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Sollen Politiker twittern?

Während der pre:publica im Rahmen der Webciety auf der CeBIT gab ich im Rahmen meiner Moderation des Panels „Public relation vs. public reaction“ den Satz „Ich will keine twitternden Politiker“ von mir. Ein Satz, den ich hinterher in einigen Gesprächen weiter diskutiert habe.

Natürlich ist es die Aufgabe eines Moderators, zu gegebener Zeit etwas „Schwung in die Bude“ zu bringen und so war mein Satz zunächst als Herausforderung an die Panel-Teilnehmer gedacht — denn wer könnte schon etwas gegen Politiker haben, die sich moderner Technologien bedienen?

Dennoch meinte ich das, was ich sagte, nicht völlig unernst. Zwar schätze ich Twitter und sehe großes Potential in vielen Richtungen, doch ich glaube nicht, dass es die Aufgabe von Politikern sein sollte, ihr Handy zum Mikrobloggen zu benutzen.

Twitter ist eine wilde Mischung aus Flurfunk, News-Kanal und Unterhaltungsmedium. Echten Gossip hat man von Politikern sicher nicht zu erwarten, und auf die Entertainment-Fähigkeiten von Herrn X und Frau Z würde ich im Tausch gegen vernünftige und weitsichtige Politik gerne verzichten. Bleiben also die News.

Hierbei bleibt das große Missverständis verbreitet, das Vorbild von Hinz und Kunz, Barack Obama, habe getwittert und damit eine Wahl gewonnen. Getwittert hat jedoch für Obama dessen Online-Mannschaft. Und auch, wenn diese oft in der Ich-Form berichtet hat und somit nicht unschuldig an den Fehlinterpretationen ist, ging es doch in erster Linie um die Verbreitung von Nachrichten rund um den damaligen Präsidentschaftskandidaten.

Fröge man mich also, ob ich News und Infos zu bestimmten politischen Personen direkt per Twitter erhalten möchte, wäre meine Antwort: Vielleicht, na gut, ja von mir aus. Alles andere halte ich hingegen für Quatsch. Denn: Ein Politiker, der selbst twittert, bloggt und auf Kommentare reagiert, sich aktiv an seiner Facebook-Gruppe beteiligt und vielleicht auch noch die Politik-Foren verfolgt … der erweist sich vielleicht als „moderner“ Mensch — doch seinen eigentlichen Job kann er garantiert nicht mehr ausüben.

30 Kommentare

  1. 01
    gero

    jon stewart hats auch auf den punkt gebracht. deshalb meine vollste zustimmung. nein, politiker sollten nicht twittern. sie mögen sinn für modernität beweisen und wasweissich. aber ich möchte, dass die von mir gewählten hanseln gefälligst alles daran setzen, diese gesellschaft lebenswert zu machen, zu erhalten und gefälligst kriege abschaffen usw. das kann man nur, wenn man nicht (wie wir) diese ganze zeit im web2.0 verschwendet.

  2. 02

    Ich teile Deine Skepsis nicht so weitgehend. Wenn man Twittern zum Beispiel mit „großen“ Blogs vergleicht oder gar mit Angies behäbigen Videobotschaften, fällt schon auf, dass die Technik an sich niedrigschwellig ist und sich ein Twitterfeed auch mit sehr begrenztem Zeitaufwand mit einer Mischung aus eher dumpfer Propaganda und auch dem einen oder anderen interessanten Einsprengsel befeuern lässt.

  3. 03

    Ich sage: Jein. Was ich nicht will: Thorsten Schäfer-Gümbel. Aber den muss ich mir auch nicht antun. Was mich durchaus interessieren würde: Termin-Updates von Politikern, die mir nicht ganz so egal sind, wie … ach lassen wir das. Gerne auch 2nd Hand. Keine Parolen, kein Gepolter.

  4. 04

    Ich bleibe dabei:
    Zwitschern ist was für Schnapsvögel!

  5. 05
    la Role

    Es gibt nur einen relevanten Politiker der twittert, nämlich Der Echte:
    -> https://twitter.com/tsghessenspd

    Enjoy!

  6. 06

    Es ist nicht die Frage, ob sie es sollen, sondern, ob sie es können. Ich glaube nicht, daß Otto Schily weiß, wie’s geht.

    Voraussetzung ist eh, daß man ein Handy hat. Da fällt derzeit zumindest ein Politiker in Deutschland raus. Hehe.

    Und ehrlich: Ich glaube eh, daß die meisten Politiker ihren Sülz nicht selbst ins Netz setzen, dafür hat man seine Leute.

    Ein Politiker delegiert und gibt sich doch nicht selbst mit dem einfach Volk ab;))

  7. 07
    Phil

    Der Echte xD
    Ich mag die SPD vom Grundgedanken her aber: Yes we can (not) xD
    Die aktuellen Politiker naja!
    –> http://www.youtube.com/watch?v=ZKQ_1cWKOHk

  8. 08

    Nein, das sollen sie nicht.

  9. 09

    Denn: Ein Politiker, der selbst twittert, bloggt und auf Kommentare reagiert, sich aktiv an seiner Facebook-Gruppe beteiligt und vielleicht auch noch die Politik-Foren verfolgt „¦ der erweist sich vielleicht als „žmoderner“ Mensch — doch seinen eigentlichen Job kann er garantiert nicht mehr ausüben.

    … gilt das nicht für jeden „eigentlichen Job“? :-)

  10. 10

    Denn: Ein Politiker, der selbst twittert, bloggt und auf Kommentare reagiert, sich aktiv an seiner Facebook-Gruppe beteiligt und vielleicht auch noch die Politik-Foren verfolgt „¦

    Aber genau das machen PolitkerInnen doch schon immer, nur auf der Straße, in Bürgerbüros und Sprechstunden, an den Haustüren, auf Veranstaltungen … Sie reden, fragen und antworten. Wo ist der Unterschied?

    Interessanterweise werden CEOs von großen Unternehmen (siehe Zuckerberg) bejubelt wenn sie twittern etc., signifikant mehr Zeit als PolitikerInnen haben sie sicher nicht.

    Und wir haben doch ein großartiges Beispiel für jemanden in Deutschland, der als Politker das Netz großartig nutzt und ich würde mir nicht anmaßen zu behaupten, dass er dadurch eine schlechtere Politik macht: Volker Beck.

    Du hast aber recht: Ich halte verantwortliche Online-Teams für ein gute Methode Politik(erInnen) ins Netz zu bringen, denn man kann einfach nicht gleichzeitig überall sein, egal ob an der Tür, oder auf Facebook.

  11. 11

    Sollte überhaupt jemand twittern? Ja, Ne, mir egal. Ich finde die Frage falsch gestellt, weil zu pauschal. „Sollten“ Politiker bloggen, facebooken oder gar blippen? Nicht? Dann hätten wir sie wieder dort, wo sie schon vor 20 Jahren waren. Und dann wird gemeckert, dass sie sich den neuen Möglichkeiten verschließen.

    Auf diese Frage gibt es keine Antwort, sie sollen das tun, was sie oder ihre Berater für richtig halten. Einen Unterschied im Wählerverhalten macht es jetzt sowieso noch nicht. Vielleicht auch noch nicht in 10 Jahren.

  12. 12

    Ist doch alles eine Frage des Aufwandes der betrieben wird. Politiker sind von Berufswegen sehr viel unterwegs, warum nicht aus dem Auto, Flugzeug usw. twittern, oder einen Post ins Blog? Muss ja nicht so eine Frequenz wie Nerdcore haben.

    Aber zu Zeigen das man sich auch im Umfeld bewegt, in dem jetzt alle aufwachsen, kann ich so schlecht nicht finden (Stich-/ Unwort: Digital Natives). Und wenn ein Hubertus Heil vor meinen Augen in der Webciety einen tweet absondert, braucht man es nicht höher hängen als es ist. Näher ist er mir dadurch dennoch.

  13. 13

    Unter anderem ist der eigentliche Job eines Politikers doch seine Buerger zu vertreten. Dazu muss er meines Erachtens mit den Buergern kommunizieren. In beide Richtungen. Erklaeren und erzaehlen sowohl wie zuhoeren und verstehen.

    „Frueher“ hat er/sie das in Buergersprechstunden, Reden, Presseerklaerungen und was immer es noch fuer Moeglichkeiten gibt gemacht. Vieles davon will heute keiner mehr hoeren bzw sehen oder zu so etwas hingehen.

    Warum also dann nicht einen Teil davon ins Internet verlegen? Warum nicht seine Erklaerungen auf einem Blog verbreiten? Warum nicht ein paar Buergersprechstunden durch einen Online-Chat ersetzen? Warum nicht die Kommunikation dahin verlagern wo so viel davon heute stattfindet?

    Wenn ein Politiker (in Zusammenarbeit mit seinem Team, wie schon vorher auch) das nicht macht, dann kann er meines Erachtens in der heutigen Zeit seinen Job nicht mehr richtig machen.

  14. 14

    Aber wenn Politiker eigentlich keine Zeit haben dürften zu twittern oder sich ansonsten sozialen Netzwerken hinzugeben, wer denn dann eigentlich. Die große Mehrheit aller Erwachsenen geht einem Job nach. Diese Beschäftigung nimmt einen großen Teil der Tageszeit ein und somit dürften sich ja eigentlich nur Arbeitslose, Schüler und Studenten im Internet tummeln. Nicht dass mich die Tweets der Politiker besonders interessieren, aber die Beteiligung von Politikern in sozialen Netzwerken soll ihnen selbst überlassen bleiben.

  15. 15

    Die Argumentation lässt sich auf jeden irgendwie tätigen Menschen übertragen.

    Als Beispiel, wie man’s gar nicht so schlecht machen kann (und trotzdem seinen Job erledigen) führe ich hiermit Volker Beck an. Und der ist nicht mal „nur“ Abgeordneter, sondern auch noch Parlamentarischer Geschäftsführer.

    Disclosure: Ich zahle Mitgliedsbeiträge an die selbe Partei wie Volker Beck.

  16. 16
    Fahabian

    Interessant, wenn man bedenkt, wie oft bemängelt wird, es fehle an Politikern, die Ihre Politk vernünftig kommunizieren können. Es wird ja gemunkelt allen Parteien sei klar, dass die Steuerprogression abzuschaffen sei und die Kohlesubvention auch, man kann es dem Wähler nur nicht klarmachen.
    Auch ich will den fokusierten Politiker klar, aber der ist doch auf Bundes-Ebene ein Mythos *überdenkammscher*. MdBs sehe ich eher als Politik-Lobbyisten. Entscheidungen fallen in Fachausschüssen gespickt mit Wirtschaftexpert, die ungefragt alle vier Jahre den selben niedrigen Listenplatz erhalten. Deren Entscheidungen werden dann per Fraktionszwang in der Abstimmung durchgepeitscht.
    Die große Chance von Politikern, sagen wir mal der zweiten Reihe, ist es Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Und wenn man selber kein Anliegen hat, sich der Themen der Wähler anzunehmen. Da sollen die ruhig auch twitter nehmen dürfen.

  17. 17

    der erweist sich vielleicht als „žmoderner“ Mensch — doch seinen eigentlichen Job kann er garantiert nicht mehr ausüben.

    Wenn du damit meinst, er würde weniger Zeit mit Kurzbesuchen in Bierzelten und wertlosen Fototerminen in Betrieben verbringen und müsse stattdessen WIRKLICH mit Menschen kommunizieren, dann kann er seinen Job natürlich nicht mehr machen. Ansonsten sehe ich da kein Problem.

    Alles was ein Politiker im medialen Fokus macht, hält ihn von seiner Arbeit ab. Alles was ihm die Kommunikation vereinfacht, lässt ihn seine Arbeit machen.

  18. 18

    Sollen Politiker ruhig twittern. Jeder kann doch für sich entscheiden, ob er den Ergüssen folgt. Und wenn ein Politiker keine ordentliche Zahl an Followern bekommt, dann wird er es schon wieder sein lassen. Sind die Tweets jedoch interessant, in welcher Richtung auch immer, dann trägt das sicher zur Meinungsbildung bei. Die Tweets ergänzen somit das Bild eines Politikers, den wir sonst erst vier Wochen vor einer Wahl auf Plakaten sehen.

  19. 19

    warum eigentlich nicht twittern? in zeiten sinkender wahlbeteiligung und sinkender parteimitglieder ist twittern etc. eine super möglichkeit der direkten kommunikation. die kostet zeit, ja. aber bürgersprechstunden, hausbesuche etc. kosten auch zeit, politik insgesamt kostet zeit. gleichzeitig ersetzt online diese formen des gesprächs nie. aber eine gute ergänzung ist es.
    zugleich ist aber auch politiker eine privatpersonen, und ich wüsste nicht, warum er facebook, twitter und co. nicht auch als privatperson nutzen darf. ganz nach dem motto: das private ist politisch und umgekehrt.

  20. 20

    Ich finde die Unterstellungen auch eher eigenartig. Zum einen wegen des schon vielfach erwähnten Bürgerkontakts und den Vergleichen zu den bejubelten CEOs – und zum anderen, weil die Enttäuschung ja andererseits auch wieder groß ist, wenn man feststellt, dass sich Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble offenbar außer vom Hörensagen gar nicht mit dem Internet auskennen, aber trotzdem dazu Gesetze veranlassen und Urteile darüber fällen.

    Was hier letztlich beklagt wird, ist glaube ich, eher das Ende einer Illusion: Dass Abgeordnete wunderbare Wesen, schlau, fleißig, selbstlos, unterbezahlt, allwissend und mit einem 48-Stunden-Tag wären. Und dass man via Twitter nun mitbekommt: die (und auch all diese selbstgerechten, ‚echten‘ Journalisten) sind ja auch nur Normaloidioten wie du und ich.

  21. 21

    Politiker sollen nicht twittern? Weil sie in Twitterland stören? Weil sie nicht mitspielen sollen? Politiker würden ihren Aufgaben nicht verantwortlich nachgehen, würden sie twittern?

    Verstehe ich nicht:
    Politiker sollen alle Kommunikationskanäle nutzen. Klar, es wird das Team sein und weniger die Person. Aber die Reden werden auch nicht von ihnen selber geschrieben, Abläufe definiert das Protokoll, viele Entscheidungen basieren auf der feinjustierten Abwägung der Berater und Experten, Juristen formulieren Gesetze. Politiker müssen sich auf die Expertise ihres Umfeldes verlassen und sind auf Feedback angewiesen. Wenn sie es über Twitter bekommen, prima.

    Meine Bitte an die Politik: nutzt Twitter und Blogs, SMS und Mail, und bitte: Klebt weniger Plakate, verteilt weniger Fähnchen, das ist teuer und gefühlt Geldverschwendung.

  22. 22
    René (ein anderer)

    Ich bin Nichttwitterer, aber sehe auch so keinen Grund warum eine bestimmte Berufsgruppe nicht twittern sollte.

    In diesem Fall sind es sogar Politiker die immer und gerne kommunizieren.

    Antwort: Ja, wenn Sie ihren Job noch ausführen können. (Was gefühlt kaum einer tut)

  23. 23

    Ich kann auch nicht verstehen, wieso ein Politiker mit dieser aktuell wohl direktesten allgemeinen Form der digitalen Kommunikation überfordert sein sollte. Niemand erwartet ein komplettes Protokoll einer Ausschusssitzung, aber dass er da gerade drin sitzt und was er da die nächsten Stunden macht sorgt für mehr Transparenz. Wenn dazu noch ein paar Kommentare zur aktuellen Politik kommen – was will man mehr? Ich stimmt dem Artikel in dem Punkt zu, dass diese Aufgaben teilweise auch Mitarbeiter übernehmen können, aber alles sicher nicht und wie gesagt, das schafft auch ein mehr oder weniger beschäftigter Politiker. Ich bin überzeugt, dass eine so gewährte Transparenz die Partizipation erhöhen, die Politikverdrossenheit verringern und sogar die Entscheidungen beeinflussen kann. Nicht mit Twitter alleine, das ist klar, aber es ist ein Anfang.

  24. 24
    fhainer

    Die Ausggangsfrage war aber nicht, ob man Politikern das Twittern verbieten soll, sondern ob sie twittern SOLLEN.
    Und die lässt sich von zwei Seiten her beantworten. Von der des Politikers und der der Empfänger.
    Warum Politiker glauben, dass sie twittern sollen, ist übersichtlich. Ihnen öffnet sich hier ein weiterer Kanal über den sie ihre Botschaften unters Volk glauben bringen zu können. Außerdem verschafft es ein schön modern und eloquent erscheinendes Image. Und das wollen ja alle, modern und präsent sein. dafür gilt es auch Opfer zu bringen, wie sich bspw. zum Sklaven der Technik zu machen, denn wenn man den Kanal einmal eröffnet hat, will er auch regelmäßig gefüllt sein. Aber dafür gibt`s ja Mitarbeiter.
    Schwieriger ist es für mich nachzuvollziehen, weshalb jemand lesen und wissen will, was Politiker auf diesem Wege an inszenierter Selbstdarstellung absondern. Glaubt denn irgendwer ernsthaft, man würde da etwas Anderes, Originäreres, Ehrlicheres erfahren als über die Zeitung, Fernsehen, Radio, Internet? Transparenz? Wer`s glaubt, träume seelig weiter. Inszenierung trifft es schon eher.
    Twittert Frank-ohneWalter oder Angie oder Volker Beck etwas anderes, was sie auch jeder Kamera erzählen würden, wenn nur ein da ist? Und warum sollte man das unbedingt nicht verpassen?

    Womit ich bei meinem letzten Punkt wäre: warum werden Leute dafür gefeiert, wenn sie sich so verhalten, wie Unternehmen – nämlich die vermutete Erwartung ihrer Kunden zu befriedigen? Anders gesagt: wenn Twittern voll uncool wäre und ein Politiker täte es doch, fände ich es wesentlich interessanter.

  25. 25

    Unter den ganzen Politikern, die angeblich twittern, sind auch viele Fakes. Da sollte man schon genau hinschauen, ob da auch tatsächlich der „Echte“ twittert.

  26. 26
    Schnuti

    Siehe dazu auch Marteinstein im aktuellen ZEIT-Magazin, find ich schon irgendwie ganz passend auf die Spitze getrieben. :-)

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