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Evgeny Morozov: Internet und autoritäre Staaten


Was wissen wir über den Einfluss des Internets auf autoritäre Staaten? Nicht sehr viel, sagt Evgeny Morozov in seinem Vortrag: so gut wie nichts. Für gesicherte Informationen ist es schlicht noch zu früh.

Es ist ein häufig wiederholtes Mantra, dass das Internet gut sei für Demokratie. Die Beweiskette entläuft entlang dieser Achse: Gib dem Volk die Fakten, mach ihm die tatsächlichen Umstände in seinem Land bewusst; gib ihm daraufhin die Möglichkeit, sich zu organisieren; und dann sorge dafür, dass weiter Unrecht dokumentiert wird und diese Dokumentation Öffentlichkeit findet. Dann stellt sich Demokratie ganz von alleine ein.

Willensbildung per Snowballeffekt.

Evgeny Morozov hat Zweifel.

Einerseits vereinfacht das Netz den Widerstand gegen autoritäre Staaten. Informationen finden schnellere und größere Verbreitung, Protestierende können sich einfacher und besser zusammenschließen, insgesamt sinken die Kosten einer Revolution.

Andererseits aber bieten sich ganz neue Möglichkeiten für autoritäre Staaten.

Auch autoritäre Staaten sind lernfähig, und auch sie übersetzen Protest in konkrete Handlung. In China beispielsweise ist Kritik willkommen, sagt die Regierung; autoritäre Staaten tun ganz gerne so, als würden sie an den kritisierten Umständen arbeiten, ohne konkret zu werden. Es ist eine Politik des offenen Ohrs und der ruhenden Hand.

Wer den Streisand-Effekt vermeiden will, vermeidet die direkte Repression. Das ist eine alte Taktik: Diskreditiere den Feind. Statt also einen Blogger, der kritisch berichtet, direkt zu verhaften, wird mit feindlichen Geheimdiensten in Verbindung gebracht. Das ist eine sehr alte Taktik, perfektioniert übrigens von Stalin während der Moskauer Prozesse.

Das Netz bietet auch ganz neue Möglichkeiten der Überwachung: So hat der Iran die online kursierenden Fotos Protestierender ausgewertet, um zu wissen, wer diese Leute sind, die da auf die Straße gingen. Zu diesem Zeitpunkt hatte man in Europa das Thema schon längst durch. Und Peking hat versucht, eine Software auf jedem Rechner zu installieren, der in China verkauft wird, um ihn gegebenfalls ausspähen zu können. Eine noch rabiatere Lösung hat Kambodscha drei Tage vor einer Wahl gefunden: statt es zu überwachen, haben sie das Netz schlichtweg abgestellt.

Es gibt, drittens, einen Effekt, der bisher kaum erforscht worden ist: nämlich der, ob gewalttätige Bilder nicht zu einer Entmutigung potentieller Protestierender führt. Dass also das Bild der sterbenden Neda auf den Straßen Teherans Menschen davon abhält, sich zu beteiligen, weil sie Angst haben.

Und es bleibt auch die Frage, ob die Flut der Informationen tatsächlich zu einer ökonomischen Destabilisierung autoritärer Staaten führen kann. Also: Schlägt das „mehr an Informationen“, das kursiert, die Technik, die diese Informationen filtern kann.

„Eine Revolution lässt sich nicht organisieren wie die Edition eines wikipedia-Artikels“, sagt Morozov. Wie eine Revolution organisiert wird, sagt er leider nicht, nur soviel: Revolutionsführer haben eine Funktion; welche, darüber muss man ein andermal reden. Tatsächlich gibt es wohl noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob das Netz zu einer Vereinzelung des Protestes führt, der nurmehr vom eigenen Rechner weg geäußert wird, oder ob das Netz zu einer Intensivierung oppositioneller Bemühungen geführt hat. Das ist, bisher zumindest, vor allem eine Glaubensfrage.

Insgesamt ist Morosov in erster Linie sekptisch: große Prognosen sind seine Sache nicht. Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber: wichtige Fragen.

FAZ: Das Unbehagen an der digitalen Macht
Netzpolitik: Podcast mit Evgeny Morozov

4 Kommentare

  1. 01
    Martin

    Die Sache mit Kambodscha ist irgendwie kein gutes Beispiel dafür, wie sich autoritäre Staaten das Internet zunutze machen können… Oder haben die sich gedacht: „Ein Glück, dass es das Internet gibt. Jetzt können wir endlich was abschalten.“ ;)

  2. 02
    Marcel

    Respekt, ich kam mir da vor wie auf einer mittelamerikanischen Viehauktion. Ungefähr genau soviel habe ich da verstanden.

  3. 03
    Frédéric Valin

    @Martin: Nee, aber Leute, die sich mit wordpress auseinandersetzen und sich Kompetenzen in online-Dingen aneignen, können in der Zeit nicht das Druckerhandwerk lernen. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie ein Kopierer funktioniert, weil ich ihn nicht mehr brauche. Oder meinen Drucker. Also, wenn ich einen hätte.

    (Laber ich gerade Müll?)

  4. 04
    Thomas Benle

    @Frédéric Valin: Nö, ist nachvollziehbar. Taugt aber trotzdem nicht wirklich als Beispiel dafür, dass autoritäre Regime (und nicht nur die!) sich das Internet inzwischen auch zu Nutze machen, da hat Martin mMn schon recht.

    Davon mal ganz abgesehen: Schöner Artikel. Bin nicht immer mit dir und deinen Beiträgen einverstanden, das hier trifft es aber mal sehr gut!

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