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Eigenangst

Felix hatte vor einigen Wochen bereits einen Gastbeitrag über das Tempelhofer Feld für uns verfasst, hier kommt ein weiterer Text von ihm.

1967 singen The Doors „People are strange when you’re a stranger“. Als ich das Lied das erste Mal hörte, empfand ich ein mir damals noch recht emotional begründetes Gefühl der Zustimmung. Ich bin als Kind von „Zugezogenen“ auf einem kleinen Dorf aufgewachsen. Neben vielen guten Freunden und guten Menschen, die mir geholfen haben, das Leben zu lieben und die Menschen zu achten, habe ich auch unendliche Abneigung erfahren.
Jahrelang lebte ich mit einem unaussprechlichen Hass im Herzen. Hass gegenüber jenen Menschen, die mich ablehnten, weil ich das Kind von Zugezogenen war. Hass gegenüber jenen Personen, die mich auslachten, für meinen, für ein kleines Dorf in der BRD doch recht untypischen, Familiennamen. Hass gegenüber jenen, die mich als Zielscheibe für ihre verlachenden Witze benutzten. Witze, die stets nur den Zweck erfüllten, Niveauunterschiede zu erzeugen, Hierarchien zu etablieren und zu erhalten. Am meisten habe ich manchmal die Menschen gehasst, die meine Frustration, meine Wut, meine Angst, meine Trauer und mein Leid einfach abtaten. „Das bildest du dir doch nur ein.“

Ich habe früh gelernt, was es heißt, einsam zu sein.

Manche Menschen haben großes Glück. Ich hatte riesenhaftes Glück. Neben meinen besten Freunden, die wie Felsen immer zu mir standen, hatte ich eine Familie, die redete. Ich genoß eine offene Erziehung mit vielerlei Anstößen. Als ich Kind war, lasen mir meine Eltern Geschichten vor. Ich litt nie unter finanzieller Not. Schulbrote aus Vollkorn und naturtrüber Bioapfelsaft (beides habe ich selbstverständlich ebenfalls gehasst, ich wollte Milchschnitte haben, wie jedes normale Kind) waren die Regel, nicht die Ausnahme. Als junger Erwachsener suchte ich die Freiheit. Niemand sollte mich noch kennen. Ich sehnte mich nach Unabhängigkeit. Ich bin nach Berlin gezogen.

Ich wohne in Neukölln. Ich habe in Moabit gewohnt, in Charlottenburg, in Friedrichshain, in Kreuzberg. In Charlottenburg hatte ich den sympathischsten Hausmeister. Ein Hausbewohner sagte meinem Bekannten mit koreanischem Migrationshintergrund, er solle zurückgehen, wo er herkommt (mmh, nach Stuttgart?). In Moabit musste ich einst mein Fahrrad auf der Polizweiwache verkehrstüchtig vorführen, weil ein Streifenpolizist mit dem linken Bein zuerst aufgestanden war. In Friedrichshain waren englischsprachige Touristen so laut unter meinem Fenster, dass ich fluchend die ganze Nacht über wach lag. In Kreuzberg kostet ein Döner 3,50€ und die Marheinekehalle ist zum Erlebnispark geworden.

Einige Menschen in Neukölln verhalten sich bisweilen wie echte … naja. Andere sind freundlich und grüßen, plaudern gerne eine Weile. Manchmal wollen wir alle unsere Ruhe haben. Wenn nebenan herumgeschrien wird, will ich mich gelegentlich auf den Balkon stellen und „Halt’s Maul!“ brüllen. Was die Galeristen im Erdgeschoß für Ausstellungen planen und durchführen, verstehe ich nicht, und wenn ich ehrlich bin, gebe ich zu, dass es mich nicht interessiert. In der „Langen Nacht“ gibt’s Gestalten, mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Im „Zirkus Lemke“ ist das nicht anders. Wenn ich an Shisha­Bars in der Sonnenallee vorbeigehe, empfinde ich häufig ein Gefühl der Abneigung: Dreißig Männer hocken rauchend zusammen, Frauen nicht anwesend, und reden über, ja worüber? Alle Menschen sind gut und schlecht und häßlich und schön.

„Salem Aleikum, wenn ich vorbeikum, hau‘ ich dir dein Ei krumm.“

Diesen Spruch kenne ich nicht aus Neukölln. Ich habe ihn nicht in Moabit gehört, nicht in Charlottenburg, nicht in Friedrichshain, auch nicht in Kreuzberg. Ich kenne diesen Spruch aus meinem Heimatdorf. Ich wusste damals als ich ihn hörte, nicht, was „Salem Aleikum“ bedeutet. Wir kennen uns nicht. Wir wissen nicht, was wir denken. Selten müssen wir zusammenarbeiten, praktisch nie sind wir darauf angewiesen, mit „den Anderen“ überhaupt zu reden. Wenn wir Döner kaufen oder Schawarma, dann beschränkt sich die Konversation auf das Notwendigste:

„Mit Soße?“
„Kräuter und bisschen scharf.“
„Salat, komplett?“
„Ohne Zwiebeln.“
„Gleich essen?“
„Ja. Danke. Tschüss.“

Wie denken wir über unsere Mitmenschen nach? Was sagt es über unsere gemeinsame Geschichte, über unsere Kultur aus, wenn es als witzig empfunden wird, dass der Gedanke an „den Araber“ einhergeht mit der Vorstellung von „Ei krumm hauen“? In Max Frischs „Andorra“ haben die „Weißen“ Angst vor den „Schwarzen“. Die Angst vor „den Anderen“, ist sie nicht eine Angst vor dem Andersgearteten? Wenn wir anfangen zu überlegen, was es neben dem, was wir bereits kennen, noch gibt, so müssen wir eventuell gar anfangen, unsere eigenen Überzeugungen infrage zu stellen. Vielleicht stellen wir sogar fest, dass wir keine Überzeugungen haben, sondern nur einem Glauben an ewige Vorurteile verhaftet sind. Wir müssen über uns nachdenken, wenn wir über das Andere nachdenken. Es kann passieren, dass wir immer verwirrter werden, dass wir zweifeln.

Viele Menschen in meinem Heimatort haben mich abgelehnt, weil ich neu für sie war. Ich wirkte fremd. Schnell äußert sich Angst vor etwas, das man nicht versteht. Die Angst vor dem, was wir nicht verstehen, lässt uns darüber lachen, denn das Lachen lindert unsere Angst. Das Lachen verschwört sich in der lachenden Gemeinschaft, die nur existiert, weil sie sich von Etwas abgrenzt. Es ist ein gefährliches Lachen, weil es Aggression mit sich bringt. Schnell wird es zu einer „Mordsgaudi“.

Ich sage, dass ich riesenhaftes Glück hatte. Ich hatte die Freiheit nachzudenken, ich durfte denken und ich hatte Anleitung. Meine Eltern haben mich nicht mit Verboten und Indoktrinationen abgespeist. Viele Menschen haben dieses Glück nicht. Wir können uns dafür entscheiden, anderen Menschen zu helfen. Wir können uns dafür entscheiden, den Hass zu beenden. Dafür müssen wir bereit sein, nachzudenken und Überzeugungen eventuell zu verwerfen. Wir müssen uns selber lieben, um andere Menschen lieben zu können.

Es ist, so pathetisch man dies auch finden mag, für mich das größte Zitat der Filmgeschichte, gesprochen von Charlie Chaplin in „The Great Dictator“:

„We all want to help one another. Human beings are like that.“

Ist es ein Zufall, dass das Wort „strange“ sowohl „fremd“ als auch „merkwürdig“ bedeutet?

Für alle, die es noch nicht wissen: „Salem Aleikum“ heißt „Friede sei mit Dir“.

14 Kommentare

  1. 01

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Vor meinen deutschen Freunden muss ich mich für meine Ausländischen rechtfertigen, aber genauso auch umgekehrt. Es macht mich fertig, wie wenig Interesse beide Seiten füreinander zeigen. Den meisten Leuten macht Fremdes Angst, also wird alles schlecht gemacht und gar nicht erst versucht es zu verstehen.

  2. 02

    Toller Artikel, mehr davon!

  3. 03
    WolfRevo

    Angst essen Seele auf. Du hast es auf den Punkt gebracht, was seit Jahren bekannt ist.

  4. 04
    Thomas Benle

    Jetzt hätte ich doch mal einen Flattr-Account gebraucht.

  5. 05
    Namen, hui =)

    Johnny, ich will ein Kind von dir! ;D

  6. 06
    Thomas Benle

    @Namen, hui =): Warum? Ich denke der Text ist von Felix?

    Zugegeben, dass Johnnys Name druntersteht, ist etwas verwirrend. Letzte Mal stand da schließlich auch Gastautor drunter: wie sich’s gehört.

  7. 07
    Felix Moniac

    @Namen, hui =): Ich verbuch’s einfach als Kompliment an mich. ;-)

  8. 08

    Hm… soll gar nicht bös gemeint sein, aber… Schwert der Wahrheit gelesen? ;-)

    Kommt mir sehr bekannt vor, das „Wir müssen uns selber lieben, um andere Menschen lieben zu können“ und das erste Gesetz der Magie ist auch hier eingebunden :)

    Aber schöner, wahrer Artikel, so oder so.

  9. 09
    Felix Moniac

    @Dominik: Ne, habe ich nicht gelesen. Aber sicherlich sind weder Terry Goodkind noch ich die einzigen Menschen, die diese Idee bereits gedacht haben.

    Was ist denn das erste Gesetz der Magie?

  10. 10
    Dominik

    Stimmt wohl, was du sagst. Und genau deshalb habe ich etwas Hoffnung.

    Das erste Gesetz der Magie lautet „Die Menschen sind dumm. Sie glauben etwas, weil sie wollen, dass es wahr ist, oder weil sie Angst davor haben, dass es wahr ist.“

    Und es ist leider so wahr.

  11. 11

    @Namen, hui =): Das mit dem Kind müsstest du mit Felix, dem Autor des Artikels, besprechen … ich leite Anfragen gerne weiter. ;) Denn:

    @Thomas Benle: Mein Fehler, entschuldigt bitte. Ich habe den Text von Felix ins System gesetzt und vergessen, den Autor zu ändern.

  12. 12
    Thomas Benle

    @Dominik: Ist der Rest von „Schwert der Wahrheit“ auch lesenswert?

    @Johnny Haeusler: Kann ja mal passieren. ;) Jetzt ist jedenfalls alles bestens!

  13. 13
    Til

    Leute, ich komm mit dem Lesen nicht mehr hinterher, daher die spaete Einmischung.

    @WolfRevo: Und wenn schon seit Jahren bekannt, so wird es doch nicht weniger wichtig, solche Dinge immer wieder auf den Punkt zu bringen, denn Ideen muessen staendig neu gedacht und gefunden werden; das haelt sie am Leben.

    Es ist schoen, eine alte Wahrheit in neuem Gewand anzutreffen, schoen, weil in jedem Moment ein Mensch auf die Welt kommt, der nun eine Gelegenheit mehr hat, sie zu finden; und schoen, weil wir, so wie uns unbekanntes verunsichern kann, uns im vertrauten nun mal gut aufgehoben fuehlen — und nicht allein.

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