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Jan Müller (Tocotronic): „Radiohead-Kunst reizt mich nicht so“ (Teil 2)

Den ersten Teil des Interviews findet ihr hier

Ich hatte Dich gebeten, ein paar Platten auszuwählen, deren Artwork du gut oder bemerkenswert findest. Womit fangen wir an?
„Jailbreak“ von Thin Lizzy. Ich finde das ein sehr gelungenes Beispiel für ein aufwändiges Coverartwork. Die Ausstanzung und der Silberdruck – so was könnte man heute mit CDs nur noch bedingt machen und lange nicht so eindrucksvoll. Ich mag auch, dass das Schallplattenfirmenlogo nicht nur hinten, sondern sogar vorne drauf ist. Die Schriftwahl ist auch interessant. War damals (1976 – Anm. d. Red) wahrscheinlich wahnsinnig modern und hat jetzt natürlich was Anachronistisches.
Ich bin ein bisschen zu jung, um die Platte beim Erscheinen als Teenie erlebt zu haben, aber ich kann mir gut vorstellen, dass dies für viele Leute ein Popfetisch war. Etwas, womit man sich lange beschäftigen kann. Diese Krieg-der-Welten-mäßigen Dreibeiner, die Band zu Comicfiguren stilisiert. Finde ich alles sehr toll.
Man merkt aber auch, wie subjektiv so etwas ist und wie sehr man auch durch die Musik beeinflusst ist. Denn es ist auch musikalisch eine tolle Platte und man freundet sich schneller mit dem Artwork an, wenn man die Band mag. Wenn das jetzt ein Album von Herbert Grönemeyer wäre, dann würde ich das vielleicht auch nicht soooo gut finden.

Oft ist es ja auch sehr entscheidend, in welcher Lebensphase eine Platte in das Leben tritt. Wenn einen die Musik geprägt hat, dann hat auch das Cover eine andere Bedeutung, auch wenn man objektiv betrachtet vielleicht manchmal sagen muss, dass es kein graphisches Meisterwerk ist.
Das stimmt. Diese Platte hier z.B. kenne ich seit meiner Kindheit: Franz Josef Degenhardt „Wenn der Senator erzählt“. Die stand bei meinen Eltern im Plattenschrank. Dieses Cover hat mich mit 5, 6, 7 Jahren, wenn man so anfängt die Platten der Eltern anzuschauen, fasziniert. Mit der Musik konnte ich damals noch nicht viel anfangen, das kam später. Aber dieses Cover, von Horst Janssen, speziell für dieses Album gezeichnet – man sieht ja auch hier die kleine Notiz „Grüß Dich Degenhardt“ –, hat mich sehr beschäftigt. Hier die blutunterlaufenden Augen. Und diese Figur, die hinter ihm läuft… ich habe mir da immer ausgemalt, dass dies vielleicht der Notar Bolamus sein könnte, der in einem der Liedtexte vorkommt.
Dieses Cover ist ein schönes Beispiel, wie sich ein Künstler intensiv mit der Musik auseinandergesetzt hat und versucht hat, das visuell umzusetzen. Ich denke mal die beiden kannten sich gut und waren befreundet, auf der Rückseite sind ja beide abgebildet.

Das eine ist der Musiker, der andere der Illustrator?
Ich glaube schon. Der eine ist auf alle Fälle Degenhardt, das andere ist ein Selbstportrait, vermute ich. Auch das ist ja sehr außergewöhnlich, dass sich der Künstler auf der Platte so verewigt.

OK, die nächste Platte?
Eine 7″ von OHL… das ist so die Deutschpunkmusik, die ich als junger Teenager viel gehört habe. Ich war nie so der Nietenträgerpunker, aber mich hat an diesen Sachen, besonders den Rock-O-Rama Veröffentlichungen – so zweifelhaft die teilweise von der Message waren –, immer die Form fasziniert.
Dieses Cover wirkte auf mich sehr bedrohlich. Die Personen mit den Plastiktüten über dem Kopf ergeben ein unglaublich starkes Bild. Aber auch wie es dann graphisch ausgearbeitet wurde, ist interessant: das schwarze Kreuz, um das herum der Bandname integriert wurde. Und alles nur mit zwei Druckfarben, schwarz und gelb.
Für so eine Punkplatte eine wirklich ungewöhnliche Gestaltung, so richtig assoziiert man das ja nicht mit Punk.

Stimmt, die serifenlose Typographie und er viele Weißraum auf der Rückseite lassen es sehr sauber und aufgeräumt wirken, auch wenn es dann bei genauerem Hinschauen doch sehr ungelenk aussieht. Aber das war wohl eher Unvermögen als Absicht, oder?
Ich weiss es nicht. Es ist mysteriös. Auf jeden Fall hat es Arne und mich so sehr beeindruckt, das wir uns mit Rock-O-Tronic records sehr daran orientiert haben. Und auch für Das Bierbeben ist die Rock-O-Rama-Ästhetik ein wichtiger Einfluss.

Was bedeutet dieses eingekreiste W?
Das steht für „Widerstand“. „Deutscher W.“ ist der Künstlername des Musikers. Ich denke mal, dass es auf das Anarchie-Symbol, das eingekreiste A, anspielt. OHL grenzen sich ja politisch davon ab. Die halten sich ja für Nicht-Linke, aber auch nicht für Rechte. Politisch wirr, würde ich mal sagen. Vielleicht kann man das W auch so verstehen. (lacht)

Wir bleiben beim Punk, sehe ich…
Genau, und damit auch in meiner Pubertät. Das hier ist die Razzia LP „Tag ohne Schatten“.
Ich kann mich noch erinnern, wie ich die Platte damals im Laden gesehen habe und davon fasziniert war. Ich kannte die Band damals schon von Samplern, aber das Artwork hat mich letztendlich dazu gebracht, die LP zu kaufen.
Man weiss nicht genau, ob das ein Autonomer mit Hasskappe ist. Vielleicht auch ein Gewaltverbrecher, ein Psychopath… den starre Blick könnte man so interpretieren. Oder ist es ein Polizist? Der Bandname lässt ja auch diese Vermutung zu.
Fast noch stärker aber finde ich das Backcover. Das Bild kann man sich auch lange betrachten und sich viel dazu ausmalen. Sind das irgendwelche Geistlichen, ist das was Kultisches?
Und dann die Tracklist, wo ein Titel anders geschrieben ist.

Ist das eine Phantasiesprache und -schrift?
Würde ich vermuten. So was kennt man ja eigentlich eher aus dem Prog-Rock. Für eine Deutschpunk-Platte ist das schon sehr seltsam.
Und dann: Handnummerierung. Ich bin da zwar kein totaler Fan davon, aber dennoch freut man sich über so was. Genauso wie über das farbige Vinyl. Zum Teil waren die Weird System Platten sogar auf dem Vinyl-Label noch mal handnummeriert, die hier jetzt aber nicht.
Auch schön: das auf dickem Papier gedruckte Beiblatt mit den Texten. Ist im Punk ja immer wichtig, weil die Texte oft so schwer zu verstehen sind. Hier wurde im Prinzip für jedes Lied noch mal ein eigenes Artwork gemacht.

Auf die Begründung der nächsten ausgewählten Platte bin ich gespannt: Rote Gitarren, eine erfolgreiche polnische Band, die aber auch deutsch singen…
Ein Platte, die ich auf einem Flohmarkt nur wegen des Covers gekauft habe. Das finde ich einfach ein ganz starkes Bild. Diese Anzüge! Die beiden Gitarren, eine doppelhälsige und eine Akustikgitarre! Und dieses Bandlogo, v.a. wie es dann hinten wiederholt immer blasser wird. Hat mich irgendwie gefesselt. Und es sind auch schöne Lieder drauf, das hat mich dann sehr gefreut. Das passiert ja nicht immer, wenn man etwas nur wegen des Covers kauft.

Aber das sieht ja schon „trashig“ aus. Ist das etwas, das dich reizt?
Ja, das macht es irgendwie interessant. Ich finde ein trashiges Cover immer besser als Radiohead-Kunst. Da habe ich auch nichts gegen, aber es reizt mich persönlich nicht so.

Liegt die Faszination auch darin, sich auszumalen, was die sich Band dabei gedacht hat, warum sie sich jetzt genau so inszeniert hat?
Das Geheimnis und das Kuriose, das solche Sachen umgibt, ist ein ganz wichtiger Punkt. Warum so, warum nicht anders… Aber ich bin kein Freund des Sich-über-was-lustig-Machens. Ich kann das schon ernst nehmen.

Damit können wir auch gleich zur nächsten Platte übergehen, die hat nämlich auch ein sehr rätselhaftes Cover. Die ist eine LP mit Dokumentaraufnahmen von Afghanischer und Iranischer Musik. Die habe ich in einem Second Hand Laden gekauft, einerseits weil mich solche Aufnahmen interessieren, aber eben auch weil dieses Bild so mysteriös ist. Es hat was sehr Fremdes, total Unvertrautes. Die Musiker und Zuschauer sehen aus wie in Trance. Niemand lacht.

Vielleicht sind die nicht nur von der Musik berauscht, die Afghanen sitzen ja an der Quelle. Gibt es denn auf der Rückseite Infos zu diesem Bild?
„Non-professional tajik musicians playing for wrestlers at Falsabad“, steht da als Titel. Man könnte es auch für ein Gemälde halten. Oder eine Montage. In den Credits steht zwar, dass es eine Photographie ist, aber es wirkt beinahe unwirklich.
Das Bild ist das, was mich an dieser Platte fasziniert, aber ich finde auch die Rückseite schön gestaltet, v.a. die Landkarte. Sehr minimal und nüchtern, ein toller Kontrast zum folkloristischen Frontcover.
Das ganze ist auf dicker Pappe gedruckt, vorne glänzend, hinten matt. Ganz ungewöhnlich auch, dass es nach außen geklebt ist. Vielleicht ein Fehldruck? Aber solche Fehler finde ich ja gut.

Johannes Schardt arbeitet als Designer u.a. mit Tocotronic.

7 Kommentare

  1. 01
    Tobi

    Ein wenig neidisch bin ich ja schon…

  2. 02
    Thomas Benle

    @Tobi: Ein wenig…

  3. 03
    sn

    Oh, Consuela ist nicht drauf. Bestelle ich mir die trotzdem? Hält der Rest, was Weißes Boot verspricht?

  4. 04
    azu

    Mann, die Razzia-LP. Hatte ich auch mal. Die Phantasieschrift ist, wenn ich mich richtig erinnere, einer H.P. Lovecraft-Geschichte entnommen (Der Fall Charles Dexter Ward?).

  5. 05

    sehr spannendes interview. vor allem dieser zweite teil, in dem es um favourites von jm geht.

    @sn: die rote-gitarren-lp ist durchweg grandios. es findet sich darauf „sie heißt anna“. auf diesen song hatte jm in einer spex-ausgabe in der rubrik „musik zur zeit“ hingewiesen und ihn als „jahrhundersong“ bezeichnet, worauf ich mir die lp besorgte. sie drehte sich sehr lange auf dem teller.

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