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Baby you can drive my chair

Ein Mann mit Tattoo am Roboterarm im Rollstuhl, eine betagte Frau im Rollstuhl, ein schwedischer Schönling im Rollstuhl und ein HipHopper im Rollstuhl. Und das alles auf ein paar hundert Metern Fußweg beim Roskilde, das fällt doch auf. Ich habe nach dem Abi zehn Monate lang einen querschnittgelähmten Studenten betreut. Ich kann mir also ziemlich gut vorstellen, was es an Aufwand und Hindernissen bedeutet, ein Festival, noch dazu ein so großes, auf zwei Rädern zu besuchen. So bin ich vielleicht noch verwunderter als andere, wie das zusammengeht, ein Festival und so viele Rollstuhlfahrer. Anbetrachts der Beliebtheit von Roskilde bei Gehbehinderten muss es hier aber sogar ganz gut zusammen gehen.


Also habe ich beschlossen, der Sache nachzugehen, gemeinsam mit Miss Sophie. Und wir haben herausgefunden: Das Roskilde ist ein kleines Paradies für Rollstuhlfahrer.

Der Herr mit dem tätowierten Arm ist schon zum 16. Mal beim Roskile. Mit seinem Roboterarm kann er richtig zugreifen, wie er mir stolz erklärt. Im Schlepptau hatte er zwei Helfer – die er gratis aufs Festival mitbringen kann. Je nach Grad der Behinderung können bis zu vier Leute mit. Aber damit unterscheidet sich Roskilde noch nicht drastisch von anderen Veranstaltungen. Es gibt noch eine Menge anderer Vorteile hier, wie uns Simon und Rasmus erzählt haben, die auf dem Festivalgelände einen Film für die größte dänische Organisation für beeinträchtige Menschen drehen.

PJ
Foto: Miss Sophie

PJ aus Schweden ist auch zufrieden mit den Einrichtungen für Gehbehinderte beim Roskilde, motzt aber ein bisschen, weil wegen eines großen, weißen Aufenthaltspavillons die reservierte Campingplatzzone dieses Jahr deutlich verkleinert wurde. Außerdem würde er sich mehr Sicherheit wünschen – denn bei einem Feuer, meinte er, stünden die Chancen schlecht. Aber grundsätzlich ist er wohl doch recht begeistert von Roskilde, immerhin macht er bereits zum vierten Mal mit. Was PJ besonders schätzt: Die mobilen Behindertenklos, die überall auf dem Gelände bereitstehen. Außerdem dürfen bis zu vier Leute direkt mit ihm campen, die anderen natürlich zu Besuch kommen, und das auch rund um die Uhr.

john
Foto: Miss Sophie

John aus Schweden sitzt mit Riesenfreundeskreis unter seinem Pavillion. Er findet es angenehm, dass er hier unter all den anderen Rollstuhlfahrern nicht groß auffällt. Außerdem gibt es besagte Rampen vor den Bühnen, von wo aus er die Konzerte angenehm verfolgen kann. Aber wie das Fußvolk auch nur dann, wenn er früh genug kommt. Denn zu Florence And The Machine hat es John gestern auch nicht mehr auf die Rampe geschafft. Sie war schon voll.

Alles in allem: Es ist schön, hier so viele Menschen mit Handicap herumrollen zu sehen. Deutschlands Festivalveranstalter sollten sich mal schleunigst ein Beispiel nehmen.

10 Kommentare

  1. 01

    endlich mal was aus roskilde „außer der reihe“, danke.

  2. 02
    WolfRevo

    Ich lese ja ehrlich mittlerweile jeden Artikel zu Roskilde als Vergleich zu SonneMondSterne, das ich dieses Jahr zum 12ten Mal besuchen werde. Großartige Berichterstattung und sehr hautnah!

  3. 03

    Also auf meinem letzten Hurricane (2007) gab es schon ähnliche Verhältnisse für Rollstuhlfahrer. Also auch das Mitbringen von Helfern und auch Rampen bei den Bühnen

  4. 04

    Vielleicht hat sich das noch nicht so herumgesprochen, dass das beim Hurricane geht. Weil ich war gerade erst da und habe keinen einzigen Rollstuhlfahrer gesehen. Aber was dort wahrscheinlich auch problematisch ist, ist das Fehlen von asphaltierten Wegen – weil sobald alles im Schlamm versinkt, ist kein Durchkommen mehr. Aber das kann man den Veranstaltern nicht vorwerfen, schon klar.

  5. 05
    Peter

    Ein tätowierter Roboterarm. Nachdem ich mich halb schlappgelacht habe, bin ich total begeistert – das ist rock’n’roll. Vielen Dank für die Berichterstattung.

  6. 06

    Der Artikel überhaupt, thx!

  7. 07
    mandi

    Hallo ihr beiden,

    im Rahmen eines studentischen Projektes versuche ich mit einer Kommilitonin einen barrierefreien Wegeplan für ein Straßentheaterfest zu entwickeln. In ersten Recherchen wollte ich mir einen Eindruck über barrierefreie Festivals verschaffen. Dabei bin ich auf euren Artikel gestoßen, welchen ich sehr gut finde. Ich würde gerne wissen, ob ihr auch Erfahrungen mit barrierefreien Wege- bzw. Lageplänen habt. Leider kann ich keine barrierefreien Stadft- bzw. Wegepläne finden. Ich finde es sehr wichtig, dass diese übersichtlich und einfach gestaltet sind, sodass sie sich gut handhaben lassen. Deshalb würde ich gerne Erfahrungen sammeln, um den Plan auch anwendbar zu gestalten. Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Liebe Grüße mandi

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