21

Radio-Talkshow zu den Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg

Ihr merkt es u.a. am fehlenden Spreeblick-Content: Ich bin abgelenkt. Seit Tagen beschäftigt mich wenig anderes als die Geschehnisse rund um die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg, meiner früheren Schule.

Ein paar Zeilen vorab: Spreeblick ist ein Weblog, gestartet als persönliches solches und in den letzten Jahren zu einem Mehrautoren-Blog gewachsen. Obwohl uns allen als Schreiber/innen persönliche Inhalte, Ansichten und Anekdoten ganz und gar nicht fremd sind, geht diese Geschichte ein Stück weiter an mein Privatleben heran, als ich es gewohnt bin. Zeitungen drucken im Zusammenhang mit der Berichterstattung ungefragt Fotos und Werdegang meiner Person inkl. Wohnort meiner Familie ab (das sind keine Geheimnisse, auch die Wikipedia fragt schließlich nicht, es fühlt sich trotzdem merkwürdig an, die eigene Vita im Zusammenhang mit einer solchen Geschichte zu lesen) und das Telefon steht nicht still.

Das ist alles okay, solange ich den Eindruck habe, dass ich dabei etwas zur Sache beitragen kann und mich nicht für eine Boulevardisierung des Themas einspannen lasse. Hier bei Spreeblick selbst fühle ich mich sicher, denn ich kann selbst kontrollieren, was ich von mir gebe, ich gehe nicht das Risiko gekürzter Zitate ein. Und die Reaktionen auf meinen Erfahrungsbericht, in denen sich viele Ex-Mitschüler und offenbar auch Lehrer zu Wort melden, geben einen umfassenden Eindruck der Erfahrungen vieler anderer Schüler/innen wieder und vervollständigen somit meine eigenen Worte. Dass der Artikel zu einer Anlaufstelle für viele direkt oder indirekt Betroffene geworden ist, freut mich, denn es zeigt unter anderem, worin sich klassische Medien und digitale massiv unterscheiden:

Während der Raum für Austausch und viele verschiedene Stimmen in Print und TV sehr beschränkt ist und daher „die Story“ vorgeht, haben wir als Blog endlos Platz für alle. Platz, den jeder aus freien Stücken nutzen kann, um seinen oder ihren Teil zur gesamten Geschichte beizutragen. Niemand wird von uns belästigt und um Exklusiv-Zitate gebeten, jeder kann auf Wunsch anonym bleiben. So wird aus einem ersten, persönlichen Artikel eine Reihe verschiedener Berichte und Meinungen, niemand muss die Sensation herbeischreiben, niemand muss auf die Zeichenmenge oder die Sendezeit achten. Und alle können aufeinander reagieren. Man kann miteinander reden. Medien, die jetzt auf der Suche nach einer „Stimmungsbeschreibung“ sind, finden unzählige davon in den betreffenden Kommentaren.

Doch Blog-Kommentare lassen sich schlecht im Fersehen darstellen. Über Twitter, Facebook und Mail bitten mich daher Journalisten um Kontakt zu den Kommentatoren — auf die Idee, sich selbst in das Gespräch einzumischen, ist bisher, soweit ich weiß, nur einer gekommen. Als Berichtender auch Teil des Gesprächs zu sein, das scheint noch zu ungewohnt für viele Journalisten zu sein, was ich überhaupt nicht wertend, sondern nur feststellend meine. Vielleicht ist es sogar besser, sich als Journalist nicht direkt einzumischen, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird es Zeit, auch die Berichterstattung selbst bei solchen Vorfällen zu thematisieren. Meta.

Ich habe Print- und TV-Anfragen abgesagt, die Gründe dafür hatte ich hier beschrieben. Dennoch fühlte ich mich mit einem dauernden „Dazu habe ich nichts zu sagen und gebe keine Interviews“ auch nicht richtig wohl, denn vielleicht ist das öffentliche Reden ja auch hilfreich? Ich kann vielleicht als nicht direkt Betroffener, aber ehemaliger Mitschüler, Dritten einen Anlass geben, sich ebenfalls zu äußern? So hat es schließlich, ganz ungeplant, im Artikel auch funktioniert und es hat, das weiß ich aus Mails, vielen geholfen.

Und so habe ich mich heute zum Versuch durchgerungen, eine ähnlich offene Plattform wie hier in einem anderen Medium auszuprobieren: Dem Radio. Statt 30-Sekünder im Fernsehen oder Zweizeiler in der Zeitung gibt es morgen, Dienstag Abend von 22:00 bis 0:00 Uhr, eine zweistündige Radiosendung bei meinem früheren Arbeitgeber Radio FRITZ. Ich kenne das Format des „Blue Moon“ und bin sicher, dass es in der Sendung nicht um reißerische Enthüllungen gehen wird, sondern um Gespräche. Wer sich einmischen mag, kann das gerne tun, die Telefonleitungen werden offen sein. Moderator der Sendung ist Hendrik Schröder, ich werde als Gast zugegen sein.

Der FRITZ-Livestream ist hier zu finden.

21 Kommentare

  1. 01
    Felix

    War zwar nicht Schüler der Schule, aber selbst außerhalb der Schule kannte ich die Gerüchte ganz gut.
    Schön, dass du bei Fritz dazu sprechen wirst. Ich hoffe, so kommt ein wenig pragmatisches Denken in die öffentliche Berichterstattung. Auch, wenn der Blue Moon sicher nicht so viele Menschen erreicht wie die BZ. Leider.

  2. 02
    Thomas

    Auch wenn der Anlass kein schöner ist, freue ich mich mal wieder auf einen Dienstagabend bei FRITZ mit Johnny.

  3. 03
    Micha

    Hoffe für dich, dass du danach in Ruhe gelassen wirst. Bin gespannt auf die Sendung. Wird es die danach auch als Podcast geben?

  4. 04
    k.

    johnny, meinen grössten respekt vor deiner einstellung, deine art zu schreiben und wie du mit der situation umgehst. da könnten sich viele (journalist/innen) ne scheibe abschneiden

  5. 05
    e.w.

    Johnny — mir wäre es wichtig, dass Du das Thema in der Talkshow nicht nur auf den CK beziehst, sondern den Bogen durchaus weiter spannst. Wie hoch wird wohl die Dunkelziffer in anderen jugendlichen Gruppierungen oder Zweckgemeinschaften sein?

    In meiner — ja so geliebten Jugendbewegung — ist es in den 70/80er Jahren ebenfalls zu derartigen Vorfällen durch einen Erwachsenen gekommen. Ich selbst konnte mich der Sache nur mit Handgreiflichkeiten rechtzeitig entziehen — ich hatte Glück — andere nicht. Ich suchte das Gespräch mit einem meiner besten Freunde, erst dann mit meinen Eltern. Ich werde nie vergessen, wie desillusioniert mich dieses Erlebnis hat dastehen lassen. Eindeutigere Vorfälle wurden bekannt und alles ging vor Gericht. Alles andere habe ich verdrängt, bin dann auch aus der Jugendbewegung ausgetreten „¦ obwohl ich ihr in meiner Persönlichkeitsentwicklung extrem viel positives zu verdanken habe „¦ cut.

  6. 06

    @Micha: Ich werde FRITZ bitten, uns den Mitschnitt zur Verfügung zu stellen.

    @k.: Ich danke dir sehr für die netten Worte, aber ich hab’s ja auf eine Art auch leichter: Ich muss keine Tageszeitung oder die TV-Nachrichten füllen, die den Auftrag der Berichterstattung haben und dafür nach Zeitzeugen suchen. Dass ich selbst an der Schule war, ist ja reiner Zufall und ich bin eher sehr vorsichtig, damit man mir kein Ausnutzen dieses Umstands vorwerfen kann — das sind aber diejenigen Journalisten, die auch am CK waren, ebenso.

    Dass überhaupt berichtet wird, ist klar, und ich glaube sagen zu können, dass die meisten Journalisten, mit denen ich bisher gesprochen habe, versuchen, einen möglichst „richtigen“ Umgang mit der Thematik zu finden. Ausnahmen gibt es immer, die haben’s dafür aber auch in sich „¦.

  7. 07

    @e.w.: Ich denke, dass wir das Thema sicher ausweiten können. Der Irrsinn ist doch, wie häufig solche Fälle offenbar waren — oder sind? Nicht nur am CK, sondern, wie du schreibst, auch anderswo.

    Ich denke auch, die Anrufer werden dafür sorgen, dass sich die Sendung nicht auf das CK beschränkt.

  8. 08
    martin0

    mein Respekt und Hochachtung hast Du!
    Du hast deine Sache bisher sehr sehr gut gemacht!

    Ich drücke Dir die Daumen das es dir auch weiterhin so gelingt. Daran zweifele ich auch nicht, aber manchmal passierne komische dinge in der Medienwelt, da kommt man auch mal an Grenzen. daher die Daumen.

    Bin sehr gespannt auf die „Blue Moon“-Sendung!

    gruss

  9. 09
    Lemmy

    Merkwürdig finde ich in dem Zusammenhang, dass die betroffenen
    Menschen sich erst jetzt trauen diese Dinge an die Öffentlichkeit
    zu bringen, wo sicherlich alles verjährt ist…
    Es sind doch grösstenteils Leute ab 40, also sogenannte Erwachsene…
    Seltsam seltsam

  10. 10

    @Lemmy: also ich finde es nicht gerade seltsam, dass (vermutlich verstörte) kinder ein problem haben darüber zu reden und an die öffentlichkeit gehen.

  11. 11

    Ich fände es seltsam, wenn es bei solchen Vorfällen allen Betroffenen leicht fallen würde, darüber zu sprechen.

  12. 12

    @Lemmy:
    Ja, die sind heute alle über 40 ungefähr. Das heißt aber andersrum auch, das Ganze (im aktuellen Falle) ist vor ca. 20-30 Jahren passiert. (Auf’s Canisius-Kolleg ging man entgegen der anderen üblichen Oberstufen-Schulregel, die hier in Berlin ab der 7. Klasse beginnt, bereits aber der 5. Klasse — also im Alter von ca. 10 Jahren.)

    Vor 20-25 Jahren war sexueller Missbrauch in Deutschland — man mag sich das heute kaum vorstellen können — öffentlich ein Tabuthema. Jugendliche wussten ggf. überhaupt nicht, was mit ihnen gemacht wurde und dass es nicht korrekt war. Wer jemanden des sexuellen Übergriffes zu dieser Zeit anzeigte, musste eher damit rechnen aus einer Gemeinschaft „žals der Täter“ aussortiert zu werden als der eigentliche Täter selber. Vor ca. 30 Jahren waren Geistliche im übrigen noch eine Hoheit, die es überhaupt nicht zu kritisieren galt — die waren sowieso über jeden Zweifel erhaben. Vor 30 Jahren genossen beispielsweise Frauen weder Kündigungsschutz und wenn sie einen Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung anzeigten, erhielten sie keinen rechtlichen Beistand auf überhaupt irgendeiner Ebene. Vor 30 Jahren war der Umgang mit Sexualität ein deutlich anderer als er es heute ist. Viel weniger selbstverständlich.

    Wer in einer solchen Zeit groß wird und Missbrauch erfährt, muss erst einmal im Stillen selbst lernen, wie er/sie damit umgeht. Auch weil er nebenbei überhaupt in dieser Zeit erst lernt mit Sexualität überhaupt umzugehen. Es war kein Thema mit dem so offensiv öffentlich umgegangen wurde, wie heute. Somit hatten die wenigsten Kinder/Jugendlichen überhaupt eine Möglichkeit zu erkennen, dass das, was mit ihnen geschah, keinesfalls okay war — da blieb nur ein Gefühl des Unbehagens und kein Gefühl von gemeinschaftlichem Leiden, das es leichter machte sich anderen gegenüber zu öffnen.

    Insofern ist das überhaupt nicht merkwürdig.

  13. 13
    Gösta

    @Johnny Haeusler: Die Blue Moons gibts doch alle immer einen Tag später als Podcast auf der Fritz Webseite.

  14. 14
    Lemmy

    Ich glaube ich bin ein wenig missverstanden worden.
    Ich meinte nicht, dass ich es merkwürdig finde, dass die Menschen nicht an die Öffentlichkeit gingen als sie noch Kinder waren. Was das für
    Schwierigkeiten für jeden bedeutet hätte ist mir schon klar.
    Aber z.B. so in den letzten 10 Jahren vielleicht, noch vor Verjährungen o.ä.

  15. 15

    Ja, stimmt, gibt es nach der Sendung als Podcast auf fritz.de

  16. 16

    Dass ich jetzt erst dazu komme, das hier zu lesen.

    Erst einmal: Ich finde deine Einstellung zum Thema richtig, das hatte ich auch schon mitverfolgt. Sicher kommt man irgendwie nicht um eine Stellungnahme dazu herum, daher ist eine gute Sendung (und das scheint „Blue Moon“ zu sein, soweit ich deiner Beschreibung folgen kann) sicher eine kluge Entscheidung. Ich werde versuchen reinzuschalten, kann aber nichts versprechen.

  17. 17
    martin0

    Kleiner Tip für alle nichtBerliner:

    Für Benutzer eines Apfel-Rechners und/oder iPhones kann ich zum anhören des WMA-Streams, das freie kleine Programm Fstream empfehlen:
    http://www.sourcemac.com/?page=fstream
    damit lässt sich der Windows-Media-Stream gut ‚empfangen‘

    die Podcast-mitschnitte zu Blue-Moon findet ihr später dann hier:
    http://fritz.de/podcasts/sendungen/Blue_Moon.html

    bin sehe gespannt auf die Sendung!

Diesen Artikel kommentieren