24

Bayern München – Schalke 04 1:1


Zwei Themen werden die nächsten Sekunden verhandelt werden: Ob dieses Unentschieden Van Gaal den erstaunlich frisurlosen Kopf kosten könnte. Und welche Konsequenzen Lahms Interview haben wird.

Die zweite Frage ist einfacher: Man musste nur Franz Beckenbauer während der Halbzeitpause zuhören, als man ihn mit Lahms Vorwurf konfrontierte, der FC Bayern habe keine Idee, keine Philosophie vom Fußball. Beckenbauer meint, man müsse „einfach erfolgreich Fußball spielen. Das ist eine Philosophie, die die großen Vereine haben, also hat das der FC Bayern auch.“

Was uns zur dritten Frage führt: Wieviel Beton geht in einen Schädel? Und warum hält man Beckenbauer immer noch Mikrofone unter die Nase?

Weder erfolgreich noch schön noch systematisch, so hat der FCB gespielt die letzten Wochen. Lahm hat in dem Interview alles gesagt, was nicht funktioniert, dem ist nur noch eine Kleinigkeit zuzufügen: der Fehler war nicht nur die Einkaufspolitik, sondern auch und vor allem die Verkaufspolitik. Zé Roberto zu verscherbeln, war mit die dämlichste Entscheidung seit dem Verhandlungsgeschick im Fall Ballack.

„Wir brauchen im Mittelfeld Spieler, die man aus der Abwehr immer anspielen kann“, hat Lahm gesagt. Das ist inzwischen Binse: es gibt keinen Zehner mehr, das Spiel wird aus dem defensiven Mittelfeld heraus gestaltet. Etwas, was Zé Roberto kann. Pässe über 30 Meter spielen, Lücken erkennen, auch mal einen Gegner stehen lassen, Dynamik reinbringen. Statt Zé Roberto zu ersetzen, hat man einen zweiten van Bommel geholt, Timoschuk.

Kein Wunder, dass das kreative Feuerwerk, das der FCB abzubrennen in der Lage ist, höchstens ein Wunderkerzchen ist. Für überraschende Momente war heute, bevor Robben eingewechselt wurde, van Buyten verantwortlich. Das ist, als würde man den verstorbenen Frisör eines Dorfes durch den Priester ersetzen. Mit der simplen Begründung: weil es geht.

Schalke ist kein angenehmer Gegner: hat das Spielerpotential eines Euroleague-Teilnehmers, spielt wie ein potentieller Absteiger. Es ist das Wunder Felix Magath, dass Spieler wie Sanchez oder Farfan plötzlich anfangen, Defensivarbeit zu leisten. Dafür kommen die Bälle inzwischen zügig in die Spitze: da steht dann Kuranyi („der mit der HJ-Frisur“, wie der Tresennachbar beim Einlaufen meinte) und hält die Birne hin.

Während des Spiels war von systematischem Fußball seitens der Bayern nicht viel zu spüren. Das System hierß: frühes Tor. Als das nicht kam, spielten sie hinten den Ball hin und her. Ich hätte mich phasenweise vor meinen Rechenschieber setzen können und die Pinösel herumschubsen, das wäre spannender gewesen. Zwischendurch kamen zwei Freistöße in die jeweiligen Strafräume gesegelt, mit denen man nichts besseres anfangen konnte, als sie im gegnerischen tor zu versenken.

Als nach der Halbzeit Robben kam, riss der sofort das Spiel an sich. Ein Spiel, das sonst keiner haben wollte. Und plötzlich wusste man auch wieder, warum das Fussballspeil heißt und nicht fußballarbeit. Man hatte es kaum für möglich gehalten, dass es noch einen Bayern-Spieler gibt, der an einem Gegner, vielleicht sogar zwei, vorbeikommt. Aber als sich Schalke hinten eingegrub und Verdun nachspielte, reichte das nicht. Ein Robben allein reicht offensichtlich nicht.

Klinsmann hat es das Genick gebrochen, als Bayern hat vor einem halben Jahr 0:4 in Barcelona unterging. In diese Situation wird Van Gaal nicht kommen, denn selbst das Achtelfinale der CL ist so entrückt wie Beckenbauer. Nächstes Mal Leverkusen, 0:4 ist die Latte.

Mal sehen, ob sie gerissen wird.

24 Kommentare

  1. 01
    michi

    oh wie herrlich erfrischend du deine worte und die dazwischen entstehende ironie wählst…

  2. 02
    lork

    Hoeneß eben in der Sportschau so über Lahm: „Dieses Interview wird er noch bereuen“. Köstlich.

    Wo kann man Wetten auf Udo Lattek als Bayern-Trainer abschließen? Hitzfeld und Heynkes können ja grad nicht. Oder Trappatoni? Sören Lerby?

  3. 03

    „Nächste Woche Leverkusen, 0:4 ist die Latte.“

    Nö. Nächste Woche ist Herbstpause wegen, gähn, Länderspiel und so. Und die Bayern sind mir egal.

  4. 04

    robbens tempodribblings sind immer schon anzuschauen, doch ansonsten war er heut einfach schwer zu ertragen…

    und Helmut Markwort erinnert mich immer mehr an jemanden aus Star Wars, der mitm Hut: http://www.neurosenthal.de/?p=372

    Und der müsste den Philipp bei seinen „Fakten, Fakten, Fakten“ doch unterstützen – vor allem in seiner Rolle als FCB-Verwaltungsbeirat.

  5. 05
    Frédéric Valin

    @Stefan: Stimmt. Danke.

  6. 06

    Diese Saison könnte ich irgendwie einfach nur kotzen, sorry :-(

  7. 07
    Jochensen

    Feiner Artikel mit viel wahrem. Grandios gesprochen.

  8. 08

    Lahm hat schon Recht. Aber wie will man Recht behalten gegen Beckenbauer?

  9. 09
    rezz

    Lahms kluges Interview mit der SZ offenbart vor allem dreierlei:
    1. ein intellektuelles Verständnis von Fußball, 2. eine große Sympathie und Loyalität zu seinem Club und 3. echte Sorge um den FCB.
    Dass man am Bayerischen Hof nun droht, Lahm werde dies noch bereuen, zeigt ein erschreckendes Defizit der Leitungsebene.

  10. 10

    @rezz Da muss ich Dir Recht geben. Die „Drohung“ gegenüber Lahm kann ich absolut auch nicht nachvollziehen. Ich war immer der meinung der FCB hat eine wirklich gute Führung, aber was in letzter Zeit so passiert, deutet doch auf einen Verschleis eben dieser hin.

  11. 11
    lork

    Die Bayern-Führung ist von gestern. Sie ist so geblendet von der jahrzehntelangen (nationalen) Dominanz ihres Vereins, dass sie keine Fehler eingestehen kann und will. Der Konkurrenz die besten Spieler wegzukaufen hat so lange funktioniert, warum daran etwas ändern?

    Und der Zeitpunkt von Lahms Interview ist für Hoeneß & Co in der Tat ungünstig, denn es ist zu früh, die Schuld beim Trainer abzuwälzen. Darum ja die saftige Geldstrafe. Hoffentlich hat Lahm die Eier, nach der Saison Richtung England abzuhauen.

  12. 12

    Hi Frédéric,
    ein sehr treffender Kommentar mal wieder!
    einen Typo hast du noch drin: Fussballspeil
    ich hab noch eine Frage, wie macht ihr das mit dem CC Hinweis in euren Bildern? ist das ein Plugin?
    Viele Grüße
    Lars

  13. 13
    Glenpauli

    Gnihihi. Die Jungens vonne Reeperbahn begrüssen das Scheissspiel des FCB ungemein. Aber auch sowas von ungemein. Jawohlja!

  14. 14
    chris

    @lork: Wo wälst er denn die Shculd beim Trainer ab? Sagt er nicht deutlich, dass der Trainer nciht der Schuldige ist?

  15. 15

    @chris Nun ja er sagt aber auch „wenn ich einen Gomez kauf, spiel ich mit 2 Spitzen“ Das ist schon auch Kritik am Trainer.

  16. 16

    Ausgerechnet der kleine liebe Philipp. Der sieht doch immer noch so aus, als würde er bei den Großen ein Praktikum machen. Aber recht hat er und das wissen vermutlich auch die Bayern Bosse. Nur zugeben wollen sie es nicht und deswegen muss er halt zahlen. Für mich eine sehr ungeschickte Überraktion. Bei Toni ist das was anderes. Wer abhaut, hat Strafe verdient.

  17. 17
    Frédéric Valin

    @Markus: Nee, das ist Kritik an der Einkaufspolitik. ER sagt im großen: Was für ein Blödsinn, Gomez (fürs 4-4-2) und Robben (fürs 4-3-3) zu holen. Bei dem KAder kann man als Trainer nicht mehr viel richtig machen.

  18. 18

    @Fulanos Worte: Ob er Recht hat oder nicht ist irrelevant falls in seinem Vertrag steht dass er keine unauthorisierten Interviews gibt und/oder er den Verein nicht oeffentlich kritisiert. Laut einem Artikel im Spiegel ist das der Fall. Also setzt der Verein Disziplinarmassnahmen durch. Ganz einfach.

    Wie sich das ganze jetzt mit Meinungsfreiheit und sonstwas vertraegt weiss ich nicht. Das muessten die Juristen hier beurteilen, ob solche Klauseln in Arbeitsvertraegen rechtens sind.

  19. 19

    @Frédéric Es ist Kritik an beidem. Erst falsche Einkaufpolitik und dann kommt der Trainer ins Spiel. Ich würde ein 3-1-3-2-1 Spielen :-(

  20. 20
    Kai

    In der Form nicht unbedingt angemessen, in der Sache mehr als richtig – danke, Philipp!

  21. 21

    @Armin:
    Rechtlich geb ich Dir recht. (Edit: Wortspiel war gar nicht beabsichtigt). Trotzdem hätten die Bayern Bosse mehr Fingerspitzengefühl zeigen können. Philipp Lahm allerdings auch.

  22. 22

    Die Bayernfunktionäre haben das was sie mal auszeichnete irgendwie verloren, ihre Fussballkompletenz ist trottal verbufft. Jetzt kommt Christian Nerlinger der den FC zu einer Nationalen Größe wie Dortmund; Hertha, oder Mönchengladbach, heranzüchten wird. Aber noch ist das Bayerkind nicht in den Brunnengefallen, sonder es Spielt eben gerne am Rande des Abgrundes. Die Uefa-cup-plätzte sollte für den FCB schon drinnen sein. Ein kleiner Seitenhieb von mir.

    Höneß sollte sich nicht so groß aufspielen schließlich steht nicht nur PhilipLahm gegen ihn sondern auch Artikel 5, des GG.

  23. 23

    @Wolle:

    „Höneß sollte sich nicht so groß aufspielen schließlich steht nicht nur PhilipLahm gegen ihn sondern auch Artikel 5, des GG.“

    Nicht notwendigerweise. Die Juristen werden das besser wissen, aber soweit ich bei einer kurzen „Recherche“ erkennen kann ist das nicht so einfach. Das faengt schon damit an dass Artikel 5 durch die „allgemeinen Gesetze“ eingeschraenkt wird (was immer wieder gerne vergessen wird). Sieht so aus als ob dazu von den Richtern auch das Arbeitsrecht gezaehlt wird. Und da stehen wohl so Sachen wie Treuepflicht, Verschwiegenheit und andere Sachen drin. Womit die Meinungsfreiheit im Arbeitsverhaeltnis dann durchaus eingeschraenkt ist/wird, unter anderem wenn es um Kritik oder andere negative Aeusserungen ueber den Arbeitgeber geht.

  24. 24

    Der Kerl heißt Timoschtschuk, nicht Timoschuk ;-)

Diesen Artikel kommentieren