechanismen, die noch heute greifen. Und mit der Präsenz westlicher Konzerne, die sich nicht sehr schwer tun, sich an die örtlichen Sitten anzupassen. Das sind die wahren Multikulturalisten, die Geschäftsleute. An die Sitten im Irak zum Beispiel haben sich sowohl UN als auch Daimler und Siemens schnell gewöhnt. Vermutlich aufgrund überkommener Vorstellungen von Moral und öffentlicher Ordnung, die noch aus der Zeit der Völkerwanderung stammen.

14 Kommentare

  1. 01
    Pierre

    Huhu, check nochmal den Absatz:
    „2003 lag der Irak im internationalen Vergleich auf dem 113. Platz (CPI 2,2), jetzt ist die Regierung Karsai auf Platz 178 von 180 (CPI 1,3). Zwei Plätze drüber hat sich Afghanistan eingenistet.“

    Karsai is doch der Knabe aus Afghanistan. Der Chef im Irak ist al Maliki (bestimmt falsch geschrieben von mir)

  2. 02
    ajo

    Weihnachtsgeschenke => Korruptionsindex. Das ist die Überleitung des Grauens.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @ajo: Na, geschenkt. Ist ja schließlich bald Weihnachten.

  4. 04
    Alberto Green

    @Pierre: Oder Karsai ist so korrupt, dass er einen eigenen Listenplatz bekommen hat.

  5. 05
    Frédéric Valin

    @Pierre: Oh, fuck. Danke.

  6. 06
    westernworld

    wie mir schein ist es ein unausrottbares mißverständnis das transparency international einen korruptionsindex veröffentliche, dies tun sie mit nichten;
    was sie publizieren ist ein corruption perceptions index, also eine indizierung „gefühlter“ korruption.

    kraft natur der sache kann es keinen korruptionsindex geben höchsten einen der justiztätigkeit auf diesem gebiet.

  7. 07
    Frédéric Valin

    @westernworld: Es ist, wie die meisten Rankings dieser Art, ein Indizienranking. In Deutschland hat sich die (ungenauere) Bezeichnung Korruptionsindex durchgesetzt.

  8. 08
    msy

    „Korruptionsindex“ auch eine Art Anlageberatung

  9. 09
    handzon

    In der StZ heute ein Artikel über die Verkehrssünden von Diplomaten. Dazu gibts wohl eine Studie einer amerik. Uni die heruasgefunden hat, dass die Diplomaten sich im Straßenverkehr daneben benehmen, deren Heimatländer auf dem Korruptionsindex weit oben liegen: Afghanistan, Ägypten, etc..

  10. 10
    Sebastian

    @westernworld: danke für den hinweis, denn das ist mir auch sofort aufgefallen. wahrnehmung von korruption durch expertenumfragen misst der index. nur weil sich etwas „eingebürgert“ hat, muss man es nicht mitmachen, wenn es ungenauer ist.

  11. 11
    Frédéric Valin

    @Sebastian: (Sarkasmus on) Nein, muss man nicht. Ich könnte natürlich auch noch akademischer werden in meiner Begriffswahl. Dann lesen das bestimmt noch sehr viel mehr Leute, aber das ist ja auch nicht das Ziel. (Sarkasmus off)

  12. 12
    Martin2

    In diesem Fall hätte ich auch auf den genaueren Begriff plädiert. Es ist nicht unwichtig, dass dies lediglich auf einer Wahrnehmung beruht. Aber vermutlich hätten sich dann wieder viele über das Wort ausgelassen.
    Aber sehr erhellend, ich wußte nicht dass es ihn gibt: den Korruptionsindex.

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