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Cashpoint Charlie – Das Mauermuseum Berlin

Der älteste Sohn soll einen Schulvortrag über den Checkpoint Charlie halten. Was also liegt näher, als den historischen Ort mit ihm zu besuchen und sich im Mauermuseum Geschichte näherbringen zu lassen? Gedacht, getan. Und bitter bereut.

Man muss sich gar nicht besonders für die vergangenen Querelen rund um den 2004 verstorbenen Gründer Dr. Rainer Hildebrandt, seine Frau Alexandra Hildebrandt, den Trägerverein Arbeitsgemeinschaft 13. August e.V. oder die Kommerzialisierung rund um den Ort interessieren, um sich über das Mauermuseum zu ärgern. Es genügt ein unvoreingenommener Besuch.

Erwachsene zahlen dafür 12,50 Euro, Schüler unter 10 Jahren sind mit der Hälfte dabei. Das Fotografieren, so klärt uns die Studentin an der Kasse mit immerhin osteuropäischem Akzent auf, ist verboten. Man könne stattdessen am Ende der Ausstellung Postkarten kaufen.

Geboten bekommt man für sein Eintrittsgeld ein paar Exponate, immer wieder gleiche Fotos und viele, viele um Frieden bittende Kinderzeichnungen, hauptsächlich jedoch zahllose Wandtafeln, die ohne erkennbare Chronologie versuchen, die Geschichte des ehemaligen Grenzübergangs in vier Sprachen zu erzählen. Und die daran scheitern, denn Geschichte(n) erzählen will gelernt sein.

Für den Sohn stellt sich junge deutsche Historie somit dar, wie sich auch für mich als Kind Geschichte immer dargestellt hat: Als pure Langeweile, durch die man sich durchquälen muss.

Es ist erwiesen, logisch und sogar sinnvoll, dass sich junge Menschen mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit interessieren und es bedarf eine Menge Geschick, dies für eine Stunde umzukehren. Doch es ist möglich, wie wir später noch feststellen werden.

Zunächst jedoch geht es zum Rundgang durch den angeschlossenen Shop des Mauermuseums, dessen Ausstattung dem Besucher erfolgreich vorgaukelt, dass die deutsche Teilung noch Realität ist und man sich auf der Ostseite des Landes befindet. Das Angebot „begrenzt“ zu nennen ist mir dabei ein persönliches Fest, denn wer hier auf ein auch nur halbwegs sorgsam ausgewähltes Repertoire von Informations-, Literatur- und Fotomaterial hofft, wird mit Teddybären und Kerzen, mit VHS-Kassetten, mit schlechten Postkarten und mit einer Handvoll lieblos hergestellter Bücher der Hildebrandts bestraft. Knapp handtellergroße „Mauerstücke“ kosten 25 Euro und außerdem gibt es noch hellbraune Oberhemden, vermutlich, um zum nächsten Karneval als Grenzsoldat gehen zu können.

Ich vergaß: Fotoverbot, natürlich.

Das Angebot des Shops des Mauermuseums besteht scheinbar ausschließlich aus schlecht selbst produziertem Plunder der Betreiber. Keine Literatur, keine Fotobände, keine DVD, die von anderen Herausgebern zu stammen scheinen. An den Wänden: Fotos der Hildebrandts mit mehr oder weniger bekannten Besucher/innen. Auch David Hasselhoff war mal hier und guckte betroffen. Wir wissen jetzt auch, warum.

Zuhause angekommen, schmeißen wir YouTube an.

TV-Nachrichten vom 9. November 1989 und den Tagen danach. Bewegende Bilder von Menschen, die sich weinend in die Arme fallen. Fassungslose Grenzsoldaten, die ob des Andrangs und der fehlenden klaren Anweisungen handlungsunfähig sind. Wir erzählen dabei von unseren eigenen Erlebnissen zu Mauerzeiten.

Nichts ist beeindruckender als die Realität, und zum ersten Mal seit zwei Stunden scheint der Sohn im Ansatz zu verstehen, worum es ging und wie wichtig diese Momente waren. Er zeigt Interesse, denn was er sieht und hört, ist so spannend, wie es wirklich war.

Nichts davon vermittelt das Mauermuseum, und dennoch erinnert es: An viel zu hohe Eintrittspreise und Verbote.

22 Kommentare

  1. 01
    Lebedjew

    Wer kommt eigentlilch auf die Idee, sich bei „Eintrittspreise“ verlinken zu lassen, wenn die schon zu Beginn des Artikels benannt wurden?
    Ich.
    Zur Nachahmung empfohlen.

  2. 02

    Leider gibt es viel zu wenige Orte, an denen man Geschichte erleben kann — allzu schnell werden Ereignisse auf auslernbare Fakten und fertige Wahrheiten reduziert, und dann kommt eben so etwas wie diese DDR-Gedenkstätte dabei heraus: Da kann man wohl nur hingehen, um sich bestätigen zu lassen, was man eh schon zu wissen meinte.

    Das einzige positive Beispiel, was mir dazu einfällt ist das Haus der Geschichte in Bonn, wo die Geschichte Deutschlands wenigstens ein bisschen anfassbar wird durch Videos, aufgestellte „Originalszenen“ aus den Weltkriegen, Wirtschaftswunderzeit, …

  3. 03

    Ins DEUTSCHE HISTORISCHE MUSEUM gehen! lohnt sich da wirklich. Und ist nicht öde – und ist nicht angestrengt“¦einfach nur toll da.

  4. 04

    ich hab immer gehört, das dieses „story of berlin“ ganz schick sein soll. ich war zwar auch noch nicht da, aber es soll einen eher „unterhaltsamen“ ansatz haben, die geschicte der stadt zu vermitteln.

  5. 05
    Tim

    Da gehen Berliner freiwillig in Touristenfallen. Ich fasse es nicht.

  6. 06
    SvenK

    Schon mal in der Siegessäule gewesen?
    Im „Museum“ ists stockfinster. Im ersten Raum gibt es zumindest noch (ob der Lichtverhältnisse schwer lesbare) Tafeln zur Siegessäule. Die nachfolgenden Räume sind mit Bildern anderer Bauwerke zugehangen. Die kommen dann im billigen IKEA-Rahmen (nikotingelb, ca. 1983) daher. Warum bitte hängt da ein Bild vom schiefen Turm von Pisa? Und vom Kölner Dom?
    Naja, dafür kostet es nur EUR 3 oder so.
    Fotografieren darf man auch (Blitz nicht vergessen) so man denn will.

  7. 07
    Alberto Green

    Ich fang jetzt gar nicht von britischen und Britischen Museen an, wie toll da alles ist und wieviel da der Eintritt kostet, sondern pflichte einfach Tom in Kommentar 3 bei.

    Meine Versuche ins Mauermuseum zu gelangen, sind bisher immer gescheitert, obwohl ich in meiner Kreuzberger Zeit nur geradeaus (ok, und durch das Haus mit dem grünen Kreuz, Zossener/Bergmann und die Zossener ist auch nicht gerade und kommt auch nicht am Mehringplatz raus, ich weiss) hätte gehen müssen. Immer hielten mich gefühlte 123487987298 Bussladungen und eine Schlange bis nach Lichtenrade, und als es einmal leer war, schließlich die Eintrittspreise davon ab.

    Ich war mal da, als die Mauer noch stand. Aber das ist wirklich lange her.

  8. 08

    als ich das erste mal am checkpoint war (so circa 10 jahre her) fand ich das ganze noch ziemlich aufregend. so hab ich es zumindest in erinnerung.

    beim zweiten mal (vor 3 jahren) war es dann genau wie du es beschrieben hast. kacke ebent.

  9. 09

    Das Mauermuseum ist das Grauen. Besser machen es da schon die Tafeln auf den Bauzäunen zwischen Zimmerstrasse und Schützenstrasse.

  10. 10
    drexen

    *persönliche notiz*
    mauermuseum für nächsten berlinbesuch gestrichen ;)

  11. 11

    ich fand die Informationen an den Bauzäunen auch super. Ok, für Schüler auch nicht das richtige. Immerhin konnte man direkt mit noch vorhanden Gebäuden die Fotos abgleichen.

    Da muss echt verrückt gewesen sein als die Mauer noch da war.

  12. 12
    Heini

    Ich war einmal in Berlin und bin durch Zufall auch am Checkpoint vorbei gekommen. Das Bild dort wahr einfach „¦ ich wusste nicht so recht, ob das nun zum Lachen oder Weinen ist.
    Völlig überlaufen, Studenten halten als Soldaten verkleidet Flaggen und minütlich kommen Busse, um Fotografen Asiaten auszuladen.

    Solche Museen sind doch leider alle so ziemlich gleich, nur sind die meisten nicht ganz so gut mit Plunder ausgestattet. Kenne auch genug, wo Fotografieren erlaubt ist, sofern man ~6€ extra bezahlt.

  13. 13

    Johnny, ich empfehle beim nächsten Mal sehr die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße. Insbesondere die Tondokumente (Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen von 1961) fand ich recht eindrücklich.

    Auch sehr gut gestaltet und thematisch ein bißchen verwandt: Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

  14. 14
    Henker

    im sommer hab ich 7 euro eintritt bezahlt, hatten aber auch gutscheine. haben uns den film angeguckt mit dem heißluftballon und nunja wieso ist die schreckliche zusatzausstellung unerwähnt, die ist echt mal kacke

  15. 15

    Es gibt leider wenige Orte in Berlin, die den Schrecken der Teilung und der Mauer authentisch vermitteln. Die Empfehlung der Gedenkstätte Bernauer Straße kann ich nur unterstützen, hier gelingt das gut.

    Die East Side Gallery ist unter diesem Gesichtspunkt eine ähnliche Enttäuschung wie der Checkpoint Charlie, auch wenn sie kommerziell nicht so ausgeschlachtet wird. Aber wenn man an dieser recht überschaubaren, dünnen und bröckelnden Mauer entlanggeht, bekommt man überhaupt keine Vorstellung davon, wie schlimm die Grenzanlagen wirklich gewesen sein müssen. Zusätzliche Erläuterungen gibt es hier -soweit ich weiß- gar nicht.

  16. 16
    A. Schmidt

    Hatte auch eine Mauer ist nicht in Berlin.
    Dafür ist das Museum deutlich besser. http://www.moedlareuth.de/
    P.S. Eintrittspreis: Erwachsene 2,- Euro

  17. 17

    zum glück arbeitet mein mitbewohner da und hat mich gratis reingelotst. niemals hätte ich dafür 12 euro bezahlt. schlimm ist auch der axel-springer-raum und überhaupt die tatsache, dass der springer-verlag da massiv seine finger im spiel hat (welt, morgenpost und welt kompakt (?) liegen zum mitnehmen aus).

  18. 18

    Klingt ja gruselig. Gut, dass ich mir das beim letzten Berlin-Besuch erspart habe. Habe allerdings vor geraumer Zeit mal die „Bernauer Straße“ angeschaut – das war seinerzeit gut gemacht.

  19. 19

    Es ist grauenvoller für diesen Laden zu arbeiten. man bekommt nur die hälfte des Eintrittpreises als Stundenlohn. Und manchmal muss man als Strafe Steine klopfen gehen.

  20. 20
    michaela

    war heute mit meiner familie da und hab mich nur geärgert.
    unübersichtlich, überladen, schmuddelig, kein roter faden.
    museum, foto und kunstaustellung in einem bunten mix.

    fazit, nicht empfelenswert.

  21. 21
    Birgit Hansson

    Danke,

    Sie sprechen mir aus der Seele! Der Besuch im gnadenlos überfüllten und absurd überteuerten Mauermuseum mit 3 (!) Kindern (ca. 50 Euro Eintritt) war absolut enttäuschend. Mein Mann hat nach 30 Minuten Wartezeit, in der wir noch nicht das obere Stockwerk erreichen konnten, wütend das Museum verlassen. Man müsste alle potentiellen Besucher warnen! Schade, das Thema ist wichtig (besonders für unsere Kinder) und könnte und müsste sicher besser präsentiert werden!

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