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Die hohe Kunst des schiefen Vergleichs


Hitler geht immer, Hitlervergleiche nie. Nazideutschland geht immer, Nazideutschlandvergleiche nie.

Das durfte (mal wieder) Michael Lerchenberg erfahren, der in seiner Nockherberg-Busspredigt als Bruder Barnabas sagte: „Alle Hartz-IV-Empfänger versammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drum rum ein großer Zaun.“ Und über dem Eingangstor stehe dann „Leistung muss sich wieder lohnen.“

Nun wollte Lerchenberg mit der Gleichsetzung Westerwelles als potenziellen Lagerkommandanten wohl tatsächlich etwas sagen: dass Westerwelle Hartz-IV-Bezieher zu Zwangsarbeit verpflichten will. Der Vergleich ist schief in allen erdenklichen Ebenen, aber darauf kommt es vorerst nicht an.

Natürlich sind Nazivergleiche die Blutgrätsche unter den Verbalattacken. Nazivergleiche sind immer ein bisschen Goebbels, weil sie hinken und zum Satzende gerne mal überschnappen.

Wenn man einen Beitrag über Vegetarismus für die Apothekenrundschau schreibt und eingangs sagt, Hitler sei Vegetarier gewesen, darf man sich nicht wundern, dass sich alle Welt über Hitler unterhält, aber niemand mehr über Vegetarismus. Ein Seitenhieb ins Dritte Reich ist die perfekte Gesprächsvermeidungsstrategie.

Dazu kommt, dass auf diese Seitenhiebe häufig dann zurückgegriffen wird, wenn man sich nicht auf Talent oder Argument verlassen will. Wenn einem keine Pointe mehr einfällt, malt man einen Bart an den Witz. Über die Oberlippe.

Das eine ist ein diskursiver, das andere ein qualitativer Mängel. Was solls, die meisten Vergleiche sind schief, das ist ja der Sinn eines Vergleichs. Nicht die Genauigkeit, nicht die perfekte Charakterisierung eines Sachverhaltes, nein: die Pointierung und Überspitzung. Ein Vergleich zielt nicht auf Wahrhaftigkeit.

Im Gegenteil, wie Volker Strübing einst sagte:

Man kann alles mit allem vergleichen, Äpfel mit Birnen, Jesus mit Hitler oder ein frisch gezapftes Bier mit dem Holocaust… obwohl, als ich das schon einmal behauptete, hat mich ein Kollege entsetzt angeschaut und gesagt: „Nichts ist mit einem frischgezapften Bier zu vergleichen!“

Vergleichen ist doch nicht gleichsetzten, meine Fresse! „Man kann dies nicht miteinander vergleichen, man kann jenes nicht miteinander vergleichen!“ Herrjeh! Natürlich ist ein Apfel keine Birne, Jesus war nicht Hitler und Goethe war kein Volker Strübing, aber wenn man diese Sachen nicht miteinander verglichen hätte, hätte man das vielleicht nie bemerkt

Das erklärt aber noch nicht, warum man mit banalsten Meldungen, Filmen und Büchern über Hitler und das Dritte Reich zugeschüttet wird, diese Informationen aber auf gar keinen Fall zu einem Vergleich mit anderen Themen heranziehen darf. Warum die alten Nazis so omnipräsent sind, Verweise auf sie aber tabu. Das Dritte Reich ist allgegenwärtig in Bild und Ton: Phoenix wüsste gar nicht, wie es seine Sendezeit auffüllen sollte, wenn es nicht zufällig in dunklen Archiven auf die Wochenschau-Aufnahmen gestoßen wäre, Bild und Spiegel berichten mindestens wöchentlich, und sei es von Hitlers Zahnarzt. Die banalsten Kleinigkeiten sind eine Meldung wert, demnächst hört man wohl vom Enkel des Gynäkologen von Eva Braun Einschätzungen zur Beschaffenheit ihrer Garderobe.

Obwohl das Thema medial ausgeschlachtet wird wie… ähm. Wie kein zweites, soll es nicht mit anderen Themen verschränkt werden. Es hat monolithisch dazustehen und majestätisch zu warnen. In dem rhetorischen Tabu, nichts und niemanden mit dem Dritten Reich zu assoziieren, wird der historische „Sonderfall der Geschichte“ fortgeschrieben.

Es ist dumm, Vergleiche mit dem Dritten Reich anzustellen, sagt die Erfahrung. Weil sich die Diskussion sofort Richtung Drittes Reich verschiebt. Und ein Aufschrei der Empörung folgt, selbstredend.

Es ist dumm, sofort über die Perfidität des Vergleichs aufzuschreien, wenn ein Nazivergleich kommt. Ja, es gibt Vergleiche, die verharmlosend sind. „Hühner-KZ“ für Legebatterie ist so ein Vergleich, oder aber die perfide Unterstellung, der Holocaust unserer Zeit spiele sich in Palästina ab. Kritik an solchen Vergleichen, die erkennbar daran arbeiten, den Holocaust zu relativieren und seine Opfer herabzuwürdigen ist mit Sicherheit notwendig.

Aber bei jedem Vergleich, der die Pointe sucht und das Hakenkreuz findet, eine Debatte über Geschmack und Anstand heraufzubeschwören, hat vor allem zur Folge: Man spricht nur noch über den guten Ton. Weder über das eine, noch über das andere Vergleichselement. Man spricht weder über Hartz IV noch über Lagerkommandanten. Man spricht über das, was sich gehört. Dadurch entgeht man dem Thema. Und natürlich auch den alten Nazis.

So ist der Reflex, sofort „Scheiße“ zu schreien, sobald eine braune Anspielung kommt, vor allem dies: eine Kapitulation.

Und jetzt muss im Schlußsatz natürlich noch irgendwie Karl Dönitz erwähnt werden.

56 Kommentare

  1. 01

    Großartiger Artikel über eine Geißel unserer Zeit. Und der Link bez. Döring hat mich nochmal 10 Minuten gefesselt, weil mir neu. Danke.

  2. 02
    Humbug

    Der Nazivergleich ist schon so oft bemüht worden, dass er nahezu entwertet wurde.
    Am dämlichsten war meine Erfahrung auf einer Demo in Berlin mit dem Islamkritiker Robert Spencer. Befürworter und Gegner riefen sich gegenseitig „Nazis raus“ zu.
    Ich fand das hatte was vom Kalten Krieg, wenn die eine Seite die verbale Atombombe in Stellung brachte, musste die andere Seite nachrüsten.

    Im Grunde glaube ich garnicht dass es wirklich (noch) ein Vergleich ist, sondern tatsächlich eine rhetorische Waffe, vielseitig einsetzbar und immer losgelöster vom tatsächlichen „Nazi-Tatbestand“.

  3. 03

    „Godwin“™s law (englisch zu „žGodwins Gesetz“) ist ein Begriff aus der Internetkultur, der von dem Rechtsanwalt und Sachbuchautor Mike Godwin 1990 geprägt wurde. Es besagt, dass im Verlaufe langer Diskussionen, beispielsweise in Usenet-Newsgroups, irgendwann jemand einen Nazi-Vergleich oder einen Vergleich mit Hitler einbringt. Ähnlich wie Murphys Gesetz enthält es eine sarkastische oder auch ironische Dimension.“

    siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Godwin%E2%80%99s_law

  4. 04
    omZen

    DANKE!!!

    Der Autor und Kommentatoren 1 & 2 sprechen mir aus der Seele! Wir sollten stolz auf die Möglichkeit sein, „den da oben“ so frei und unverblümt mal die Meinung sagen zu können! Diese Freiheit der Rede ist ein hohes Gut, denn eigentlich müsste das Land (die Welt) schon längst brennen, bei diesem Egoismus / Ausbeutung / Zerstörung und Ungerechtigkeit! Schlimm genug, dass die westl. Gesellschaften so tröge und Veränderungsunwillig geworden sind!

    Da muss auch mal schonungslos polemisiert werden, damit zumindest der Blätterwald (inkl. der neuen Medien) aufwacht und es vielleicht doch noch irgendwann an einem Wendepunkt zu mehr Tatendrang in Sachen NACHHALTIGKEIT (meint das Lebens- und Gesellschaftskonzept) kommt!

    Frei nach Bronco: Wir wären gerne einer von uns!

  5. 05
    IS_NULL

    »Wenn man einen Beitrag über Veganes Leben für die Apothekenrundschau schreibt und eingangs sagt, Hitler sei Vegetarier gewesen, darf man sich nicht wundern, dass sich alle Welt über Hitler unterhält, aber niemand mehr über Vegetarismus. «

    Huh?

  6. 06
    Frédéric Valin

    @IS_NULL: Richtig. Ich meinte: falsch. Also: jetzt korrigiert. Danke!

  7. 07

    Na ja, das mit der Pointe ist schwierig: Die Pharaonen haben wohl keine Sklaven benutzt, an Arbeitshäuser erinnert sich keiner mehr und von nordkoreanischen Straflagern weiß die Mehrheit noch nicht genug.

    Und bei der Titanic ist es doch auch lustig.

  8. 08
    jkalle

    Schoner Artikel. Du haettest noch erwähnen können, dass sogar schon vermeintliche Nazivergleiche Karrieren komplett zerstören können (egal wie harmlos sie sind) … bekanntes Beispiel: Eva Herman

    Oder anderst gesagt …
    Man darf sagen: In der DDR war nicht alles schlecht.
    Man darf nicht sagen: Unter Hitler war nicht alles schlecht.

    Insofern sind „positive“ Vergleiche (also das es damals auch irgendetwas gab, dass besser war als heute) zu dieser Zeit schlicht unmoeglich und ein tabu. Schade eigentlich.

  9. 09
    Sebastian

    „Wenn einem keine Pointe mehr einfällt, malt man einen Bart an den Witz. Über die Oberlippe.“

    Grandios!

    @jkalle: Du vergleichst das Dritte Reich mit der DDR. Genau das ist Relativierung!

  10. 10

    @jkalle: Sehr freie Interpretation des Textes. Um es mal vorsichtig auszudrücken.

  11. 11

    Was mir jetzt leider noch nicht ganz deutlich geworden ist: Wieso ist Lerchenbergs Vergleich „schief in allen erdenklichen Ebenen“?

    Ansonsten muss ich natürlich zustimmen.

    Die ganze H4-Debatte wird ja lediglich als Stilkritik geführt. Da sind alle irgendwie einverstanden mit allen möglichen Mitteln mehrere Millionen Arbeitslose in 800.000 freie Jobs zu quetschen. Koste es was es wolle. Würde, Verstand, Anstand.

  12. 12
    Frédéric Valin

    @166mhz: Interpretieren wirs so: Er wirft Westerwelle vor, Zwangsarbeit einführen zu wollen. Dafür wählt er den KZ-Vergleich. Nun weiß aber jeder, dass KZs alles andere als Arbeitslager waren, sondern Vernichtungslager. Lerchenberg weiß das natürlich auch.

    Zwischen „Zwangsarbeit für eine soziale Schicht“ und „Vernichtung einer Rasse“ passen halt doch einige Missverständnisse. Und jede Menge schlechter Geschmack.

  13. 13
    jkalle

    @Johnny Haeusler: Möglich oder eben einfach nur einen anderen, unverkrampfteren (tabufreien?!) Blickwinkel auf diese Thematik …

    @Sebastian: Du machst genau das was Frederic beschreibt. Bravo – gutes „Negativ“-Beispiel ;)

  14. 14

    Mist: So ziemlich genau dasselbe hätte ich auf meinem Blog schreiben wollen, wenn ich es denn so hätte formulieren können. Eigentlich wollte ich bloß twittern: „#Nazivergleich #Westerwelle = #fail“. Egal.

  15. 15
    xconroy

    Was wäre denn passiert, wenn er stattdessen einen Gulag-Vergleich gebracht hätte?

  16. 16
    peter H aus B

    @xconroy: Vielleicht wäre Gulag für ein ungarisches Rindfleischgericht gehalten worden? Nazis sind präsenter als sowjetische Straf/Arbeitslager in Sibirien

  17. 17
    Sebastian

    @jkalle: und Du hast nicht verstanden was er schreibt. Der Vergleich DDR-Diktatur mit dem Dritten Reich ist eben einer der verharmlosenden, die man vermeiden sollte. Und ein tabufreier Blick schützt Dich nicht davor die falschen Tabus zu brechen.

  18. 18
    Robert

    Nur der Korrektheit halber: „Drumherum ein Zaun“ stand nur im Manuskript. Gesagt hat er lt. SPON tatsächlich: „Drumrum ein Stacheldraht, das haben wir schon mal gehabt…“ und außerdem: „bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: Leistung muss sich wieder lohnen.“
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,682033,00.html

  19. 19
    Dr.Bär

    @Frédéric Valin
    „Nun weiß aber jeder, dass KZs alles andere als Arbeitslager waren, sondern Vernichtungslager.“

    Angesichts dessen, dass es im dritten Reich tausende Konzentrationslager und „nur“ sieben Vernichtungslager gab, eine wirklich tragikomische Aussage..

  20. 20
    Timo Beil

    7. Absatz, 1. Zeile:

    „Das eine ist ein diskursiver, das andere ein qualitativer Mängel.“

    Letztes Wort gern ohne Pünktchen.

  21. 21
    Jan(TM)

    Frédéric ist der schlechteste Artikelschreiber seit Ilja Ehrenburg.

  22. 22

    Wenn der Nazi-Vergleich ein absolutes Tabu ist, verdammt man dann nicht geradezu die Geschichte, sich zu wiederholen?

    Mann muss(!) doch auf solche Tendenzen hinweisen. Es hat doch schon mit den Sprüchen wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“ angefangen, der auch schon in den Dreißigern in ähnlicher Form von Nazigrößen verwendet wurde, in den letzten Tagen der ersten Demokratie auf deutschem Boden…

  23. 23
    Philipp

    Es scheint allgemein mehr Interesse an einem Pseudo-Diskurs-Perpetuum-Mobile zu geben als an der Vermeidung der nächsten 55M Toten.

    Interessanter Weise beschäftigen sich ein Grossteil der Posts hier eher mit der Deutung des einen hier zum Anlass genommenen Vergleiches statt der Deutung des Stilmittels und seinen Folgen (Vermeidung des Diskurses über Harz-IV UND die Nazizeit).

    Der Nazivergleich ist quasi das Antiteilchen, das auf jedes andere Thema passt. Man packt beide zusammen, blitzkrach und beide sind weg. Das ist so als könnte jedermann „Auszeit“ bei jedem Thema an jeder Stelle rufen und alle anderen halten sich daran. Für wahr ein mächtiger Zabuer. Quasi das „stupefy“ des Diskurses.

    Finde ich sehr gefährlich. Und relevanter als der Not-Vergleich eines Humoristen im Ideen-Notstand.

    Es bewirkt nämlich, dass ein tatsächlicher Diskurs über die Nazizeit kaum möglich ist, weil alle Begriffe mit konnotationsabhängigen Mehrfachbedeutungen versehen und damit nicht mehr funktional sind. Die gemeinsame Sprache – notwendige Voraussetzung für den Diskurs – existiert in diesem Thema schlicht nicht mehr. Und somit der Diskurs auch nicht. Nur noch das Geschrei, aber das geht auch ohne Inhalt und geht in jeder Sprache,
    .

  24. 24
    koz

    „Vergleich“ ist vielleicht der falsche Begriff. „Analogie“ entspricht m.E. dem angesprochenen Themenfeld eher.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vergleich_%28Literatur%29

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vergleich_%28Philosophie%29

    http://de.wikipedia.org/wiki/Analogie_%28Rhetorik%29

  25. 25
    Truzki

    Hm, den Gag habe ich schon vor einiger Zeit bei Ahoi Polloi gesehen. Da fand ich ihn äußerst witzig, wenn ich ehrlich bin. Hat da jemand etwa von jemandem geklaut?

  26. 26

    Der Nazivergleich ist deswegen so verpönt, weil er selten gekonnt verwendet wird und gleichzeitig so populär weil er jedem Trottel sofort einfällt, wenn er an etwas schlechtes denkt.

    Zudem gefällt sich unsere Gesellschaft darin, alle Schuld auf jemand anderen abzuwälzen, um sich nicht weiter damit beschäftigen zu müssen. Insofern ist der Nazivergleich auch bestens geeignet, ihn jemandem vorzuwerfen, um ihn zu diskreditieren.

    „Don’t mention the war!“

  27. 27

    @Timo Beil: Nicht als Süddeutscher!

    @Truzki: Welchen Gag? Ich bin mir keiner Schuld bewusst, obwohl ich regelmäßiger hoi polloi-Leser bin.

  28. 28
    quasi

    ich muss mich jetzt schon mal entschuldigen aber – hä – nix anderes gefunden..

  29. 29
    ber

    @Frédéric Valin: Die Unterscheidung zw. Arbeitslager/KZ halte ich für Blödsinn:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelwerk_GmbH

  30. 30
    rb

    Westerwelle bedient sich einer Sprache und eines Denkens, das in anderen Ländern zu Verfolgung und Mord, in unserem Land wiederholt zu wohlfeiler Diskriminierung von Minderheiten (Ausländer, Religion, Gesinnung) und ebenso zu Mord und letztlich zur Rechtfertigung der Vernichtung geführt hat.

    Es handelt sich nicht um einen Vergleich sondern um einen Ausblick auf das, was nicht nur Guidos und Westerwelles mit bewußter Provokation und leider auch mit dummem Gequatsche in Kauf nehmen.

  31. 31
    Floda Nashir

    Man muss hier einfach zwischen Vergleich und Gleichsetzung unterscheiden. »Hühner-KZ« ist eine Gleichsetzung von Käfighaltung und Konzentrationslager, die natürlich nicht zulässig ist. Vergleiche zwischen schwarzen SS-Hemden und Fußballer-Trikots darf man aber natürlich immer machen. Und Zäune und Schilder halte ich für völlig unverfänglich.

    Und natürlich war das Wetter zu Hitlers Zeiten nicht schlechter als heute. Die Dämonisierung (Alles war schlecht!) verhindert doch eine inhaltliche Auseinandersetzung, aus der man etwas lernen kann.

  32. 32
    Sebastian

    @Floda Nashir: nur leider bezieht sich diese Redewendung „damals war nicht alles schlecht“ nie auf das Wetter.

  33. 33
    jkalle

    @Sebastian: Ja und? Was willst du damit sagen? Auf was darf man sich denn beziehen und wo herrschen Verbote?

    Ich hab heut ein gutes Interview mit Harald Schmidt gehört (http://mp3-download.swr.de/swr1/bw/leute/harald-schmidt-entertainer.6444m.mp3) . Der persifliert solche Pseudomoral perfekt. Oder wie er sagt: Wenn manche Begriffe kommen (Jude, Hitler, …) egal ich welchem Kontext (Er nannte das Beispiel: Ich war gestern mit einem Juden Mittagessen. … Stille im Saa, entsetzte Gesichter, grosse Augenl – völlig ohne Grund) wird es sehr sehr still, da den Leuten das komplette deutsche Geschichtsbuch hochkommt. Ach herrje, wie ich das Nazometer vermisse ;)

  34. 34
    jernot

    @Sebastian: Könnte daran liegen, dass das Wetter in der Nazizeit nicht signifikant anders war als sonst, hm? Aber wenn du lieber übers Wetter reden willst als über echte Themen: So viel Schnee hätte es unter Hitler nicht gegeben! ;)

  35. 35
    Sebastian

    Ach kommt Leute, tut doch nicht so, es geht um die Verwendung der Phrase „es war doch nicht alles schlecht“ mit aus ihrem Kontext gerissenen Argumenten wie z.B. die Vollbeschäftigung oder den Autobahnbau im Dritten Reich.
    Ich warte hier in der Diskussion übrigens noch auf die Stichworte „Islamismus“ und „Gutmensch“, dann hätten wir eigentlich alles beisammen.

  36. 36
    Truzki

    fred: Der http://ahoipolloi.blogger.de/stories/1549049/

    Na ja, er war doch ein kleines bisserl‘ anders.

  37. 37
  38. 38

    Das letzte medienwirksame „es war nicht alles schlecht“-Argument, das ich in Erinnerung habe, war Eva Hermans Beitrag zum Thema Kindererziehung, was ja ein gutes Beispiel dafür war, wie sehr man sich da verrennen kann. Nicht, weil es besonders explizit war, sondern eben so verschwurbelt, dass am Ende keiner mehr wusste, worauf sie eigentlich hinaus wollte. Also WENN man schon unbedingt das dritte Reich irgendwie als Maßstab in einer Diskussion einsetzen möchte, sollte man zumindest den Satzbau beherrschen, um Missverständnisse zu vermeiden. Erstens.
    Zweitens gibt es natürlich Grundmechanismen und Denkmuster, die damals wie heute gleich sind und eben dieses Potential haben, eine ganze Gesellschaft in die Barbarei stürzen zu lassen. Ein intelligenter „Nazivergleich“, und ich bin überzeugt, dass es diesen gibt, er schafft es nur selten auf die Titelseite der Bild, kann da durchaus helfen, diese Parallelen aufzudecken, so dass man rechtzeitig gegensteuern kann.
    Aber das ist ja nicht die Intention der meisten, die den Vergleich anwenden. Denen geht es nur um die Lautstärke, und das klappt immer. Leider ist die Gegenreaktion meist ein lautes Gegenanschreien, was nun aber die richtige Reaktion wäre (ganz das Maul halten ist ja auch keine Option), habe ich auch noch nicht raus.

  39. 39
    jkalle

    @Sebastian S.: Das Problem ist aber, dass es in Deutchland kein „es war nicht alles schlecht“-Vergleich mit der Nazizeit geben darf! Das ist ein tabu – egal wie wahr und inhaltlich sinnvoll er sein mag. Wenn das eine öffentliche Person wagt, wird sie verrissen von allen Seiten und medial niedergemetzelt. Du hast ja auch das Beispiel Eva Hermann genannt. Man muss ihre Meinung nicht teilen, aber ihre Aussage waren harmlos (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Herman#Kontroverse_um_.C3.B6ffentliche_Aussagen_Hermans) , aber sowas von. Auch die Gerichte gaben ihr im nachinein mehrfach Recht und sie hat wg. der Verleumdungskampagnen einiger Journalisten/Medien ja auch Schmerzensgeld bekommen. Aber wen interssiert das schon? Keine Sau mehr. Die Folgen führe ihre Karriere/soziales Umfeld/Leben waren und sind immernoch katastrophal.

    Was ist in Deutschland schlimmer?
    Schiessbefehlleugner / Ex-Stasimitarbeiter oder jemand der das dritte Reich verurteilt, aber manche Werte in der Familienpoltik gut findet?
    > Erstere sitzen in Landtagen/Bundestag und sind Spitzenpolitker, zweitere werden geächtet, verlieren ihren Job und brauchen Personenschutz (auch heute noch).

    Dieses Beispiel verdeutlicht die denkweise der deutsche Gesellschaft/Medien und ich finds einfach krank ist.

    Von daher um des eigenen Glückes willen -> Niemals einen Nazivergleich in der Oeffentlichkeit. Es kann das Leben komplett zerstören.

  40. 40

    @jkalle: Dass die Argumentation „Unter Hitler war nicht alles schlecht“ ein Tabu ist, ist Tatsache, aber wo das Problem ist, sehe ich nicht. Es ist ein Tabu, weil es ein Automatismus ist, dass damit relativiert wird. Diese Argumentation funktioniert nämlich nur im Zusammenhang mit der Behauptung, dass es danach schlechter wurde. Aber was genau sollte das sein, was danach schlechter wurde? Es wurde danach ausnahmslos alles besser, wirklich ausnahmslos. Denn jeder „Vorteil“, der für bestimmte Deutsche unter Hitler geschaffen wurde, wurde erkauft mit dem Leid und Mord vieler Menschen. Die bessere „Erziehung“, die ja dem Vernehmen nach „von den 68ern kaputt gemacht“ wurde, war während der NS-Zeit ebenso totalitär vom Staat gelenkt (und damit de-individualisiert) und menschenverachtend wie die „Vollbeschäftigung“ von (bereits vorher einkalkulierter) Kriegsbeute finanziert war.
    Immerhin das hat jedes totalitäre System für sich: dass man hinterher ohne schlechtes Gewissen sagen kann, es war alles schlecht, denn alleine die Tatsache, dass der Staat in jeden Aspekt des Lebens eingreift, macht eventuelle materielle Vorteile komplett zunichte.
    „Inhaltlich sinnvoll“ kann so ein Vergleich demnach garnicht sein.
    Dass so eine Dämonisierung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem dritten Reich verhindert hätte, wäre mir übrigens neu (@Floda Nashir).

    Aber ursprünglich ging es ja eben nicht um „Positivvergleiche“, sondern um „Negativvergleiche“. Weiss auch nicht, wann genau das hier gedreht hat.

    (Es wurden, ganz nebenbei, auch diverse DDR-Verbrecher für ihre Taten bestraft und Nazis mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – nur, um auch was auf den zweiten Teil zu sagen, dessen Intention jetzt auch nicht soo undurchschaubar ist.)

  41. 41
    Sebastian

    @jkalle: Was Frau Hermann gesagt hat war überhaupt nicht harmlos. Oder meinst Du, dass sich die Werte der Familienpolitik des Dritten Reiches auch nur ansatzweise positiv auf jüdische oder komunistische Familien zur damaligen Zeit ausgewirkt haben?

  42. 42
    Floda Nashir

    @Sebastian S. Dann ist aber wirklich nichts gut, weil es immer jemanden gibt, auf den es sich schlecht auswirkt. Da können wir das Wort und jeden Versuch eines Vergleichs abschaffen.

    @jkalle Worin unterscheiden sich Positiv- und Negativ-Vergleiche; und was sind das überhaupt?

    @jkalle Dämonisierung brandmarkt doch automatisch alle Aspekte als schlecht, so wie das ja auch hier von einigen gefordert wird, und macht Vergleiche somit unmöglich, und damit auch eine inhaltliche Auseinandersetzung.

  43. 43

    @Floda Nashir: „Positivvergleich“: Es war nicht alles schlecht.
    „Negativvergleich“: Die Kirche ist schlimmer als Hilter.

    Ich fand, man muss dem mal einen Namen geben.

    Der Rest des Kommentars ergibt keinen Sinn, bzw. die Entgegnung auf Sebastisn (40, man kommt ja durcheinander langsam) ist schon wieder dummdreist.

  44. 44
    jkalle

    @Sebastian S.: Das Problem ist, dass sowohl die Aussage „Unter Hitler war alles schlecht“ genauso so unwahr ist wie die Aussage „Unter Honecker war alles schlecht“. (Oder eben beide Aussagen sind wahr – aber einmal so und einmal so ist schlicht nicht möglich. Eine Diktatur ist eine Diktatur ist eine Diktatur. Egal wie hoch die Anzahl der (Todes-)Opfer ist und wie die Strafen für diese aussehen.) Welche Diktatur schlimmer war (Woran misst man das „schlimmer“ eigentlich? Anzahl Todesopfer?), spielt schlicht keine Rolle.

    Ich erinnere mich an Gespräche mit meinem Opa. Der hat immer gesagt, dass die Zeit vor dem Krieg einer der schönsten in seinem Leben war. Es gab viele Tanzfeste, tolle Wanderungen in den Alpen, schöne Badeurlaube, hübsche Mädels, etc. – ein ganz normales bürgerliches Leben eines Heranwachsenden. Das ist eine Tatsache und mit der Lebensfreude meines Opas zu sind die Verbrechen während dieser Zeit überhaupt nicht verharmlost. So hab ich eben erkannt, dass eben dieses Dogma nicht stimmt…

  45. 45
    Sebastian

    @jkalle: unglaublich! Vielleicht solltest Du noch einmal in ein Geschichtsbuch schauen, Thema Holocaust! Ich kann nicht glauben, wie Du das mit etwas anderem gleichsetzt, auch nicht mit der DDR-Diktatur.
    Und die Geschichte Deines Opas ist ja rührend, aber den Leuten, die bereits von dem Krieg verfolgt und ausgegrenzt wurden, weil sie Juden oder Kommunisten waren, hat das schon damals herzlich wenig genützt.
    Ich bin entsetzt über das, was ich da lesen muss!

  46. 46
    Floda Nashir

    @Sebastian S. Diktaturen sind mitnichten alle gleich. Das sieht man ja genau dann, wenn man Hitlervergleiche zulässt. Und eine mögliche Auswahl der Vergleichskategorie wäre die Anzahl der Toten.

    @jkalle Das eine hat doch mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Wie Max Goldt schon sagt: Auch unter Hitler war zwölf mal Spargelzeit. Ich kann doch auch über die Caritas reden, ohne jedesmal die Inquisition zu bemühen.

  47. 47
    Sebastian

    @Floda Nashir: Na wie glaubst Du denn ist Hitler an die Macht gekommen? Der schönen Zeit vieler Deutscher standen schon vor dem Krieg schlimme Erlebnisse und Lebensumstände einiger anderer Deutscher gegenüber. Und die kamen nicht einfach durch einen natürlichen Umstand (wie z.B. das wachsen des Spargels) sondern durch eine antisemitische Politik der NSDAP, die schon vor der Wahl 1933 bekannt war. 43,9% der Deutschen fanden damals die Ansichten der NSDAP unterstützenswert.
    Also wer auch immer sagt, dass damals nicht alles schlimm war und viele Menschen ein ganz normals schönes Leben hatten, hat damit Recht. Aber er muss damit zurecht kommen, dass andere darauf hinweisen, dass dies eben damals nicht für alle Menschen galt.

  48. 48
    Floda Nashir

    Soll ich nochmal? Wieso ist die antisemitische Politik der NSDAP kein natürlicher Umstand?

    Und gerade weil Hitler und all die vielen normalen Menschen, die ihm gefolgt sind, weder vom Himmel gefallen noch aus der Hölle aufgestiegen sind, können sie nicht allumfassend böse gewesen sein, was eine Dämonisierung unsinnig und eine auf sachliche Fakten und Vergleiche beruhende wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung möglich macht.

    Und mal ehrlich: Ich komme prima damit zurecht, dass andere mich auf dies und das hinweisen. Ich bitte sogar darum.

    Vielleicht liegt es auch nur an meiner atheistischen Erziehung, dass ich Tabus wie das des Hitlervergleichs nicht akzeptiere? Dümmer sind eigentlich nur noch Verbote von grafischen Symbolen „¦

  49. 49
    xtraa

    „Aber bei jedem Vergleich, der die Pointe sucht und das Hakenkreuz findet, eine Debatte über Geschmack und Anstand heraufzubeschwören, hat vor allem zur Folge: Man spricht nur noch über den guten Ton. Weder über das eine, noch über das andere Vergleichselement.“

    Wow. Spricht mir sooo aus der Seele.

  50. 50

    Eine plumpe Provokation mit Umschreibung.

    Die Leser kontern mit eigenen Mitteln.

    Der Spielstand ist momentan noch unentschieden.
    Die Gegnerische Mannschaft besinnt sich auf ihre
    Tugenden und hört geflissentlich auf des Trainers Ansage:

    „Keine allzuweite Pässe spielen. Das führt letztlich nur ins
    Aus.“

  51. 51
    urbayr

    Es scheint nur wenigen klar zu sein was Nationalsozialismus oder
    Faschismus wirklich ist. Einfach nur Antisemitismus? Ausländer raus?
    Bezog sich das nur auf Deutschland?
    ??????????????????????????????????????????????????????????????????

    Ich sage, in Deutschland wurde das Grauen so auf die Spitze getrieben,
    daß es für ein Land zuviel war u. man deshalb zwei draus gemacht hat.

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