5

„The internet is the reason we’re here“ – Interview mit The Rural Alberta Advantage (mit Video)

Im Dezember des letzten Jahres traf ich Nils Edenloff, Amy Cole und Paul Banwatt von The Rural Alberta Advantage, als sie ihre allererste kleine Deutschlandtour nach Berlin führte und ihr neues Album „Departing“ gerade frisch ins Presswerk geschickt worden war. Dieses erscheint nun endlich nächste Woche – zur Plattenrezension bitte hier entlang – und ist damit natürlich Grund genug, um euch das Interview mit den entzückenden Kanadiern nicht länger vorzuenthalten und schon mal eine wärmste Ausgehempfehlung auszusprechen, wenn sie demnächst wieder Konzerttermine verkünden.

Die deutsche Übersetzung in Auszügen, das vollständige, unglaublich charmante Videointerview im Englischen und die gehörige Prise „O Canada“ fürs Gemüt gibt’s nach dem Klick.

Spreeblick: Ich fürchte, dass euch in Deutschland noch nicht jeder kennt, aber um das zu ändern, erzählt doch gleich mal davon, wie ihr euch getroffen und eine Band gegründet habt. Ich habe gelesen, dass ein Open-Stage-Abend etwas damit zu tun hatte?

Nils: Ich bin ja der einzige in der Band, der tatsächlich aus Alberta kommt…

Jetzt ist’s raus!

Nils: [Lacht] Genau! Nachdem ich mit der Uni fertig war, bin ich jedenfalls von Edmonton nach Toronto gezogen. Vor allem, um dort auf irgendeine Art einfach Musik zu machen und mir Bands anzusehen, die es nie bis in meine Heimatstadt schafften. Dort habe ich dann schließlich Paul und Amy durch den Freund eines Freundes kennengelernt, mit dem sie beide in einer Band spielten. Wir vier traten dann regelmäßig bei diesem Open-Stage-Abend auf und im Grunde war das auch schon der Ursprung der Band. Unser heutiges, recht reduziertes Arrangement an Instrumenten unterscheidet sich nicht groß vom damaligen – außer das wir jetzt vielleicht ein bisschen mehr rocken und lauter geworden sind. Besagte Open-Mic-Veranstaltung existierte von 2004 bis irgendwann Mitte 2005.

Paul: Sie ist dann im Sande verlaufen, weil eigentlich nie Zuschauer kamen. Das war schon einigermaßen furchtbar. Wir sind da für Bier und Essen aufgetreten…

Amy: Aber damals war’s doch durchaus ein guter Deal? Wir kriegten immerhin zwei verschiedene Sorten Pasta und Bier im Wert von 50 $! Und was hat man eh schon groß an einem Dienstagabend vor? Außerdem hattet ihr [Paul und Nils] zu der Zeit keine Freundinnen… [alle lachen]

Paul: Stimmt, wir hatten dienstags einfach nichts Besseres zu tun. Also waren wir entweder dort oder sind ins Kino gegangen, weil das am Dienstag billiger war.

Wie würdet ihr eure Musik jemandem beschreiben, der sie noch nie gehört hat?

Nils: Für uns war’s schon immer schwierig, den Sound irgendwie zu beschreiben. Er hat Folkeinflüsse, ist aber zugleich rockig, außerdem gibt’s darin Keyboards und viel Schlagzeug… Das lässt sich trotzdem eher schwer festmachen, da jeder Song quasi von einer Stimmung zur nächsten springen kann. Wenn man nur ein bestimmtes Lied von uns hört, denkt man zum Beispiel “Ah, die klingen ja wie eine Indie-Rock-Band” – Gitarren, Rock’n’Roll und all das. Bei einem anderen Song fühlt man sich aber vielleicht wieder mehr an eine Keyboard-Dance-Nummer erinnert. Uns allen ist es jedenfalls sehr wichtig, dass wir uns mit der Band nicht auf einen Stil beschränken. Wir wollen halt nur das Beste aus den Songs herausholen. Wenn wir an einen Punkt kommen, wo wir merken, dass ein Song so nicht wirklich funktioniert, probieren wir gerne einfach etwas komplett anderes aus und bringen zum Beispiel Keyboards rein. Das bedeutet dann meist noch mal einen neuen Kreativitätsschub.

Paul: Ich denke, das hängt auch direkt damit zusammen, weshalb wir nicht beschreiben können, wie unsere Musik klingt. Wenn sie genau wie XY klingt, ist das eben langweilig für uns. Jedes Mal wenn ein Lied zu offensichtlich ein Dance-Song ist, oder bloß ein Folk-Song, dann landet das auch gar nicht erst auf unserer Platte.

Es wird ja demnächst ein neues Album geben: wann kriegen wir das denn zu Gehör?

Nils: Im März. Es durchläuft gerade alle Stationen, wir haben’s uns ein paar Mal angehört, abgesegnet und jetzt geht’s zur Promo-Abteilung und die kümmern sich drum… Das ist schon lustig, denn beim ersten Album war eigentlich genau das Gegenteil der Fall. Es war fertig und…

Amy: … niemand wollte es haben [alle lachen].

Paul: Ja, wir waren damals echt die einzigen, die sich das angehört haben.

Frei nach dem Motto „Hey, spiel doch noch mal diese eine Platte da“…

Nils: „… ich find’ den Typen total spitze!“ [lacht]

Amy: Wir wollten es aber wiederum auch nicht einfach an Labels rausschicken, sondern alles selbst in die Hand nehmen. Unser erstes Album war also plötzlich da und wir haben festgestellt, dass wir’s ja nun eigentlich vor Ort bei unseren Konzerten an den Mann bringen könnten – das ist alles so mit uns gewachsen.

Nils: Wir hatten damals bereits eine Tour entlang der Ostküste geplant und uns dann ziemlich ins Zeug gelegt, um die Platte rechtzeitig herauszubringen, damit wir sie dort auch während der Konzerte verkaufen konnten. Vom Ende der Aufnahmen bis zum tatsächlichen Verkauf hat es vielleicht eine Woche gedauert. Dazwischen wurden die Sachen noch gebrannt, wir haben Cover ausgedruckt und so weiter. Dieses Mal ist es also eine komplett andere Herangehensweise für uns: wir geben alles an andere Menschen ab, diese Leute stellen das Produkt her und irgendwann kauft es dann jemand. Wir sind aber auf jeden Fall sehr glücklich mit dem Album.

Amy: Ja und obwohl nun all diese Leute mitmischen, entspricht es trotzdem genau unseren Vorstellungen. Außer uns war sonst niemand an den Aufnahmen beteiligt. Es fühlt sich also immer noch nach unserem ganz eigenen Ding an, auf das wir einfach superstolz sind.

Wie groß ist die Rolle des Internets wenn ihr auf das zurückblickt, was ihr mit der Band bisher erreicht habt?

Amy: Riesig! Es ist der Grund, weshalb wir gerade hier sitzen. Dass wir einen Vertrag bei einem amerikanischen Label unterschreiben konnten, begann eigentlich schon mit dem allerersten Blogeintrag über uns, während unserer Ostküstentour. Der komplette Weg unserer einzelnen Fortschritte seitdem, ist auch noch im Netz festgehalten worden. Wenn man möchte, kann man auf YouTube gehen und quasi jede Show angucken, die wir jemals gespielt haben. Ich kann das manchmal kaum glauben.

Nils: Und selbst bevor all das mit “Hometowns” passierte, war schon eine EP draußen, die wir während unserer Konzerte aufgenommen hatten – einfach um den Leuten zu zeigen, was wir so machen – und die sich übers Netz verbreitete. Das hat uns enorm weitergebracht. Solange die Musik gut ist, wird sie auch ihr Publikum finden, daran haben wir einfach immer geglaubt. Diese Leute geben uns dann etwas zurück, indem sie zu den Konzerten kommen, ihren Freunden davon erzählen und so weiter. Ich war schon immer ein Anhänger dieser sehr idealistischen Sichtweise und in unserem Fall hat’s funktioniert, finde ich.

Ich habe den Eindruck, dass kanadische Künstler wie zum Beispiel Caribou, You Say Party! oder Holy Fuck gerade in diesem Jahr [Anm.: Wir reden hier von 2010.] enorm produktiv waren. Es ist auf jeden Fall beeindruckend zu sehen, wieviele von ihnen derzeit unterwegs sind und dass sie solch einen Erfolg haben.

Nils: Das kanadische Förderungssystem für Bands ist da sehr gut, wie ich finde. Ich glaube FACTOR, SOCAN und so wurden in den 70ern etabliert [Anm.: SOCAN war sogar schon früher dabei, aber das auch noch unter einem anderen Namen.]. Auf lange Sicht helfen diese jüngeren Bands definitiv dabei, bekannter zu werden und die Art von Musik zu schreiben, die sie gerne schreiben möchten. Uns haben sie ebenfalls schon sehr unterstützt. Ich denke zumindest, dass diese Struktur auch ein Grund dafür ist, dass da gerade so viele kanadische Bands erfolgreich unterwegs sind.

Paul: Im Fall Kanadas kann es außerdem ganz schnell passieren, dass man im Schatten der USA landet – dort gibt es schließlich 10x so viele Bands und somit auch 10x so viel an Talent. Das zu übertreffen ist natürlich entsprechend schwierig, aber die kanadische Regierung schafft es mit ihrem Subventionssystem tatsächlich, Talente zu fördern und ihnen zu der Aufmerksamkeit zu verhelfen, die ihnen sonst ganz leicht fehlen würde.

Wie lange habt ihr denn jetzt für das neue Album gebraucht?

Paul: 5 bis 6 Monate?

Nils: Viele der Ideen dafür schwirrten schon länger herum. Einige der Songs existieren quasi schon seit „Hometowns“, wozu sie in den meisten Fällen einfach noch nicht passten. So gesehen, haben wir uns schon sehr lange mit der neuen Platte beschäftigt. Tatsächlich darauf konzentriert haben wir uns aber erst später. Ich glaube, im März habe ich mit den Demos angefangen, ab Mitte des Sommers, im Juli ungefähr, haben wir uns dann zum Schreiben der Songs zusammengesetzt und schließlich auch für die Aufnahmen. Das lief quasi ohne Unterbrechung bis Mitte Oktober so.

Und ihr schreibt dann auch alle zusammen an den Songs?

Paul: Teile davon schon. Normalerweise fängt’s damit an, dass Nils mit einer Grundidee ankommt, seien es Textzeilen oder eine Melodie, manchmal aber auch mit einem ganzen Song. Und je nachdem, in welchem Stadium sich das dann gerade befindet, entwickeln wir den Rest entsprechend zusammen weiter.


Und wer nun noch wissen möchte, ob sich die mit RAA abgekürzten Musiker gewissermaßen auch als Botschafter Kanadas empfinden, wie es mittlerweile für sie ist, Konzerte in der Heimat zu spielen, an unbekannte Orte zu kommen, wo man ihre Songtexte alle schon kennt, welche ihre Lieblingsalben 2010 sind und was sie mit den Hells Angels verbindet, der findet das komplette Interview samt dieser feinen Bonustracks im anschließenden Video:

Partnerlinks:

„Hometowns“ und „Departing“ bei Amazon
„Hometowns“ und „Departing“ bei iTunes

5 Kommentare

  1. 01
    Matthias

    Daaaaaaaaanke!
    Ach was mag ich diese Band.

  2. 02
    Anne Wizorek

    @Matthias: Und das vollkommen zu Recht! :) Ich wünsche diesen liebenswerten und talentierten Menschen wirklich allen Erfolg, den sie nur kriegen können.

  3. 03

    wow, welch eine entdeckung. danke!

  4. 04
    Anne Wizorek

    @Bernd: Yay! Und wieder ein Beweis dafür, dass die guten Sachen auch an gute Menschen geraten. :)

Diesen Artikel kommentieren